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Full text of "Davout in Hamburg: Ein Beitrag zur Geschichte der Jahre 1813-1814. Von einem Freunde ..."

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Davout in Hambur 




Ein Beitrag zur GescMchte der Jahre 1813—1814. 



Von 



einem Freunde historischer Wahrheit. 







Deutsche Ausgabe. 



„Auch in Feindes Munde fort 
Lebt ihm seines Namens Ehre." 

Schiller. ..Siegesfest', Str. 10 Z. 11— U. 



„U y a un mörite plus rare et plus digne 
de tenter les grands coeurs que la terrible 
gloire acquise sur les champs de bataille: ce 
grand m6rite consiste ä savoir rendre justice 
ä ses ennerais." 

Jf*ß (?e Blocqueville an den Feld mar.sch all 
Grafen Moltke, HU Mai 1890. 



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Mülheim (Kuhr) 

Verlag von Max Köder 
Carl Ziegenhirt Nachf. 

1892. 



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Druck von Emil Rohr, Kaiserslautern. 



Vorwort. 

In einer Zeit, in welcher die Wogen des nationalen 
Hasses und Kampfes höher gehen und wilder schäumen als 
lange zuvor, ist dieses Büchlein geschrieben, nicht um irgend 
jemanden anzugreifen oder herauszufordern, wohl aber um 
dem Andenken eines viel verleumdeten grossen Kriegsmannes 
die Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, welche man ihm Drei- 
vierteljahrhunderte lang schuldig geblieben ist. 

Die letzten Jahrzehnte haben uns eine Menge von 
wichtigen historischen Arbeiten der verschiedensten Art über 
die Zeit der französischen Revolution und des ersten Kaiser- 
reiches gebracht. Es ist eine grosse Anzahl von Quellen 
veröffentlicht worden , Aktenstücken , Korrespondenzen und 
Memoiren; aber auch an darstellenden Werken, sei es einzelner 
Jahre, sei es grösserer Abschnitte der genannten Zeit hat es 
nicht gefehlt. Sie sind so zahlreich, dass eine auch nur einiger- 
massen vollständige Aufzählung derselben viele Seiten in An- 
spruch nehmen würde. 

Es ist nicht überraschend, es ist vielmehr natürlich und 

notwendig, dass die napoleonische Legende als solche durch 

diese Veröffentlichungen grösstenteils zerstört worden ist: So 

haben, um nur eine Thatsache anzuführen, die (im Jahre 

1879 von ihrem Enkel herausgegebenen) Memoiren der Frau 

von Remusat denjenigen, welche das erste Kaisserreich immer 

noch ausschliesslich im Staatsgcwande zu betrachten gewohnt 

waren, dasselbe auch im Alltags- und Familienkleide zu sehen 

gegeben, mit allen Petitessen, welche dieser grossen Zeit, so 

gut wie jeder andern, anhaften. Auch ist man sich z. B. 

1* 



— 4 — 

heutzutage längst darüber klar, dass der von manchen Zeit- 
genossen der alliierten Parteien hochgepriesene „edle Bernadotte'' 
nicht allein ein prahlerischer, windbeutliger Gascogner, sondern 
auch ein völlig charakterloser Intrigant und Verräter gewesen ist.*) 
So hat auf der einen Seite manches, was einst über 
Sternenhöhe erhaben schien, seit es dem Auge des Betrachters 
näher gerückt wurde, geringere und menschlichere Verhältnisse 
angenommen — wobei allerdings zu erwähnen sein dürfte, dass 
auch der historische Napoleon trotz allem, was die Charras, 
Lanfrey und Taine, die Böhtlingk, York und Pournier 
über ihn geschrieben haben, noch gerade gross genug bleibt, 
um die Riesen der Geschichte um Haupteslänge zu überragen. 
Anderseits konnte es aber auch nicht ausbleiben, dass gewisse 
Charaktere und Ereignisse, welche die politische und mensch- 
liche Parteilichkeit einer leidenschaftlich erregten Zeit in einem 
entschieden ungünstigen Lichte gezeichnet hatte, durch die 
Eröffnung frischer Quellen, die auf Handlungen und Motive 
neue Schlaglichter warfen, in eine günstigere und freundlichere 
Beleuchtung gerückt wurden. Zu diesen Charakteren gehört 
der Marschall Davout, zu den historischen Begebenheiten jener 
Art die von ihm geleitete Verteidigung von Hamburg. Der 
Marschall hatte bekanntlich von seinem Kaiser die Aufgabe 
bekommen, dje Stadt Hamburg, welche sich der allgemeinen 
Bewegung des Frühjahrs 1818 angeschlossen hatte, aber von 
den Franzosen wieder eingenommen worden war, für ihre 
Erhebung zu bestrafen. Er hatte ferner den Befehl erhalten, 
diese trotz ihrer mittelalterlichen Festungswerke so gut wie 
offene Stadt den Anforderungen der Neuzeit entsprechend zu 
befestigen. Er war endlich durch den Verlauf des Feldzugs 
gezwungen worden, sich mit seiner ganzen Armee in die neu- 
geschaffene Festung hineinzuwerfen, welche er, als echter 
General der napoleonischen Schule, unter der Entfaltung 



*) Man vergl. über ihn die treffliche Charakteristik in den neu 
erschienenen »M6moires du G6n6ral B"» de Marbot,« Paris, Plön, 1891, 
insbes. das 17. Kap. des 1. Bandes. 



— 5 — 



r rastlosen Thatkrait uml mit dein Au^ebote aller ihm 

zur Verfüf^ung stehenden Machtmittel verteidigte. Die Energie 

dea Marschalls und zugleich aeiu humanes Gefühl wurden 

aber auf eine um so härtere Probe gestellt, als der Verteidiger 

von Hamburg nicht allein mit seinen militäriechen Güguern, 

sondern auoh mit einer Reihe ganz besonders miaslicher Ver- 

nisse zu kämpfen hatte, unter ihnen mit der entschieden 

I feindseligen Haltung der Hamburger Bevölkorung. Nach dem 

I Oesagten dürfte es einleuchten, dass die Aufgabe Davouts 

I keine angenehme sein konnte, dass sie im Gegenteile höchst 

I miaslieh und gefährlich gewesen sein muss.- Die Leiden der 

I Bevölkerung, während dea lang andauernden Blokadezustaudes, 

\ waren grnsse und so fielen begreiflicherweise, nach dem Ab- 

[' zuge der französischen Truppen, die Hamburger Schriftsteller 

- darunter eine Anzahl der elendesten Skribenten — massen- 

L -weise über den Marschall her, den sie aller und jeder Nieder- 

L trächtigkeit beschuldigten und den sie, in blinder Wut und 

I in kritikloser Verkennung des Zusammenhanges der That- 

k Sachen, nicht allein für die von dem Kaiser und der kaiser- 

I liehen Regierung gegen Hamburg erlassenen Verfügungen, 

l-Boudern auch für jegliche von selten seiner Untergebenen be- 

I gangeuen Ausschreitungen verantwortlich machen wollten. 

I Noch heute ist es in Deutsfhlaiid Mode, vor der lebendigen 

I Phantasie unserer Jugend das Sehreckgespenst des Marschalls 

I Davout wie eines jener fratzenhaften Bilder aus der Laterna 

j magica erscheinen zu lassen — Hannibal ante portas! 

Die Hamburger Aftare bot übrigens auch den roya- 
listischen Gegnern des kaiserlich gesinnten Marschalls eine 
. erwünschte Gelegenheit zu Geschrei und Verleumdung, und 
. König Ludwig XVIH liess im Juni 1814 durch den neuen 
I Kriegsniinister Dupont an den Fürsten von Eckmühl die Auf- 
r forderung ergehen, sich wegen der gegen ihn erhobenen Be- 
I achuldigungen zu verantworten, ein Befehl, dem dieser in dem 
I bald darauf erschieneneu, ^Memoire de M.h MarklialDnvout, 
Pfitwe (r ErJanUM, au Roi'^ auch bereitwillig nachkam. 

Das Geschrei .gegen den Marsehall Davout wegen der 



— 6 — 

angeblich von ihm in Hamburg verübten Grausamkeiten ist 
seit jener Zeit — in Deutschland wenigstens — nicht ganz 
verstummt; wohl aber hat der Angegriffene das gewiss ausser- 
ordentliche Glück gehabt, in seinen Töchtern Verteidigerinnen 
zu finden, die, mit seltenen Geistesgaben ausgestattet, auch 
der Energie des Vaters nicht ermangelten, um dessen Andenken 
gegen so viele und so ungerechte Anklagen in Schutz zu 
nehmen. Von diesen hat die Gräfin Cambacer^s die Heraus- 
gabe der militärischen Korrespondenz ihres Vaters veranlasst, 
während die Marquise de Blocqueville dem Andenken des 
grossen Marschalls die beiden, in der literarischen Einleitung 
eingehender besprochenen, bedeutenden Werke gewidmet hat. 

Der Verfasser hat sich eine weit bescheidenere und auf 
(las engste umgrenzte Aufgabe gestellt. Er will „Davout 
in Hamburg'' und nur Davout in Hamburg behandeln d. h. 
das Verfahren des Marschalls gegen diese Stadt in den Jahren 
1813-1814 zum Gegenstande seiner Untersuchung machen; 
denn als Beitrag zur Geschichte dieser Jahre ist sein Büchlein 
geschrieben. Der Verfasser übergeht also einerseits die frühere 
Thätigkeit Davouts als Oeneralgouverneur von Hamburg in 
den Jahren 1811 — 1812*), und vom Jahre 1813 schildert er 
wiederum nur das Verfahren Davouts gegen die eine Stadt 
Hamburg, ohne selbst auf Harburg und Altena mehr als 
gelegentlich einzugchen, was er sich für eine spätere Gelegen- 
heit vorbehält. Hamburgs Erhebung im Frühjahr 1813 und 
die wichtigsten Begebenheiten in der Stadt vor dem Einzüge 
des Marschalls werden nun zwar im T. Kapitel kurz besprochen, 
um dem Ganzen eine entsprechende Einleitung zu geben, 
aber, wie der Leser ersehen wird, in abrissweiser Kürze und 



*) Gegen Davouts Auftreten in dieser Zeit hat H. C. Krüger 
eine Broschüre geischrieben : „Davouts Gewaltthätigkeiten als General- 
Gouverneur von Hamburg in der ersten Periode von 1811 und 12.*' 
Hamburg 1814. Es handelt sich darin in erster Linie um die Baum- 
hauersche Angelegenheit, eine Geschichte, welche übrigens auch von 
Th. von Haupt in seinem weiter unten zu nennenden Pamphlete be- 
sprochen wird. 



— 7 — 

ohne auf eine erschöpfende Behandlung auch nur im ent- 
ferntesten Anspruch machen zu wollen; ebenso wird der von 
dem Marschall während der Herbstmonate des Jahres 1813 
geführte Feldzug an der Niederelbe nur insoweit herangezogen, 
als dieses zum volleren Yerständnisse der sich innerhalb der 
Stadt Hamburg abspielenden Vorgänge unerlässlich erscheint, 
wobei der Verfasser, als nicht berufsmässiger Soldat, sich 
einer Beurteilung rein militärischer Dinge möglichst zu ent- 
halten gesucht hat. 

Bei der Abfassung und Veröffentlichung dieses Werkchens 
ist der Verfasser lediglich von dem Streben nach historischer 
Wahrheit ausgegangen, unbekümmert um die literarisch oder 
mündlich geäusserten Ansichten von Partei-, Zunft- oder 
Stammesgenossen. Doch glaubt er in betreif der letzteren 
noch eine Bemerkung ma-chen zu müssen: Der vorliegende 
Aufsatz wird in deutscher und französischer Sprache, also für 
Deutsche und Franzosen, erscheinen. Sollten einige der letzteren 
meine Arbeit lesen, so werden sie, hoffe ich, auch als über- 
zeugte Republikaner, in dieser Rechtfertigung eines grossen 
Vertreters der kaiserlichen Herrschaft nichts Befremdendes 
finden; was aber die Deutschen anbelangt — das Häuflein 
an der Alster allenfalls ausgenommen — so kann auch ihnen 
die Verteidigung ihres grossen Gegners, nach meiner Ansicht, 
keineswegs unwillkommen sein — denn je höher die physische, 
geistige und sittliche Grösse unseres Gegners war, um so 
höher ist auch die unsrige, wenn wir mit ihm in die Schranken 
treten konnten. Es gilt mehr, mit dem Löwen als mit der 
Hyäne gerungen zu haben. 

Der Verfasser. 



Einleitung. 



Nachdem ich mich in dem Vorworte über den Zweck 
des vorliegenden Aufsatzes ausgesprochen, beabsichtige ich, in 
dieser literarischen Einleitung über das bei meinen Studien zu Rate 
gezogene Quellenmaterial einige Rechenschaft zu geben. Aller- 
dings werde ich es unterlassen, eine dürre Aufzählung der 
gesamten von mir für meine Arbeit benutzten Quellen und 
Geschichtsdarstellungen zu geben, welche kein weiteres Ver- 
dienst als etwa dasjenige einer bibliographischen Zusammen-* 
Stellung haben würde ; meine Absicht ist eine andere. Indem ich 
alle lediglich in dem einleitenden Teile benutzten Werke hier 
kurz übergehe (hinsichtlich derselben verweise ich auf die An- 
merkungen), desgleichen diejenigen, denen ich nur gelegentlich 
die eine oder andere Notiz entnommen habe, will ich mich 
darauf beschränken, die für meine eigentliche Aufgabe be- 
nutzten Quellen und Darstellungen nach Gruppen zusammen- 
zustellen und zugleich über dieselben einige inhaltliche Be- 
merkungen zu geben, welche, wenn auch der Mangel an Raum 
eine eingehendere Kritik ausschliessen muss, den Leser doch 
in den Stand setzen, sich über Wert und Gehalt derselben 
wenigstens einigermassen ein Urteil zu bilden. 

Archivalisches, überhaupt handschriftliches Material über 
Davouts Aufenthalt in Hamburg habe ich nicht benutzt. Es 
wird auch, wenigstens für meine Zwecke, nicht allzu viel des- 
selben mehr geben, das noch nicht — wenn auch bruchstück- 
weise und in eine Menge von Broschüren verstreut — ver- 
öffentlicht wäre, nachdem auf der einen Seite die Hamburger 



-- 9 — 



Knlles mögliche gethan haben, uin — in pnlemiBcher Absicht 

die Verordnung on und Erlaase des MarschallB aus Lioht 

1 ziehen, anderseits die Familie desselben die Veniifontlichung 

[der dienstlichen und Privatkorreapoudenz Davoute teils ver- 

, teils selbst besorgt hat. Uebrigena wird auch nach 

dieser Seite hin garnicht der Schwerpunkt meiner Arbeit liegen 

md liegen können. Viel weniger als um das „Was" handelt 

sich in den meisten Fällen, um das „Wie" jener zahllosoii 

»Verordnungen und Dekrete, über deren AVortlaut sit-h 

Freunde und Feinde des Marschalls grösstenteils einig sind. 

! Klarstellung der Motive, welche ihn leiteten, um die . 

Berechtigung, die militärische und menschliche Berechtigung 

■ von ihm getroffenen Massregeln. Hierüber meine Uebcr- 

feeugungen dem Leser vorzutragen und hierin einer Ansicht 

fcrenigstens Bahn brechen zu helfen, welche in manchen 

inkten von der gang und gäben Geschichtsauffassung nicht 

BiUnwesentlieh abweicht, das ist meine Aufgabe. 

Die als Quellen ersten Ranges zu behandelnden officiellen 
Aktenstücke, Erlasse und Verordnungen des Marschalls an 
die Hamburger Bevölkerung sind zum überwiegenden Teile 
in dem ,fTovnml ofßciel du DipaHeimnt des Bauches de VElhf" 
^„Hamburger Correapündeuten") und den .,Affiches, Aniioiices 
Avis dU'ers de Hamhoiirg" („Hamburger Nachrichten") 
peröffentlieht worden; die dort fehlenden (die beiden Zeitungen 
ftörten während der Belagerung zeitweilig auf zu existieren) 
pnden sich grösstenteils in dem Memoire des Marschalls, 
ßwie in den weiter unten zu nennenden Werken von Abend- 
^oth, Amsinck, Pehmöller, Menck u. a. Auch die in Betracht 
■nden Briefaammlnngen sind weiter unten namhaft 
gemacht und kurz besprochen. Jedoch möge hierbei gleich 
JiMwähnt werden, dnss, worüber auch schon franzosische 

Historiker geklagt haben, die unter Napoleon Ifl. heraus- ^ 

■gegebene gesichtete Korrespondenz des ersten Napoleon 

gerade in den auf Hamburg bezüglichen Briefen des Kaisers 

Bempfindliche Lücken aufweist. Uoher die auf Davouts Befehl 

fTorgenonimencn Exekutionen habe ich ein aktenmässi 



— 10 — 

Material ebenfalls nicht bekommen können und auf die Quellen 
zweiter Hand, die zwar in dem Wortlaute von einander 
abweichenden, aber dem Sinne nach völlig mit einander 
vereinbaren Berichte verschiedener Hamburger Schriftsteller, 
zurückgreifen müssen, deren für den Marschall günstiges 
Ergebnis um so unverfänglicher erscheinen dürfte, als jene 
Berichte durchweg von gegnerischer Seite herrühren. 

• 

l'm nun auf die Quellen zweiten Hanges, die Erzählungen, 
Tagebücher und Memoiren von Augenzeugen oder sonst den 
in Frage kommenden Verhaltnissen nahestehenden Personen 
überzugehen, so muss ich bekennen, dass ich auch von den 
anr, royalistischen Federn gegen die Amtsführung Oavouts in 
Hamburg geflossenen Schriften nicht viele zu (iesiohte be- 
kommen habe, da ich in der Zeit der Abfassung diost^s 
Büchleins nicht habe nach Paris reisen können, um die 
Naticuialbibliothek zu benutzen. Auch dieses kann für meine 
l'ntersuchung nur ein geringer Schaden sein, da die hierher 
gehörigen, übrigens nicht sehr zahlreichen Schriften (y^Tje 
Rithei^inerre dr Hamhonn/ d*'mn.^qur'\ j^Darout a Hamhourff 
OH le Jucohin <hkoiU'^ u. >\ h'J samtlich von Verfassern her- 
rühren, welche den in diesen Blättern geschilderten Ereignissen 
nicht als unmittelbare Zeugen beigewohnt haben, deren noch 
dazu im ei-sten Eifer der Uestaurationsepoche niedergeschriebene 
Flugschriften daher — auch, wenn man von der polemischen 
Tendenz einmal völlig absieht — als Geschichts<ju eilen 
einen nur ganz untergeordneten Wert besitzen können. 

Wesentlich anders verhält es sich mit den ausserordent- 
lich zahlreichen Quellenschriften, welche über den Aufenthalt 
Davouts in Hamburg nach der Wiedereinnahme der Stadt 
durch die Franzosen von Hamburgischer Seite verfasst 
worden sind, und von denen ich die hauptsächlichsten 
hier zusammenstellen und kurz besprechen will — ohne in- 
dessen gerade auf bibliographische Vollständigkeit Anspruch 
erheben zu wollen. 

Auch diese Gruppe — die Gruppe der Hamburger 



— 11 - 

Schriften — nimmt, in ihrer Eigenschaft als Geschichts- 
quellen betrachtet, eine ganz eigentümliche Stellung ein. Wenn 
man nämlich die erste der von jedem Kritiker notwendiger 
Weise an eine Quelle zu stellenden Fragen in's Auge fasst, 
die Frage: „Konnten die Schreiber die Wahrheit wissen?'' 
so muss dieselbe bei einer verhältnissmässig grossen An- 
zahl jener Schriften allerdings bejaht werden. Freilich mit 
einer Einschränkung. Denn wenn auch die meisten der in 
Rede stehenden Verfasser den geschilderten Verhältnissen 
entweder als unmittelbare Augenzeugen beigewohnt oder den- 
selben wenigstens örtlich und zeitlich so nahegestanden haben, 
dass sie das in der eigenen Anschauung Fehlende leicht aus 
den Berichten von Augenzeugen ergänzen konnten, so ist doch 
auf der andern Seite zu betonen, dass eine verhältnismässig 
grosse Anzahl unter diesen Schriftstellern Gesellschaftsklassen 
angehörte, denen es versagt ist, sich eine tiefere Einsicht 
in den Zusammenhang der von ihnen miterlebten Begeben- 
heiten zu verschaffen ; manchen hat auch offenbar das Mass 
der Bildung gefehlt, welches allein befähigt, über militärische 
und politische Dinge selbständige Urteile zu fällen ; waren 
doch verschiedene der unten zu nennenden Erzähler nicht 
allein Autodidakten , sondern sogar nahezu Illiteraten, 
welche einen weit unheimlicheren Kampf mit der deutschen 
Grammatik und Rechtschreibung führen als mit dem fran- 
zösischen Marschall Davout. 

Die Erwähnung des polemischen Charakters jener Schriften 
führt mich nun auf die zweite der Fragen, welche der kritische 
Geschichtsforscher an eine Quelle zu stellen gewohnt ist: 
„Wollte der Verfasser die Wahrheit sagen, soweit sie ihm 
bekannt geworden ist, und, wenn er es wollte, ist sein Urteil 
und seine Auffassung nicht durch Liebe oder Hass gegen die 
Personen, die er schildert, getrübt gewesen? War er fähig, 
sine ira et studio zu schreiben ? oder aber war er Parteischrift- 
steller?" Bei fast sämmtlichen, die Belagerung Hamburgs 
und deren Verteidigung durch Davout behandelnden Schrift- 
stellern hamburgischen Ursprungs ist die letzte Frage unbe- 



— 12 — 

dingt zu bejahen. Sie waren Parteischriftsteller 
im vollsten Sinne des Wortes. 

Teilnehmer der Ereignisse des Jahres 1813, hatten sie 
oder viele ihrer Angehörigen die Belagerung miterlebt und 
mitdurchlitten. Das Unglück der Vaterstadt und mehr noch 
die persönlichen Schicksale und Leiden hatten den Blick 
dieser Schriftsteller getrübt, hatten sie blind und ungerecht 
gegen alles gemacht, was sich ihren Gegner nannte; und als 
man nun in der Hamburger Bevölkerung, wie es in der un- 
wissenden Laienbevölkerung so häufig geschieht, für alle 
die ausgestandenen Uebel und Leiden einen Mann ver- 
antwortlich machte, da bliesen auch diese Schriftsteller, 
deren zweifelhafte Bildung*) sie, wie schon hervorgehoben, 
kaum in den Stand setzte, sich ein selbständiges Urteil zu 
bilden, bereitwillig in das von der Masse gebrauchte Lärni- 
horn, eine Handlung, welche — des waren sie sicher — 
ihnen die Sympathien ihrer Mitbürger im reichsten Masse 
zuwandte. 

Dieser letzte Gedanke führt mich auf die dritte der bei 
der Quellenkritik zu erörternden Hauptfragen: „Warum und 
in welcher Absicht schrieben die Quellenschriftsteller P" Hie- 
rauf ist zu antworten, die einen getrieben von jenem mensch- 
lichen Drange, sich über Erlebtes und Erlittenes auszusprechen, 
die andern, tiefer stehende Geister, um sich einmal gehörig 
ausschimpfen zu können, nachdem man so lange hatte 
schweigen müssen, und um in dieser Rolle zugleich vor den 
lieben Mitbürgern ordentlich wichtig zu thun. Es ist dieses 
natürlich die niedrigste Klasse jener Schriftsteller, die ich 
mir die Freiheit genommen habe, gelegentlich summarisch 
als die Hamburger Pamphletisten oder Schreier zu 
bezeichnen. Waren ja doch ihre „Werke** im Grunde nichts 
weiter als marktschreierische Pamphlete, welche der Mühe und 



*) Ich sage dies allerdings mit einer gewissen Einschränkung; 
denn die Büdung von Männern wie Amsinck und Abendroth werde 
ich natürlich nicht bezweifeln. 




13 



"der Ehre des Citats fast durchweg unwert erscheinen. Andere 
ach rieben in Erwiderung deB Davautschen Meinoires, z. t. 
als persönliche Gegner des Marschalls, an dem sie für die 
von ihm getroifenen Maesregeln Rache nehmen wollten. 
Besitzt doch der eine oder der andere jener Hani- 
Sburger dit) Naivetät zu glauben , dasa Se, Majestät König 
Ludwig XVIII. allergnädigst geruhen werde, seine Werke zu 
Bstudieren und nach ihnen sein Benehmen gegen den Marschall 
feinzurichten ! Von dem tieferen Triebe nach Wahrheit ge- 
leitet, haben endlich ernste und besonnene Männer, wie Am- 
(sinck und Abendroth, geforscht und geschrieben, die, wenn 
ihre Schriften auch Tendenz verraten — auch Abendroth ver- 
eine Entgegnung auf das Memoire Uavouts, Amsinck 
^fluchte in seinem Buche die Ansprüche Hamburgs auf eine 
tEntsehädigung durch Frankreich zu begründen — dennoch 
^Is Werke nach Geist und Cliarakter hochstehender Männer 
Idueh als Geschichtequellen von hervorragender Bedeutung sind. 
Zu guter letzt sind noch zwei Gruppen von Sohriftstellern zu 
[Dennen, von denen die einen, je nach ihrer Bildung und 
l.ihrem Charakter, in einer der bisher geschilderten Weisen, 
«Einzelbegebnisse aus der Zeit der Belagerung beschrieben haben, 
Joe: denen sie gerade Augenzeugen gewesen, oder die ihnen 
^UB irgend einem anderen Grunde besonders interessant er- 
schienen sind, während die andern frauzoaiache Beamte 
in waren, welche sich später gegen allerlei von Seiten 
irer Mitbürger gegen sie erhobene Beschuldigungen und 
' ''Vorwürfe zu verteidigen suchten. Gerade die Werke der 
letzteren gewähren uns häufig ganz besonders interessante 
Einblicke in das Leben und Treiben der „Franzoaenzeit" und 
Einzelheiten des Requisitlt na und Pouragitrungs 



fatenis 

In die ( 



_ Kate, 



le*) d h zn denjeuigtn 'welche 



nur 



*) Ich ubprgehp bei dieser belegenheit de lyr s lien und drania 
n Ergu3se der Hamburger Dtei Episldn an Daiout EalimUhl 
Marschall !) tth und abihchp Werke) und bemerke dass ch hm 
^clithch näl erer Angaben über de LebeD^umstä de der \ erfassur 



— 14 — 

schimpfen und poltern, gehört vor allem ,Jjpheyi und Th-atm 
(las Tyrannen Davoust^\ Teutschland 1814 (mit einem fratzen- 
haften Bilde des Marschalls), ein niedriges, kaum der Beach- 
tung wertes Pamphlet. 

Im Tone schon etwas besser, wenngleich bombastisch 
und schwülstig, dabei historisch nicht ohne Wert, wegen der 
Angaben über die Demolierungen der Vorstädte, ist „Davousff^ 
Denkmal In einer f/enaturn Schilderung der von üim rer- 
lüüsteten Umgehungen ehr Stadt Hanü)urg,^^ Hamburg 1814. 
Dem zuerst genannten nahestehend, geschwätzig und von 
falschen Angaben wimmelnd ist der Aufsatz: ,yEinige Worte 
i'd)er die Bechtferfigungsschrift des Marschalls Davoust'^ er- 
schienen in der Zeitung „Orimit oder Hamhurgisches Morgen- 
blatt'', Nro. 16 — 19, vom 8., 11., 13. u. 15. August 1813. 
Nur kurz erwähne ich das hierher gehcirige Flugblatt : 
,,Rtfutation du Memoire justificatif da MarMial Davonst 
(franz. und deutsch) Ed. reime etc.^\ Hamburg 1814 (bei J. 
B. Appel). 

Nach Inhalt und Form zeichnen sich vor den bisher 
genannten in keiner Weise die Aufsätze aus, welche Dr. 
Ernst Gottlob Köstlin unter dem Titel: „Hamburg unter 
französischer Herrschaft'' in Ladens ,,Nemesis^^ HI, 45 — 09, 
205-239 und IV, 177—213, 365-417 veröffentlicht hat, 
obwohl der Verfasser (er war Theologe und Lehrer am tfo- 
hanneum) eine akademische Bildung besass. Die genannten 
Aufsätze sind ein trauriges Beispiel völliger kritischer Un- 
fähigkeit und gedankenlosester Schwätzerei, wie dies bereits 
der Recensent in der „Hall, allgeni. Lit. Zeitg.'', 1816, Er- 
gänzungsbl. Nro. 26 und 27 nachgewiesen hat.*) 



auf Schröders f, Lexikon der hamburgischen Schriftsteller bis zur Oeijcn- 
warV" verweise. Die meislen der hier zu besprechenden Schriften sind 
übrigens anonym erschienen, doch sind die Verfasser grösstenteils 
später bekannt geworden. 

*) Die in diesen Blättern gegebene treffliche Recension einer 
„Anzahl Schriften, die neueste Geschichte der freien Hansestadt Ham- 
burg betreffend,'* konnte von mir, da sie von einem Manne herrührt, 



— 15 — 

Mit den genannten Schriften nicht völlig auf eine Stufe 
zu stellen ist dagegen das anonym erschienene Werk des 
Senators Westphalen, „Hamburgs üefsle Erniedrigung in den 
letzfverflossenen Jahren'', Hamburg 1814, welches durch die 
statistische Berechnung des während der zweiten Besetzung 
durch die Franzosen von der Stadt erlittenen Schadens Wert 
besitzt. Auf der andern Seite freilich lässt dasselbe den Ton 
des ruhigen und vorsichtig urteilenden Bieobachters fast durch- 
gehends vermissen ; es ist im Gegenteile in einem gehässigen 
Tone gehalten — Westphalen war eine bedeutende Finanz- 
und Handelscapazität, kann aber, seinem Werke nach zu 
urteilen, eine tiefere humane und historische Bildung nicht 
wohl besessen haben. 

Von zwei persönlichen Gegnern des Marschalls rühren 
die folgenden Schriften her : Th. von Haupt, „Hamburg und 
der Marschall Davoust Aufruf an die GerechtigkeW, o, 0. 
1814 (auch französisch unter dem Titel: „Hamburg et le Mare- 
chal Davoust Appel ä la Justice'' zu Paris im Mai 1814 er- 
schienen) und die gleich zu nennende Broschüre Steins. 
Haupt hatte mit Davout von früher her Differenzen gehabt 
und machte, zuerst als hamburgischer Bürgergardist, später 
lauenburgischer Jäger, zuletzt in englischen Diensten, den 
Feldzug gegen Napoleon mit. H. war ein gebildeter Mann 
— er war Jurist und ein fruchtbarer Schriftsteller — trotz- 
dem ist sein Werk als Quelle von ganz untergeordneter Be- 
deutung. Denn es ist ein Pamphlet im wahrsten Sinne des 
Wortes; jede Seite, jede Zeile athmet den wildesten Hass 
gegen die Franzosen und ihren Führer Davout, und durch 
die Leidenschaft dieses Hasses lässt sich der Verfasser zu 
den tollsten Uebertreibungen und den unbesonnensten Aeusser- 
ungen hinreissen. Hiervon ein Beispiel, welches zugleich von 
dem schwülstigen Stile des Buches ein beredtes Zeugnis ab- 



der den in Rede stehenden politischen Ereignissen persönlich nahe- 
gestanden hat, ebenfalls als eine — und als eine keineswegs unter- 
j^eordnete — Quelle aufgefasst und benutzt werden. 



— 16 - 

leo^t. „Der Mundvorrat des Prinzen von Eckmühl, heisst os 
S. 46 — 47, lässt sich nicht genau angeben; aber soviel ist ge- 
wiss, dass das Gebrüll der Ochsen, das Geschrei der Hammel 
und des Geflügels, welche in dem Garten seines Palastes 
angehäuft sind, die Bewohner der nächsten Gassen um den 
Schlaf bringt. Man glaubt, die Arche Noäh zu hören, wenn 
man sich diesem Paläste nähert." Eine derartige Stelle — 
ich brauche es wohl kaum zu sagen — ist ja hinreichend, 
um ein ganzes Werk zu richten.*) lieber die andere in 
diese Kategorie gehörige Schrift, „Stein ä IJavousf^ on liejüiqnc 
an Prinrr d' ErkmiÜcl, par mie de ses victimes^\ Paris 1814, 
ist am Schlüsse des 6. Kapitels eingehender gehandelt worden. 
Ich kann sie also hier übergehen. 

In mancher Beziehung einen angenehmeren Eindruck als 
die bisher erwähnten (Quellen machen : „Hfwihm/s ausse)'- 
ordentliche Bef/ehenlteite)i und SehicJcsale in den Jahren IHPJ 
and 1H14" (mit einer | schlechten] Karte und einem | eben- 
solchen] Kupfer), Hamburg 1814, und die „Briefe über 
Hamhurijs und seilte Umfjehimuen Sehicksale nu'ilirend der Jahre 
IHIS lind 1814. Gesehriebeji von einem Auf/emeiif/en i)n Jahre 1H14 
H?«d! 7875", Leipzig u. Altenburg 1815 u. 1816. Beiden Verfassern 
darf man nachsagen, dass sie wenigstens ein redliches Streben 
nach Wahrheit besessen haben; doch leiden beider Werke 
an ähnlichen Fehlern. Der Verfasser oder vielmehr die Ver- 
fasserin der ^^ßef/ehenlfeite)i" — Elise Campe — war zwar 
eine Augenzeugin, stand aber als Frau den geschilderten Ver- 
hältnissen viel zu fern, um den Zusammenhang der erlebten 
liegebcnheiten innner richtig begreifen und beurteilen zu 
können, weshalb sie denn nicht selten allerlei Volksgerede 
als geschichtliche Wahrheit auftischt. Zudem liebt sie es, die 
Farben recht stark aufzutragen und ist als gute Haml)urgerin 



*) Auf Haupts Broschüre hat übrigens d'Auhignosc, General- 
diroktor der französischen Polizei unter Davout, geantwortet: „Quel- 
ques mots 8ur une brochure intitulee: Hambourg et le Marechal Davout'% 
Paris 1814. 



— 17 — 

eine wütende Feindin des Marschalls Davout, welchen sie 
aus ehrlicher Ueberzeugung von Herzen verabscheut, und dein 
sie alle und jede Schlechtigkeit, die ihr über ihn berichtet 
wird, ohne weiteres zutraut. Auch die zweite der genannten 
Schriften ist voll von irrtümlichen Nachrichten, die sich der 
Verfasser über diejenigen Begebenheiten, deren unmittelbarer 
Zeuge er nicht gewesen, hat zutragen lassen. 

Die jjErzählimg der Begebenheiten in dem unglücklichen 
Hamburg vom 30. Mai 1813 bis zum 31. Mai 1814", Hamburg 
1814, von dem Autodidakten F.W. C.Menck, ist eine chroniken- 
hafte Darstellung der wichtigsten Ereignissejener Zeit, nichtohne 
irrtümliche Auffassungen, was um so begreiflicher, da Menck, 
abgesehen von seinem Mängel an wissenschaftlicher Bildung, 
als Soldat der hanseatischen Legion während der geschilderten 
Periode von Hamburg abwesend, also nicht unmittelbarer 
Zeuge war. Uebrigens ist auch für Mencks Schriftstellerei 
ein leidenschaftlicher Hass gegen die politischen Feinde 
charakteristisch . 

Auf jeden Fall verdienstvoll aber ist die von demselben Ver- 
fasser in den „Belegen oder Aktenstücken zu der Erzählung aller 
Begebenheiten im unglücklichen Hamburg u. s. w.", Hamburg 
1814, veranstaltete Zusammenstellung der von den französischen 
Behörden erlassenen Dekrete und Publikationen, wenn dieselbe 
auch immerhin auf Vollständigkeit keinen Anspruch erheben 
darf. Weniger zu loben dagegen finde ich den gleichfalls im 
Jahre 1814 herausgegebenen y^Anhang zu den Belegen u. s. w.", 
da diese Schrift die Tendenz verfolgt, verschiedene in der 
französischen Verwaltung beschäftigt gewesene Deutsche zu 
kompromittieren. 

Ich gehe nunmehr zu jener Gruppe von Schriften über, 

welche sich unmittelbar an das Memoire des Marschalls Davout 

anschliessen, zu dessen Widerlegung sie verfasst worden sind. 

Hierher gehören die ^Bemei'kimgen über das Memoire des 

Herrn MarschalVs Davout (Davoust) Fürsten {Prinzen) von 

Eckmühl an den König. Aus dem Französischenj^ o. 0. 1814, 

ein Schriftchen von geringem Umfange, welches sich vor 

2 



— 18 — 

der Mehrzahl der bisher erwähnten durch eine gewisse Mass- 
haltung auszeichnet; jedoch ist dieses bei den Hamburger 
Parteischriften immer sehr cum grano salis zu verstehen. "' 
Immerhin ist für den Ton des Werkchens schon bezeichnend, 
dass darin von dem „Herrn Marschall Davout" und dem 
„Fürsten von Eckmühl", anstatt von „Tyrannen/ „Wüte- 
richen** und „Herzog Albas" geredet wird. — Ein anderes 
dieser Werke, das von dem Journalisten Andreas Lüntz- 
mann verfasste y, Memoire gegen die Vef'theidigiüirjssrhrift des 
Herrn Marschall Davout vor Sr, Majestät Ludwig XVIII,^ 
Hamburg 1814, im Tone durchaus ernst und gemessen, wendet 
sich in seinem ersten Teile gegen eine Reihe von Einzelheiten 
in dem Davoutschen Memoire, sodann geht es auf eine Dar- 
stellung der zwischen dem Marschall und Bennigsen geführten 
Unterhandlungen über. In dieser steht L., wie aus seinen 
Beziehungen zu dem Grafen B. wohl erklärlich, unter dem 
Einflüsse des russischen Peldherrn, eine Bemerkung, die bereits 
der dänische Kammerherr Aubert in seiner später noch zu 
besprechenden „Denkschrift über die Ereignisse, welche sich 
auf die Wiederbesetzung von Hamburg durch die Franzosen 
beziehen,** 2. Aufl., Hamburg 1826, S. 96, gemacht hat. 
Uebrigens weicht L.'s Darstellung wohl hinsichtlich ihrer 
Tendenz, aber sehr wenig in dem Thatsjichlichen von den 
anderweitigen, jene Schlussperiode der Belagerung behandelnden 
Quellen (Davout, Aubert, von Wcdell) ab; eine Reihe wich- 
tiger Dokumente, welche Aubert beibringt, fehlen hier, wohl 
weil sie Lüntzmann unzugänglich geblieben sind. — Mit den 
grössten Prätentionen tritt dagegen eine dritte Schrift auf: 
y^Davouts Missethaten, Ebie aJäenmässige, gründliche Wide)'- 
legung des Memoires dieses Marschalls an Ludwig XVIIL^'* 
Hamburg 1814. In dieser Widerlegung, welche nicht immer 
aktenmässig und noch weniger gründlich ist, erscheinen die 
Thatsachen durchweg im Lichte einer ausgeprägt tendenziösen 
Darstellung ; mit starker Ueberhebung urteilt der die Gesetze 
der deutschen Grammatik nur unvollkommen beherrschende 
und mit den Regeln des feinen Tones noch weniger bekannte 



- 19 



Verfasser über Divvouts Feldzug an der Niederelbe; mehr als 
kzwanzigmal beschuldigt er den Sieger von Auorstädt und 
lEggmühl der Feigheit und wünacht ihn zum Schluaae „am 
I höchsten G-algen erhenkt zu aehen," Indesaen hat sich jener 
Schriftsteller immerhin Anspruch auf meine Dankbarkeit er- 
worben, indem er die un'r anderweitig nicht zugängliche Liste 
Her auf Befehl des Maraohalla erschossenen Personen liefert. — 
Die beste, saehgemäsaeBte und verhältniaamäaaig ohjoktivste 
Erwiderung auf Davouts Memoire dagegen ist die Schrift von dem 
zeitweiligen französischen Bürgermeister, Senator Äbendroth: 
^Antwort auf das Memoire des Herrn Marschall's Davoiit^ seirte 
Veriodltang und VertJteidigung Ramburf/s he^effend," Deutseh- 
land, im Februar 1815, auch französisch unter dem Titel: 
^Exposi de la coiiduife administraiive et mUitaire de WL le 
Mar^clKd Ddvoiit ä Hamburg, en r^ponse ä son M4moire'\ 
Allemagne, Fevrier 1815, erschienen. Auch Abendroth ist 
Hamburger ; auch er sieht die Verhältnisse von dem einseitigen 
Standpunkte eines Hamburger Patrioten an, den jedes der 
seiner Vateratadt widerfahrenen Leiden erregt und aufbringt; 
aber das redliche Forschen nach der "Wahrheit von seiten des 
Verfassers, seine Vertrautheit mit den geschilderten Verhält- 
nissen, die übersiehtUohe Darstellung und der im grossen und 
ganzen angemessene und würdige Ton aeiner Sprache haben 
mich veranlasst, diesem "Werke mehr als irgend einer andern 
Hamburger Quelle Beachtung zu schenken. 

Ein Gegenstück zu Abendrotha Broschüre, in Bezug auf . 
die bßideraeitigen Vorzüge, bildet das "Werk von dem späteren 
Hamburger Bürgermeister "Wilhelm Amsinck: ^Materialien 
iur riclitigen B&uiheilung der wesentlichsten JtechtsverhaUmsse 
zwischen Hambiiry und ^aiikreick," Hamburg, 1815. Daa 
"Werk dieses trefflichen Juristen sucht die Rechtawidrigkeit 
einer Reihe von seiten der französischen Regierung und der 
französischen Behörden gegen Hamburg getroffener Massnahmen 
zu erweisen und zugleich die Rechtsgültigkeit der Anaprücho 
Hamburgs auf einen Ersatz der Bank festzustellen. Ein 
durchaus lobenswertes Unternehmen ; nnr vergisst der Verfasser, 

2* 



— 20 — 

wo er auf den Marschall Davout zu sprechen kommt, nur gar 
zu oft, dass Davout Soldat war, der nach ganz andern Grund- 
sätzen handelte und handeln musste als nach juridischen 
Subtilitäten. 

Was nun diejenigen Quellenschriftsteller anbelangt, 
welche nur einzelne Seiten der Belagerung von Hamburg 
behandeln, so Bespricht der ehemalige Bankdirektor C. N. 
Pehmöller die Beschlagnahme der Hamburger Bank in einem, 
zwar auch vom hamburgischen Standpunkte aus geschriebenen, 
aber mit lobenswerter Objektivität abgefassten Werke: „Ge- 
schichtliche Darstellung der Ereignisse^ welche tcährend der 
Blockade in Folge der Verfügungen des französischen Gouverne- 
ments die Hamburgische Bank betroffen haben ^^^ Hamburg 1814. 
Dasselbe Work ist auch in französischer Sprache erschienen 
als: yyPrecis historique des Evencmens qui par suite des mesures 
du Gouvernement Frangais ont frapj)i la Banque de Hambourg. 
Traduit de Vallemand de C. M. (sie!)*) Pehmöller ^'^ Ham- 
bourg 1814. 

Die Demolierung des Vorortes Hamm schildern: K. G. 
Zimmermann, ,flamms Verwüstung in den Jafiren 1813 und 
1814^', Hamburg o. J. und B(anks); „Die Verbrennung von 
Hamm, nach Davouts persönlichen Befehlen dargestellt u. s. w.^' 
(„Hanseatischer Kourier^^ Nro. 19, 20 und 21, vom 11., 14. 
und 18. August 1814). In der ersteren dieser beiden Schrif- 
ten schildert der gute Pastor Zimmermann die durch die 
Feinde angerichtete Zerstörung in seiner Gemeinde, in durch- 
aus wohlmeinender Absicht, wenn auch in einem ziemlich 
weinerlichen Predigertone; der Aufsatz des ehemaligen Maire 
Banks erzählt die gleichen Begebenheiten; aber jede Zeile 
dieser Blätter athmet einen wilden, leidenschaftlichen Hass 
gegen die Franzosen und ihren Feldherrn. Auch die Nieder- 
brennung des Hamburger Krankenhauses, des sogenannten 
Pesthofes, wird in einer Monographie behandelt : J. H. Bartels, 
„AJäenmässige Darstellung des Verfahrens der Franzosen bei 



*) Der Verfasser hiess mit Vornamen Christian Nicolaus. 



21 



(hm durch den Marschall Dämmst hefohlenßit Verbrennen des 
I Kratilseiihofes smsch-en Hamburg und Alfoiia", Hamburg 1815. 
üeber die Austreibung der Niehtverproviantierten er- 
f fahren wir manche — aüerdinga in grellen Farben geschil- 
:e — Einzelheiten aus den ,,Berichten^^ der zur Unter- 
' Stützung der Ausgewanderten und Vertriebenen eingesetzten 
„Centralcommission; einen ähnlichen ^^Bericlit" hat auch 
I der in Alton» zu dem gloicheu Zwecke gestiftete Verein, 
I sowie die in Lübeck gebildete UnteratützungskonimiBsion 
I horauagogeben. 

Eine andere über denselben Gegenstand veröffentlichte, 

in den „Bemerkungen über das Memoire des Herrn Marschalls 

[ Davout" 9. 18 Anm. erwähnte Schrift ,Die vertriebenen 

Hamburger. Im Januar 1814 u. s. w." von Fr, F., Bremen 

I und Anrieh 1814, ist mir leider unzugänglich geblieben. 

Unter den Rechtfertigungsschriften von ehemaligen fran- 
zösischen Beamten ana Hamburg sind als wichtige Quellen zu 
n'en: Carsten Wilhelm Soltaus Buch „Ueber meine Vm-- 
[ waltung ah Adjunct-Maire in den Jahren 1813 u. 1814", Hamburg 
' 1815, und die freilich in dem wunderlichsten Stile und unter 
f lebhaftem Kampfe mit den Elementen deutscher Satzbildung, 
Grammatik und Rechtachreibung verfassten Broschüren des 
von den Franzosen als Taxator bei den Requisitionen ge- 
■ brauchten Kaufmanns H. F. Ruat; „Kinnes Lidd auf dunk- 
L tei Wegen für so Manchen angeeündet" , Hamburg im Junii 
L(aic!) 1814, ^ErlÜiderung einer kleinen Sdirift betitelt: Kleines 
ylAdtt auf dunklen Wegen*^, Hamburg im July 1814, sowie 
I „LicJiivolle Aufstellung der Beivan^niss mit der Eequirirung 
\in den verhängnissvollen Jaliren 1813 und 1814 für Ramburg,''' 
f Altena 1818. 

Weiterhin verdient Beachtuug eine Schrift Ton 
[ dem laraeliten M. M. H(aarbleicher), „Die Belagerung 
I Hamburgs 1813-^1814 in ihren Begielmngen zu den Israeliten'''' , 
I Hamburg 1863, und das Werkchen des Altonaer Obergerichts- 
ladvokaten Friedrich Johann Jacobaen, ^Beitrag zur Oe- 
\ schichte von Altona, leährend der EinschlicMsunq v<\\\ ffwuvW'Yvii 



— 22 — 

in dem Winter von 1813 und 1814^^ Altona 1814, eine dithy- 
rambisch-schwülstige Apotheose des Altonaer Oberpräsidenten 
Conrad von Blücher, die indessen, wie der Leser später er- 
sehen wird, manche schätzenswerte Bemerkung über das Ver- 
hältnis Davouts zu Altona enthält, desgleichen eine Schilderung 
des Zustandes der in dieser Stadt nach ihrer Vertreibung auf- 
genommenen Hamburger. 

Endlich erwähne ich noch die ^Erinnerungen aus der 
Franzosenzeit in Jlambiirg. Für Kinder erzählt von einer 
Hamhurf/erin'\ Hamburg 1863. Wenn ich dieses liebens- 
würdige Büchlein zuletzt nenne, so geschieht es, weil ja schon 
der Titel verrät, dass dasselbe als Oeschichtsquelle keine 
besonders hohe Bedeutung beansprucht. Doch ist es keineswegs 
ohne Wert. Denn die Verfasserin, Marianne Prell, konnte 
von ihrem Vater, welcher unter der französischen Herr- 
schaft Mitglied der Verwaltung des Zucht-, Werk- und 
Armenhauses, sowie des Krankenhofes gewesen, unter Tetten- 
born aber als Bataillonschef der Bürgergarde fungiert hatte, 
manches erfahren, und in der That sind die Schilderungen, 
die sie von der „Liste der Abwesenden", der „Weihnacht des 
Jahres 1813", der ,,Käunmng des Krankenhofes" u. s. w. 
entwirft, durch lebendige Frische und Wahrheit anziehend. 
Wohlthuend berührt auch in dem Büchlein dieser Frau, 
dass sie, obwohl eine echte Hamburgerin, sich verhältniss- 
mässig freizuhalten gewusst hat von den Aeusserungen eines 
wilden, fanatischen und unverständigen Hasses, welcher die 
geschichtschreibenden Hamburger Männer — selbst gebildete 
Männer — zu so vielen Unwahrheiten und Entstellungen ver- 
leitet und dadurch den Wert ihrer Werke als Geschichts- 
quellen so ausserordentlich herabgesetzt hat. 

Auf dem Boden der durch eine einseitige Benutzung 
dieser Quellen gewonnenen Anschauungen über den Marschall 
Davout stehen nun die zusammenhängenden Darstellungen 
der französischen Zeit wie der Hamburger Geschichte über- 
haupt, welche in den auf die Befreiungskriege folgenden 
Jahren bis gegen die Mitte unseres Jahrhunderts erschienen 



— 23 — 

sind, und von denen ich nur die hauptsächlichsten namhaft 
mache, ohne auch hier im geringsten auf bibliographische 
Vollständigkeit Anspruch machen zu wollen oder mich auf 
eine genauere Kritik dieser Werke einlassen zu können, 
welche gar zu weit führen würde und bei dem verhältniss- 
mässig geringen historischen Werte, den die meisten der- 
selben besitzen, sich im Grunde kaum verlohnen dürfte. 

Nur in kurzen Worten hat der ehemalige Professor am 
Johanneum Friedrich Gottlieb Zimmermann in seiner 
j^Neuen Ctironik von Hamburg'^ Hamburg 1820, die Pranzosen- 
zeit behandelt, erheblich eingehender der Hamburger Sprach- 
lehrer Georg Nicolaus Bärmann, sowohl in der mit C. 
W. Reinhold herausgegebenen ^^Hamiiirgischeu Chronik^' 
(ebenfalls im Jahre 1820 zu Hamburg erschienen) wie auch 
in der späteren von ihm allein besorgten Ausgabe desselben 
Werkes (Hamburg 1822). Die Genannten waren natürlich 
noch Zeitgenossen der geschilderten Ereignisse des Belager- 
ungsjahres. 

Auch hat Menck, der Verfasser der ,, Erzählung der 
Begebenheiten" und der „Belege oder Aktenstücke" in dem 
^^Synchronistischen Handbuch der neuesten Zeitgeschichte''^ 2. 
Teil, Hamburg 1834, in seiner chronikenhaften Weise die 
Ereignisse der „Pranzosenzeit" nochmals behandelt. 

Als Monographie über die letztere erschien die von J. A. 
Michaelis bei Gelegenheit der 25jährigen Jubelfeier der 
Befreiung seiner Vaterstadt unter dem Titel : ^^Hamhtrgs denk- 
würdige Schicksale in den Jahren 1813 und 1814^' im Jahre 
1838 herausgegebene Denkschrift. Der Charakter dieses 
Werkes als Jubelschrift lässt schon von vornherein eine pane- 
gyrische Verherrlichung der eigenen und eine entsprechende 
Behandlung der Gegenpartei erwarten und entschuldigt den- 
selben bis zu einem gewissen Grade.*) Einen breiteren Raum 



*) Dasselbe Werk erschien vier Jahre später in einer neuen, um 
die Darstellung des grossen Hamburger Brandes vermehrten Auflage 



— 24 — 

als in den bisher erwähnten Gesamtdarstellungen nehmen 
dagegen die Ereignisse des Jahres 1813 in W. L. Meo- 
ders ^^Oeschidite von Hamburg vom Erdstehru d(r Stadt bis* 
auf die neueste Zeit^', Hamburg 1839, ein, aus dessen Werke 
ich hervorheben will, dass dasselbe z. B. (S. 672 ff.) inter- 
essante Einzelheiten über die Anlage der Festungswerke und 
den Bau der zwischen Hamburg und Harburg errichteten 
Verbindungsbrticken enthält. 

In einer jeder Spur von wissenschaftlicher Kritik ent- 
behrenden Weise und in einem an die verbissensten Ham- 
burger Pamphletisten der „Franzosenzeit** erinnernden Tone, 
zudem in einem Stile, welcher den Bildungsmangel des Ver- 
fassers auf jeder Seite verrät, hat der unter dem Pseudonym 
Friedrich Clemens schriftstellernde Autodidakt Gerke in 
seinen Werken „Hamburgs Gedenkbuch" und „Hamburgisclio 
Chronik" (beide im Jahre 1844 zu Hamburg erschienen) jene 
Epoche behandelt. 

Weit gehaltvoller dagegen sind die Darstellungen der 
französischen Zeit und der Verteidigung Hamburgs in den 
in verschiedenen Ausgaben erschienenen Werken des Ham- 
burger Advokaten J. G. Gallois, ^Geschichte der Stadt Ham- 
burg^^ und y,Chro7iilc der Stadt Hamburg^^, Der Verfasser 
steht allerdings noch im grossen und ganzen auf dem 
Boden der bisherigen Auffassung über den Marschall Davout, 
den er uns als eine „eiserne, rücksichtslose Soldatennatur" 
schildert und einen „eingebildeten Franzosen ohne Noblesse" 
nennt, wird aber dem Andenken des Marschalls doch inso- 
fern gerecht, als er dessen Uneigennützigkeit ausdrücklich 
betont, welche so viele der früheren Hamburger Geschichts- 
schreiber, namentlich mit Rücksicht auf die Beschlagnahme 
der Bank, kurzweg geleugnet hatten.*) 



als: ., Hamburgs denkwürdige Schicksale in den Jahren 1813, 1814 
und 1842", Hamburg 1842, wieder aufgelegt das., 1855. 

*) llücksichllich der Galloisschen Angaben bemerke ich noch 
dass ich öfters nach der im Jahre 1867 erschienenen kürzer gefassten 



— 25 - 

Einen unleugbaren Fortschritt aber hat die Hamburger 
Darstellung der Franzosenzeit durch das Erscheinen des 
C Mönckebergschen Werkes y^Hamburg unter dem Dnicke ehr 
Fran^ose^i^ 1806 — 1814,^ Hamburg 1864, gemacht. Ich weiss 
sehr wohl, dass Mönckebergs Werk eine Menge sach- 
licher Irrtümer enthält — passiert ihm doch sogar der aller- 
lieböte Scherz, dass er Vandamme zu einem Hessen macht, 
indem er dessen Geburtsort Cassel (Nord) mit der Hauptstadt 
des früheren Kurfürstentums verwechselt! — überhaupt war 
ja Mönckeberg, ebensowenig wie Gallois und die meisten 
anderen Hamburger Chronisten, ein fachmännisch geschulter 
Historiker; aber er war ein vielseitig gebildeter und von 
einem ernsten Wahrheitsdrange beseelter Mann, welcher die 
— bei seiner Stellung und seinen Beziehungen — ihm reichlich 
fliessenden Quellen emsig studiert hat. Auch Mönckeberg ist 
Hamburger und nicht von den Einseitigkeiten eines solchen 
frei; aber er macht den Versuch, auch den Gegnern seiner 
Vaterstadt etwas von der Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, 
die ihnen bisher von hamburgischer Seite so hartnäckig ver- 
weigert worden war. Es ist äusserst bezeichnend für die 
Hamburger Geschichtsauffassung, dass der brave Pastor 
Mönckeberg sich wegen dieses bei einem wahren Historiker 
selbstverständlichen Strebens vor seinen Mitbürgern entschul- 
digen zu müssen glaubt: „Mein Hauptstreben war," so heisst 
es auf S. IV seiner Vorrede, „die Wahrheit, nach so vielen 
aus Parteirücksichten und zu Parteizwecken geschriebenen 
Broschüren, ans Licht zu stellen. Vielen wird es freilich 
80 vorkommen, als ob ich diejenigen, gegen welche sich das 
deutsche Herz am meisten empört, in einem zu freundlichen 
Lichte erscheinen lasse. Allein es war, nach meiner Ansicht, 
meine Aufgabe, einen jeden von seinem Standpunkte aus zu 
beurteilen, darum habe ich mich bemüht, auch denen 



„Geschichte der Stadt Hamburg" citiert habe, lediglich aus dem Grunde, 
weil mir dieses in meinem Privatbesitze befindliche Werk längere Zeit 
zugänglich gewesen ist als die übrigen Werke desselben Verfassers. 



— 26 — 

gerecht zu werden, gegen die ich von Jugend auf 
mit Abscheu erfüllt war." 

Dieses ehrliche Streben muss bei Mönckeberg unbedingt 
anerkannt werden, um so mehr, als der redliche Mann auch 
in späterer Zeit stets aufrichtig bemüht gewesen ist, bei einer 
doch sicherlich grossen Liebe und Anhänglichkeit gegen die 
Vaterstadt, zugleich die Pflichten des unparteiischen Oeschicht- 
schreibera nach Möglichkeit zu erfüllen. Hiervon legt seine 
Darstellung der Pranzosenzeit in der im Jahre 1885 aus seiner 
Feder hervorgegangenen „Geschichte der Freien und Hanse- 
stadt Hamburg" ein rühmliches Zeugnis ab. In dieser be- 
handelt Mönckeberg die Massnahmen Davouts, u. a. die 
Benutzung der Hamburger Kirchen, die Entfernung der Nicht- 
vorproviantierten und die Wegnahme der Bankfonds, mit lobens- 
werter Objektivität und fällt ül)er den Marschall das bemerkens- 
werte Urteil, dass derselbe „strenge, aber uneigennützig und gut- 
mütiggewesen sei" („Oeschichte'" H. 411 vergl. das. S. 432 unten). 

Indem ich eine lieihe kürzerer Darstellungen der Oe- 
fichichte Hamburgs, in denen naturgemäss auch die Franzosenzeit 
innerhalb eines enggespannten liahmens Behandlung gefunden, 
ül)orgehe, erwähne ich noch aus den letzten Jahren die kleine 
Jubiläumsschrift vcm Adolf Wohlwill, „Die Befreiung Ham- 
Imrcjs am 18. März ISIH,'' Hamburg [1888J. 

Wenn in der neueren Zeit das Urteil über die ham- 
burgische Franzosenzeit im allgemeinen und die Auffassung 
Davouts im besonderen selbst in den Kreisen der lokal- 
patriotischen Hamburger Geschichtschreiber sich in mancher 
Beziehung geändert hat — ohne dass man darum bisher dem 
Andenken des Marschalls auch nur annähernd volle Gerech- 
tigkeit hätte widerfahren lassen — so hat zu dieser immerhin 
wahreren und würdigeren Auffassung ohne Zweifel das Er- 
scheinen einer grösseren Anzahl von teils biographischen Werken 
teils Quellenschriften wesentlich beigetragen, welche zumeist 
um das Jahr 1880 veröffentlicht sind. 

In jenem Jahre gab G. Pool die „Lebenserinnerungen 
Johann Georg Rists" heraus (2 Teile, Gotha bei Perthes), 



— 27 — 

welcher, als dänischer Geschäftsträger in Hamburg, an allem, 
was dort im Jahre 1813 bis zur Wiederbesetzung der Stadt 
durch die Franzosen geschehen, einen thätigen Anteil ge- 
nommen und überdies mit den Spitzen der französischen 
Behörden, einem üavout, St. Cyr, Chaban, d'Aubignosc in 
persönlichem und zum teil vertrautem Verkehre gestanden hat. 
Rist hatte keine Ursache, gegen den Marschall gerade be- 
sonders freundlich gesinnt zu sein, da er diesem (allerdings 
lagen politische Motive zu Grunde) seine Entfernung aus 
Flottbeck im Sommer 1813 verdankte; ausserdem war er 
deutscher Abkunft und der deutschen Sache von ganzem 
Herzen zugethan. In der That äussert sich auch sein Unmut 
gegen den Fürsten von Eckmühl an mehr als einer Stelle 
seines Werkes in scharfen Ausdrücken. Um so mehr aber 
dürfen wir ihm da glauben, wo er von dem Marschall Gutes 
sagt, und es ist dieses, in der im 9. Kapitel entworfenen 
Charakterzeichuung Davouts, wie ich weiter unten zeigen 
werde, nicht eben wenig. 

Ahnliches ist von zwei andern, freilich schon seit langer 
Zeit veröffentlichten Quellen zu sagen, die ich nur deswegen 
mit Eists „Erinnerungen" zusammenstelle, weil sie nicht allein 
wie diese den Federn dänischer Staatsangehörigen entstammen, 
sondern auch eine in mancher Hinsicht ähnliche Auffassung 
der Persönlichkeit Davouts verraten. Ich meine den „Feldzuf/ 
an der Nieder elhe in den Jalwen 1813 und 1814'^ von dem 
dänischen Major und Grafen Dannskjold Löwendal (übersetzt 
ans dem Dänischen und mit Anmerlungen hegleitet von F. H. 
von Jahn, Kiel 1818, und die j^Mentoires sur les evenemens 
qui se rapportent a Ja reocciipation de Hamhourg par les 
Frangais etc. par M, le chambellan Äiibert/' Paris 1825, deutsch 
unter dem Titel: „Denkschrift über die Ereignisse, nelrhe sich 
auf die Wiederbesetziing von Hamburg durch die Franzosen 
beziehen/^ Leipzig 1825, 2. Aufl., Hamburg 1826, erschienen.*) 



*) Nach der zuletzt genannten Ausgabe habe ich das Werk 
citiert. 



— 28 — 

Die Verfasser dieser beiden Werke waren unmittelbare Teil- 
nehmer an den von ihnen geschilderten Ereignissen; Lowendal 
befand sich Davout gegenüber in einer ähnlichen Lage wie 
Rist, er war als dänischer Militärbevollmächtigter während 
der Belagerung Hamburgs in der Stadt und hatte das Schicksal, 
wegen einer Uebertretung des Festungsreglements, auf Befehl 
des Marschalls arretiert und längere Zeit gefangen gehalten 
zu werden ; zudem war er, nach seinem eigenen Geständnisse, ein 
ausgesprochener Feind der französischen Revolution und des 
napoleonischen Kaisertums. Aus diesen Umständen würde es sich 
nun leicht erklären lassen, wenn der Graf*) an dem Marschall 
und dessen Verhalten vieles auszusetzen gehabt hätte; aber 
das Gegenteil ist der Fall, und, abgesehen von einigen nach 
seiner Ansicht zu harten Massnahmen, welche u. a. die 
Requisitionen im Lauenburgischen betreffen, hat der dänische 
Offizier mit einem löblichen Freimute das Verhalten des 
Marschalls gegen eine Menge der von hamburgischer Seite 
erhobenen Beschuldigungen verteidigt. — Aubert war dänischer 
Oberst in Altona, führte als solcher im Frühjahr 1814 die 
Verhandlungen zwischen Davout und Bennigsen, über die er 
also auf das genaueste unterrichtet sein musste, und hat durch 
seine lichtvolle Darstellung nicht wenig dazu beigetragen, den 
gegen den Marschall von seiten unwissender oder übelwollender 
Beurteiler erhobenen Vorwurf einer absichtlichen Halsstarrig- 
keit gegen bessere Einsicht und Erkenntnis zu entkräften. 

Standen die genannten Werke schon lange demjenigen, 
welcher sie benutzen wollte, zur Verfügung, so wurde dem 
Davoutforscher ein neues Gebiet reich fliessender Quellen in dem 
trefflichen Werke der Mar quise de Blocqueville, „Le Mar^- 
chal Darauf, Prince d'Echnühl, raconte par les sietis et par lui- 
weme\ Paris, Didier et Cie., 1879-80, 4 voll, eröffnet. Dieses 



♦) Graf Lowendal war übrigens ein sehr kenntnisreicher und 
geachteter Militärschriftstetler, wie u. a. sein Gegner im Felde, der in 
diesen Blättern vielfach genannte C. L. E. Zander in seinem weiter 
unten öfters citierten Werke über die Geschichte des Krieges an der 
Niederelbe zugiebt. 



— 29 — 

Werk der auch auf andern Gebieten als Schriftstellerin rühm- 
lich bekannten Tochter Davouts, welches mit recht als ein 
liebevolles Denkmal bezeichnet worden ist, entwirft ein leben- 
diges Bild von dem Gemütsleben des Marschalls, wie es sich 
insbesondere in dem innerhalb des Familien- und Freundes- 
kreises geführten Briefwechsel offenbarte. Der III. Band, 
„la Russie et Hambourg", enthält eine Reihe wichtiger Briefe, 
welche Napoleons Befehle und Davouts und seiner Gattin 
Gedanken über das Hamburger Kommando enthalten. 

Nicht ohne Einfluss ist das in dem Werke der Marquise 
de Blocqueville veröffentlichte Material, nicht ohne Einfluss wohl 
auch die Anschauungs- und Darstellungsweise der geistvollen 
Verfasserin auf Emile Monteguts zu Paris im Jahre 1882 
erschienene Biographie des Marschalls („Le Marechal Davout, 
son genie et son caractere**) gewesen. 

Diese Werke sowie die von dem Akademiemitgliede 
Charles deMazade herausgegebene militärische Korrespon- 
denz des Marschalls haben das Urteil über denselben in Deutsch- 
land*) bereits wesentlich zu seinen Gunsten verändert. Wer« 



*) In Frankreich war dieses weniger nötig; denn begreiflicher- 
weise waren, nachdem die leidenschaftlichen Rufe der Ultras von 1814 
und 1815 verhallt waren, die Landsleute dem Marschall eher gerecht 
geworden. Zu einer richtigen Würdigung Davouts im eigenen Lande 
hatten auch natürlich die Auslassungen seiner Waffengefährten in 
Memoiren und andern Werken nicht unwesentlich beigetragen. Die 
Marquise de Blocqueville hat in den beiden dem Andenken ihres 
Vaters gewidmeten Werken eine Menge diesbezüglicher Angaben ge- 
sammelt und besprochen. 

Auch eine Biographie des Marschalls hat es lange vor dem Er- 
scheinen des Mont^gutschen Buclies gegeben: yHistoire de la vle 
militaire, politique et administrative du Marechal Davout etc. par L.-J. 
Gabriel de Chtnier,'^ Paris, 1866. Von diesem Werke — auf eine ge- 
nauere Analyse desselben muss ich an dieser Stelle verzichten — 
darf gesagt werden, dass es des wissenschaftlichen Wertes in hohem 
Grade entbehrt. Der Verfasser, von gutem Willen beseelt, aber noch 
auf dem Boden der napoleonischen Legende stehend, erzählt über 
den Marschall Davout, für dessen Grösse er ehrlich begeistert ist, 
alles mögliche und unmögliche. Die Belagerung von Hamburg, 



— 30 — 

als Historiker Bedenken trägt, das von der Hand einer 
Tochter gezeichnete Porträt des Marschalls als das echte an- 
zuerkennen, der wird im 4. Bande des Mazadeschen Quellon- 
werkes finden, dass in der That Davout, weit entfernt, 
die harten Verfügungen des Kaisers gegen die Stadt Ham- 
burg zu verschärfen, (wie ihm seine Gegner doch vorgeworfen 
haben!) während des Sommers 1813 mehrfach bemüht ge- 
wesen ist, die Gnade seines erzürnten Kriegsherrn für die 
durch eigene und fremde Schuld in eine so missliche Lage 
geratene Stadt zu erlangen. Das von Ch. de Mazade auf 
Wunsch der Gräfin Cambacöres, der (verstorbenen) Schwester 
der Marquise de Blocquevillo, veröffentlichte Werk führt den 
Titel: „Correspondance du Marichal Davoiit, Prince d'Eckmülil, 
avec Introduction et Notes par Ch, de Mazade^% Paris, Plön, 
1885, 4 voll. 

Die Eröffnung noch weiterer Quellen folgte. Im Jahre 

1887 übergab die Marquise de Blocqueville dem ge- 

schichtsfreundlichen Publikum eine inzwischen gesammelte 

•Nachlese zu den Briefen ihres Vaters unter dem Titel: „Le 

Markhai Davout^ Prince d^Eckmühl, Correspondance inMite^ 



welche, mit Einschluss des Aufenthaltes Davouts in Savary und der 
Besprecliung seines „M6moires" in einem einzigen Kapitel (Bch III, 4 
8.355-427) abgemacht wird, ist äusserst flüchtig behandelt und wim- 
melt von Fehlern. Von den deutschen Gegenschriften kennt Ch6nier 
nur Lüntzmann, die Belagerung hat nach ihm zehn Monate gedauert 
(1. c. p. 406 u. 420), der grosse Angriff Bennigsens auf die Wilhelms- 
burg vom 9. Februar 1814 (an welchem Tage der Russe von Blankenese 
her die gefrorene Elbe hinaufrückte) fand nach Ch. am 13. Februar 
(1. c. p. 407—408), das Schiessen Davouts auf die von den Russen 
aufgesteckten weissen (bourbonischen) Fahnen erst nach der An- 
erkennung Ludwigs XVIII durch den Marschall statt (1. c. p. 
409—410); diese selbst wird vom 29. April auf den 5. Mai verlegt 
(1. c. p. 409). Am sonderbarsten aber mag auf Deutsche die von Ch6nier 
mitgeteilte Nachricht wirken, dass die Hamburger sich während der 
französischen Herrschaft danach gesehnt haben sollen, „wieder 
Preussen zu werden" (les Hambourgeois voulaient redevenir Prussiens, 
(1. c. 424, vergl. 421). 



— 31 — 

1790—1815'', Paris, Didier, Terrin et Cie., und im Jahre 1890 
veranstaltete die rührige alte Dame, gelegentlich ihrer durch 
die deutschen und französischen Zeitungen hinreichend be- 
sprochenen kleinen Fehde mit dem verewigten Peldmarschall 
Grafen Moltke einen AViederabdruck des von ihrem Vater im 
Jahre 1814 herausgegebenen Memoires sowie einer unter 
dessen Augen von seinem ehemaligen Generalstabschef Cesar 
de Laville verfassten llelation über die Belagerung von 
Hamburg.*) 

Die Eröffnung dieser Quellen hat, wne bereits bemerkt, 
das Urteil über den 3Iarschall Davout auch in den Kreisen 
deutscher Geschichtsforscher erheblich umgestaltet. Man weiss 
heute — man könnte es wenigstens wissen — dass in dem 
ernsten, ja finster dreinsehenden Manne ein warmes Herz 
geschlagen, und dass, wo er im Verlaufe seiner kriegerischen 
Laufbahn den Einwohnern von der Kriegsfurie heimgesuchter 
Länder wehe thun musste, er seine Massnahmen, die er selbst 
bedauerte, wenn es eben anging, mit Mässigung und Mensch- 
lichkeit getroffen hat. 

Dieser Ansicht über den Marschall hat die Veröffent- 
lichung der Memoiren des Grafen Hogendorp („Memoires du 
Gineral Dirk van Hogendorp, puhl, par son petit-ßU M. le 
Comte D. C. A. van Hogendorp.'' La Haye, 1887) keinen 
Eintrag gethan. Hogendorp macht nach seinem Memoiren- 
werke den Eindruck einer braven, biederen, wenn auch selbst- 
bewussten und von sich eingenommenen Soldatennatur. Er 
war zu Davouts Zeit Gouverneur der Stadt Hamburg und 
wurde als solcher in Tettenborns Feldlagerzeitung und in 
einer Reihe deutscher Zeitungen zum Gegenstande beleidigender, 
grösstenteils völlig unbewiesener Äusserungen gemacht, gegen 
welche er sich bereits im Jahre 1814 in einem zu gleicher 



*) Diese Relation (unter dem Titel : .,M6moire sur la Defense de 
Hambourg** [1813—1814]" findet sich übrigens auch in dem Werke 
„Le Mar^chal Davout, raconte par les siens et par lui-m6me" IV 
p. 4 — 124, desgl. das „Memoire" des Marschalls (mit Anmerkungen 
versehen, aber ohne die piöces justificatives) 1. c. IIL 429-467. 



— 32 — 

Zeit im Haag, zu Paris, Hamburg und Hrüssel erschienenen 
„Mhnoire'^ (aufgenommen in die „Memoiren" S. 380 — 406) 
verteidigt hat. In dieser Verteidigungsschrift schiebt er die 
Verantwortung für eine lieihe von ihm getroffener Massregeln, 
anstatt sie durch die Notlage unabwendbarer Verhältnisse zu 
erklären, einfach auf seinen nächsten Vorgesetzten, den Marschall 
Davout, was freilich um so leichter zu erklären, wenn auch 
nicht zu entschuldigen ist, als Davout und Hogendorp, zwei 
sich in mancher Hinsicht entgcgenstrebonde Naturen, in dem 
denkbar schlechtesten dienstlichen und persönlichen Verhält- 
nisse zu einander standen. 

Nach allem aber, was die Forschungen der letzten zwölf 
Jahre über den Marschall Davout, seinen Charakter und seine 
Thaten erschlossen haben, darf gesagt werden, dass die, 
wenigstens in deutschen Geschichtswerken, gang und gäbe 
Auffassung seiner Persönlichkeit einer Reform bedarf. Urteile, 
wie sie ihrer Zeit Häusser („Deutsche Geschichte, 3. Aufl., 
Ik^rlin 1863, 4, 183—184 u. 454)*) und H. von Treitschke 
(„Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert,*' T, 459) 
übar Davouts Verhalten als Gouverneur von Hamburg gefällt 
haben, dürften heute ohne Verletzung der historischen Wahrheit 
nicht mehr geschrieben werden. Nicht minder wäre zu 
wünschen, dass aus den deutschen Lehr- und Lesebüchern 
jene Stellen verschwänden, in denen der grosse napoleonische 
Kriegsmann dem empfänglichen Gemüte der deutschen Jugend 
als eine Art Popanz vorgeführt wird, bei dessen Nennung, 
nach obgedachter Schilderung, einem jeden das Gruseln an- 
kommen muss. Der Verfasser hat sich freilich in seinem 
Werkchen auf die Hamburger Thaten des Marschalls strenge 
beschränken müssen, aber auch so hofft er, zur Abschaffung 
dieses historischen Unfugs ein Geringes beigetragen zu 
haben. 

Noch eines wäre zu bemerken. Wie der Leser ersehen 



*) Nach dieser Auflage ist das Werk beständig von mir citiert 
worden. 



— 33 — 

haben wird, hat dem Verfasser ein reichliches, wenn auch 
bei weitem nicht das vollständige Material zur Verfügung 
gestanden. Das letztere war schon wegen seines Aufenthaltes, 
an einem kleinen, völlig illiterarischen Orte, an dem sich 
nicht einmal das gewöhnlichste Handbuch vorfindet, und wegen 
der Entfernung der beiden Quellencentren Paris und Hamburg, 
einfach unmöglich. Aus dem gleichen Grunde war ihm auch 
die Benutzung der ihm zugestandenen Quellen häufig nur für 
eine ganz kurze Zeit und unter nicht eben günstigen Unständen 
gestattet. So konnte sich der Verfasser z. B. dem zeitraubenden, 
wenn auch verlockenden Geschäfte nicht unterziehen, den 
zahlreichen, namentlich in Hamburger Zeitungen verstreuten 
Aufsätzen und kleineren Arbeiten über die Franzosenzeit 
nachzuspüren und sich dieselben zu Nutze zu machen. Es 
ist ihm auf diese Weise sicherlich vieles und darunter gewiss 
auch manches, was der Beachtung wert gewesen wäre, ent- 
gangen. Auch einige Versehen mag die schnelle Verarbeitung 
vieler Quellen mit sich gebracht haben. Der Verfasser ist 
sich dieser Mängel wohl bewusst; nur wagt er zu sagen, dass 
von ihnen Wert oder Unwert seiner Arbeit nicht abhängen 
kann. Derselbe richtet sich nach seiner Gesamtauffassung 
und AVürdigung Davouts, und diese ist nicht abhängig von 
einem übersehenen Briefe, einem in irgend einer historischen 
Zeitschrift veröffentlichten Aktenfetzen oder einem Feuilleton - 
aufsatz eines Hamburger Schreibers. 



1^ Kapitel^ 

Hamburgs Erhebung. 

Der Stern des grossen Kaisers neigte sich dem Untergange 
entgegen. Als in den Weihnachtstagen des Jahres 1812 das 
vielgenannte 29. Bulletin die Vernichtung der grossen Armee 
auf den grausigen Eisfeldern Russlands und Polens eingestand, 
da wurde, so heisst es in „Friedrich Perthes' Leben" von 
seinem Sohne Clemens Theodor Perthes (Hamburg und Gotha, 
1848, I, 236) „ein Weihnachtsabend in Hamburg gefeiert, 
wie seit vielen Jahren nicht" — und, was uns hier der 
Biograph als geschichtliche Wahrheit berichtet, das haben uns 
Erckmaün-Chatrian in der Sprache der Dichtung von Elsässer 
Royalistenfamilien erzählt. So ist der Mensch ! Wer gedachte 
des Elends der tausende von braven Kriegern, welche sich 
an der Beresina, zerlumpt und verhungert, den Weg durch 
die Feinde gebahnt hatten, bis die zusammenbrechende Brücke 
sie in den Wogen des Flusses begrub, wer jener andern 
tausende, deren Leichen man zusammengepresst in den 
Bauernhütten von Studjanka gefunden, und jener, die auf 
dem Wege nach Wilna einer 30 grädigen Kälte erlegen, 
oder noch in der Poleustadt, wie uns Segur erzählt, der 
niedrigen Habsucht jüdischer Bewohner zum Opfer gefallen 
waren! Ja, so ist der Mensch. Neue Hoffnungen durch- 
zuckten das Leben der Einzelnen wie der Völker, Hoffnungen 
auf den Wiederaufbau grosser, von der Hand eines Riesen 
zerschmetterter Staaten, und im Frohgefühle dieser Hoffnungen 
vergass man selbst, dass unzählige der eigenen Landeskinder 



— se- 
in dem uTiglücksoligen Feldzuge Napoleons ihren Untergang 
gefunden hatten. 

Es kann nicht im geringsten die Aufgabe dieses Büchleins 
sein, die Erhebung Europas oder auch nur Deutschlands gegen 
den als Feldherrn zum ersten Male unglücklichen Franzosen- 
kaiser zu schildern; nur sei erwähnt, dass in den folgenden 
Monaten, während die europäischen Kabinette noch zögerten, 
die durch den Untergang der grossen Armee wesentlich ver- 
änderte Weltlage zu benutzen, und der Kaiser Napoleon 
selbst, den Trümmern seines Heeres voraus, nach Paris geeilt 
war, um mit seiner unerschöpflichen Thatkraft die Aufstellung 
neuer, gewaltiger Truppenkörper ins Werk zu setzen, dass, 
während dessen, sage ich, ein unhemmbarer Strom der 
Volksbewegung sich gegen den Gewaltigen entfesselte, 
welcher die noch schwankende Diplomatie mit sich fortriss 
und, im weiteren Verlaufe der Geschichte, ein wesentlicher 
Faktor für den, damals noch kaum von einem Sterblichen im 
Ernste für möglich gehaltenen Sturz des genialen Feldherrn 
und Staatsmannes wurde. 

Auch in der kleinen, ehemals zum „heiligen römischen 
lieiche teutscher Nation'' gehörigen, aber seit dem beTcannten 
Senatskonsuite aus dem Dezember des Jahres 1810 dem 
französischen Empire einverleibten Kaufmannsrepublik Hamburg 
regte sich, wie oben bemerkt, jener Freiheitsdrang, und schon 
damals traten patriotische Männer, der Doctor von Hess, ein 
geborener Stralsunder,*) der bekannte Verlagsbuchhändler 
Friedrich Perthes, Dr. Beneke u. a. im geheimen zusammen, 
um die Hefreiung ihrer Vaterstadt zu besprechen und zu 
beraten. Wohl tiefer noch als in den meisten andern 
Staaten und Städten Deutschlands wurzelte in Hamburg der 
Hass gegen die französische Herrschaft. Denn zu dem Bo- 
wusstsein einer vernichteten nationalen Selbständigkeit und 



*) Vergl. A. Wohlwill, >Zur Geschichte Hamburgs im Jahre 1813,« 
Abdruck aus den Mittheilungen des Vereins für Hamburgische Ge- 
schichte. 11. Jahrg. Nr. 3, Hamburg [1888], S. ö. 



— 37 — 

zu dem unbequemen und drückenden Gefühle, welches fremde 
Verwaltung, fremdes Recht und fremde Beamten, selbst unter 
sonst günstigen Verhältnissen, einem ehemals freien Volke 
verursachen, kamen materielle Schädigungen schwerster Art, 
Die Wegnahme Hamburgs — wie d^r Elb- und Weser- 
mündungen — war für Napoleons System der Kontinental- 
sperre ein Akt politischer Notwendigkeit gewesen;*) aber 
eben jene Kontinentalsperre hatte den hauptsächlich auf 
Zwischenhandel beruhenden Reichtum Hamburgs ausserordent- 
lich vermindert und drohte, ihn mit der Zeit völlig zu ver- 
nichten. „Handel und Schiffahrt, ** heisst es S. 235 des 
erwähnten Werkes über Perthes, „waren zu Grunde gerichtet, 
von den 428 Zuckersiedereien hatten nur einige wenige sich 
erhalten, die Kattundruckereien hatten ohne Ausnahme auf- 
gehört, die Tabaksspinnereien waren sämmtlich durch die 
Regie verdrängt. Zahllose Abgaben dagegen: droits reunis, 
Regie, Enregistrement, Thür- und Fenstersteuer, Personen- 
steuer, Grundsteuer u. s. w. waren eingeführt und brachten 
durch ihre Höhe und die Quälereien, von denen sie begleitet 
waren, die Bürger zur Verzweiflung.'' Wohl ist der Geschichts- 
forscher berechtigt, dem entgegenzuhalten, dass Napoleon weit 
entfernt war, den Untergang des hanseatischen Handels als 
solchen zu wollen. Ganz im Gegenteile. Wäre — wir 
müssen diesen niemals in die Erscheinung getretenen Fall 



*) Übrigens war weder die Kontinentalsperre noch die Reunion 
der Nordseeküste eine Erfindung Napoleons, sondern beide Pläne 
waren bereits von der republikanischen Regierung ins Auge gefasst 
worden. Schon zwölf Jahre vor der Ausführung des letzteren hatte 
Siey^s in einem Berichte an das Direktorium die deutsche Nordsee- 
küste als »den für Frankreich wichtigsten Teil des Erdballs« bezeichnet; 
»wenn man sie besitze, könne man dem englischen Handel alle Märkte 
und Häfen des Kontinents verschliessen von Gibraltar bis Holstein, ja 
bis zum Nordkap.» Der Kaiser hat also auch in dieser, wie in so 
mancher andern Hinsicht, nur den republikanischen Gedanken ziel- 
bewusst durchgeführt. Vergl. A. Fournier, »Napoleon I.«, Leipzig, 
Wien u. Prag, 1886—89, I, 187-188, III, 13-14 u. 20. 



eben einmal aiinelimon — also würc es dem Kaiser gelungen, 
die Macht Grossbritaiiniens, seines hartnückigaten Gegners, 
entsoheidend zu brechen, und wäre hierdurch das Kontinental- 
syatem überflüssig geworden, so würde auch der Handel 
Hamburgs einen neuen, ja zweil'ellita noch unendlich gross- 
artigeren Aufschwung genomniou haben. Auch hatte der 
Kaiser für den Fall, dnss dieses Unternehmen nicht gelänge, 
die Anlage eines Elb-Hlieinkanalsystenis projektiert, welches 
in seinem weiteren Zusaunnenhange Paris mit der Ostsoe 
vorbinden sollte, desgleichen den Bau einer Verbindungsstraaao 
zwischen Hamburg und Wesel. Die Ausführung dieser Pläne i 
würde dem Hamburger Handel zu gute gekonnnen sein und 
demselben, andere Bahnen ihm anweisend, doch wohl wenigstens 
einen Teil seiner früheren Bedeutung zurückgegeben haben.*) 
Doch daa waren Ideen und Projekte, welche die derzeiteii 
sehr ungünstige und namentlich durch das von den Franzosen 
mit grosser Strenge geübte Zollwesen äusserst onipfindlicli 
gewordene Lage nicht vergessen lassen küniiteu. Wenn man 
nun noch berücksichtigt, dass der Hamburger, eine ausgeprägte 
Kaufmannsnatur, für die glänzende militürisohe Ürüsse des 
französischen Empire, die ja viele Sühne der von dem Kaiser 
unterworfenen Lüudor unter deasen Fahnen trieb, dass der 
Hamburger, aage ich, für alles dieses nicht die geringste 
Sympathie besass und besitzen konnte, so wird man begreifen, 
welche Stimmung in der Kaufmannastadt gegen die Franzosen 
herrschte, und dass diese früher als in den meisten andern 
Gegenden Deutachlands zum Ausbruche kam. 

Es war am 24. Februar 1813. Noch hatte Preuaaen an 
den Kaiser nicht den Krieg erklärt; aber schon hatten russische 
Streifkorps die Oder übersehritten und die meisten französischen 
Truppen waren bis hinter die Elblinie zurückgenommen worden. 
Am Altonaer Thore in Hamburg hatte sich, veranlasst durch 



*) (Jeher den Elb-Bheinkaaal vergl. A. Wohlwill, .die Verbiadang 
zwischen Elbe und Rhein durch Kanäle und Landstraasen nach den 
Projekten Napoleons !.• (Mitth. des Ver. f. Hamb. Gesch., 1884, Heft 4). 



39 



einen geringfügigen Vorfall, die unge wohn liehe Revision eines 
in einem dortigen Mihtärhospitale verkehrenden jungen Arztea 
durch die Zollwächter, ein Volkshaui'e angeaamnielt, welcher die 
Douanenwache angriff. Die Üouaniers gaben mehrere Mala 
Feuer, eine Zahl der Ängreiftir fiel, aber die Waeho wurde 
von dem Haufen erstürmt, das Wachthaus zerstört und eine 
Heihe von Zoll palli Baden niedergerissen. Au demselben Tage 
hatten sich sehr ernste Ereignissö am Hafen und in dessen 
Nähe zugetragen. Einige junge Männer der aus Bflrgersöhnen ge- 
bildeten Präfekturgarde sollten — allerdings gegen die bestehen- 
den Bestimmungen, aber dieses Hess die augenblickliche Notlage 
des Empire wohl entschuldigen — eingeschifft werden, um in die 
kaiserliche Garde eingereiht zu werden. Zugleich wollte die 
Douane ihre Oeldföaaer fortschaffen. Das Volk widersetzte sich 
beiden Unternehmungen ; der herbeieilende Maire und frühere 
Senator Abeudroth — wie der Leser weiss, eingeborener Ham- 
burger — wurde mit Bteinwürfen empfangen, die französiachen 
Adler von dem durch die Strassen ziehenden Volke abge- 
rissen und mit Füssen getreten, das Haus des Polizei- 
kommissars Nohi- „von Grund aus verwüstet," der Beamte 
selbst ergritten und auf das roheste misshandcit.*) 



I 



*) Es ist französigclierseits behauptet worden {■Memoire de M. 
le M|! Davout', S. 6 der neuen Ausg.), dass bei dem Aufstände des 
24r. Februar französische Soldaten oder Zollbeamte gelötet worden 
seiea. In >PeFthea' Leben< von seinem Sohne S. 243 wird dasselbe 
erzätilt. Die meisten Hamburger Schriftslellei- schweigen über diesen 
Punkt; andere geben die Thatsache zu. (So z, B. der Verfasser von 
iDavouta MissethateD, Eine aktenmässige, gründliche Widerlegung des 
Memoirea«, S. 10). Unter den Darstellungen, welche von Äugenzeugen 
herrühren, verdient die in J. L. v, Hess' »Agonieen der Republik 
Hamburg im Frühjahr 18I3<, Hamburg 1815, S. 18—21 Beachtung, 
Hess erzählt uns {auf S. 13 u. 20), wie sich das Hamburger Volk ein 
Vergnügen daraus gemacht habe, einzelne Ofliziere, Douaniers und 
Gendarmen zu misshandeln. >lch selbst bin,< so berichtet er, >auf einige 
Oensdarmes und einen Infanterieoftizier gestossen, die von Blut 
trieften und deren Uniform zerrissen war.« Auch die Schilderung 
welche der geistvolle J. G. Rist in seinen .Lebenserianerungen» (hrsg. 
von G. Poel, II, 159— IBl-i) entwirft, enthält intcressanle Einzelheiten 



— 40 — 

Es ist von Zander (in der in der Anmerkung citierten 
Schrift) und andern geltend gemacht worden, dass die Putsche 
des 24. Februar nur von den niederen Volksschichten ausge- 
gangen seien, und von einem „Aufstande", für den die Ham- 
burger Behörden, sowie die gebildete Klasse der Bevölkerung 
hätten verantwortlich gemacht werden können, keine Rede 
sein könne. Das mag für den einen Tag des 24. Februar 
gelten — die erste Explosion pflegt ja gewöhnlich bei Revo- 
lutionen durch die rohe Ifand dos Pöbels zu geschehen — 
aber hören wir weiter! Nachdem zur Verstärkung der damals 
ausserordentlich schwachen französischen Besatzung (nur wenige 
hundert Mann!) dänische Husaren von Altena herbeigerufen 
waren, ging die französische Militärverwaltung bereitwillig auf 
den Vorschlag der Hamburger Municipalität ein, um weiteren Un- 
ruhen vorbeugen zu helfen, die vor der französischen Einver- 
leibung bestandene hamburgische Bürgerwache wieder einzu- 
berufen, zu der dann auch einige Reservekompagnieen einge- 
richtet wurden. Die letzteren wurden bald wieder entlassen, 
aber im geheimen von den Patrioten weiter einexerziert. Die 
französische Militärbehörde mochte wissen, welch gefährliches 
Spielzeug man den Hamburgern mit ihrer Bürgergarde in 



lieber die Frage, ob französische Employös getötet seien, äussert sich 
der Verfasser sehr vorsichtig. »Ob an dem ersten Tage Menschen 
gebhebeu, ist ungewiss,« heisst es bei ihm auf S. 162. 

lieber den Aufstand des 2i. Februar bitte ich unter vielen 
andern Darstellungen noch zu vergleichen: »Geschichte der 
hamburgischen Begebenheiten während des Frühjahrs 1813«, London 
1813, S. 7—9, F. Georg Bulk, »Das Befreiungsjahr. Ein Tagebuch der 
Vertheidigung Hamburgs gegen das französische Heer unter Marschall 
Davoust im Jahre 1813. Aus dem Englischen«, Hamburg 1834, S. 156—162, 
"C. L. E. Zander, »Geschichte des Krieges an der Nieder-Elbe im Jahre 
1813«, Lüneburg 1839, S. 6 ff., Peter Poel, »Hamburgs Untergang«, in 
d. Zeitschr. des Vereins f. hamburgiache Geschichte. Band 4 (Ham- 
burg 1858) S. 9—10, Gallois, »Hamburgische Chronik«, Hamburg 1863, 

4, 365—66, Mönckeberg, »Hamburg unter dem Drucke der Franzosen« 

5. 47—48, dess. »Geschichte der Freien und Hansestadt Hamburg« 
S. 421, Ad. Wohlwill, »Die Befreiung Hamburgs am 18. März 1813«, S. 14. 



/ 



— 41 — 

die Hand gegeben hatte, aber für den Augenblick musste sie 
gute Miene zum bösen Spiele machen. Schon am 12. März 
verliessen der französische Befehlshaber Carra St. Cyr, und 
die Generäle Ivendorf und Prinz Reuss mit der kleinen 
französischen Besatzung Hamburg, nachdem einige in Sachen 
des Aufstandes vom 24. Februar vorgenommene Haussuch- 
ungen und Exekutionen die Hamburger Bevölkerung noch 
weiter aufgeregt, und bedrohliche Vorfälle in der Umgegend, 
sowie die Nachricht von dem Herannahen der Russen den 
weiteren Aufenthalt der Franzosen in der That hatten be- 
denklich erscheinen lassen.*) 

Die Freude der Hamburger blieb die ersten Tage hin- 
durch noch eine gedämpfte; denn Carra St. Cyr war auf dem 
andern Eibufer, nur wenige Stunden von der Stadt, stehen 
geblieben, und, als vollends der von Pommern her auf dem 
Rückzuge begriffene General Morand in Bergedorf eintraf, 
da wurden in Hamburg die Gesichter lang und erhellten sich 
erst wieder, seit man erfahren hatte, dass Morand, durch die 
Haltung der zwischen Hamburg und Bergedorf stehenden 
Dänen veranlasst, bei dem elbaufwärts von Hamburg ge- 
legenen ZoUenspieker über die Elbe gegangen war. 

Inzwischen war es in Hamburg bekannt geworden, dass 
der russische Partisan Tettenborn, der am 12. März von Ber- 
lin aufgebrochen war, zur Besetzung von Hamburg herannahe. 
Schon am Abend des 17. sprengte eine Streifpartie von 
etlichen Kosaken, unter dem Befehle des Rittmeisters Barsch, 
durch die Strassen Hamburgs. Am Thore war derselben, 
unter „unbeschreiblichem Jubel" und ,, hellen Thränen", von 
der ins Gewehr getretenen Wache der „Schlüssel der freien 
Hansestadt Hamburg" übergeben. Noch einen Augenblick 
zögerte die französische, aus Hamburger Bürgern bestehende 



*) Carra St. Cyr erfuhr trotzdem den Tadel seines obersten 
Kriegsherrn. Napoleon an Clarke, Herzog von Feltre, 21. März 1813. 
»Corresp. de Napoleon I^'«, 25, 117; ders. an dens., 26. März 1813, 
ib. 122. Vergl. auch das Schreiben des Kaisers an Lauriston, 27. März 
1813, ib. S. 133. 



42 



Municipalität mit ihrer Auflösung; sie wollte- sit-h lieber von'l 
Tcttenborn dazu zwingen lunflen.*) Dieser thnt ihr auckf 
den ßefallen zu erklären, dasH die Russen als Feinde 
ziehen würden, falls sieh noch eine französisch» Behörde iofl 
der Stadt befinde, und so sprach denn in der Nacht vom I?« ] 
zum 18. März die Municipalität ihre Auflösung aus, und der j 
alte Hat der Freien lieiehs- und Hansestadt Harn- | 
bürg trat wieder an ihre Stelle.**) 

Wer wollte nach diesen Vorgängen noch zweifeln, 
die Stadt Hamburg im Jahre 1813 gegen Jen Kaiser Nap< 
. leon sich im Zustande des Aufruhrs Iwfunden habe? Denal 
alle die geaehilderten Vorgänge, welche der Deutsche alnm 
T baten patriotischer Erhebung aufzufassen berechtigt iet^l 
waren doch ebenso viele Akte der Empörung und dea Auf-J^ 
Standes, wenn man sie vom französischen Standpunkte ansiehfei 
— und lediglich von diesem aus konnte doch wohl der fran- 
ziiaische Kaiser — erst gar ein Napo!e<in 1. — die Sache 
betrachten! Doch davon später. 

Nach allem, was gesehehen, durfte man natürlich er- 
warten, dasB der Empfang Tettenborns von selten der Ham- 
burger ein beispiellos glänzender werden würde — und so 
war es. Am 18. März regnete es Blumen und Kränze auf 
die struppigen Söhne der Ukraine, die, wie Caroline Perthes 
schreibt*"*), so „erstaunlich treuherzig und freundlich von ihren 
I'ferden herabsahen;" von allen Seiten brachte ihnen das Volk 
Branntwein, Kuchen und Brod nufs Pferd, und die weiss- ■ 
gekleideten Hamburger Jungfrauen, die zum Empfange dos . 
Obersten herbeigeeilt waren, scheuten sieh nicht, dessen talg- j 
fressende Krieger — recht appetitlich! — auf der Strasse zu \ 
iitnhalBen und abzuküssen !f) 

•) Vetgl. niBl'a .Lebeiisetinnerungen. II, S. 171—172. 

**) Ich kanu auf die von dem Dr. von Eeaa angestrebten Ideen 

einer Verfaaauugsänderuag und Inlerimsregierune hier nicht n&her 

eingehen, da dieselben nicht in den Ralimen meiner Aufgabe gehören. 

**♦) .Perthes' Leben- S. 2Öi— 2ö5. 

t) Aurh hatte Frnu Perthes in zarler Aufinerksamkeit für die 



IAber nicht Intiffe dauerte der .Tubel, nicht laiifje die 
Freundachaft zwischen den Hamburgern und ihren russischen 
Befreiern, Die Schuld lag auf beiden Seiten. Denn einer- 
aeita begannen „Ihre Hoch- und Wohl Weisheiten", die wieder- ■ 
eingesetzten Senatoren, anstatt mit rncksichtsloser Energie die 
Stadt zu ihrer Verteidigung gegen einen Napoleon zu rüsten, 
sich wieder mit der alten, behaglichen und bedächtigen Lang- 
samkeit des 18. Jahrhunderts im Rataaaale zu dehnen und 
KU strecken, ehe sie zu einem Beschlüsse kamen;*) auch 
sannen sie, anstatt alles an alles zu setzen, mit kaufmännischer 
Geldknauserei, wie man die liebe Vaterstadt möglicht billig 
durch die bösen Zeitläufte hindurchbringen könnte — wollten 
«e doch für die Zwecke der Landesverteidigung im Anfange 
nicht mehr als 100 000 Beichethaler bewilligen, was, wie 
^ausser („Deutsche Geschichte", Berlin 1863, 4, 79), mit 
lecht bemerkt, „für die Kräfte der Stadt wie für das dringende 
i'Bedürfnis eine gleich ärmliche Leistung gewesen wäre." Ea 
mag hierbei freilich einigermassen zur Entschuldigung des 
Senats dienen, dass in dieser Körperschaft eine durchaus 
pessimistische Auffassung der Zeitverhältnisse herrachte. Man 
glaubte dort nicht an einen endlichen Erfolg der Befreiung 
Norddeutschlands. 

Dann traf aber auch Tettenboma Verhalten vielfacher 
und — zum teil wenigstens — nicht ungerechter Tadel. 
Der russische Oberst, von Geburt ein Deutscher und ein Mann 
von einer gewissen Leichtigkeit und Leichtfertigkeit des 
Temperaments, war ein ohne Zweifel gewandter Reiterführer, 
vorzüglicher Streifer und Partisan, aber seine strategische 
Bedeutung — das zeigte die Besetzung Hamburgs und sein 
späteres Auftreten in der Stadt ^ war eine ganz unter- 
geordnete. "W'enn sich der Oberst leichten Herzens auf die 
Streife nach Hamburg begeben hatte, dessen Besetzung ihm 

1 Steppensöhne Tonnen voll KartofTelsalat und Heringe bereiten lassen 
I — ein Lieblingsgericht der Kosaken! Vergl, MÖnckeberg, iHamburg 
unter dem Drucke der Franzosen« S. 64, 
*) .Perthes' Leben. S. I 



— 44 — 

• 

nichts weiter war als ein wohlgelungener Kosakenputsch, so 
hatte er dabei offenbar nicht im geringsten bedacht, welcher 
entsetzlichen Frivolität er sich schuldig machte, indem er eine 
grosse und volkreiche Stadt für eine kurze Zeit in einen — 
ich betone es mit Schärfe — durchaus unangebrachten, weil 
gänzlich verfrühten Befreiungsrausch versetzte, ohne im stände 
zu sein, die Stadt und mit ihr den ganzen Nordwesten 
Deutschlands vor der unfehlbar folgenden Kache des gereizten 
Löwen zu })ewahren.*) Dass aber der Oberst dieser Aufgabe 
nicht gewachsen sein würde, war schon von vornherein aus 
der lächerlich geringen Anzahl seiner Truppen (gegen 1500 
Mann) ersichtlich, welche, auch nachdem sie durch die neu 
gebildete Hamburger Bürgergarde und die hanseatische Legion, 
ferner durch das mecklenburgische Gardebataillon und ein 
Detachement I'reussen, sowie durch Zuzüge aus der Umgegend, 
aus Hannover und Oldenburg verstärkt waren, nicht im 
entferntesten zur Verteidigung Hamburgs ausreichten, als 
Napoleon ernstliche Anstalten traf, die Eibstadt wieder in 
seine Gewalt zu bringen. 

Auch im übrigen hatten die Hamburger wenig Trsache, 
über die russische Befreiung zu jubeln. Denn der deutsche 
Landsmann Tettenborn zeigte gar bald ein recht moskowiter- 
haftes Auftreten. Die Stadt Hamburg „wurde gar zu sehr 
wie eine russische Erwerbung behandelt," die neu errichtete 
hanseatische Legion musste dem Czaren schwören, und der 



*) Mit vollem Rechte wird daher Tettenborn (zu dessen Cha- 
rakteristik ich Häusser 4, T-i, nachzulesen bitte, wo noch weiteres 
Material angegeben wird) nicht nur in einer Reihe von Hamburger 
Streitschriften und von die Sache behandelnden Militärschriftstellern 
wife dem Grafen Dannskjold Löwendal (»Der Feldzug an der Niederelbe 
in den Jahren 1813 und ISl-i, übersetzt von F. H. von Jahn,« S. 13 ff.) 
und Zander (a. a. 0. S. 17 — 18, ib. 31—32) getadelt, sondern auch ge- 
wiegte Historiker, wie Häusser (4, 74 u. ö.) haben die dort gefällten 
Urteile unterschrieben. Eine vorzügliche, von scharfer Beobachtungs- 
gabe zeugende und dabei von einem poetischen Hauche durchwehte 
Schilderung des Charakters Tettenborns und des Treibens in seinem 
Hauptquartiere findet sich in Rists »Lebenserinnerungen« H. S. 176 ff. 



— 45 — 

Herr Oberst gab seinen Schützlingen ziemlich deutlich zu 
verstehen, dass er es nicht unpassend finden würde, wenn 
die Stadt Hamburg ihrem Befreier den geschuldeten Dank 
auch in klingender Münze Ausdruck verliehe , was 
denn auch wirklich geschah; doch erhielt der russische Führer 
anstatt der 9 oder 10000 Louisdor, auf die er gehofft hatte, 
deren nur 5000. Dieses Benehmen Tettenborns und die in 
seiner Umgebung beliebte Verschleuderung von Gaben, welche 
patriotische Hamburger der Befreiung des Vaterlandes ge- 
widmet hatten,*) gaben denn wohl zu der Versicherung Peter 
Pools**) Veranlassung, „kein noch so kostbares Hauptquartier 
französischer Generale sei der Stadt so teuer zu stehen ge- 
kommen als dieses russische/***) 

Während so die Verhältnisse innerhalb der Stadt ein 
keineswegs sehr erfreuliches Bild zeigten, auch die mangelnde 
Gewöhnung der Hamburger an militärischen Gehorsam den 



*) »Huren sah man mit dem Geschmeide, das ehrbarer Ham- 
burgerinnen Patriotismus auf dem Altare des Vaterlandes geopfert hatte.« 

**) In »Hamburgs Untergang.« (Zeitschr. des Vereins f. hamburg. 
Geschichte. 4, 33). Derselbe Schriftsteller, welcher Augenzeuge der 
im Frühjahr sich in Hamburg abspielenden Ereignisse war, erzählt 
uns, wie Tettenborn angesehene Bürger Hamburgs mit dem Kantschu 
bedroht habe, wenn sie ihm nicht zu Willen waren, (ib. S. 32, 1. 
vergl. Rists «Erinnerungen« II, 184). 

***) Vergl. Häusser a. a. 0. S. 80, Rists »Erinnerungen« II. S. 
181, 182: Hätten die biedern Hamburger doch einmal in jener Zeit 
einen Blick hinter die Kulissen der europäischen Diplomatie werfen 
können! Wie würden sie gestaunt haben, zu erfahren, dass Väterchen 
Alexander, den sie so laut als ihren »Befreier« begrüsst und gepriesen 
hatten, gerade damals, in den zwischen England, Russland, Schweden 
und Dänemark schwebenden Verhandlungen, mehr als einmal die 
Hansestädte und benachbarte Gebietsteile der letztgenannten Macht 
als Kompensation anbot, wenn sie Norwegen an Schweden abtreten 
und sich der grossen Allianz gegen den Franzosenkaiser anschliessen 
wollte! Ja, die sofortige Besetzung Lübecks, Bremens und 
Hamburgs hat der russische Gesandte den Dänen in jenen Tagen 
in Vorschlag gebracht! Vergl. Häusser a. a. 0. S. 96 ff. 



— 46 — 

Instructeuren der hanseatischen Legion ihre Aufgabe nicht 
gerade erleichterte (vergl. „Perthes' Leben" S. 261), da zog 
sich die furchtbare Kriegswolke, welche der Aufruhr des 24. 
Februar und Tettenborns übereilter Kosakenstreich gegen die 
Stadt heraufbeschworen hatten, dunkler und immer dunkler 
über derselben zusammen. In einem am 18. März zu Trianon 
an den Vizekönig Eugen, den Höchstkommandierenden der 
Eibverteidigung, erlassenen Schreiben *) bestimmte der Kaiser 
den Marschall Davout zum Kommandanten der 32. Militär- 
division, welche Nordwestdeutschland und auch Hamburg mit 
umfasste. In demselben Schreiben wird der General Vandarame 
als Befehlshaber zweier zur Verteidigung des 32. Militär- 
distriktes gehörender Divisionen ernannt. 

Ich will gleich hier die sich darbietende Gelegenheit 
benutzen, um den sonderbaren, von den Hamburger Pamphletisten 
ersonnenen und selbst von einem ernsten Historiker wie 
Häuser (a. a. O. S. 183) nachgeschriebenen Gedanken zu 
widerlegen, Napoleon habe Vandamme und Davout zu diesem 
Auftrage eigens ausgewählt, da er sie nach ihrem Charakter 
für die geeignetsten Werkzeuge gehalten, um an Hamburgs 
unglücklichen Bewohnern Rache zu üben. Sollten nicht 
vielleicht noch andere Rücksichten die Wahl des Kaisers 
geleitet haben? Rücksichten militärischer Art z. B., an die 
doch — wenn es auch vielleicht die Hamburger nicht thaten 
— ein alter und nicht eben schlechter Soldat wie Napoleon 
schon ein klein wenig gedacht haben könnte, noch dazu in einer 
Zeit, wo es sich um Sein oder Nichtsein handelte, wie im 
Jahre 1813? Der Kaiser selbst schreibt wenigstens seinem 
Stiefsohne Eugen**) dass er den Fürsten von Eckmühl auf 
den Hamburger Posten setze, weil der Marschall Victor, den 
er zuerst im Auge gehabt zu haben scheint, den Distrikt der 
32. Militärdivision zu wenig kenne. Davout dagegen war von 
1811 bis zum Ausbruche des russischen Krieges General- 



*) Corr. de Nap. 25, 103. 
**) ib. e.. 1. 







— 47 — 

gouveriieur von Hamburg gewesen iiud kannte, wie 
Korrespondenz ausweist, jeden Winlcel der ilortigeti Landschaft. 
Und was nun Vandamnie anbelangt, so mochte ihn sein 
Charakter — von dem Charakter dea Füraton von Eekmülil 
werde ich weifer unten zu reden haben ^ alterdinga nieht 
gerade so ganz ungeeignet zum Strafexekutor im oben ange- 
gebenen Sinne erscheinen lassen — er war roh und habgierig 
— aber Vandamme war ja gar nicht zu diesem Amte berufen, 
da er für einen längeren Aufenthalt in Hamburg, etwa als 
Gouverneur oder dergl., überhaupt nicht in Aussicht genommen 
war; der General ist nach der Einnahme von Hamburg oller- 
höchsten^ 4 Tage in der Stadt gewesen*), dann nach Mecklen- 
I bürg zu weitermarschiert und später von dem dortigen Kriega- 
■ fichauplatze ganz abberufen. Doch zurück zum weiteren V'erfolg^«W««vto« 
tiäer Ereignisse ! -t,^ »n fiu 

üavüut, vorher mit der Verteidigung der Elblinie von ^Im* 
I Torgau bis Magdeburg betraut, brach gegen die UntereU>e 
»hin anf und nahm auf längere Zeit sein Haupti^uartier in 
^Bremen, während Vandamme mit neu ausgehobenen Truppen 
. Weael kommend, über Münster, Osnabrück, Oldenburg, 
EBremen gegen Harburg weitermarsehierte, welches der schon 
.igenannte Prinz Reuss am 29. April einnahm. Von hier aus 
ii'wurden bereits in den ersten Tagen des Mai französische rseits 
»Versuche gemacht, um die von den beiden Flussarmen der 
iNorder- und Snderelbe umspannten Inseln zu nehmen, nament- 
lich die strategisch wiehtige AVilhelrasburg, welche gowisser- 
I eine natürliche Brücke zwischen den Städten Hamburg 
fcnd Harburg bildet. Schon am 10. Mai zog Tettenborn seine 
STnippen aus dem südlichen nacb dem nflrdlichen Teile der 
"iVilhelmsburg zurück, worauf er am 12, vergebliche Vorsuche 
Diauhte, die Ijisel wiedcrzuerobern.**) Beides ist hamburgiseher- 

•) Dies beweisen unwiderleglich der Brief Napoleons an Berthier 
Ftou Görlitz, 24. Mai 1813 (Corr. 25. 313) und derjenige Davouts an 
BVandamme. von Hamburg. 11 Juni 1813. (>Cacrespondai)ce du Harechal 
Ppavout, «d. Ch. de Mazade,< 4, 141). 

**) An diesem Tage gius auch die Veddel an die Franzosen verloren. 



- 48 - 

seits dem russischen Führer zum schweren Vorwurfe gemacht 
worden; ob diese Vorwürfe vom Standpunkte der Strategie 
zu rechtfertigen sind, wage ich nicht zu entscheiden. Die 
Hanseaten haben sich an beiden Tagen, den Berichten zufolge, 
recht wacker geschlagen, trotz ihrer schlechten Disciplin und 
ihrer noch schlechteren Ausrüstung — sie waren zum teil 
mit alten Gewehren und Piken bewaffnet — aber nach dem 
Ausfalle der beiden Gefechte konnte niemand mehr darüber 
im Zweifel sein, dass Hamburgs Freiheit nur noch nach Tagen 
zähle. Die in der Eibstadt liegenden Truppen waren bei 
weitem zu schwach, um die über mehrere Wegstunden aus- 
gedehnte Verteidigungslinie zu halten, und auch die einzelnen 
Abteilungen Dörnbergs, Tschernytschews und anderer Korps- 
führer, welche während der Monate April und Mai auf beiden 
Ufern der Niederelbe einen kleinen Kriei^ 8'Ggen verschiedene 
französische Truppenkörper unter Morand, Montbrun und 
Sebastiani führten, waren nicht vermögend, etwas Ernstliches 
zu Hamburgs Kettung zu thun. Nach allen Seiten wandte 
sich die geängstigte Stadt um Hülfe. Einen Augenblick waren 
es die Dänen, auf die sich ihre Blicke richteten, im nächsten 
die Schweden — aber alles vergebens. Dänemark lag seit 
der brutalen Verwüstung Kopenhagens durch die Engländer 
(im September 1807) mit (ifrossbritannien im Felde, hatte auch 
laut einer im Jahre 1808 mit Frankreich abgeschlossenen 
und im Januar 1812 erneuerten Konvention eine Division zur 
Unterstützung der Franzosen zugestanden. Seit dem Beginne 
des Jahres 1818 aber war man in Kopenhagen schwankend 
geworden; man wusste nicht recht, was unter den schwierigen 
Zeitläuften zu thun sei (vergl. Kists „Erinnerungen" H, 164 ff'.). 
Es waren Verhandlungen mit llussland, England und Schweden 
im Gange, welche Dänemark seiner napoleonfreundlichcn 
Stellung zu entfremden und zum Anschluss an die verbündeten 
Mächte zu bewegen suchten. Nach England war dänischer- 
seits Graf Bernstorff gegangen, während in Kopenhagen der 
russische Fürst Dolgorucki als Unterhändler thätig war. Aber 
Bernadotte, der ehrgeizige Kronprinz von Schweden, — einst ein 



— 49 — 

General Napoleons ! — bestand auf der Abtretung des dänischen 
Norwegens, und Alexander gab auf Andrängen Englands nach. 
Fürst Dolgorucki, welcher dem dänischen Hofe Hoffnungen auf 
die Erhaltung Norwegens gemacht hatte, wurde von dem 
russischen Kaiser desavouiert. Das betrogene Dänemark sehloss 
sich nunmehr offen an Napoleon an; am 18. Mai erhielt der 
in Altona kommandierende General Wegener, der bereits 
Truppen nach Hamburg geschickt hatte — an den Gefechten 
um die Wilhelmsburg hatte eine Abteilung sogar bereits 
gegen die Franzosen gekämpft*) — gemessenen Befehl, 
unverzüglich wider die Feinde Frankreichs Front zu machen,**) 
und in der Nacht vom 19. auf den 20. verliessen die Dänen 
die Stadt.***) So hatte Bernadotte Hamburg einmal geopfert; 
er sollte es zum zweiten Male thun. In ihrer Not wandte 
sich die Stadt an den in Wismar stehenden schwedischen 
General Döbeln (oder Döbbeln). Dieser schickte in aller Eile 
zwei Bataillone unter dem Generalmajor Boye zu ihrer Hülfe. 
Sofort kam von Bernadotte, der am 17. persönlich auf 
dem deutschen Kriegsschauplatze erschienen war, ein Gegen- 
befehl. Der brave Döbeln schreibt jene Ordre der Unkenntnis 
der Laffc zu: da kommt am 26. — fünf Ta^e vorher waren 
die schwedischen Truppen in Hamburg eingerückt — ein 
neuer Befehl, dieselben zurückzuziehen; Döbeln selbst wird 
von dem Kronprinzen vor ein Kriegsgericht gestellt, zum 
Tode verurteilt und schliesslich zu einjähriger Festungsstrafe 
begnadigt. 

Mit dem Abzüge der Schweden war für Hamburg — 
das musstcn sich auch die Optimisten sagen — der letzte 
Hoffnungsschimmer erloschen. Die Ereignisse folgten jetzt 
Schlag auf Schlag. Schon in der Nacht vom 19. auf den 20. 
und wiederum am 22. war die Stadt von den Franzosen 
bombardiert worden; in der Nacht vom 28. — 29. nahmen 



*) Vergl. Rists »Erinnerungen« S. 212. 
*♦) ib. S. 220. 
*♦*) ib. S. 222. 



— 50 — 

diese auch den von der Wilhelmsburg südöstlich gelegencju 
Ochsenwärder. Da räumte — in der Nacht vom 29. auf den 
30. — Tottenborn Hamburg, ohne vorher eine Kapitulation 
abgeschlossen oder überhaupt den Versuch gemacht zu haben, 
annehmbare Bedingungen für die Stadt zu erwirken;*) hinter 
ihm her zog eine Menge der vermögendsten Bürger; auch 
die Führer der Hamburger Bewegung, die Hess, Perthes, 
Beneke u. s. w. brachten ihre Köpfe in Sicherheit, die 
Bürgergarde ward schleunigst für aufgeh'ist erklärt — 
die hanseatische Legion war mit Tottenborn abgezogen - 
und die Bevölkerung Hamburgs, namentlich der ärmere 
Teil derselben, wurde der Gnade des erzürnten Siegers 
überlassen. 

Noch hatte der Senat in letzter Stunde — am Morgen 
des 80. — in Altena durch dänische Vermittelung seine Unter- 
werfung erklären lassen und gleichzeitig den Wunsch aus- 
gesprochen, zur vorläufigen I^eruhigung der augenblicklich 
aufs hr)chsto erregten Bevölkerung die Stadt vorübergehend 

durch Dänen besetzen zu lassen.**) Dieser Wunsch wurde 
gewährt; der weitere Versuch jedoch, gewisse Ikulingungen 



*) Teiienborn ist hierfür nicht allein von hamburgischer Seite 
jretadelt worden, auch der Däne Graf Löwendal (a. a. 0. 15) sowie 
Zander (a. a. 0. S. 149) wiederliolen diesen Tadel. Selbst der fran- 
zösische General de Laville sagt im Tone des Vorwurfs von dem 
russischen Führer: »Le g6n§ral (er war zur Belohnung? für das Ham- 
burger Reiterstückchen General geworden) Tettenborn avait 6vacu6 
la place .... livrant la ville de Hambourj: sans capitu lation , 
apr6s l'avoir si f ortement c ompr o mise«. (»Memoire sur la 
Defense de llambourj?«, in: »Le Mar6chal Davout, racontö par les 
siens etc.«, -öd. M^« de ßlocqueville, 4, 27). 

**) Ver^l. »Des Kammerherrn, Obristlieutenannts (sie!) von HalTiier 
OelTentliche Erklärung über seine Tlieilnahme an den Verhandlungen, 
welche der Wiederbesetzung Hamburgs durch Französische Truppen 
im Jahre 1813 vorangegangen sind«, o. 0., 1815, (Nachtrag) S. 22, 
Aubert, »Denkschrift über die Ereignisse, welche sich auf die Wieder- 
besetzung von Hamburg durch die Franzosen beziehen«, 2. Aufl., 
Hamburg 1826, S. 7. 



— 51 — 

an die Uebergabe zu knüpfen, von Davout*) kurz zurück- 
gewiesen. „Die Stadt wird unverzüglich vier Bataillons Dänen 
aufnehmen und die Thore öffnen," so lautete sein um 10 Uhr 
Morgens eingegangener Befehl, „jede Protektion soll ihr 
zugestanden werden, aber ihre Unterwerfung muss schnell 
geschehen. Sie hat keinen längeren Aufschub als eine halbe 
Stunde." Und so geschah es. Am 30. besetzten die Dänen 
Hamburg, am 31. hielt der Marschall Davout daselbst seinen 
Einzug. 

So war die Stadt Hamburg, teils durch eigene Schuld 
— den vorzeitigen Freiheitsrausch der Februar- und Märztage — 
mehr aber durch Tettenborns unverzeihliche Frivolität, durch 
Bernadottes Selbstsucht und die unwahre und schwankende 
Haltung der Verbündeten bei ihren Unterhandlungen mit 
Dänemark einem gereizten und erbitterten Gegner in die 
Hände gefallen. War zu erwarten, dass er sie schonen 
würde ? 



*) Davout war einige Tage zuvor von Bremen aus in Harburg 
eingetroffen. 



2. Kapitel. 

Des Kaisers Rache. 

Ehe ich an die Beantwortung der am Schlüsse des 
vorigen Kapitels aufgeworfenen Frage herantrete, erscheint es 
mir angebracht, in kurzen Zügen den Mann zu schildern, 
welcher als des Kaisers Heerführer siegreich am 31. Mai 
in die wiederunterworfene Hansestadt eingezogen war.*) 

Louis Davout — was seine äussere Krscheinung anbe- 
langt, damals ein stattlicher, etwas wohlbeleibter Herr von 

*) Wer von meinen Lesern den Wunsch hegen sollte, das im 
Texte nur in flüchti>^en Umrissen gezeichnete Bild des Marschalls sich 
mit reicheren Farben auszufüllen , den verweise ich auf die von 
Mazade herausgegebene Korrespondenz, auf das biographische Werk 
von Mont6tfut und — last not least — auf das prächtij^je Werk der 
Marquise de lilocqueville, »Le Maröchal Davout racontö par les siens 
et par lui-mßme«, ein Buch, welches den Leser mit Bewunderung 
erfüllen wird, als das Zeichen seltener Pietät einer (damals i (Jöjährigen 
Frau gesjenüber dem Andenken ihres mehr als fünfzig Jahre vorher 
gestorbenen Vaters, und ihm gleichzeitig eine hohe Achtung abnötigen 
muss vor dem wissenschaftlichen Sammeleifer und dem scharfen, logischen 
Geiste der Verfasserin. Wer gegen die historische Treue des von liebender 
Tochterhand gezeichneten Bildes einen — an und für sich wohl begreif- 
lichen — Zweifel hegen oder wer glauben sollte, die französischen 
Schriftsteller hätten ihren Landsmann allzu günstig beurteilt, der wird 
erstaunt sein, zu finden, dass die von dem Dänen Löwendal (a. a. 0. 
S. 8—12; gegebene Schilderunji: in den Hauptzügen mit den französischen 
Angaben übereinstimmt. — Zahlreiche Angaben über Davout enthält 
auch das sonderbare Buch von Charles de Saint-Nexant, »Des 
Ev6nements qui ont amen6 la fin du r^gne de Napolöon I«*'«, Paris 
Plön, 1863. Eine Charakteristik des Marschalls aus deutscher Feder 
findet sich in der bekannten Encyclopädie von Ersch und Gruber, 
Sect. I. Teil 31, 3—11. Uebrigens sind, nebenbei bemerkt, über keinen 
General Napoleons so viele und so widersprechende Urteile literarisch 
publiciert worden wie über den Marschall Davout. 



— 53 — 

43 Jahren, mit hoher Stirne, kahlem Scheitel, und einer fast 
beständig getragenen Brille — hatte bereits eine glänzende 
militärische Laufbahn hinter sich, als er im Jahre 1813 den 
Feldzug gegen Hamburg unternahm. Der Sprössling einer 
angesehenen, altadeligen Familie aus der Bourgogne (quand 
nait un d'Avot, sagte man im 13. Jahrhundert, une epee sort 
du fourro), hatte er mit Eifer die Sache der Revolution er- 
griifen, sich aber während derselben als einen beständigen 
Feind „aller Unordnung, alles Aufstandes und alles Jakobinis- 
musses" gezeigt. Beim Ausbruche der grossen Revolution 
Offizier, wurde er bereits im Jahre 1793 zum General er- 
nannt. Als solcher zeichnete er sich in den Feldzügen der 
folgenden Jahre, besonders aber als Kavallerieführer in Aegyp- 
ten aus. Auch nahm er an der Campagne des Jahres 1800 teil 
und wurde 1804 Reichs-Marschall, Kommandant der Fuss- 
grenadiere der Kaisergarde und colonel general de la maison 
militaire de FEmpereur. 

. Mit dem Jahre 1805 aber beginnt Davouts Feldherr u- 
laufbahn im grossen Stile. In dem Feldzuge gegen Oester- 
reich führte er das 3. Korps der kaiserlichen Armee und be- 
fehligte den rechten Flügel derselben bei Austerlitz. Imfolgenden 
Jahre erfocht er, am 14. Oktober, über die preussische Hauptarmee 
unter dem Prinzen Ferdinand von Braunschweig den glänzen- 
den Sieg bei Auerstädt, um den ihn ein Napoleon beneidete.*) 
Am 8. Februar 1807 bog er bei Eylau den linken Flügel 
der Russen um und kämpfte wenig später bei Hcilsberg und 
Friedland. Im österreichischen Kriege von 1809 half er den Sieg 
von Eggmühl erkämpfen, welcher ihm den Fürstentitel eintrug.**), 
konnte wegen des Zusammenbruchs der Brücke an der Lobau 



*) Nach dieser Schlacht führte Davout bekanntlich den Namen 
»Herzog von Auerstädt«. 

**) Man wird es mir hoffentlich nicht verargen, wenn ich in 
meinem Aufsatze der historisch gewordenen Schreibung »Fürst von 
Eckmühl« getreu bleibe. Hinsichtlich seines burgundischen Familien- 
namens gebrauche ich die allein richtige, auch von der Familie des 
Marschalls noch heute und ausschliesslich angewendete Form Dav o 



— 54 -- 

in die Schlacht bei Aspern nicht eintreten, entschied aber 
dafür durch die grossartige Umgehung der feindlichen 
Armee und die Wegnahme der Höhen bei Markgraf-Neusiodl 
den Tag von Wagram. Nicht minder zeichnete er sich 
im Jahre 1912 in Russland aus, auch auf dem liück- 
zuge, wo es ihui durch seine Energie und Umsicht gelang, 
von seinem, dem 1. Korps die verhältnismässig reich- 
lichsten Trümmer aus dem grossen Unglück zu retten.*) Die- 
selbe Umsicht in organisatorischer und administrativer Hin- 
sicht hatte Davout bewiesen, als er in den Jahren 1807 und 
1808 als Gouverneur in Polen thätig war. 

Und dieser vorzügliche Manövertaktiker — Auerstädt, 
Eggmühl, Wagram — dieser vortreffliche Organisator und 
Administrator — Polen, Russland, Hamburg — dieser Kriegs- 
mann, der zwanzig Jahre im Felde und auf den Schlacht- 
feldern zugebracht hatte, zeigte sich in seinem Familien- und 
Privatverkehr als einen treuen, aufopfernden, ja zärtlichen 
Freund; seiner Frau war er ein liebenswürdiger, zartfühlen- 
der Gatte, seinen Kindern der treueste und besorgteste Vater. 
Hierfür Beweise beizubringen, darf ich mir füglich ersparen; 
die Zahl der dafür zeugenden Briefe ist Legion ; man schlage 
nur in Monteguts l^iographie die von Davouts Familien- und 

*) Vergl. Camille Rousset, »La ^rande Armee de 1813«, Paris 
1871, S. 3. Ueber Davouts umsichtige Thätigkeit in dem russischen 
Feldzuge hitte ich u. a. das bekannte Werk des Grafen S6gur zu vergleichen, 
welcher sich über dieselbe verschiedentlich äussert; auch in dem 
kürzlich erschienenen III. Bande des vortrefflichen Memoirenwerkes 
von dem General Marbot (»Mömoires du G6n6ral B«" de Marbot«, 
Paris [Plön] 1891, III., 128—129) findet sich ein für Davouts Organi- 
sations- und Verwaltungstalent sehr günstiges Zeugnis. Es heisst dort 
von ihm (die Rede ist von den Beschwerden des Hinmarsches auf 
Moskau): „. . . . ce mar^chal, aussi bonadministrateur que 
grand capitaine, avait, bien avant le passage du Ni6men, organisö 
d'immenses convois de petits chariots qui suivaient son arm6e. Ces 
chariots remplis de biscuits, de salaisons et de l^gumes, ^taient tratn^s 
par des bocufs dont on abattait un certain nombre chaque soir, ce 
qui, en assurant les vivres de la troupe, contribuait infiniment ä 
maintenir le soldat dans le rang^S 



— 55 — 

Freundschaftsleben handelnden Kapitel oder in dem Werke 
der Marquise de Blocqueville irgend einen Abschnitt, fast 
könnte man sagen, eine beliebige Seite auf, um sich 
von der Wahrheit meiner Worte zu überzeugen! Auch in 
Dienstsachen war, nach Löwendals Zeugnis, sein Umgang an- 
genehm, und nur gegQn „Nachlässigkeit im Dienste, Einwen- 
dungen gegen seine Befehle von seiten der Civilbehörden oder 
durch einen verspürten Unwillen oder feindseliges Betragen 
von den Einwohnern'' zeigte er eine unbeugsame, übrigens vom 
militärischen Standpunkte aus völlig gerechtfertigte Strenge*), 



*) Zahlreich sind die Anekdoten, welche von des Marschalls 
strengem Ehrgefühl, seiner strammen Disciplin, seinem energischen 
Auftreten gegen vagabundierende und marodierende Soldaten erzählen, 
Anekdoten, untermischt von Zügen freundlicher Menschlichkeit des im 
gewöhnlichen Leben so ernst, ja, so finster blickenden Helden. Dass 
er darum bei seinen Soldaten nicht weniger beliebt war, als andere 
Generäle, beweist die rührende Geschichte jener sechzig Veteranen, 
Avelche, gegen das ausdrückliche Verbot der königlichen Regierung, 
in der Morgenfrühe des 4. Juni 1823 aus dem Invalidenhotel ausbrachen, 
um, die magere königliche Pension aufs Spiel setzend, dem Begräb- 
nisse des Marschalls beizuwohnen! (»Le Mar^chal Davout, 6d. 
Blocqueville«, 4 4;09, Anm. 1). Von Davouts Gesinnung spricht der 
hübsche Scherz über seinen Untergebenen, den brillanten, aber leicht- 
fertigen General Montbrun: »Si j'avais deux Montbrun, j'en ferais 
pendre un.« (Mont^gut, 1. c. p. 135). Dem Feinde gegenüber vertrat 
der Marschall den Grundsatz, man müsse ihm den nötigen Schaden, 
aber auch nur diesen, zufügen, (id., 1. c. p. 194). Dabei trug er, 
namentlich in Fällen, wo es galt, die erschütterte Disciplin herzu- 
stellen oder nötig war, einer aufrührerischen Bevölkerung in Feindes- 
land zu imponieren, mit Absicht eine rauhe Aussenseite zur Schau, 
Hess >durch Drohungen und durch einige strenge Beispiele in Furcht 
setzen«, in der durchaus menschlichen Absicht, lieber durch Angst als 
durch Strafe zu wirken. (Löwendal a. a. 0. S. 11). Ein frappantes 
Beispiel dieser Art ist sein Empfang einer Hamburger Deputation, eine 
von einem Augenzeugen, dem um das Jahr 1880 in Fontainebleau 
verstorbenen kaiserlichen Offizier Lh6ric mitgeteilte, von der Marquise 
de Blocqueville (»Corr. in6d.« p. 308—309) veröffentlichte Geschichte. 
Vergl. auch den Brief Davouts an seine Gemahlin, aus Harburg, 2. Mai 
1813. (»Le Alar^chal Davout, 6d. Blocqueville«, 3, 307). Und da ich in 
dieser Anmerkung einmal bei der Aufzählung kleiner, für die Gesinnungs- 



— 56 — 

die bei dem Soldaten Davout in einem um so besseren 
Lichte erscheint, als sie in einem stark auso^eprägten Pflicht- 
, gefühl — der Marschall pflegte das Wort devoir mit einem 
! T) zu schreiben*) — und einer unerschütterlichen Treue gegen 
seinen obersten Kriegsherrn wurzelte. „Je tuerais mon fröre, 
si l'Empereur Tordonnait" soll er nach Rist öfters gesagt haben. 

In dem zehnten Kapitel seiner „Erinnerungen" entwirft 
uns dieser dänische Geschäftsträger ein Charakterbild des Mar- 
schalls, welches neben den bereits erwähnten Beachtung 
verdient. Die daselbst gefällten günstigen Urteile (»rscheinen 
um so unverfänglicher, als Rist wie Löwendal (vergl. die 
Einleitung!) eine gewisse Ursache hatte, dem Marschall zu 
zürnen, da dieser, nach der Einnahme von Hamburg, aus 
politischen Gründen die Entfernung des dänischen Diplomaten 
aus Flottbeck und dem Herzogtum Holstein bei der Kopen- 



weise des Marschalls charakteristischer Züge bin. so will ich 
nicht verfehlen, jener Anrede zu gedenken, die derselbe nach der 
Schlacht bei Jena am Potsdamer Thore zu Berlin an eine Deputation 
dortiger Bürger hielt, und in welcher er diese ermahnte, »ä se conduire 
convenablement avec les Kran^ais, sans manquer ä leurs devoirs 
de sujets prussiens« (B"^ Ernouf, >Les Franrais en Prusse 
(1807-1808)«, Paris 1872, p. 104. 

*) Die Erfüllung seiner Pflichten ging dem Marschall über alles. 
Keine Rücksicht auf Freunde oder Verwandte, kein Gefühl der Kame- 
radschaft konnte ihn von derselben zurückhalten. Die Marquise de 
Blocqueville und der Biograph Mont^gut erzählen hierüber eine Menge 
interessanter und lehrreicher Züge. Man gestatte auch mir, einen 
solchen aus Löwendals Werke (S. 108 Anm. 2) hier beizufügen. Auf 
dem Rückzuge aus dem Mecklenburgischen, im Herbst 1813, musste, 
der Verproviantierung Hamburgs wegen, eifrig requiriert werden. 
Hierbei wurden die kaiserlichen Dotationen, die Besitzungen des 
Grafen S^gur und der dem Fürsten von Eckmühl befreundeten Mar- 
schälle Ney und Bessiöres ebenso wenig geschont wie alle andern. 
Eines Tages sah Davout eine Trift von mehreren hundert Kühen. Auf 
seine Frage nach dem Besitzer hörte er, dass es der Marschall Ney 
wäre. „Tant mieux" entgegnete er, „qu'on les prenne de suite pour 
l'arm^e, nous y avons les premiers droits'*. 



— 57 — 

hagener Regierung verlangte und durchsetzte. (Kists ^Er- 
innerungen" II, 243). 

„Seine Hingebung," sagt Rist von Davouts Gesinnung 
gegen den Kaiser, „war nicht bloss Maske, sie war aufrichtig 
und unbedingt, wie man sie etwa gegen ein sichtbares, 
göttliches Wesen empfinden könnte; sie begnügte sich auch 
nicht mit blossem (xehorchen, sondern ihr Bestreben ging, 
ohne alle Nebenabsicht und Beimischung, bloss auf Verherr- 
lichung des Meisters hin und deutete zu dem Ende seine 
Handlungen und Absichten, mit Aufwand alles Verstandes, 
immer zum höchsten Ideal. . . . Einen andern guten Charakter- 
zug machte eine unbestechliche Uneigennützigkeit, 
die sich nie verleugnet hat; dann eine strenge und 
unparteiliche Gerechtigkeit in seinem Sinn, durchaus 
ohne alles Ansehen der Person; eine durchaus selbst- 
vergessende, rücksichtslose Thätigkeit für den Dienst und das, 
was ihm die gute Sache war. Vom frühen Morgen bis zum 
Abend nur in Geschäften lebend, mit Lust in ihnen wühlend, 
kannte er damals keine Belustigung, keine Zerstreuung, keinen 

Günstling Er hatte sich ein System gemacht, welchem 

zufolge der überhand nehmenden Laxität der Grundscätze nur 
von oben herab durch die grösste Strenge gesteuert werden 
konnte. War irgend ein Versehen, ein Excess vorgefallen, 
so war es der üivisionsgeneral, welcher auf das empfindlichste 
gemisshandelt ward;*) der gab nun dem Brigadegeneral, dieser 
dem Obersten und der so weiter den elektrischen Stoss wieder, 
der zuletzt die Reihen traf. Durch diese Taktik war sein 
Armeekorps, das um diese Zeit (es ist die Rede vom Jahre 
1811) 30-, bald nachher über 40000 Mann der auserlesensten 
Truppen zählen mochte, auch was die Disciplin betraf, eins 
der ausgezeichnetsten unter allen geworden, die je bestanden 
haben mögen. Alles war die Ehre des Soldaten; er sollte 



*) Der Leser wollte beachten, dass Rist in einem blühenden, 
phantasiereichen Stüe schreibt und ein Liebhaber superlativischer 
Ausdrücke ist. 



— 58 — 

eino reine Abstraction werden, mit allem zufrieden sein, still, 
stumm, gehalten, nur auf den Dienst erpicht, die Welt durch- 
ziehen. „Tl ne faut pas que le soldat chante, il ne faut pas 
qu'il rie**, — hörte ich ihn oft sagen ; und in der That ist 
nie eine musterhaftere Ordimng gewesen, als in dieser Zeit.*) 
Mädchen gingen durch die Reihen der stundenlang wartenden 
(Grenadiere, ohne dass auch nur ein Blick oder ein Wort 
einen Scherz verraten hätte; die Einquartierten waren beciuem, 
wenn auch nie vertraulich: — ein reicher Ordonnateur wurde 
in Ketten nach Paris gebracht, weil er die Armee bestohlen hatte. 
Nie litt er, dass ihm selbst Oeschenke geboten oder für seine 
Bedürfnisse gesorgt wurde''. (Rists „Erinnerungen^ 11, 101 — 102). 
Keineswegs will ich verschweigen, dass Rist sowohl wie 
auch Löwendal neben dem vielen Lobe, welches sie den guten 
Eigenschaften des Marschalls spenden, gewisse Härten in 
seinem (Jharakter zu tadeln finden. Hierbei ist nicht zu 
übersehen, dass, wie gesagt, beide Schriftsteller nicht die 
Freunde des Marschalls waren, ferner, dass Rist als Anhänger 
der deutschen Sache und als Schwärmer für Hamburg, an 



*) Hin Kriterium einer tüchtigen Armeeverwaltung und gewiss 
keines der letzten ist die Verpflegung der Soldaten. „Nous sommes 
de l'armöe qui mange*', pflegten Davouts Krieger zu sagen — eine 
Aeusserung, die für iliren Führer sicherlich ehrenvoll ist. Wenn die 
Hamhurger dagegen so viel von den Leiden und der elenden Ver- 
pflegung der Soldaten während der Belagerung zu erzählen wissen — 
Erzählungen, welche, die hei den Hamburger Parteischriftstcllern un- 
vermeidlichen Uebertreihungen abgerechnet, zu einem Teile gewiss 
auf Wahrheit beruhen — so darf dai)ei nicht ausser Acht gelassen 
werden, 1) dass in der französischen Armeeadminislration des Jahres 
181;^, wegen der allgemeinen Notlage, vieles drüber und drunter ging 
und gehen musste; 2) dass in diesem Falle die Not der Belagerung 
hinzutrat, noch dazu einer Belagerung, deren Ende. der Verteidiger 
Hamburgs auch nicht annäherd absehen konnte, weshalb er mit den 
aufgespeicherten Vorräten äusserst sparsam umgehen musste, um so 
mehr, als bei dem Mangel an geeigneten Magazinen vieles verdarb ; 3) dass 
des Marschalls Heer grösstenteils aus jungen und wenig widerstands- 
fähigen Konskribierten bestand , deren Körper von Strapazen und 
dürftiger Verpflegung doppelt angegriffen werden musste. 



— 59 — 

das ihn viele Bande fesselten, für eine jede von Seiten der 
napoleonischen Regierung dieser Stadt widerfahrene Unan- 
nehmlichkeit ausserordentlich empfindlich war. So klagt er 
(S. 102 — 103) über des Marschalls Misstrauen gegen die 
Deutschen, insbesondere die Hanseaten, und seine dem- 
zufolge starke Hinneigung zu einem — Rist widerwärtig 
erscheinenden — Spionagesysteme. Der dänische Geschäftsträger 
war ein feingebildeter, geistreicher und urteilsfähiger Mann, 
und ich werde mich wohl hüten, seine Aeusserungen mit 
denen so mancher Hamburger Parteischreier auf eine Stufe 
zu stellen. Immerhin darf aber, nach meiner Ansicht, dem 
Gesagten gegenüber betont werden, dass bei dem Kontinental- 
systeme mit air seinen unangenehmen Folgen, einem harten 
Douanewesen auf der einen, einem immensen Schmuggelhandel 
auf der andern Seite (Rist 1. c. U, 105 — 108) und der aus- 
gi^prägten Abneigung der Hansestädter gegen das französische 
Regime überhaupt, der Marschall — schon als er im Jahre 
1811 nach Hamburg kam — eine von vornherein äusserst 
missliche und unbequeme Stellung antrat, eine Stellung, deren 
amtliche Funktionen ihn in wenig angenehme Berührungen 
mit der Hamburger Bevölkerung brachten und in ihm keine 
grossen Sympathien für die letztere erwecken konnten. Doch 
zurück zum Jahre 1818! Nach meiner Schilderung, hoffe ich, 
wird der Leser die Empfindung haben, dass Davout, wenn 
er auch manche strenge Massregel erlassen muss, nicht der 
Henker Hamburgs werden wird, wie die ihm gewordene 
Mission das allerdings beinahe befürchten liesse. 

Wie peinlich von dieser letzteren die um den Ruhm 
ihres Gatten besorgte Marschallin berührt war, beweist der 
Brief derselben aus Paris vom 8. Mai 1813 (Montegut, 1. c. 
p. 188), wo sie schreibt: „Je commence par t'avouer que je 
n'aime pas ton commandement de la 32® division militaire; 
tes pouvoirs sont illimites, mais pour faire le mal ; tu eu feras 

le moins possible, c'est consolant pour les gens egares 

Bien certainement tu n'aurais pas autant de jaloux si tu 
n'avais eu que de telles occasions de servir ton prince et ton 



— 60 — 

pays/ Aber der Marschall war Soldat und musste des Kaisers 
Befehlen gehorchen! Hören wir, wie dieselben lauteten: 

Am 7. Mai Hess I^rthier, Fürst von Neufchatel, der 
bekannte (reneralstabschef Napoleons, an den Marschall zwei 
Depeschen, eine chiffrierte und eine nicht chiffrierte, abgehen, 
mit den Massregeln, welche dieser, nach der Einnahme von 
Hamburg zu ergreifen habe.*) Die Depeschen waren im all- 
gemeinen übereinstimmend, aber nicht völlig identisch und 
zwar dergestalt, dass die chiffrierte die erteilten Strafbefehle 
in geschärfter Form und dazu noch einige andere enthielt.**) 
Diese letztere lautet, soweit sie die Bestrafung der Bewohner 
Hamburgs betrifft, folgendermassen : 

„Vous ferez arroter sur-le-champ tous les sujets de Ham- 
bourg qui ont pris du service 8(»us le titre de senateurs de 
Ilambourg. Vous les ferez traduire a une commission mili- 
taire, et vous ferez füsilier les cinq plus coupables. 
Vous (Miverrez les autres sous bonrui escorte en France, pour 
r»tre rotenus dans uiie prison (PEtat. Vous ferez mettre le 
srfjuestro sui* leurs biens, et vous los declarerez confisques. 
Le domaiue prendra [»ossession des maisons, fonds de terre, etc. 

Vous ferez desarmer la ville, vous ferez füsilier tous 



*) Bereils am 10. April war Hamburg, sowie der gesamte Bezirk 
der 82. Militärdivision, hors la loi — ausser dem Gesetze — erklärt 
worden. Amsinck hat in seinen „Materialien zur richtigen Beurteilung 
der wesentlichsten Hechtsverhältnisse zwischen Hamburg und Frank- 
reich'* S. 27 ff. die Suspension der Verfassung und die mit derselben 
zusammenhängenden Kontributions- und anderweitigen Strafbestim- 
mungen als dem französischen Rechte zuwiderlaufend angegriffen. 
Ich darf es ablehnen, auf diese Rechtsfrage näher einzugehen, da 
ihre Kntscheidung auf meine Darstellung keinen erheblichen Einfluss 
haben kann. Davout war Soldat und mussle den Befehlen seines 
obersten Kriegsherrn gehorchen, ohne dieselben zu kritisieren. Dass 
er des Kaisers harte Bestimmungen nach Möglichkeit zu mildern ge- 
sucht hat, hoffe ich, durch die im Texte gegebene Auseinandersetzung 
zu beweisen. 

**) Mitgeteilt ist diese Depesche bei Blpcqueville, >Le Maröchal Da- 
vout«, 3,208-211; »Corr.,^jd.Mazade«, 4,134, Anm.l, Mont6gut, 191— 193. 



— Bl- 
ies officiers de la l^gion anseatique, et vous enverrez tous 
ceux qui auront pris de Temploi dans cette legion en France, 
pour y etre mis aux galeres. 

Vous ferez une liste des rebelles, des quinze cents in- 
dividus de la 32^ division militaire les plus riches et qui se 
sont le plus mal conduits ; vous les ferez arreter, vous ferez mettre 
le söquestre sur leurs bien, dont le domaine prendra possessio!!. 

Vous ferez mettre une contribution de 50 millions sur 
les viiles de Hambourg et de Lübeck. Vous prendrez des 
mesures pour la repartition de cette somme, et pour qu'elle 
soit promptement payee. 

Vous ferez partout desarmer le pays, et arreter les geii- 
darmes, canonniers, gardes-cotes, et officiers et soldats ou 
employes qui, etant au service, auraient trahi. Leurs pro- 
prietes seront confisquees. 

N'oubliez pas surtout toutes les maisons de Hambourg 
qui se sont mal co!nportees et dont les intentions sont mauvaises. 

II faut deplacer les proprietes, sans quoi on ne serait 
jamais sur dans ce pays. 

Toutes ces mesures, prince,sontde rigueur jl'Em- 
pereurne vous laisse la liberted' enmodifier aucuue'*. 

Diese Befehle — die an Deutlichkeit nichts zu wün- 
schen übrig lassen — erklärt Montegut (1. c. p. 193) für eine 
mehr von der Politik diktierte als von dem Gefühle der Hache 
dem Kaiser eingegebene Massnahme, getroffen, um ein strenges 
Exempel zu statuieren und durch Furcht vor ähnlicher Be- 
handlung die im Jahre 1813 überall auftauchenden Befrei- 
ungsversuche niederzuwerfen; zugleich giebt dieser Kritiker 
eine sehr wahrscheinlich klingende Erklärung für den ausser- 
ordentlich harten Wortlaut der Depesche : dieselbe war von 
Berthier redigiert, dem persönlichen Gegner Davouts, der in 
seiner amtlichen Korrespondenz mit dem Marschall einen 
nicht gerade freundschaftlichen Ton anzuschlagen pflegte. 
Sollte nicht Berthier in jener Depesche die ihm von seinem 
Herrn gegebenen Befehle in möglichster Schärfe wiederge- 
geben haben, um die Lage seines Gegners den Hamburgern! 



— 62 — 

o^of^onüber noch peinlicher zu machen? Was Napoleon selbst 
anbetrifft, so weist Mazade (1. c. 4, 184, Anni. 1) auf des Kai- 
sers (Gewohnheiten hin, welcher, unter dem Einflüsse seines 
cholerischen Temperamentes und eines hochgradig gereizten 
Nervensystems, in der ersten Aufwallung häufig harte Mass- 
rogeln verfügte, die er später ganz oder teilweise zurückzu- 
nehmen pflegte.*) So hat er es thatsächlich auch mit den 
obigen Jiefehlen gemacht — doch davon später! 

Die Frau Marquise de Jih)cqueville versichert, eine (ver- 
loren gegangene) Antwort ihres Vaters auf jene harten Ver- 
fügungen in der Hand gehabt zu haben**), welche folgender- 
juassen begann: „Jamais Votre Majeste no fera de moi un 
duc d'Albe! .le briserais plutot mon bät(m de marechal que 
d'obeir a des ordres dont rEm})ereur lui-meme serait le pre- 
mier ä regretter roxecution. La guerre est dejä assez hor- 
rible »ans y ajouter des cruantes inutiles/ Ktwas später habe 
es in dem Schriftstücke geheissen: „»le ne ferai füsilier per- 
sonne, »le n'expedierai point les princes sous escorte. *****) 
AVeit entfernt, die (Uaub Würdigkeit der genannten Zeugin 
anfechten zu wollen, kann ich natürlich den historischen Wert 
jenes Dokumentes erst voll anerkennen, wenn dasselbe, woran 
die Frau Marquise nicht zweifelt, in der Zukunft einmal 
wieder ans Tageslicht gekommen sein wird. Wir werden uns 
also, anstatt jenen leider verlorenen Worten nach zu urteilen, 
auf das strengste an die Handlungen des Marschalls zu 
halten haben, um zu erkennen, ob wir in ihm einen boshaften 
Feiniger Hamburgs oder aber einen gerade und rechtlich 

*) Nicht selten auch redete sich Napoleon bei solchen Gelegen- 
heiten in eine künstliche Wut hinein, in der wohl berechneten und 
gewöhnlich erreichten Absicht, dadurch seinen Feinden zu imponieren 
und sie in Schrecken zu jagen. Und was die Kontribution angeht, so 
wäre es nicht unmöglich, dass, wie von hamburgischer Seite vermutet 
ist, der Kaiser zu deren Auflage in erster Linie durch die Geld- 
not veranlasst worden sei. 

**) »Le Mal Davout« 3, 207- -208. 

***) Die letzten Worte beziehen sich auf die Herzöge von Mecklen- 
burg, die zuerst von Napoleon abgefallenen Hheinbundfürsten. 



— 63 — 

denkenden Soldaten vor uns haben, der seinem Herrn ge- 
horchte, soweit er niusste, und dessen Befehle milderte, wo 
er konnte. 

Dass der 3Iarschall zunächst eine am 30. ihm entgegen- 
gesandte Hamburger Deputation erst eine Zeitlang warten 
Hess und nachher ziemlich ungnädig empfing, wird man ihm 
wohl nicht als ein allzu schweres Verbrechen anrechnen dürfen, 
obgleich die Hamburger darob gewaltig gelärmt haben. Welcher 
Militär würde wohl anders gehandelt haben?*) Auch wird 
man wohl weder behaupten noch verlangen können, dass 
ein Mann wie Davout, d. h. ein Soldat vom Scheitel bis zur 
Sohle, vor den in Piken männer verwandelten Hamburger 
Krämern — „los marchands de sucre de Hambourg" nennt er 
sie mit beissender Ironie in dem Briefe an Berthier aus 
Harburg v(mi 26. Mai 1813 (Corr., ed. Maz., 4, 125) — gerade 
einen übergrossen militärischen Respekt hätte haben sollen! 
In gleicher AVeise kann zur Tagesordnung übergegangen 
werden über eine unmittelbar nach der Uebergabo von Hamburg 
erlassene Kequisitionsordre wegen der Lieferung einer Anzahl 
Kationen Brod, Fleisch, Branntwein etc. Ist es doch bekannt, 
dass die Soldaten der 32. Militärdivision, denen dieselbe zu 
gute kommen sollte, meist junge Konskribierte, sich, nach den 
Strapazen der voraufgegangenen Märsche und Gefechte in 
einem, wie ein Hamburger Chronist ihn selber nennt, „ver- 
hungerten und zerlumpten'' Zustande befunden haben! Das- 
selbe ist von dem auf Befehl des ^larschalls durch den Präfekten 
de Breteuil am 31. Mai erlassenen Entwaffnungsbefehle zu 
sagen, welcher den Bürgern die Ablieferung von Waffen aller 
Art zur Pflicht machte, ein Befehl, der in der AValdheimer 



*) Urn so mehr, als die von dem zwischen Davout und den 
Hamburgern vermittelnden dänischen Obersten von Haffner wiederholt 
geforderte Entsendung einer Deputation an den Marschall lange genug 
verweigert worden war, was die französischen Befehlshaber begreif- 
licherweise als Trotz ausgelegt hatten. (Vergl. »Hall, allgemeine Lit. 
Zeitg.« 1816, Ergänzungsbl. No. 33, S. 2C4.) 



— 64 — 

Depesche vom 7. Mai ausdrücklich vorgezeichnet, übrigens 
auch den militärischen Usancen durchaus entsprechend war.*) 
Die Waldheimer Depesche hatte in den unzweideutigsten 
Ausdrücken die Verhaftung und Deportation der Hamburger 
Senatoren verordnet. Dieselben waren zum teil nach Dänemark 
und Holstein geflohen — auch der bekannte Buchhändler 
Perthes befand sich dort — nichts leichter, als sie von der 
verbündeten Macht reklamiren und an ihnen die Strafe voll- 
ziehen zu lassen. Was aber thut Davout ? Anstatt sofort Schritte 
zu ihrer Festnahme zu thun, schreibt er erst an Berthier, 
um sich hierzu bevollmächtigen zu lassen , und in was für 
Ausdrücken! „Si T Empore ur tient absolument a la 
prompte execution des mesures de severite ordonnees 
contre eux, je prie Votre Altesse de prendro les ordres de 
Sa Majeste pour savoir si eile m'autorise a les reclamer 
officiellement au gcmvernement danois.** (Br. von Hamburg, 
31. Mai 1818, (Jorr., ed. Maz., 4, 189). Inzwischen haben 
natürlich die (ieflüchteten Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, 
der erste Zorn ist bei dem Kaiser verraucht, und Berthier 
antwortet verneinend. (Davout an Napoleon, 18. Juni 1. c. 
4, 157).**) 



*) Veröffentlicht in den »Nachrichten« No. 87, 2. Juni 1813. In 
den »Nachrichten« oder, nach ihrem französischen Tiiel, den »Affiches, 
Annonces et Avis divers de Hambourg« erschienen, wie schon gesagt, 
die meisten Veröffentlichungen der französischen Behörden. Ich habe 
dieselben vielfach nach den mir länger zugänglichen Werken, der 
vielgenannten Broschüre Abendrulhs, den »Belegen oder Aktenstücken 
zu der Erzählung aller Begebenheiten im unglücklichen Hamburg« 
u. a. citiert. lediglich aus dem Grunde, weil mir die genannten Schriften 
eher und längere Zeit hindurch zugänglich waren, als die betreffenden 
Exemplare der »Nachrichten«. Nur nebenbei bemerke ich, dass natür- 
lich auch alle seit dem 24 Februar erschienenen Pamphlete und Car- 
ricaturen eingefordert, die rückständigen Abgaben beigetrieben wurden 
und die Rückgabe des unter Tetlenbom beschlagnahmten französischen 
Eigentums verlangt ward. 

**) Es wäre für Davout ein leichtes gewesen, einer Anzahl Ham- 
burger das Scliicksal Andreas Hofers zu bereiten. Wie ganz anders 
handelte er! Der Kaiser- hatte in der Waldheimer Depesche die Er- 



— 65 — 

Napoleon hatte (vergl. oben) der Stadt Hamburg eine 
Strafkontribution von 48 Millionen aufgegeben,*) Davout 
erlässt natürlich pflichtmässig ein bezügliches Dekret, welches 
die Zahlungstermine und andere Einzelheiten angiebt, (Corr., ed. 
Maz., 4, 146 — 147, >Affiches, Annonces et Avis*, No. 87, 9. Juni 
1813, »Belege oder Aktenstücke zu der Erzählung aller Begeben- 
heiten im unglücklichen Hamburg«, No. 5), unterlässt aber nicht, 
bereits in den nächsten Tagen den Kaiser daraufhinzuweisen, dass 
man die Kontribution allgemein für zu hoch gegriffen halte, und 
die Einwohner nicht im stände sein würden, sie zu bezahlen. 
(Davout an Napoleon, Hambg., 11. Juni 1813, 1. c. 4, 152; ders. 
an dens., Hambg., 13. Juni, ib. 157). Davout kannte den Kaiser; 
er versichert ihm wiederholt, dass er alles thun werde, um 
die Gelder einzutreiben , lässt aber zugleich in geschickter 
Weise den Wunsch nach Ermässigung einfliessen: „ä moins 
que A otre Majeste", heisst es in dem zuletzt erwähnten 
Briefe, „ne prenne ces reclamations en consideratiön 
et n'accorde une remise." 

„La Canaille,'' fährt der Marschall in demselben Schreiben 
fort, „a ete agitee par la haute classe, qui, pendant quelque 
temps, s'est bercee d'illusions." In den anscheinend unwirschen 



schiessung eines jeden Offiziers der hanseatischen Legion ange- 
ordnet. Darauf meldet D. dem Kaiser (31. Mai, bei Mazade 4, 139) 
dass alle von ihm gefangenen Offiziere dieser Legion Fremde seien 
Preussen u. s. w. Vom Erschiessen ist weiter gar keine Rede. Auch 
der bei der Organisation jener Truppe thätig gewesene Major Joseph 
von Westphalen wurde, als er von den Franzosen gefangen genommen 
war, einfach in Harburg festgesetzt, von wo er später entkam. (Vergl. 
Zander a. a. 0. S. 233 Anm.). 

*) Es ist wahr, was Amsinck »Materialien«, S. M hervorhebt 
dass Napoleon ursprünglich von 50 auf Hamburg und Lübeck zu ver- 
teilenden Millionen spricht. Ob Davout es gewesen, der, wie Amsinck 
(1. c. Anm.) ihm vorwirft, auf Hamburg allein die 48 Millionen über- 
tragen hat, kann ich nicht entscheiden; von praktischen Folgen ist 
die Sache ohnehin nicht gewesen, da ja (s. weiter unten) im ganzen 
nur gegen 10 Millionen von der Kontribution beigetrieben sind. Von 
diesem Standpunkte aus betrachtet, hat daher die Frage nur eine 
untergeordnete Bedeutung. 

O 



- 66 — 

Worten birgt sich ein Zug schöner Menschlichkeit; denn 
dieser Brief antwortet auf ein Schreiben Napoleons aus 
Bunzlau, 7. Juni (mitgeteilt in »Le Marechal Davout, od. 
Bloqueville«, 3, 214, bei Mazade 4, Anm. 1 zu p. 156, 
bei Montegut p. 105), welches die Pressung von Matrosen 
und andern Soldaten in Hamburg anordnet und dann fort- 
fährt : „Dobarrassez ainsi la ville de cinq ä six mille hommes, 
et faites peser le bras de la justice sur la Canaille, (jui parait 
s'etre on ne peut plus mal comporteo/' Welch' edler Zug 
bei einem Manne, der zwanzig Jahre lang auf den Schlacht- 
feldern zugebracht, in dieser Weise die „canaille," d. h. die 
verachtete ärmere Menschenklasse einer feindselig gesinnten 
Stadt dem Zorne des Gewaltigen gegenüber in Schutz zu 
nehmen!*) 

Aber fahren wir in der chnmologischen Ordnung fort! 
Am folgenden Tage meldet der Marschall dem Kaiser (14. 
»Fuiii, 1. c. p. 165), dass er die vierzig höchstbosteuerten Bürger 
werde verhaften lassen müssen, falls er mit der Einziehung der 
Kontributicm fertig werden wolle. Das erste Sechstel, fällig am 12. 
Juni, war nämlich nicht beigetrieben. Darüber grosses (ileschrei 
bei den Gegnern (vergl. u. a. »Hamburgs tiefste Erniedrigung in 
den letztverflossenen Jahren«, Ilambg. 1814, S. 16), aber man er- 
laube mir zu bemerken, dass Davout, der die Kontribution doch 
beitreiben musste, bei den Tlamburgern weniger mit Zahlungs- 
unfähigkeit, als mit bösem Willen zu kämpfen hatte (vergl., 
ausserdem eben citierten Briefe, Löwendal, a. a. ()., S. 40 — 41 **). 
Dieses (wiederholt angewendete) Mittel wirkte übrigens vortreff- 

*j Audi wurden die Bürger der unteren Klassen, die Tage- 
löhner und Handwerker und alle diejenigen, welche nur bis zu 24 
Franken Patentsteuer bezahlten, von der Teilnahme an den Lasten 
der grossen Kontribution ausgeschlossen. 

**) Die arretierten Bürger wurden als Geiseln nach Harburg 
geschickt. Der Marschall handelte hierin durchaus in Uebereinstim- 
mung mit dem kaiserlichen Dekret vom 10. April 1813, in dem es 
Tit. 1, Art. 3 hiess: Er (der General, Kommandant en chef der Armee 
in der 32. Militärdivision) kann nötigenfalls die in feindlichen Landen 
üblichen Massregeln ergreifen, um die Bezahlung dieser Kontribution 



— 67 — 

lieh; am 17. kann der Marschall an den Kaiser schreiben: „Cette 
mesure a produit un bon efFet, la recette d'hier a 6te k peu pres 
de 1,500,000 fr." (Davout an Napoleon, 17. Juni, 1. c. p. 168). 
Inzwischen verlangte der Kaiser bedeutende Lieferungen 
an Effekten und Naturalien. Am 10. Juni verfügt er aus 
Dresden die Beschlagnähme alles „Peches, Theers und anderer 
für die Marine brauchbaren Waren," am 17. eine solche von 
Masten, Schiffsbauholz und anderweitigem Material; ebenfalls 
am 17. Juni erlässt er eine Verfügung, laut welcher die 
hors la loi gesetzten Departements die Ausgaben des Kriegs 
und der Kriegsadministration mittelst Erhebung sogenannter 
Centimes additioneis aufzubringen haben, — an ebendemselben 
Tage erfolgt ein Remontedekret über die Aushebung von 
10000 Pferden, von welchen 7000 teils in den Departe- 
ments der 32. Division requiriert und mit Bons der Stadt 
Hamburg bezahlt, teils von dieser auf Rechnung der 
Kontribution geliefert werden sollen*). Dass der Kaiser die 
verlangten Gegenstände, dass er namentlich die Pferde dringend 
brauchte, ist keine Frage; war er doch, gerade infolge des 
Mangels an Kavallerie, nicht im stände gewesen, seine Siege 
bei Lützen und Bautzen in einer^ für ihn wünschenswerten 
Weise auszunutzen! Aber ebenso wahr ist auch, dass Davout 
nicht der Mann war, der auf Napoleons Befehle hin, ohne 
Rücksichten zu nehmen, darauf los requirierte; er Hess es im 



sicher zu stellen, Geiseln ausheben und jede andere durch den Krieg 
erlaubte Massregel ergreifen. (Mitgeteilt ist dieser Erlass in Davouts 
>Memoire<, Anl. 3). 

*) Auch grosse Mengen von Reis hatte der Kaiser nötig. >C'est 
le seul moyen d'empecher la dyssenterie dans l'arm^e,« schreibt er 
an Davout aus Dresden am 17. Juni und verlangt in demselben Briefe 
auch eine auf dem Wege der Requisition beizutreibende Lieferung von 
Medikamenten. (N. an D., »Corr. de Nap.«, 25, 392). Uebrigens erklärte 
Napoleon (vergl. den Text) dem Marschall, dass er sich die gelieferten Waren 
im Betrage von 10 Millionen auf die grosse Kontribution anrechnen 
lassen wollte. (N. an D., Dresden, 9. Juli 1813, >Gorr. du M^ Davout, 
ed. Maz.«, 4, Anm. 1 zu S. 220. Der Brief findet sich nicht in der 
>Correspondance de Napol&on«). 



— 68 — 

Gegenteile nicht an geeigneten Gegenvorstellungen fehlen. Schon 
am 11. hatte er in ähnlicher Angelegenheit an den Kaiser ge- 
schrieben : „Votre Majeste a d6cide que les depenses de Tadminis- 
tration de la guerre dans la 32® division militaire seraient h la 
Charge du pays et payees par les habitants. Ces döpenses sont 
niultipliees. Le Systeme seul des requisitions ne peut y suffire; 
il faut enconsequence lever les fonds pour en acquitter une 
partie, et il est nieme pr6ferable de supprimer les 
requisitions, parce (ju'elles ruinent le pays et sont 
la source de trof) d'abus. 

Votre Majeste a egalement ordonne dans la meine division 
des levees de chevaux, de voitures et de harnaix pour former 
deux bataillons d'equipages. (Jette levee serait trop mal faite 
par requisition; il m'a paru preferable des marches: 
cette autre mesiire necessite egalement des fonds."*) (D. a. N., 
11. »Juni, 1. c. p. lolJ). Derartige Vorstellungen wiederholen 
wich im Verhiufe der zwischen dem Marschall und dem Kaiser 
geführten Korrespondenz. 

Auch hatte Napoleon in einem vom 18. Juni datierten 
Dekrete (»Memoire« Davouts, Anl. 5, vergl. Corr., ed. Maz., 
4, 175, Anm. l) detaillierte Bestimmungen ü})er die Aufstellung 
einer sogenannten ^ Liste der Abwesenden** gegeben. Auf 
diese sollten die Teilnehmer an dem Hamburger Aufstande, 
ausserdem aber alle diejenigen Individuen gesetzt werden, welche 
sich seit dem 1. Miirz 1818 aus Hamburg entfernt hatten 
und innerhalb 14 Tagen nach der lU^kanntmachung des ge- 
nannten Dekrets nicht zurückgekehrt sein würden. Die auf 
jener Jjiste Stehenden sollten, so lange dies der Fall wäre, 
der bürgerlichen Hechte beraubt sein, ihre Güter aber seciues- 
triert werden. Unter Art. 8 wurde die Erneuerung der Ijiste 
in einem Zeiträume von jedesmal 14 Tagen angeordnet. 
Tit. II Art. () war gesagt, dass die Streichung von der „Liste 
der Abwesenden*" nur kraft eines kaiserlichen Dekrets zu 
erlangen sei. 

♦) Der Kaiser ordnete hierauf die Bezahlung der verlangten 
Gegenstände an. (»M6moire« Davouts, Anl. J3;. 



— 69 — 

Dieser Erlass Napoleons war von dem Marschall am 26. 
Juni veröffentlicht worden (»Affiches, Annonces etc.«, No. 92, 
26. Juni 1813, »Belege oder Aktenstücke« No. 10); er wurde 
jedoch durch die wenig später (s. unten) auf Davouts Bitten 
von dem Kaiser erlassene Amnestie annulliert.*) 

Inzwischen hatte der Marschall eine »Commission d'ac- 
cusation« zusammentreten lassen, um, behufs Bestrafung der 
bei dem Aufstande beteiligt gewesenen Personen, die poli- 
tischen Verbrechen derselben zu klassificieren. Es entsprach 
dies völlig dem Sinne des kaiserlichen Dekrets vom 10. April, 
welches die Departements der 32. Militärdivision hors la loi 
erklärte (Davouts »Memoire«, Anl. 3) und der Waldheimer 
Depesche vom 7. Mai. Nicht minder war auch der Beschluss 
jener Kommission vom 24. Juni (veröff. in d. »Affiches, 
Annonces etc.«, No. 92, 26. Juni 1813)**) den in dem 
letztgenannten Schriftstücke an den Marschall gerichteten Be- 
fehlen durchaus entsprechend. Diesem Beschlüsse zufolge wurden 
die Mitglieder des während des Hamburger Aufstandes funktio- 
nierenden Senates, ferner eine Anzahl abgefallener kaiser- 
licher Beamten im Hannoverischen — u. a. der Lüneburger 
Bürgermeister Kruckenberg — endlich die von Hess, Chevalier, 
Perthes, Godefroy, Prell, Metterkamp und von Ehrenstein 



*) Wie wenig strenge die Bestimmungen über die „Liste der 
Abwesenden** während der kurzen Dauer ihrer Gültigkeit in Hamburg 
gehandhabt wurden, beweist u. a. das Schicksal Prelis, der, wie der Leser 
aus der Einleitung weiss, in der Bürgergarde als Bataillonschef gedient 
hatte. Ein von selten Prelis dem Präfekten de Breteuil abgestatteter 
Besuch, bei dem jener sich in scherzhafter Weise als „anwesend" 
präsentierte und im übrigen seine Eigenschaft als Bataillonschef der 
Hamburger Garde unumwunden eingestand, genügte, um die Streichung 
seines Namens von der »Liste der Abwesenden« zu bewirken, eine 
Begebenheit, die uns die Tochter des Genannten, Marianne Prell, auf 
Seite 55—57 ihrer »Erinnerungen aus der Franzosenzeit in Hamburg«, 
in launiger Weise erzählt hat. 

**) Mitgeteilt u. a. auch in der »Antwort auf das Memoire des 
Herrn Marschalls Davout seine Verwaltung und Verteidigung Hamburgs 
betreffend«, Anlage 0. 



— 70 — 

in Anklagezustand versetzt und vor den durch das Dekret 
vom 10. April, Tit. II eingesetzten ausserordentlichen Gerichtshof 
der 32. Militärdivision geladen. Die zuletzt Genannten 
waren Chefs der Bürgergarde; ausser ihnen erstrockte sich 
das Dekret auch noch auf die (mit Namen nicht aufgeführten) 
Offiziere der hanseatischen Legion, deren Erschiesssung, 
wie sich der Leser erinnern wird, der Kaiser, laut der Wald- 
hoimer Depesche, ausdrücklich angeordnet hatte. 

Nun hat Abendroth in der »Antwort auf das Memoire 
des Herrn Marschalls Davout« (S. 24- -25), vergl. auch das., 
Anl. N) diesem einen Vorwurf daraus gemacht, dass er durch 
die genannte Kommission habe einen Beschluss fassen lassen, 
dahin lautend, „die fünf schuldigsten Individuen (unter den 
Mitgliedern des nach dem Abzüge der Franzosen funktionie- 
renden Hamburger Senats) sollten einer Militärkommission 
übergeben d. h.", wie Abendroth hinzusetzt, „im französischen 
Sinne totgeschossen werden." Die Identität dieser beiden Hand- 
lungen im vorliegenden Falle zugegeben, so hat Abeudroth un- 
recht, wenn er hinzufügt, dass der „Brief des Prinzen Berthier" 
(die Waldheimer Depesche) dies nicht verlange. Die Waldheimer 
Depesche (s. oben) verlangt dieses im Gegenteile sogar ganz 
ausdrücklicli,*) und der Irrtum Abendroths wird bloss da- 
durch erklärlich, dass er Berthiers Depesche nur in der 
Fassung kannte, wie sie Davout in seinem Memoire an den 
König veröffentlicht hatte. Der Marschall aber hatte in dieser 
Verteidigungsschrift, von dem edlen Gefühle der Schonung 
gegen seinen unglücklichen Herrn geleitet, alle diejenigen 
Stellen ausgelassen, welche durch ihre Härte den Kaiser 



*) Dieselbe verlangt sogar noch weit mehr; denn sie fordert, 
dass Davout alle Senatoren der Interimszeit nicht vor den ausser- 
ordentlichen Gerichtshof, sondern vor eine Militärkommission 
stellen, also militärgerichtlich über sie aburteilen lassen solle. 
Auch dass jene oben genannten fünf aus den verflossenen Sena- 
toren zu nehmen seien, wird in der Waldheimer Depesche ausdrück- 
lich befohlen. 



71 



irgendwie liuttou cnmpromittiereii können,*) Napoleon Belbst 
kam übrigens auf die Ersehiesaung der fünf Schuldigsten wietier- 
I hglt zurück; so heisat es in seinem Briefe aus Dresden vom 
24. Juni (mitg. in »Le Marechal Davout«, 3, 216 — 217, bei 
Montegut p. 196): „Si lors de votre entrae, vous aviez trouve 
les s^nateurs en charge et que vous en eusaiez fait pasaep 
cinq par les armes, cela eüt eti^ convenable''. 

InawischeD hatte Davout — dieser teuflische Bösewicht 
nach den Hamburger Schilderungen — sich bereits bemüht, 
den erzüroten Kaiser zu besänftigen und für die, doch nach 
seiner eigenen Anschauung, so scliwer kompromittierte Stadt 
Verzeihung zu eriangeu. Schon am 20. Juni schreibt der 
Marschall (1). an N., (Jorr,, ed. Maz., 4, 175): „Ce pßuple-<;i 
n'est malveillant que par intärgt, mais il u'est point mechant; 
et il n'a pas beaoin d'exemples severes. . ." Ist es nicht 
überraschend, solche Worte in dem Munde des Marschalls 
über das Hamburger Volk zu hören, welches doch jede (Ge- 
legenheit gern benutzte, um seine Soldaten und Beamten zu 
necken, ja zu insultieren? Ich erinnere in dieser Beziehung, 
tun nur ein Beispiel hervorzuheben, an die von Löwendal 
(a. a. O, S. 32) geschilderte — ebenso feige wie brutale — 
Misshandlung franzosischer Offiziere auf dem Jungfern stieg, kurz 
nach der Wiedereinnähme von Harabiu'g. Aber hören wir 



") Als Napoleon nach seiner Rückkehr von Elba mit dem 
Marschall auf die Sache zn sprechen kam, äusserle er über das 
Schreiben aus Waldbeim: ,,Nuii, Davout, gestehen Sie, dass mein 
Brie! Ihre Verteidigung wesentlich erleichtert hat"'. .,GaQZ gewiss, 
Sire'', enigegnete-der Marschall, der seinen Herrn wieder auf dem 
Throne Fraokceieha sah, „aber, wenn ich jenes Memoire heute 
schriebe, würde ich Ew, Majestät Brief ganz wiedergeben." (■La 
Hl^ Davout«, 3, 208, Änm. IV Bei dieser Gelegenheit möge aar 
weiteren Charakteristik des Marschalls hervorgehoben werden, dass 
er in seinem Memoire nur den Kaiser Napoleon kennt, während 
andere ehemals napoleonische Marschälle, die Soult und MassSna. 
in ähnlichen Rechtferlignngsschriften den Kaiser »Bonaparte« oder 
»Buonaparte« titulieren. (Vergl, hierüber die inleressanlen Nolii 
der Marquise de Blocquevüle, .Le M»? Davout«, 3, -i-20— 1-28), 



— 72 — 

Davouts Worte weiter! „Je regarde", hoisst es in dem- 
selben Briefe etwas später, ,^comme de mon devoir de 
dire k Votre Majeste quc je crois (pi'ü serait dans 
ses int6rets de ne punir ces gens que par Targent 
et de passer l'eponge sur le reste, et si j'etais auto- 
rise a faire connaitre votre clenience, j'ose assurer, 
Sire, que cela produirait le meilleur effet pour la 
rentree de la contribution, tout en ameliorant l'esprit 
des habitants". (I). an N., 20. Juni, 1. c. 4, 175 — 176).*) 

Für die wirksamen (Gründe, mit denen Davout seine 
wiederholt vorgetragene Bitte unterstützte, konnte der Kaiser 
nicht unempfänglich bleiben; schon am 1. Juli erteilt er dem 
>f arschall die Erlaubnis, eine Amnestie für diejenigen zu 
erlassen, die innerhalb 45 Tagen nach ihrem Wohnorte zurück- 
gekehrt sein würden ; im einzelnen giebt er ihm völlig carte 
blanche. (N. an 1)., 1. Juli, (-orr., ed. Maz., 4, 175 Anm.).**) Diese 
Amnestie wurde am 24. Juli verkündigt; das betreffende 
Dekret lasen die Hamburger in den Spalten des »Journal officdel 
du Departement des Houches de TElbe«, 181;], No. IIJ) und in 
den »Affiches, Annonces et Avis«, No. 108, 27. Juli 181H. 
Hiermit war das kaiserliche Dekret vom 18. Juni aufgehoben. 

Nur 28 Personen wurden von der Amnestie ausgc»- 
schlossen, unter diesen bloss 8 Hamburger: der Syndikus 
Gries, Dr. von Hess, Mettlerkamp, llanfft, Perthes, Professor 
Zimmermann, von Khrenstein, Ikuchvogt Meyer. (Vergl. 
Mönckeberg, »Hamburg unter dem Drucke der Franzosen«, 
S. 133). Wir brauchen uns indessen über das Schicksal dieser 



*) Der Leser wird bemerkt haben, wie fein Davout die In- 
teressen des Kaisers, dessen Geldnot ihm kein Geheimnis sein 
konnte, mit der Amnestieangelegenheit zu verflechten weiss. 

**) Auch in diesem Briefe kommt der Kaiser wieder auf die 
Entfernung der „canaille" zurück. „Ce qui serait surtont bien nöces- 
saire, c'est de vous ddfaire d'un tas de gens de la dernicre canaille 
qui ont 6t6 dans ]*insurrection et sont plus dangereux que les gens 
comme il faut.*' Davout hat, wenigstens ehe ihn die Not der Be- 
lagerung dazu zwang, nichts dergleichen gethan. 



- 73 — 

acht keine Sorgen zu machen. Sie waren alle ausser Schuss- 
weite, „keiner von ihnen hatte einen Versuch gemacht, sich 
zu unterwerfen; die meisten befanden sich in den Reihen 
der Feinde''. 

Hat nun die voraufgegangene Darstellung dem Leser 
vielleicht schon manches Ueberraschende geboten, so wird er 
sicherlich noch mehr erstaunt sein, wenn er das Schicksal 
jener Fünf erfahrt, welche als die Schuldigsten unter den 
Senatsmitgliedern befunden waren. Auch sie sind, um dieses 
gleich vorauf zuschicken, alle eines friedlichen und durchaus 
natürlifihen Endes verblichen. Mit zu den am schwersten 
Kompromittierten gehörten der Senator Bartels und Abendroth 
selbst, der ehemalige Hamburger Bürgermeister und Verfasser 
jener vielfach citierten Broschüre.*) Von diesen erhielt nach 
Mönckeberg (»Hamburg unter dem Drucke der Franzosent, 
S. 134 — 135) der erstere noch nach dem 5. August, d. h. 
nach dem letzten Termine für die Rückkehr der Ausge- 
wanderten, die Erlaubnis, aus Holstein zurückzukehren. 
Abendroth dagegen war noch vor der Uebergabe der Stadt 
nach Dobberan gegangen. Von dort hatte er sich schriftlich 
an Davout gewendet. Dieser soll in der ersten Erregung den 
Brief des Exbürgermeisters zerrissen haben. Später aber liess 
ihn der Marschall auffordern, Mecklenburg zu verlassen, nach 
Holstein zurückzukehren und von dort genügende Ent- 
schuldigungsgründe für sein Betragen anzugeben ; er (Davout) 
wolle die Gnade des Kaisers für ihn anrufen. Abendroth 
begab sich nach Kiel. Er erhielt die Erlaubnis, nach Ham- 
burg zu kommen, wo er seine Angelegenheiten ordnete, und 
von wo er nach Paris und Brest reiste; später kehrte er 
wieder über Hamburg nach Kiel zurück. Ja, er behielt, nach 
Mönckeberg, 1. c, S. 135, sogar sein Gehalt als Mitglied des 
gesetzgebenden Körpers inne. 

Auch hatte Davout den Hamburgern die Erlaubnis er- 



*) Die drei andern waren die Senatoren Koch und Schulte und 
der Syndikus Gries. 



— 74 - 

teilt, eine Deputation an den Kaiser nach Dresden zu senden, 
um ihn zu ersuchen, die Kontribution zu ermässigen.*) Hiervon 
aber wollte Napoleon nichts hören. (N. an D., 9. Juli, Corr., 
ed. Maz., Anm. zu 4, 220; »Le Marechal Davout«, 3, 218, Mont^- 
gut, 196), und die von den Franzosen aufgefangenen Briefe 
der Hamburger Abgesandton an ihre in Holstein sich auf- 
haltenden Angehörigen bewiesen unzweideutig, dass, wie der 
aufgebrachte Marschall nunmehr schreibt, „von diesen Leuten 
nur durch (ilewaltmittel etwas zu erlangen sei". (D. an N. 
12. Juli, Corr., ed. März., 4, 221). Wie richtig hatte Napo- 
leon (oder Davout, der nach Amsinck diese Aeusserung zu- 
erst gethan haben soll!) den Geist der Kaufmannstadt be- 
urteilt, als er, einige Tage zuvor, an den Marschall geschrieben 
hatte : „La meilleure maniere de punir les marchands c'est, 
en effet, de les faire payer." (Mont(3gut p. 196). Dass sie 
bezahlen mussten, das hat diese Krämer von allem am 
tiefsten gekränkt, viel mehr als alle die Menschenopfer, welche 
der grausame Krieg verschlang, viel mehr auch als die Sorge für 
das kleine Vaterländlein an der Alster — geschweige denn 
der Gedanke an das grosse, deutsche Vaterland! 

Doch zurück zu dem Gange der Ereignisse. Wenn 
Davout (s. oben) von „Gewaltmitteln*' redet, die gegen die 
säumigen Zahler der Kontribution ergriffen werden müssten, 
um überhaupt etwas zu bekommen, und wenn, wie ich hinzu- 
setzen nmss, diese Gewaltmassregeln vcm seiten der franzö- 
sischen Regierung auch in reichlichem Masse gebraucht wur- 
den, so verdient doch rücksichtlich derselben nochmals her- 
vorgehoben zu werden, dass Napoleon den Marschall zur 
Anwendung solcher Massregeln wiederholt gedrängt hat. So 
heisst es in dem l^riefe aus Dresden vom 9. Juli (Corr., ed. 
Maz., Anm. zu 4, 220): „Tant que les 10 millions (jui 
restent ä payer ne seront pas pay(5s, tous les ma- 

*; Es hat sogar eine zweimalige Entsendung derartiger Deputa- 
tionen stattgefunden, die eine im Juni, die andere zu Anfang Juli. 
Von den mit dieser letztern zusammenhängenden Ereignissen ist oben 
die Rede. 



— 75 — 

gasins demeureront sous le sequestre, car je suppose 
que V0U8 avez mis et maintenu le sequestre sur 
les gros magasins et meme sur les boutiques." Ja, 
der Kaisör fügt hinzu, dass er die Kontribution, aller Gegen- 
vorstellungen ungeachtet, ganz ausbezahlt haben will,*) „sans 
qu'il en soit retranche un sou." Die Sequestrierung will er auf die 
Handelshäuser und Wohnungsmieten des Bezirks der 32. Militär- 
division ausgedehnt wissen — „les bätiments et les maisons 
m'appartiendront. Les marchandises m'appartiendront de meme" 
— und als der Graf Chaban, Davouts Intendant, hierauf entgegnet, 
dass es nicht für 10 Millionen mit Beschlag zu belegende 
Kolonialwaren in Hamburg gebe, erwiedert der Kaiser mit 
unerbittlicher Logik, dass von ,, Kolonialwaren" hier gar nicht 
die Rede sei, dass es aber in Hamburg auch ungeheure 
Mengen von Leinen, Tuchen, Wein und Branntwein, Gewürz- 
und Spezereiwaren gebe — und zwar für mehr als 100 Milli- 
onen. (N. an D., Dresden, 16. Juli, Corr., ed. Maz., 4, 230 
Anm.). 

Ich will, um nicht durch Häufung zu vieler Einzelheiten 
zu ermüden, von diesem Gegenstande nunmehr abbrechen. 
Die überwältigende Macht der Thatsachen und der von ihnen 
zeugenden Dokumente wird, so hoffe ich, bei allen Mängeln 
meiner Darstellung, dem vorurteilsfreien Leser die Ueber- 
zeugung gegeben haben, dass, wenn Napoleon bei Hamburgs ' 
Bestrafung den Marschall Davout ausgesucht haben sollte, weil 
er in ihm ganz besondere Henkertugenden entdeckt zu haben 
vermeinte, — dass in diesem Falle der — doch sonst so scharf- 
sinnige — JLaiser einen recht erheblichen Rechenfehler be- 
gangen haben muss.**) 



*) Abzüglich des Wertes der in natura gelieferten Sachen. 

**) Wenn man für die Wahl Davouts absolut noch andere als 
rein müitärische Gründe — seine Bekanntschaft mit den Verhältnissen 
des 32. Müitärbezirkes — annehmen will, so liegt es weit näher, an 
die seit Jahren zwischen dem Marschall und dem Kaiser bestehende 
Spannung zu denken. Die Marquise de Blocquevilie hat uns, an 
vielen Stellen ihres trefflichen Werkes, von dieser Spannung zwischen 



— 76 — 

Habeu wir uns in diesem Kapitel — vielleicht etwas zu 
umständlich — mit Davout, dem Vollstrecker der kaiserlichen 
Strafbefehle, beschäftigt, so werde ich im nächsten in kurzen 
Zügen den Marschall als Befestiger von Hamburg und Har- 
burg zu schildern versuchen. 



dem Kaiser und seinem übrigens unverbrüchlich treuen Diener be- 
richtet; weniger Gewicht legt Mazade (»Cor. du M»] Davout«, I, 
Introduction XXXVII— XXXVIII) auf dieselbe; dagegen hat Montögut 
der »injuslice de Napoleon envers Davout< ein volles Kapitel (VIII) 
seines Werkes gewidmet. Für ausgeschlossen halte ich es immer- 
hin nicht, dass dieser Umstand bei der Wahl des Marschalls für den 
Hamburger Posten in etwa mitgewirkt haben mag. Eine beneidens- 
werte Aufgabe war es auf keinen Fall, am wenigsten für einen Mann 
von Davouts militärischer Bedeutung: sie entfernte ihn von der 
grossen Armee und gab ihm dafür das odiöse Amt des Exekutors 
gegen eine dem Zorne des Kaisers verfallene Stadt. 



3. Kapitel, 



Die Befestigung u. Verproviantierung 
von Hamburg und Harburg. 



Kontributionen und Requisitionen. 

Ein jeder, der, wie der Verfasser, das militärische Hand- 
werk und seine Satzungen aus eigener Erfahrung kennen ge- 
lernt hat, weiss, das es die oberste und, fast möchte man 
sagen, einzige Pflicht eines Festimgskommandanten ist, den 
ihm von seinem Kriegsherrn oder der Regierung seines Lan- 
des anvertrauten Platz unter allen Umständen bis auf 
das äusserste zu halten, coüte que coüte. Nach diesem Grund- 
satze würde also Davout kein Tadel treffen, selbst wenn er, 
um den genannten Zweck zu erreichen, in Hamburgs Weich- 
bilde keinen Stein auf dem andern gelassen, und wenn er sich 
und die Hamburger Einwohner, bis auf die letzte lebende 
Seele, unter den Trümmern der zerschossenen oder nieder- 
gebrannten Stadt begraben hätte.*) Was der französische 

*) Man wolle sich, ehe vorschnelle Urteile über den Marschall 
Davout gefällt werden, lieber vorher gründlich darüber unterrichten, 
wie es bei andern in der Weltgeschichte berühmt gewordenen Be- 
lagerungen hergegangen ist, deren Verteidiger, anstatt getadelt zu 
werden, mit Ruhm und Ehren überhäuft worden sind! Insbesondere 
verweise ich auf die in den »Memoires du G^n^ral B^ de Marbot« 
(I, Kap. 11—13) entworfene, farbenreiche Schüderung der wahrhaft gräss- ^'oil/mU^ 
liehen Leiden, welche die Besatzung wie die Bevölkerung Genuas er-^J^^^^^ /, 
dulden mussten, als sich Mass^na dort, im Jahre 1800, rä outrance" ^^ 
gegen die Oesterreicher verteidigte ! Hat man ihm einen Vorwurf dar- 
aus gemacht, dass er durch seine hartnäckige Ausdauer dieses ent- 
setzliche Elend über die Stadt brachte? Ist nicht im Gegenteile die 




-- 78 — 

Marschall in dieser Beziehung gethan hat, und wie weit er ge- 
gangen ist, werde ich dem Leser in diesem und den folgenden 
Kapiteln in Umrissen zu zeichnen versuchen, wiederhole aber 
auch hier die schon öfters gemachte Bemerkung, dass ich auf die 
rein technische Seite der Sache, in welcher ein Kenner zu 
sein, ich mir nicht anmasse, nur insoweit eingehen werde, als 
es mir für den deutlich ausgesprochenen Zweck meiner Arbeit 
nötig erscheint. Tm übrigen ist ja auch das Urteil über die 
militärische Seite der Befestigung und Verteidigung von 
Hamburg ziemlich allgemein feststehend: sie ist eine der be- 
bedeutsamsten Erscheinungen in der Kriegsgeschichte, und 
ein jeder Preusse wird mir ohne weiteres zugeben, 
dass er sich freuen würde, wenn Spandau, Küstrin, Magde- 
burg, Glogau oder Breslau im Jahre 1806 in einer Weise 
verteidigt worden wären, wie Hamburg 1818 — 1814. Hätte 
Hamburg in den letztgenannten Jahren einen ])reussischen 
Kommandanten gehabt, man wäre sicherlich preussischerseits 
längst mit der Aufgabe fertig, die seit 74 »'ahrhunderten in 
die Welt hinausposaunten Urteile der A Isterpatrioten gründlich 
zu widerlegen. 

Aber lassen wir den Thatsachen das Wort! Am 7. Juni 
schreibt der Kaiser von Bunzlau an den Marschall jenen 
merkwürdigen Brief (»Corr. de Napoleon*, 25, 372—374; 
»Corr. du Mal Davout«, 4, 155, Anm. 1, auch mitgeteilt als 
Anlage 8 zu dem Memoire des Marschalls), in welchem er, 
ohne Hamburg jemals mit eigenen Augen gesehen zu haben, 
in wenigen genialen Strichen ein imposantes Bild von der bis 
dato nur in seinem (leiste existierenden Eibfestung entwirft. 
Hamburg und Harburg sollen zu einem grossartigen Festungs- 



Verleidigung Genuas eines der schönsten Lorbeerblätter, welche die 
Geschichte um die Schläfe jenes grossen Kriegers gewunden hat! Und 
doch hatten die Genuesen Drangsale erleiden müssen, welche die Not 
Hamburgs weit, weit überstiegen! Warum Davout zum Vorwurfe 
anrechnen wollen, was bei einem andern, unter ähnlichen Verhält- 
nissen, den verdienstvollen Handlungen beigerechnet wird? Welche 
Ungerechtigkeit und — welche kritiklose Thorheit! 




79 



Bysteme umge schaffe a wtirüen, verbunden ilurch Fähren, Brückeu 

md durch eine über die Wilhelmsburg projektierte Chanasee 

spätere Ausführung war das Werk des Ingenieurs 

Jjousselin*) — das Oauze denkt sich der Kaiser miiglieh durch 

Ausbau der alten, bereits von Tettenborn und den Hanseaten 

ffieder einigerinasseu ausgebesserten Festungswerke,**) imter 

Neubefestigung der Thore, Anlage neuer Vorwerke, verdeckter 

TVege und PalHsaden, wie unter gleichzeitiger Zuhilfenahme der 

Elbinseln, die durch ein System von Redouten und Deichen 

okkupiert werden sollten, l'nd dieses gewaltige Werk, das 

^^i gründlicher Ausführung ,, wenigstens 10 Jahre und 30 bis 

^0 Millionen erfordert hätte", soll in wenigen Monaten und 

[1 Aufwände von nur 2—3 Millionen hergestellt werden. 



•) Eine genauere Beschreibuog dieser Anlagen findet sich u. a. 
n »Briefen über Hamburgs und seiner Umgebungeu Seliickaale 
Kwäbrend der Jahre 1813 und 18U., I, S. 14^-161. 

") Die Stadt Hamburg war in der That von früher her mit 
■einem Kranze regelmässiger Festungswerke umgeben, doch hatte man 
Rieaelben — was bei dem untriegerischen Charakter der Bevölkerung 
fierklärlich ist — schon seit langem gänzlich verfallen lassen. Mehrmals 
I Verlaufe des 18. Jahrhunderts die Stadt von fremden Kriegs- 
■vflikern bedroht und einmal sogar besetzt gewesen. Da hatten sich 
denn die braven Hamburger, anstatt blutige Köpfe zu riskieren, ,,bo gut 
es gehet! wallte, durch Unterhandlungen, Fügsamkeit und Geldopfer 
1 helfen gesucht". So halte man schliesslich, von der Nutzlosigkeit 
[j3er Festungswerke überzeugt, nicht allein die Errichtung von Gebäuden 
lud Anlagen in deren unmittelbarer Nähe zugelassen, sondern es 
1 auch die Glacis und die Wälle geebnet, die Zugbrücken entfernt 
Rind statt deren bequeme Dammwege angelegt. Die Hauptmassen der 
varen Creilii-h geblieben, aber nm als Promenadenwege zu dienen. 
1 deren schattigen Eichen. Linden und Ulmen sich der Spaziergänger 
pBrfreute (vergl. über die allen Festungswerke die soeben citierlen 
f»BriBfe über Hamburgs und seiner Umgebungen Schicksale., I, 86—97). 
Das wurde nnn freilich alles anders, als hinter den Wällen, 
fanstalt der friedliclieu Bürgergardisten des ancien regime, sich napo- 
leonische Krieger zu einer verzweifelten- Gegenwehr rüsteten. Wie 
sonderbar, Ja wie komisch muss da für jeden allen Soldaten das 
Jammern der Hamburger über die verwüsteten Seufzeralleeu ihrer 
[Wälle klingen! 



— 80 -- 

Freilich würden es in dieser Gestalt, anstatt eine Einschliessung^ 
von Monaten, nur eine solche von 15 — 20 Tagen gegen ge- 
öffnete Laufgräben aushalten können, — soll es doch auch 
anstatt mit 25000 mit nur 6000 Mann verteidigt werden — 
aber der Kaiser verlangt zugleich die Anlage einer Citadelle^ 
in welche sich die Jk^satzung nach der Einnahme des Ortes 
werfen und noch 2- -H weitere Monate halten kann! Ein 
gewaltiger l*lan*) von S(»iten des Kaisers, der aber durch 
Davouts Ausführung in gewisser Weise noch übertroffen wurde. 
Denn Napoleon, welcher Hamburg zunächst nur als einen 
Stützpunkt für die ()|)erationen des Davoutschen Korps 
betrachtete, den er gegen einen »coup de nuiin* gesichert haben 
w(dlte, Napoleon konnte damals nicht ahnen, dass die in 
höchster Kih^ und daher natürlich inniu^rhin mangelhaft her- 
gestellte Festung ein ganzes Armeekorps aufnehmen und sich 
mit diesem nicht 20 Tage, sondern 5 Monate lang verteidigen 
sollte! War dies(^s ohne die grössten Opfer, auch von Seiten 
der Bevölkerung, überhaupt denkbar? Tnd um nun diese 
Opfer, welche der Verteidiger Hamburgs von dessen 
Hewohnern fordern musste, gleich von vornherein in das 
richtige Licht zu stellen, so erlaube ich mir, eine Stelle des 
kaiserlichen Briefes hervorzuheben, welche in unzweideutigster 
Form an den Marschall einen Befehl enthält, dessen Aus- 
führung man diesem später so oft als eigenmächtige und 
unnötige (irausamkeit vorgeworfen hat. „ Vingt-quatre heures 
apres Tarrivee de mon officier d'ordonnaixie", heisst es \Ui in 
Napoleons kategorischer Ausdrucksweise, „10000 travailhuirs 
(loivent etre h Touvrage." 



*) Ich will jedoch nicht verschweigen, dass der Verfasser der 
»Henierkungen über das Memoire des Herrn Marschalls Davout etc.« 
in ihm „ein seltsames (Ihaos verworrener Be^rifTe und Theorien voll 
abenteuerlicher Widersprüche*^ sieht. (S. 6 der genannten Broschüre). 
Was mau nicht alles zu sehen glaubt 1 Anstatt der lichtvollsten Dar- 
stellung ein „Chaos verworrener Begriffe und Theorien!" Freüich will 
ich zu des Verfassers Entschuldigung gerne glauben, dass Napoleons 
militärische Gedanken das Mass seiner Fassungskraft in etwa über- 
stiegen ! 




I 



— 81 — 

Es ist wohl vou Vüriihercin ninleuchteml, dass der 
Marschall bei der in Hamburg gegen die Franzosen herrschenden 
Stimmung nicht eine solche Anzahl freiwilliger Arbeiter 
finden würde: Was blieb ihm also anders übrig, als alle 
männlichen Einwohner arbeitBpflichtig zu machen und sie der 
Reihe nach zu kommandieren, wobei es einem Jeden frei 
stand, für sich einen ätellyertreter zu stellen? Die freiwilligen 
Arbeiter bekamen täglich einen Franken Lohn. Tst das 
Verfahren Davouts unmenBchlich*' Was thaten aber die 
pfiffigen HamburgerP Von Tag zu Tage nahm die Zahl der 
freiwilligen Arbeiter ab; denn diese konnten begreiflicherweiae 
mehr verdienen, wenn sie sich als Stellvertreter der Wohl- 
habenden engagieren liessen. Dieser Unfug wurde so arg, 
Aaes der Maire ßiider dagegen in einer Bekanntmachung vom 
14. August einschreiten musste. (»Belege der -Aktenstücke 
zu der Erzählung aller Begebenheiten im unglücklichen Ham- 
burg', Nu. 34). Andere sandten "Weiber und Kinder, und 
Graf Löwendal {1. c. 28—29) bemerkt, wie er sich oft darüber 
verwundert habe, dasa die französischen [ngenieuroffiziere , diese 
schwachen Geschöpfe" annahmen — der Leser möge selbst 
entscheiden, wer hier eigentlich barbarischer gehandelt hat, 
der , Jakobiner Eckmühl" und , seine Schergen" oder — die 
braven Hamburger Familienväter? 

Auch verdient bei dieser Gelegenheit hervorgehoben zu 
werden, dasa der von den Hamburgoru gleich Davout viel- 
verketzerto Gouverneur Graf Ilogendorp es gewesen ist, 
welcher es flurchsützte, dasa die Frauen und Kinder der 
ärmeren Klassen zu den Festungs arbeiten zugelassen und die 
Frauen mit zwei Dritteln, die Kinder mit der lliilfto des'den 
Männern zustehenden Lohnes bezahlt wurden. {S. 'Memoires 
du General Dirk vau Hogendorp, publ, par son petit-Sls M. 
le Comte J). U. A. van Hngendorpc, p. 392), 

Anderseits ist es eine Thatsache, daas, wie der Ver- 
fasser von 'Davouts Miasethaten*, S. R hervorhebt, mehrere 
angesehene Bürger einige Tage lang persönlich zum Schanzen 
gezwungen worden sind — wie z. B. die Kaufleute Schuback 



— 82 — 

und Wortmann und ein Geistlicher Hamburgs — aber es 
geschah, um eine notwendige Prossion auszuüben, da man 
auf keine andere Weise die verlangte Zahl von Arbeitern 
zusamraenbekommen konnte. Was blieb da schliesslich an- 
ders übrig, als den Befehl zu erlassen, die 10 vornehmsten 
Bürger eines jeden Kantons zum Schanzen zu nehmen und 
sie ausserdem zu einer Kontribution von 10 Franken per Tag 
für jeden Arbeiter ihres Kantons, der nicht der Aufforderung 
zur Arbeit nachkäme, heranzuziehen? 

Aber auch so war es nicht möglich, die Zahl der ver- 
langten Arbeiter (4000 sollten von der Stadt, 2000 von dem 
Landgebiete gestellt werden) zusammenzubringen. So musste 
denn der Träfekt de Breteuil am 8. Juli an den Maire Rüder 
schreiben (Abendroth, Anlage .1), dass, wenn am folgenden 
Tage die Schanzarbeiter nicht vollzählig bei der Arbeit er- 
schienen, der General von Osten für diesen Fall den Befehl 
erhalten habe, alle arbeitsfähigen l^eute, ohne Unterschied des 
Alters und Geschlechtes, aufzugreifen. Diese Massregel ist 
offenbar Drohung geblieben und war wohl auch von vorn- 
herein nur als solche erlassen; denn, wäre sie zur Ausführung 
gekommen, so hätten wohl die Hamburger (lieses schwerlich 
verschwiegen; aber meines Wissens hat keiner ihrer Schreiber 
hierüber etwas berichtet. Auch macht der vielbesprochene*) 
Brief Breteuils schon nach Inhalt und Ton den l^^indruck, als 
habe es sich dabei nur um Drohung gehandelt. Denn auf 
das nachdrücklichste ermahnt der Präfekt den Maire, seinen 
säumigen Unterbeamten auf die Finger zu sehen, um auf 
gütlichem Wege die Befolgung des Befehls durchzusetzen. 
„S(Wissez", heilst es in jenem Briefe, „contre vos agents, ad- 
joints ou conseillers municipaux, qui ne vous secondent pas 



*) Vergl. Abendroth, S. 20 und Anl. J. Mönckeberg, »Hamburg 
unter dem Drucke der Franzosen«, S. läO— 131, J.A.Michaelis, »Ham- 
burgs denkwürdige Schicksale in den Jahren 1813 und 1814«, S. 89—90. 
Nebenbei mag bemerkt werden, dass die bei Mönckeberg a. a. 0. 
S. 130 sich findende Darstellung der Heranziehung der Hamburger 
Notabein zu den Schanzarbeiten an Verwirrung leidet. 



— 83 — 

ou qui y mettent de la mauvaise volonte", und desgleichen : 
„Evitez done cette niesure de rigueur, Monsieur le Maire, cela 
est de la plus grande importance pour vos administr^s." Macht 
das ganze Verfahren den Eindruck der Unmenschlichkeit? 

Wenn ich jetzt zu einem andern, die Bestimmungen 
des Belagerungszustandes betreffenden Dekrete übergehe — . 
welches von dem unter Davouts Befehle stehenden Gouver- 
neur Grafen Hogendorp erlassen wurde — so geschieht es 
einerseits, weil dieser Befehl dem eben besprochenen zeit- 
lich nahekommt (er wurde am 15. August erlassen), dann 
aber, weil er auch inhaltlich — Belagerung und Belagerungs- 
zustand sind ja nicht wohl zu trennen — ganz gut hierher 
passt. 

Um uns zugleich die allgemeine Lage kurz zu ver- 
gegenwärtigen, so war ja bekanntlich am 4. Juni, unmittel- 
bar nach der Wiedereinnahme Hamburgs durch Davout, der 
Waffenstillstand zu Poischwitz abgeschlossen worden, welcher, 
einschliesslich einer späteren Verlängerungsfrist, bis Mitte 
August dauerte, und vor dessen Ablauf bekanntlich Oester- 
reich der Koalition gegen den Kaiser beitrat. Davout hatte 
in dieser Zeit das aus den ihm zur Verfügung stehenden 
Truppenmassen neugeschaffene 13. Korps zu formieren, wäh- 
rend Vaudamme vom Kriege an der Niederelbe abberufen 
und zur grossen Armee kommandiert wurde, wo er den Be- 
fehl über das 1. Korps übernahm und bekanntlich am 30. 
August bei Culm von den Oesterreichern, Bussen und Preussen 
geschlagen und gefangen wurde. Dem Marschall dagegen 
sollte nach Beendigung des Waffenstillstandes die Aufgabe 
zufallen, mit Unterstützung eines dänischen Hülfskorps ost- 
wärts gegen Mecklenburg zu operieren und, indem er den 
rechten Flügel der feindlichen Hauptarmee bedrohte, die Ope- 
ration Oudinots gegen Berlin zu unterstützen. Um diese 
Zeit nun (20. August) erschien jener Erlass des Grafen 
Hogendorp, welcher die besondern Bestimmungen des be- 
reits am 18. Juni von dem Kaiser über Hamburg und Lü- 

6* 



— 84 — 

beck vorhängten Belagerungszustandes enthält. *) Derselbe 
lautet : 

„Der Graf von Hogendorp, Divisionsgeneral, Aide de 
Camp dos Kaisers etc., erwägend: 1) Die Aufkündigung des 
Waffenstillstandes und den nahen Anfang der Feindseligkeiten, 
2) dass in einer in Belagerungszustand erklärten Stadt jede 
Zusammonrottierung den Gesetzen zuwider ist, um selbiger 
zuvorzukommen, sie zu zerstreuen und durch alle möglichen 
Mittel zu vorhindern, beschliosst: 

1. Alle Vorsammlungen von Menschen in den Gassen 
der Stadt oder den Vorstädten sind aufs strengste verboten. 

2. Besagte Versammlungen sollen durch die bewaffnete 
Macht auseinander getrieben werden; wenn sie nicht auf die 
erste Aufforderung auseinander gehen, so sollen die Schuldigen 
arretiert und erschossen worden. 

8. Frauenzimmer sollen gleichfalls durch bewaffnete 
Macht auseinander getrieben, arretiert, mit Ruten gepeitscht 
und eingekerkert werden. 

4. Das Zusammenstehen von mehr als vier Personen 
soll als Versammlung angesehen werden. 

5. Im Falle eines feindlichen Angrilfs gegen Hamburg, 
wenn die Truppen zu den Waffen greifen oder Kanonen ge- 
löst werden, sind die Bürger gehalten, sich in das Innere 
ihrer Häuser zu begeben und die Thüren zu verschliossen. 

6. Jeder Fjin wohner, der^ keine öffentliche Verwaltung 
versieht, welcher während des Kanonenfeuers, ohne schrift- 
liche Autorisation, in den Strassen der Stadt oder den Vor- 
städten angetroffen wird, soll arretiert und von uns zur Ein- 



*) Dieser vielbesprochene Erlass ist in vielen der die Hamburger 
Ereignisse von 1813 behandelnden Broschüren und Darstellungen in 
extenso mitgeteilt. Er findet sich u. a. in den »Belegen oder Akten- 
stücken«, No. 37. Veröffentlicht war derselbe in den »Affiches, An- 
nonces etc.«, No. 122, vom Freitag, 20. August 1813. — Das oben ge- 
nannte kaiserliche Dekret vom 18. Juni findet sich in dem »Memoire« 
Davouts, Anl. 19. 



85 



kerkerung verurteilt, oder nach den Umstünden vor eine 
L Militärkommission gezogen werden. 

7. Jeder Einwohner, welcher auf den Wällen des Innern 
I und den Aussenwerken angetroffen wird, soll arretiert, zur 
I Einkerkerung verurteilt, und, wenn es während eines Angriffs 
I ist, erschossen werdeu. 

8. Jeder, der überwiesen ist, beunruhigende Gerüchte 
[ verbreitet zu haben oder durch Schriften, Worte und Hand- 
I lungen die öffentliche Ruhe zu stören suchte, soll arretiert 
[ und vor eine Militärkommisaion gezogen werden. 

9. Sollte zwischen einem Einwohner und einem Militär 
I ein Streit entstehen, so soll Her Einwohner uns oder dem 
I Platz komm an danten seine Klage vorlegen, und es soll ihm 
[Gerechtigkeit widerfahren; aber auf keinen Fall und unter 
[" keinem Vorwand darf der Einwohner unternehmen, sich seihst 
[ Recht zu versohaffen. 

Jeder Einwohner und Bürger, der an 'einen französischen 
I Militär Hand anlegen würde, vorzüglich, wenn er im Dienst 
[und von der Wache ist, aoU ersehoason werden. 

10. Gegenwärtiger Beschluss soll in beiden Sprachen 
I gedruckt, in der Stadt und den Vorstädten bekannt gemacht 
I und angeschlagen werden." Graf von Hogendorp. 

Solche Befehle mögen, rein menschlich betrachtet, hart, 
I zum teil sehr hart erscheinen, vom militärischen Standpunkte 
[ aus angesehen, entsprechen sie fast durchgängig den auch 
'heute uoeh bestehenden Bestimmungen des Belagerungszustan- 
des, Am unangenehmsten mag den nicht an militärische 
[ Härten gewöhnten Leser der Artikel 3, die körperliche Züch- 
I tigung weiblicher Personen betreffend, berühren, doch war 
t dieses eine nach deutschem Rechtsbrauch damals noch in 
ausgedehntem Masse und namentlich im vorliegenden Falle 
I angewendete Strafe.*) 

•) Graf Hogendorp könnte sich in seiner lU) Jahre 1814 ver- 
, Öffentiichlen RechlfertiganKsschnfl fuglich auf den deutschen Rechts- 
ich berufen, Auiserdem fuhrt der Graf aus dass es sich begreif- 
licherweise nur um die Weibei der niedrigsten \ iilksklusse habe han- 



— 80 - 



An unfreiwillige Komik aber streift die Klage eioes 1 
]{amburger Chroniston, welcher die Haiidlmbung dee Artikels 3 J 
als eine grobe Vorlotzung der doch sonst den Franstoaen so I 
sehr nachgerühmten Galanterie heklagtl O ai taiiuieseB, J 
autor haniburgensis! Hat wohl jemals eine Militärbßhörde ia I 
einer belagerten Stadt „fialaaterie" geübt, zumal gegen jene 1 
Klaaso von Frauenzimmern, welche auf den (lassen zusammen- | 
zustehen und den gcsetz massigen Aiiffordorungen, sich 
entfernen, nicht Folge zu leisten pHegen ? ^ 

Soweit über das Dekret vom 15. August. Schon während'! 
des Sommers hatte Davout ausser an der Befestigung be> 1 
greiflicherweise auch an der Verproviantierung von Hamburf.l 
gearbeitet. Um aber die Fülle der von ihm erlaasonen Ver^l 
proviantierunga-, Kequiaitions- und Fouragierungsdekrete ift I 
ihrem richtigen Lichte betrachten und würdigen zu könneD, ' 
müssen wir, zumal der Charakter dieser Erlasse mit der Zeit 
und don Zeitumständen wechselt, noch einmal einen lüiek auf 
die militäriHchon Verhältnisse werfen, deren kurze Betrachtung 



dein küiinen, jene Weiber, welche sii;li tiacli der Angabe ihrer eigenen j 
Lundsleult, bei den lumulluarischeii Svenen des 24. Februs 
ausaezeidinot hallen. Und auch dieae wuriien mit jener Sltafe nui | 
in dein Falle bedroht, doas sie, nachdem alarmiert worden wäre, a 
zusamin eil rotten würden, Daaa derartige Zusammenrottuneen iibla.'l 
Folge haben konnten, hatte der 2i. Kebruar bewiesen; man muHsl«.] 
also Vorsichtsmassregeln ergreifen, um so mehr, als zur Zeil derVer»] 
OFTentlichung dieses Befehles das 13 Korps im Begrifle stand, dls. 
Feindseligkeiten gegen die Verbündeten wieder zu erßfTnen und dic | 
volkreiche Slaiit während des lierbätfeldzugs wiederurn nur eine ] 
Garnison von 2-3000 Mann behallen Ecillle. 

Uehrigens wurde auch in diesem Falle nicht so heiüs gcnesseDr 1 
wie gekocht war. Wenigstens versichert Graf Hogendorp, (laa 
einzige Frau auf seinen Befehl jener Strafe wirklich unl< 
worden sei, ja. dass, so lange er sein Kommando geführt (er legt« 1 
dasselbe, wegen Differenzen mit dem Marschall, nach Mitte Dez 
nieder) überhaupt keine Arretierung einer weiblichen ferson stattife- I 
funden habe. (>M£moireH du Cr£n6ral Dirk von Hogendorp etcc^l 
p. 381-383). 



— 87 



I BUS allerdings zwingen wird, den bisher im groBsea und ganzen 
I noch innegehaltenen chronologiBoheii Faden zeitweilig zu ver- 
I lassen und den soeben geaehildorten Ereignisaen etwas 
[ yorauezueilen. 

Die Operationen begannen am 17, August. Davout 
t rückte — gegenüber stand ihm Wallnioden-Gimborn — zunächst 
I bis nach Schweriu vor; beabsichtigt war, wie bereits bemerkt, 
Leine Kooperation mit dem auf Ii«rlin marachierenden Oudinot 
Foder wenigatenfl eiue üemonatration zu dessen Gunsten. Als 
teich aber dieser am 23. August bei Grossbeeron schlagen Hess, 
I und hierdurch die beabsichtigte Kooperation hinfallig wurde,*) 

'j Es ist dem Marschall vielfach (a. a. von Zander) vorgeworfen, 
, nachdem er verhällnissmässig schnell hia Schwerin vorgerackt, 
['Btehen hlieb und, anstatt den rechten FJijgel der Verbiindelea ernstlich 
i bedrohen, sich sogar nach Ratzeburg und späler Immer weiter 
^.surückzo^;. Man hat in dem zögernden Feldherrn des Jahres 1813 den 
L Sieger von Auerstädt "nicht wiedererkennen zu können behauplut; ja. 
inwissende Hamburger Schreier haben den Marschall sogar der 
Feigheit (sie!) geziehen, ein Vorwarf, der wohl am besten mit Still- 
schweigen zu beantworten sein dürfte. Der Verfasser lässt sich, nach 
seinem öfler geäusserten Grundsatze, niciit gerne auf slralegische 
Diskussionen ein ; nur erlaubt er sich za bemerken, dass der Marschall 
nach der Schlacht bei Grussbeeren die vorgeschobene Stellung in 
J Mecklenburg immerhin für bedenklich halten konnte, zumal ihm über- 
I triebene Berichte von feindlicher Seite über die Niederlage der Fran- 
zukamen (vergl. den Brief D.s an Oudinot, Ratzeburg, i. Sept. 
I 181.^, Corr, id. Maz., 4, 274); daher bezog er die feste Stellung bei 
[ Balzeburg, van welcher aus er abermals vorzugehen beabsichtigte, 
FBobald die gegen Berhn bestimmte Armee wiederum die Offensive 
f. ergriffen haben würde, (ib.) Dieser Plan wurde durch die Schlacht bei 
l Dennewitz vereitelt Es ist ja immerhin wohl denkbar, dass die 
' furchtbaren Erfahrungen in Russland den methodisch angelegten und 
1 jeher vorsichtig operierenden Davoul noch vorsichtiger gemacht 
hatten. Anderseits ist zu bedenken, dass der Marschall schon vor der 
Schlacht bei Grossbeeren von der Hauplarmee gänzlich abgeschnitten, 
Oberhaupt völlig isoliert und auf sein, wie bereits erwähnt, grösslen- 
ruppen bestehendes Korps angewiesen 
! des Krieges hätte er nach meiner 
ir «ine Ansicht! — schwerlich mehr 
\ enischeideiid einwirken können, nachdem die Dinge bei Grossbeereo 



I teils aus jungen und ungeübten 
^ war. Auf die grossen Ereigni 



RS 



ziirfein die Schweriner Linie dein ^liiisclidU wo^fon ihrer A.ua- 
dehnutig zu gefährlich erschitsn, da begann er am '2. September ] 
eine mothodisRhe Ttückwärtsbewegiing auf die Stecknitz und] 
beaotzte ^ llatzeburg als Avantgardopoaten behaltend 
eine Linie, die sieh rechts bis Lauenburg, links bis Liibeok j 
und Travemündo erstrcokto Hier stand Davout, einer der 1 
gposBtcn Marschälle Frankreichs, durch des Kaisers Schniolleo ' 
und die Ungunst der Verhültnisse zu einer relativen ÜnthRtig- 
keit verurteilt, während dort oben an der Elbe, auf dem 
blutigen Felde bei Leipzig der groBse Kaiser, nach h'jroisohem 
Hingen, der physischen und numerischen Ueberlogenhoit seiner' 
(legner erlag — ein tragisches Schinksall*) Nach dem iin- j 




und Deniiewilz eine ho entachieiien ungünstige Wendung für 
Franzosen genommen hallen. 

Ein anderer VnrwurT ist gegen den Marschall von den Dänen | 
erhoben worden: da^s er nämlich Holstein preisgegeben und dtw I 
dänische llilTskurps unT dem Rückzüge seinem Schicksale überlaasen T 
habe. Hiergegen kann aber zweierlei eingewendet werden: KrsLens | 
wurde Diiviiut durch seine Instruktionen für den Fall eines KückzugeB'l 
auf Hamburg verwies^ (zweifellos auch durch den im Texte ati" , 
ge7.ogenen Brief Carra St. Cyrs vom 5. November, vergl, auch >M£m.*i 
aeue Aubr. S. 1H); zum ajidern hat Davout Ihalailchlich den VorschlftK 
zu einer millLärischen Operation geniachl, die. wäre sie ausgefUhrl 
worden, ohne Zweifel im Iiiieresse der Deckung Holsteins gewesen 
wäre. Ehe er sich nUmllch von den Dänen trennte, achlug er dem 
Prinzen Frii-dtich von Hessen, dem Befehlshaber des dänischen Hölfa- , 
liorf>s. vor. mit ihren vereinigten Truppenmassen auf die getrennt j 
marschierende Invasionsacmee herzufallen, eine ihrer Colonnen zu 
vernirhlen. dünn weiler vorzurücken und die wahrscheinlicherweiae 
gewonnenen Vorleile entsprechend zu verwerten. Aber der dänische 
General wies das Anerbieten zurQck — und die Heere trennten sich 
fvernl. Auberl, »Denkschrift über die Ereignisse, welche sich auf die 
Wiederheselzungvon Hamburg durch die Franzosen beziehen-. 3,19—31). ] 

*) „La döfenae iiintile", aac;!, im Hinblick auf Hamburg, der J 
Baron Mut bot in seinen Memoiren (•M6moires du G^näral B"" 
Marbot«, Paris 189], IH, 240), „de ces nombreuses forteresBes V" 
Qolre armM active de heaucoup de g^m'Taux exp^vimenl^s, entre autreSi4 
du mari^chal Davout, qui, ä lai beul, valait ptusieurS'J 




h glücklichen Ausfalle der Schlacht bei Leipzig? zug sich der 

I Marechall, unter Aufgabe von Ratzebiirg, hinter die Steckuitz 

zurück — die Franüosen von Laueiilturg bis Mölln, die Dänen 

von Mölln bis Lübeck. Da erhtilt er am 11. November — 

seit dem 18. August war er ohne direkte Nachrichten von 

der grossen Armee gebliobon — durch Carra St. Cyr aus 

Münster einen Befehl des Kaisers, dahin lautend, er solle eine 

gute Besatzung in Hamburg zurücklassen und den Versuch 

machen, sich nach Holland zurückzuziehen, oder, wenn dieses 

nicht mehr möglich wäre, auf Hamburg zu manövrieren. Zu 

I dem ersteren war es schon zu spät, die Verbündeten waren 

l auf dem Wege nach dem Rheine, die Nordarmee, unter 

I Bemadotte, rückte gegen die Weser und Hamburg vor — 

schon am 1. November war der Kronprinz von Schweden in 

f Göftingen eingezogen, bereits am 15. Oktober Tiber hatte 

[ Tettenborn Bremen wiedergenommen — was blieb also Davout 

übrig, als den letzteren Teil des Befehles auszuführenP So 

I zieht er denn, nachdem er sich von den Dänen getrennt 

hinter die kleine, unweit Hamburg in die Elbe gehende Bille 

' üurück, und das Hauptquartier wird am 1. nach Bergedorf 

und von dort am 2. nach Schiffbeck verlegt ; am 3. bezieht der 

Marschall wieder das unansehnliche Haus in Hamburg, welches 

die Ehre gehabt hat, nach einander von Mortier, Bemadotte, 

Davout, Tettenborn und Bennigsen als Gouvemementsgebäude 

bewohnt zu werden.*) 

Während dieser ganzen Zeit, in den Sommer- und Herbst- 
monaten jenes denkwürdigen Jahres 1813, hatten nun, wie gesagt, 



*) Davout wohnte auf den grossen Bleichen, in dem SchrÖder- 
schen Hause; der Graf Chaban in der ABC-Strusse, No. 135, Lilr. & 
{nach der damaligen BezeichDun^) : der Polizeidireklor d'Aubignos^ 
hohe Bleichen No. 232, der Baron de BreleuÜ im Präfeklurholel, 
Valentinskanip 148, der Unlerpräfekl Alfred de Gliastellux, Neust. 
Fuhlenlwiele 188, der General Carra St- Cyr auf der Ca IIa mache reihe, 
Iveudorll, gr. Bleichen 348; der Geudarmerieoberat Charlot auf dem 
Dragoners! all. (Vergl. Hamhiirgisches Adressbnch f. d. Jahr 1812 und 
1813). Högendorps Holel war am Gänaemarkte, 




der ()berBtki)mniaiHlierenfle Bowitj die gosüriinite Adininistratioo 
des 13. Armeekorps alle Hände voll zu tliun, um die Stadt Hum- 
burg für die mit immer grÖsBeror Wahrscheinlichkeit in Aus- 
sieht stehende Belagerung zu verproviantieren. Die Zahl der 
von dem Marschall und seinen Beamten in dieser Ilia- 
aicht erlasseiieu Dekrete und l'ubükationen ist — wie 1 
wohl eigentlich kaum der Erwühnung bedarf — Legion, und, > 
wollte ich sie auch nur annähernd alle W'8])reehen, so würde 
ich deu enggeüogeuen liahmon dieser Abhandlung bedeutend i 
erweitern müSBcn. Nur ein paar der wiohtigBten, natürlich 1 
von denen, welche haniburgiBcherseitB am meisten angefochten 
worden, können hier l'iatz finden. Doch niogo an der Spitzf 
dieses AbschnitteB eine kurze Bemerkung stehen, die ich für ] 
unerläsalich halte, um von vornherein den Loser auf den j 
Standpunkt hinzuweisen, welchen wir diesen Publikationen 
gegenüber einnehmen müssen, wenn wir ihnen und ihren ] 
VorfaBBern gerecht werden wollen. Es ist leicht, eine jede 1 
harte und ilrückeodo Masnregel als mutwillige und eigen- 
mächtige (Quälerei des t^lassors htnituetellen und diesen dafilr J 
unter die „Tyrannen", „Wüteriche" und „Jakobiner" zu rubri- 
eieron. Man wolle aber, che man derartige Urteile fällt, drei i 
Punkte nicht unberücksichtigt lassen: 1. Hamburg war ein» J 
wegen Rebellion bestrafte Stadt, die zwar eine Amnestie er. 
halten, aber die ihr auferlegte Kontribution auch noch niolit J 
annähernd abgezahlt hatte, und welche sich obendrein im 1 
HelagernngsKUBtande befand; ferner eine Stadt, welche unge- J 
heuro Materialvorräte besaas, deren Benutzung für die einge-j 
schlossene Armee von der höchsten Wichtigkeit, ja, eiu* 1 
Lehonsfriige war. Welcher Festuugskommandant hätte da J 
gezögert, zu nehmen, wo er fand? 2. War die Lage Davouts. 1 
nach den Sehlachten bei fi rosa beeren, Uennewitz und Leipzig; :j 
I gegen alles Erwarten eine völlig andere geworden — statt ] 
einer Besatzung von ein paar tausend Mann niusste Hamburg*] 
ein Armeekorps beherbergen — ein neuer Örund für den , 
Marachall und seine Untergebenen zu veränderten und ver- 
Bidiiirl'ten Maasregeln. H. Hatte der Marschall neben der i 




i 



— 91 — 

■eaprochenen XlDguDst aller möglichen Verhältnisse auch noch 
der feindseligen Haltung und Böswilligkeit einer numeriaeh 
sehr starken Bevölkerung zu kämpfen. 

man da nicht immer mit schonender Rücksicht 
gegen Hamburg verfuhr, dass man neben der grossen Kontri- 
bution, welche iloch nicht einzutreiben war, bei verschiedenen 
Gelegenheiten eine Reihe anderer Kontributionen in ge- 
ringeren Beträgen auferlegte, und daas Hamburg auch das 
mit in das Festuugasystem hineingezogene Harburg mit- 
Terproviantiercn musste {Abendroth 1, c. 38), darüber, glaube 
lieh, wird man heutzutage, wo die durch die Unbilden 
;dea Krieges erregte Leidenschaft längst beschwichtigt ist, 

.äum noch ein Wort zu verlieren haben. Daaa man, 
:als die Not höher und höher atieg, auch den Besitzern von 
['Pferden, welche aich vorschriftamässig mit Fourago versehen 
liatten, schheaalich die Tiere samt der Fourage nahm, um sie 
'teils 'zu achlachten, teils mit ihnen die marode gewordenen 

ülitärpferde zu ersetzen (Abendroth 1. c. p. 40 — 41), daa ist, 
iwohl füi' die Betroffenen sicherlich recht hart, doch auf der 
ifiern Seite durch die Notlage ebenfalls unzweifelhaft ent- 

ihuldbar. Wohl weiss ich auch, daas man den Einwohnern 
in dem Avia vom 1, Dezember 1813 (veröffentlicht in den 
■Äffichea etc.., No. 182, 3. Dezember 1813, »Belege oder 
Aktenstücke', No. 84), versprochen hatte, ihre Privatvorräte 
ihnen ausachliesalich zu überlassen, und daaa ihnen später 
aufgegeben wurde, hiervon die Pompiera, Nachtwächter und 
Kriegsgefangenen mitzuernähren. Derartige und viel, viel 
härtere Massregeln sind fast während jeder andern Belage- 
rung der Weltgeschichte verfügt worden, und es will gar- 
nichts besagen, wenn Abendroth und andere dagegen an- 
führen, dasB bei der Räumung der Stadt noch bedeutende 
Vorräte in den Magazinen vorgefunden worden seien. Denn 
Davouts ausgesprochene Absicht war es, die Verteidigung Ham- 
burgs noch viele Monate hindurch fortzusetzen, und nur durch 
Napoleons unerwartete Abdankung fand dieselbe ein vorzei- 
Ende. Auch der fernere Vorwurf Abendroths .,dass die 



92 



Htadt von ileiii approvieionnemont du aifege, von dem, waa 
Bolbst in (lio Magazine lieferte," die droits röunia und < 
oetroi haho bezahlen mÜBHeo, ist von geringer Bedeutung, zu- | 
mal da man hiervon sehr bald abgegangen ist. 

Wie wonig sich aber die Hamburger daran gewfihnen-.J 
konnten, auch den notwendigsten und Bolbstvorständlichston T 
Befehlen des Harachalls Folge zu leisten und sich daduroh ] 
naturgomilaB Unannehmlichkeiten aller Art zuzogen, über difr J 
sie «ich dann nachträglich bitter beklagten, davon legen diel 
gegen die Banker erlaaaenen VeniffentUehungen liin bcredtet'| 
Zeugnis ab.*) Am 3. Januar erlieas der Muire Hüder einen J 
Hefohl (veröfi". in dem AfHchea etc., No. 3, 5, Jan. 1814,J 
.Belegt' od. Aktenstücke', No. 109), nach wt4uhem die Bäok«r'J 
eine genaue Angabe ihrer Korn- und MehlvorriLte üu gebei 
hätten, AngaboTi für deren Richtigkeit sie pcrafmlich dentJ 
MarachiiU verantwortlich wären. Da die Einwohnor von ihrettl 
Vorräten leben mussten, durften die Bäcker ihnen nur nus denü 
von jenen geaohickton Mehlvornlton hacken. Verkaufen! 
durften die Bäcker Brod nur gegen aogenannto Brodknrteil.. 
Holclie Karten erhielten die Bi-amten und die bei den Festungt- 
und anderen Arbeiten beschäftigten l'eraiinen. Für diesen ] 
Hrodverkauf waren nach dem Erlass vom 3. Januar 24 Bäcker j 
der Htadt bestimmt. Deraelbo Erlaaa bezeichnete zngieioll 1 
die Quantitäten Brod, welche jenen 24 Bäckern täglich 1 
zu backen erlaubt wären. Hierzu erschien als Ergänzung, vom 1 
5. datiert (Affichea, No. 4, 7. Jan. 1814, .Belege oder Akten- J 
Btücke., No. 111), eine neue, in durchaus wohlwollendem Tont^J 
gehaltene Bekanntmachung, welche den Woissbiiokern erlaubte,! 
falls sie woniger Brod zu backen haben sollten, als anfangt 
berechnet worden, für alle Einwohner, die ihnen Mehl achiekoBfl 
würden, Brod zu backen; auch wurde denjenigen Bäckern, difi 
sich durch ausserhalb der Btadt geachehene Korneinkäufo metu 
als die von der Regierung bestimmten Vorräte verschaffen wür^ 
den, gestattet, von diesen neuen Vorräten zu backen und ihrenl 

ü der Broschüre 

/eggleilet. 



*) Vergl, S, 39— 
ie Sache leicht hin 



! Abeiidroths, der jedoc^n 




■ Kunden zu verkaufen. Drei Tage darauf wurden diese Ver- 
■^natigungt'ii in einem von dem Marschall eigenhändig unter- 
■jeichncten Befehle zurückgenommen. (Der Befehl ist vom 
. Januar und findet sieh in den Affiches, No, 6, 11. Januar 
11814; vergl. »Belege oder Aktenstücke*, No. 115). "Was war 
(igeBchehen ? Ee hatte sieh herauage stellt, dass die schlauen 
FBäcker den Marschall betrugen, dass sie über ihre Vorrata- 
mengen ganz falsche Angaben gemacht hatten. Ja, die 
Syndid der Bäekerinnung hatten in den Verzeichnissen der 
Hamburger Bäcker bankerotte und arme Leute aufgeführt, 
l welche gar nicht die Mittel besassen, um die erforderlichen 
Ä.nBchaffungen machen zu können. Wird man sich noch wun- 
dern dürfen, wenn nunmehr der Marschall im Tone gereizten, 
Raber unter solchen Umständen sehr erklärlichen Zornes im 
^weiteren Verlaiife seiner letztgenannten Verfügung sagt: ,Die 
Bäcker mÜBSon wissen, dass nichts aie von der Notwendigkeit, 
meine Befehle zu vollziehen, entbinden und nichts sie von 
■4er Strafe, wegen ihres Ungehorsams, befreien wird; dass sie 
seihst diese Massregeln zuschreiben müssen, dass ich 
[ denjenigen aufrecht erhalte , nach welchem sie mit ihrem 
I Kopfe verantwortlich sind für die Quantität Korn und Mehl, 
J welche in ihrem Besitze befunden oder befunden werden wird?" 
Um nach dieser Abschweifung in die Abeudrothsche 
PSchrift den Faden meiner Erzählung und insbesondere das 
Thema des Kontributiuna- und Requisitionswcscns wieder 
aufzunehmen, so will ich gerne zugestehen, dass die Cran- 
zÖsiachen Behörden in ausgiebigstem Masse zu dem Mittel 
der Requisitionen griffen, aber, müssen wir hinzufügen, 
auch greifen musaten.*) Für alle und jede in dieser 



•) Der Marschall Davout requirierte, um eine 
Stadt innerhalb weniger Wochen in eine Festung t 
mit den nftligen Vorräten zu versehen —'eine der 
tärischeti Notlagen, die man sich denken kann! 



US einer nffeoen 
Mvandelten Platz 
ingeudsten mili- 
lerüher hat alle 



, Welt geschrieen, aher ÜDer die Art, wie die Verbündeten in den von 
I ihnen besetzten LaudschafteD auftraten, darüber haben ihre Landa- 
I leule meistens geschwiegen Doch giebt uns F, H. von Jahn, der IJeber- 
1 Hetzer des Löwendalschen Werkes, eine recht inslruklive Zu; 



— 94 — 

Richtung verordneter Massregeln aber den Marschall persön- 
lich verantwortlieh machen zu wollen, ist ein ebenso unlogisches 
wie unhistorisches Verfahren. Denn einmal war der Grund- 
satz, dass der Krieg das Heer ernähren müsse, d. h. dass ein 
Feldherr die Kräfte dos jeweilig okkupierten Landes in jeder 
Beziehung zur Verpflegung der Armee heranziehen dürfe und 
müsse, ein allgemein-französischer, und dieses Verfahren, weit 
entfernt, von Davout erfunden zu sein, hatte auch nicht ein- 
mal Napoleon zum Vater, sondern verdankte seinen Ursprung 
den Kriegen der Republik, welche, von den Koalitionen 
Europas umdrängt, nicht in der Lage gewesen war, ihre jugend- 
lichen Söhne, als sie in dem ersten Preiheitsenthusiasmus zum 
Streite fürs Vaterland auszogen, gehörig zu kleiden und zu 
bewaffnen, geschweige denn zu verpflegen. Dann aber war, 
* wie gesagt, der Marschall durch den gegen alles Erwarten 
schnell eingetretenen Umschwung der Verhältnisse in die 
Notlage versetzt, viel eiliger, summarischer und daher begreif- 
licherweise mit weniger Rücksicht requirieren zu lassen als 
jeder andere Festungskommandant. Nicht allein Hamburg und 
dessen Weichbild ist von diesen Massregeln befroffen worden. 
Als die Positicm hinter der Stecknitz aufgegeben werden 
musste, wurden Massen von Vorräten an Schlachtvieh, Pferden, 
Heu und Getreide aus dem Lauenburgischen in die Stadt ge- 
schafft, und liöwendal entwirft (auf S. 184 — 135 seines Werkes) 
ein anschauliches Hild von dieser sich methodisch in inuner 



Stellung der Ungeheuern, von den Alliierten in Holstein vorgenommenen 
Requisitionen;" auch findet man bei dem genannten Schriftsteller An- 
deutungen über die schonungslose Beliandlung, welche namentlich die 
Freikorps dem kleinen Lande zu teil werden liesen. (Anm. zu S. 24). 
Auch Friedrich Johann Jacobsen, der Verfasser des »Beitrags zur Ge- 
schichte von Altena während der Einschliessung von Hamburg in dem 
Winter von 1813 und 1814« entwirft uns S. 17 ff. seines Werkchens 
eine recht anschauliclie Schilderung von der Art und Weise, wie sich 
Schweden und Russen in Altona zu verschaffen A^ussten, was sie 
brauchen konnten. „C est la guerre'S wird in solchen Fällen meistens 
entschuldigend gesagt — und ich acceptiere diese Entschuldigung, wenn 
man sie allgemein gelten lässt. 



95 



I 



iCngere Hinge concentrierendeu Armee, in welcher nicht allein 
rain Soldaten imd Oifiziersburschen, sondern ganze Kompagniei], 
inze Abteilungen zu Fouragierern und Viehtreibern gewor- 
den sind. 

Begreiflicherweise hatte ja aber die Stadt Hamburg unter 
\-Abq Requisitionen am längsten unil schweraten zu leiden, 
^eilich waren auch in ihr die meisten Material verrate auf- 
gehnuft, und je mehr von der umliegenden Landschaft durch 
die Kriegsereigui SS e des Jahres 1813 verloren ging, um so 
auasehlieselicher waren die Franzosen auf Hamburgs Hilfs- 
quellen hingewiesen. Bald fehlte es an Brennmaterial: man 
nahm zum Entsetzen der Hamburger ihr kostbares Stabholz, 
die sogenannten Piponstäbe (Abendroth S.- 49), bald brauchte 
man eine Menge Medikamente für die Contra lapotheke, bald 
mussten die Hamburger Weinhändler tausende von Oxhoften 
"Wein liefern. (Vergl. -Einige "Worte über die K echtfertig ungs- 
schrifl des Marschalls Davoust": Orient oder Hamburgiaehes 
Morgenblatt, No. 16, 17, 18, 19, vom 8., 11., 13., 15. Aug., 
das, No. 16, S. 122), Dann wurden tausende von Strohsäcken, 
■Kt^fltissen, Bettdecken und -tüchern, sowie Hemden für die 
■Kasernen und Hospitäler gefordert (Erlasse vom 4., 9,, 22. 
August, 17. 8ept., 20., 29. Okt., 20. Nov., 6., 12. Dez., 18., 
■Sl., 24. Jan. u. a., s. »Belege oder Aktenstücke«, Nr. 32, 
S9, 40a, 50, 59, 64, 75, 87, 90, 124, 126, 127 u. a.). 
Äni 20. Februar ward aller Keis und Sago für die Kranken 
■verlangt. (-Belege oder Aktenstücke«, No. 136).*) Heute wollte 
mau eine Menge Bauholz für die Brücken haben, morgen 
brauchte die Marineverwaitung eine bedeutende Quantität 
Nägel und Tauwerk (H. F. Rust, -Erläuterung einer kleinen 
Schrift, betitelt: Kleines Licht auf dunklen Wegen-, S. 6); 



•} Die Ausführung der verlanElen Lieferung ward übrigens, wie 
I-Haniburger Quellen selbst offen zugthen, milde gehandhabt. „Wegen 
l^der grossen Anhäufung von Sago übernabm die Handelskammer immer 
I^Boviel zu liefern, als nötig sein würde, und vom Reis wurile eben so 
Pweiiig mit Strenge etwas eingefordert." (»Erzählung der Begebenheilen 
m ungl- Hamburg., S. 39). 




9B 



nun verlangte der Maire für das approvisiimiieiiicnt (le f 
40000 Pfund Lichter und 27 Quintal Brennholz (*Eriäuterung«, 
S. 24); wieder an einem andern Tage kam die Artillerie mit 
der Forderung von 20000 Tafeln weisser Bleche (»Erläuterung., 
S. U5); dann verlangte man für die Zweeke derselben Waffen- 
gattung 2000 Centnor riusMeisen (ib. B, 37), noch ein ander 
Mal wurden 500 Sensen gefordert, (ib. eo. 1.). Auch Potaw 
brauchte man für eine anzulegende Baipeterfabrik (1. c. 36^1 
und die von der Regierung bestellten Maurer kratzten Tag#l 
lang an Mauern und Wänden, um den dort sich tindeadeft%J 
Halpüter /.u gewinnen. Und so ging ob weiter. F. H. Rui 
hat uns (vergl, Einleitung) in den drei Schriften : >K!etiu 
Lieht auf dunklen Wegen für so Manehen angezündet', dw* 
• Erläuterung« nu der genannten Schrift und der »Lichtvollen 
.^.ufstollung der ItewundtnisH mit der Requirirung> in einer 
üUerdings höchst sonderbaren t'onn über das HequisitionswüBen 
interessante Mitteilungen hinterlassen. Man ersieht namentUolb 
aus der uweiteii dieser Schriften, wie drückend die zahlr^-| 
cheu Requisitionen für die Hamburger gewesen sein mlisseih 
tis lag dies nicht zum geringsten Teilo an der Art und Weiw 
der Ausführung Jener Massregeln, an der Kilo, mit der die»fl^ 
hetriehen wurde, ferner an der Rücksichtslosigkeit einKelnai 
IJeamten und der gänzlichen Unfiihigkeit des Maire Rüdei 
Sodann griff, Je mehr sich die Geschäfte häuften, und je eiligM 
und dringlicher dieselben wurden, häufig die eine Behflrde J 
die Reehte der andern über; ao entstand oitimal ein Ötrefi 
zwischen der Artillerie und der Marine über den Ertrug oine^ 
umfangreichen Bleirequisitlon. (■Erläuterung«, S. 40). Manab|j 
mal wurden auch Dinge requiriert, die im (Irunde garniobj 
nStig waren. Rs bedarf wohl kaum der Erwähnung, dal 
man für die vielen von untergeordneten Organen des Militl 
und der HeamtonHchatt gimachtcn Fehler nicht den Marschi 
Uaveut pirsonlich \erantwortlich machen darf, welcher, obwold 
ein vorzüglicher \ erwaltungabeamter, mit (lesohäften, i 
Linie (leschäften rem militärischer Art, derartig überlädt 
war, dass er mch, /nnial or Ja von Mitte August bis Änfä 



— 97 — 

Dezember im Felde lag, unmöglich um die Einzelheiten des 
ßequisitionsverfahrens bekümmern konnte, sondern sich in 
dieser wie in so mancher andern Hinsicht auf seine Unter- 
gebenen verlassen musste. 

Uebrigens hat man sich diese Requisitionen nicht in 
der Weise vorzustellen, als wären die französischen Behörden 
den Hamburger Bürgern so ohne weiteres in die Häuser ge- 
fallen und hätten dort genommen, was sie brauchen konnten, 
ohne den Gedanken an einen Ersatz laut werden zu lassen. 
Der Hamburger Rust wendet sich auf S. 4 — 5 seiner »Er- 
läuterung« gegen diese Anschauung. Bekanntlich war nur ein 
Bruchteil der grossen Kontribution in barem Gelde bezahlt 
worden. Man brachte später diese grosse Kontribution noch 
einige Male in Erinnerung, liess sie dann aber ganz fallen. 
Desto mehr wurde freilich requiriert. Der Kaiser selbst hatte 
(vergl. oben) erklärt, sich 10 Millionen der grossen Kontri- 
bution auf die Requisition anrechnen lassen zu wollen.*) Um 
nun die von denselben Betroffenen nicht ungebührlich zu 
belasten, erhielten dieselben für die gelieferten Waren Bons 
als Zahlungsanweisungen für später.**) Dass die kaiserliche 



*) Vergl. den oben angezogenen Brief Napoleons an Davout, aus 
Dresden, 9. Juli 1813, »Gorr. du M^ Davout, ed. Maz.«, 4?, Anm. zu 220. 
Ein anderes Mal spricht der Kaiser sogar von 15 Millionen ; er hat 
aber hier die für militärische Zwecke in Anspruch genommenen, 
sowie die im Interesse der Fortifikation niedergelegten Gebäude mit 
einbegriffen. (Ders. an dens., Dresden, 16. Juli, bei Mazade 4, 230. 
Anm. 1., »Memoire«, Anl. 30. Beide Briefe fehlen in der »Corr. de Nap.«). 

**) Wenigstens geschah dies im Anfange und bei Objekten von 
grösserem Werte. Am rücksichtslosesten wurden natürlich Hemden 
und Bettsachen requiriert, freilich auch die unentbehrlichsten Gegen- 
stände für Kasernen und Lazarethe. Im September wurde den Säumi- 
gen angedroht, dass sie, im Falle der Nichteinlieferung des Verlangten, 
für eine doppelte Bettdecke 20, für ein Bettlaken 6 Frs. und für ein 
Mannshemd 3 Frs. 50 Cent, bezahlen müssten. Die Mairie hatte 
Blankets in der Art von Steuerzetteln drucken lassen, auf welchen der 
Name des Lieferers, der Betrag der Lieferung, sowie das Datum der 



— 98 — 

Regierung die Bons niemals hat einlösen können, liegt einfach 
daran, dass sie bei der Aufhebung der Belagerung nicht mehr 
existierte. Dafür hat das königliche Frankreich im Jahre 1818 
die Stadt Hamburg durch eine Rente von 12 040000 Franken 
entschädigt. Damals freilich, zur Zeit der Requisition, wurde 
nur weniges bar bezahlt, meist nur Löhne für Sachen, die 
von den Handwerkern erst angefertigt werden mussten. Da- 
gegen sorgte man durch die Einsetzung einer Repartierungs- 
kommission dafür, dass die Requisitionen, so weit es eben an- 
ging, regelrecht verteilt wurden ; auch hatte man Taxatoren 
bestellt, welche den Wert der entnommenen Waren zu schätzen 
hatten, damit auf den Bons alles richtig angegeben würde. 
Ein solcher Taxator war Rust, der Verfasser der genannten 
Schriften. * 

Wenn übrigens die französische Regierung so wenig 
bar bezahlte, so lag der (irund nicht allein in den Anschau- 
ungen, die man über die Verpflichtung der hors la loi er- 
klärten Departements zur Leistung aller möglichen Lieferungen 
hatte, sondern auch in dem fühlbaren (leldmangel. Dieser 
veranlasste, wovon wir weiter unten reden werden, die Weg- 
nahme der Bank, und auch von den dort entnommenen Fonds 
war gegen den Mai 1814 hin nur noch ein verhältnismässig 
geringer Jiest übrig. Sollte der französische Überfeldherr seine 
armen, kranken Soldaten darben oder seine Befestigungsarbeiten 
unausgeführt lassen, so lange noch reiche Hamburger Kaufleute 
bis unter die Dächer gefüllte Vorratsspeicher besassen? Der 
Verfasser von »Davoust's Missethaten« hat die unglaubliche 
Naivetät besessen, dieses dem Marschall allen Ernstes zuzumuten. 

Es ist in der soeben geschehenen Besprechung der 
Requisitionen unter anderm einer Menge von Gegenständen Er- 
wähnung gethan worden, deren die französischen Behörden 
für die Lazarethe bedurften. Die Hamburger, welche jedesmal 



Ausfertigung ausgefüllt wurden. Der Verfasser hat selbst einen dieser 
Scheine gesehen. (Man vergl. »Erzählung der Begebenheiten u. s. w.«, 
S. 16, »Belege oder Aktenstücke«, No. 44). 



— 99 — 

entsetzlich jammern, wenn es ihnen an den eigenen Beutel 
geht, scheuen sich doch anderseits nicht, dem Marschall Davout 
aus dem in den Lazarethen herrschenden Mangel einen bittern 
Vorwurf zu machen. Entwirft uns schon Elise Campe (S. 152 ff.) 
ein trauriges Bild von dem Zustande der französischen Hos- 
pitäler — ein Bild, in dessen Zeichnung freilich die Spur des 
weiblichen Mitgefühls eines guten Frauenherzens wohlthätig 
berührt — so hat uns erst Köstlin (»Nemesis«, 4, S. 396 ff.) 
von der Beschaffenheit der Lazarethe eine Schilderung hinter- 
lassen, bei deren Dichtung er Dantes „Inferno" in starke 
Kontribution gesetzt zu haben scheint. Und schreibt nicht 
selbst ein Abendroth (S. 43) solchen Unsinn wie diesen : „In 
einer Höhe von 4 Fuss sammelten sich in den Sälen ganze 
Wolken von giftigen, blauen Dünsten, wie Herbstnebel, die 
das Zimmer in zwei Teile, den niedrigen, durchsichtigen und 
den oberen, undurchsichtigen teilten!" 

Aber wirklich waren, alle Uebertreibungen abgerechnet, 
die Zustände in den Militärhospitälern traurig genug, und ich 
will, wenn dieser Gegenstand auch kaum in den engeren 
Rahmen meiner Aufgabe gehören dürfte, ihn doch mit einigen 
Worten berühren. Bei dem Mangel an geeigneten Gebäuden, 
an Heizmaterial und Pflegern auf der einen, der Ueberfüllung 
der Lazarethe infolge der Ausfallsgefechte, der schlechten 
Ernährung und der geringen Widerstandsfähigkeit der jugend- 
lichen Konskribierten auf der andern Seite, war die Lage der 
in ihnen untergebrachten Soldaten eine entsetzliche. Täglich 
starben, wie die Nachrichten übereinstimmend melden, 60 — 70, 
ja, zuweilen bis an 100 Mann. Das Hospitalfieber und andere 
ansteckende Krankheiten richteten die furchtbarsten Ver- 
heerungen an. Auch ist es wahr, dass nicht alles, was an 
Wein und Esswaaren für die Kranken requiriert wurde, in 
deren Hände kam. Es ist eine auch französischerseits zugegebene 
Thatsache, dass von den Kriegskommissaren und andern 
Beamten vielfache Unterschlagungen und Veruntreuungen 
begangen worden sind. Von selten der Hamburger*) werden 

♦) z. B. von Abendroth, 49-50. 



— 100 — 

sogar Oberoffiziere, Loisoii, Thiebault, selbst Hogendorp in 
dieser Richtung verdächtigt. Es ist nicht die Aufgabe meiner 
Abhandlung, diese Verdächtigungen auf ihren thatsächlichen 
Gehalt hin zu untersuchen; dass die französische Militär- 
adininistration des «lahres 1813 im allgemeinen viel zu 
wünschen übrig Hess, halte ich für erwiesen, und der Grund 
ist leicht ersichtlich: wenn ein gewaltiges Gebäude zusammen- 
bricht, rollen die Trümmer nach allen Seiten: wehe dem, 
welchen sie erschlagen! (rar bald sind die Aasgeier zur 
Stelle, um sich an den Resten dos rnglückliehen zu sattigen. 
Aber nicht scharf genug kann hervorgehoben werden, 
wie wenig der hier offen ausgesprochene Tadel einen Mann 
wie Davout trifft, den grossen Organisator in Polen und 
Russland, der freilich auch hier nicht alles retten, nicht nach 
allem sehen konnte. Tag und Nacht auf den Beinen, bei 
dem Abbruch der Häuser in den Vororten oft selbst gegen- 
wärtig (s. unten), in den Ausfallsgefechten stets zugegen, ohne 
der persönlichen (refahr jemals aus dem Wege zu gehen, 
dazu überhäuft mit Verwaltungsgeschäften aller Art, in der ersten 
Zeit auch noch mit einer regen militärischen Korrespondenz, 
konnte der Marsehall nicht jeden seiner rntergebenen täglich 
kontrolieren. Dass er anderseits, ebenso wie der edle Graf 
Chaban, sich auch um das Lazarethwesen eifrig bekümmert 
hat, davon zeugt eine Reihe unbestreitbarer Thatsachen. 
Das beweist, neben den zahlreichen, von dem Marschall selbst 
in betreff der Lazarethe erlassenen Verordnungen, die Er- 
schiessung Martinets, jenes ungetreuen Spitaldirektors, der für 
die Kranken bestimmte Sachen unterschlagen hatte. (Löwendal 
a. a. ()., S. 196, Köstlin, »Nemesis«, 4, S. 397, Abendroth, S. 43).*) 
Seinem Prinzipe treu, was er von andern verlangte, auch 
selbst zu leisten, nahm der Marschall, als er den Aufenthalt 

'■■) Auch ein Oberebirurgus wurde bestraft, weil er einen Wagen 
mit Heu an einen Einwohner der Stadt verkauft hatte. Derselbe erhielt 
14 Tage Gefängnis und wurde auf dem Paradeplatze öftentlidi ausge- 
stellt; der Käufer ward aus der Stadt verwiesen. (>Belege oder 
Aktenstücke«, No.. 101). 



101 












ter Koeoiivaleacenten in Privathäusern angeordnet, deren vier 
sein eigenes Haus ; noch Ton Louviera aus hat er, in der 
erbanoung des Jahres 1816, eine diesbezügliche Geldver- 
lindhchkeit erledigen lassen {>Le M^ Davout, ed. Blocijueville«, 
349).*) Und der edle Chaban — dessen Charakter Männer 
3 Rist, Abendroth und Mönckeberg ihre Anerkennung nicht 
•sagen — ist ein Opfer seiner Pflichttreue geworden : am 
Hospitalfieber, das er sieb durch den Besuch der Lazarethe 
zugezogen, ist er gestorben, und der Marschall hat ihn, durch 
,diese Handlung sich seibat ehrend, in besonders glänzender 
eise zn Grabe geleiten laasen. 

mau in Kriegaläuften und hei Belagerungen mit 
der Beschaffung von Lebensmitteln und Bekleidungsgegen- 
atänden wenig Umstände macht, so werden bekanntlich für 
die Lazarethe, wenn sie sich nicht freiwillig anbieten, auch 

I •) In dem von der Niedrigkeit ihrer Denkungsweise zeugenden 

Sestreben, ihren grossen Gegner durch persönliche Verunglimpfungen 
herabzusetzen, haben verachiedene Hamburger Skrihenten es u. a. 
versucht, ihn als einen Sardanapal hinzustellen (vergl, u, a. "Haniburgs 
tiefste Erniedrigung in den letztverfloasenen Jahren«, S. M. Th. von 
Haupt, .Bamburg und der Marschall Davoul<, S. 46—47 u. a.). Ihren 

ihilderungen nach zu urteilen, müssle der Marschall allerdings ganz 
lusserordenthchen culinarischen Genüssen gefröbnt haben, zu deren 
'Erhöhung die feinsten Weine in Strömen geflossen sein sollen. Was 
nun die Quanliläten des an Davouls Tafel verbrauchten Weines an- 
belangt, so habe ich darüber begreiflicherweise nichls Sicheres in Er- 
fahrung bringen können; hinsichtlich der Qualität abergeht ausdem Briefe 
der Marschallin vom 9. April )816(>Le M?) Davout, ed. Blocquevillet, 
i 3i9) hervor, dass an ihres Gatten Tafel regelmässig eine Wein- 
sorte getrunken wurde, von der die Flasche 1 fr. 61 cent. kostete. 
Senator Weslphaleu (der Verfasser von »Hamburgs Erniedrigung») 

.lle daher, nach meiner Ansicht, besser daran gethan, seine hämischen 
lemerkungen über Davouts >Tafeirreuden' sich zu ersparen. Immerhin 
Väre es, wenn auch nicht als historisches Faktum, so doch als 
Kuriosum nicht ganz ohne Inferesse, den Preis der bei dem Herrn 
Senator und den ijbrigen »Hoch- und Wohlwetsheiten' üblichen 
Tischweine zu erfahren, wenn man einmal weiss, dass der Reichs- 
marschall. Herzog von Auerstildt und Fürst von Eckmühi, die Flasche 
'*ü 13 Groschen zu trinken pllegte. 



— 102 — 

die Acrztc requiriert, wo man sie findet. Die Hamburger 
Aerzte — wenigstens ein Teil derselben — waren nicht 
freiwillig bereit, den franzosischen Kriegern ärztlichen Beistand 
zu leisten, und so i>ah sich, am 21. Februar 1814, der Marschall 
genötigt, durch den Kriegskonunissar (Jeraudon an den Maire 
Rüder ein Schreiben ergehen zu lassen, in welchem es wörtlich 
heisst : „Les medecins, chirurgiens et pharmaciens de Hambourg 
duement requis, qni ne rempliraient pas leurs dovoirs, seront 
arretes et rentermrs dans une maison qui sera preparee a cet 
effet et (['011 on les conchiira journellement dans les höpitaux 
pour faire leur visite: ils seront ramenes ensuite dans cette 
maison** (Abendroth, S. 4;{ u. Anl. F. F.). Wer waren hier 
die Barbaren, die Hamburger Aerzte oder der .»Tyrann 
Davcmt^y*) 



*) Man möge mir nicht entgegenhalten, dass nachher einige der 
Aerzte in den Hospitälern angesteckt und gestorben sind. Wie anders 
handelten docli die Altouacr, welche sich, Aorzte und Laien der Fliege 
der Ausjrewiesenen (s. unten), unter denen ebenfalls ansteckende 
Krankheiten wüteten, freiwillig und in aufopfernder Weise widmeten, 
wie ganz anders ein Reil, der berühmte hallische Kliniker, der am 
Typhus endete, den er sich nach der Leipziger Schlacht in den Ijaza- 
rethen zut^ezojren, in denen er Freund und Feind mit unermüdlicher 
Sorgfalt gepflegt hatte! Ich stelle den medizinischen Beruf zu hoch, 
um das Verhalten der Hamburger Aerzte entschuldigen zu können. 
Oder erstreckte sich bei den Alsterpatrioten der Nationalhass auch auf 
Fieberkranke und Sterbende? Fast sollte man es glauben, denn auch 
Menck, der Verfasser der >Krzählung der Hegebenheiten in dem un- 
glücklichen Hamburg«, spricht S. H9-i() in dem Tone höchster Ent- 
rüstung darüber, dass die Behörden am Gefechtstage des 24. Februar, 
als 28 Wagen mit Verwundeten in der Stadt ankamen, eine Anzahl 
von Personen zur Fortschaffung dieser Unglücklichen veranlassten! 

Härter und drückender mag es erscheinen, dass auch die übrige 
Bevölkerung Hamburgs in der späteren Zeit der Belagerung zu allerlei 
Diensten in den Hospitälern herangezogen wurde. Aber es hielt schwer, 
ja, es war unmöglich, die nötige Anzahl freiwilliger, bezahlter Wärter 
und Wärterinnen zu bekommen, obwohl der Maire wiederholte Be- 
kanntmachungen in dieser Richtung erlassen hatte. (> Belege oder 
Aktenstücke«, No. 126 u. 131). So wurden denn, wie u. a. Klise (lampe 
rS. 255) und Marianne Prell (S. 108— 104) erzählen, wiederholentlich 



103 



^^V Nun iiüeh ein Wort über diu zu Lazaretheii und andren 

militärischen Zwecken verwendeten Gebäude ! Man nahm 
hierzu eine Anzahl öffentlicher und privater Bauten; unter 
jenen befanden sich die Börse und daa Harnioniegebäude, In 

Ihetreff der Privatgebäude hatte übrigens der Marschall bereits 
im Juli eine Kommiseiün eingesetzt, um die Reklamationen 
4er Besitzer und Bewohner zu prüfen. (Vcrgl. »Erzählung 
■ der Begebenheiten in dem unglücklichen Hamburg u, s. w.*, 
S. 8, »Belege oder Aktenstücke., No. 18). Es ist fernerhin" 
^nieht zu leugnen, daas die meisten Kirchen zeitweilig als Maga- 
jwne imd Ställe haben dienen müssen. Auch dieses sind 
Massnahmen, über welche die Hamburger empört sein mochten, 
die sich aber bei ähnlicher Kriegslage fast überall wiederholt haben 
>und wiederholen werden, und die in Hamburg um so eher durch 
^äie Not geboten erscheinen, als sich in der bisher offenen Stadt ein 
erheblicher Mangel an passenden Baulichkeiten herausstellte ; daas 
die nicht übermässig zahlreichen üffentliehen Gebäudeallein 
nicht anareiehteu, giebt Mönekeherg, einer der wahrheitsliebend- 
sten unter den Hamburger Chronisten, zu, (* Geschichte', S. 435).*) 

Mädchen der milereii Klassen {Bürger locht er oder Dienstmädchen) 

Izam Charpiezupfen uud Reinigen der Hospitäler verlangt. Schliesslich 
war die Not so hoch gestiegen, dass im April sogar Wärter und 
Wärterinnen Eür die Kranken zwangsweise requiriert werden mussten. 
(Abendroth, S. ü, das., Anl. G. G.. »Hamburgs ausserordentliche Begeben- 
heilen und Schicksale«, S, 195—196). Der Leser wolle bei diesen wie 
bei allen ähnlichen Massnahmen nie vergessen, dass ein Feldherr und 
in beinahe noch höherem Grade ein Festungskommandanl vor allem 
das Wohl seiner Truppe zu berücksichti;,ren bat, dem er .jede andere 
ÜäcksLcbt unbedenklich opfern darf und opfern muss. 
*( Der Marschall musste, nachdem die ganze Armee in Hamburg 
eingeschlossen war, für mehr als 5000 Pferde Stallungen haben. Hierzu 
wurden u. a. die vier Hauplkirchen der Hamburger Allstadt verwendet. 
Dass auch in dieser Sache guter Wille niid ein vernünftiges Eingeben auf 
die unumgänglichen Forderungen des ßouvernements weit eher zum 
^^V Ziele führten als nutzloses Schreien und Protestieren, beweiset die 
^^^B Geschichte der grossen Michneliskirehe. welche vun der vierfüssigen 
^^Hi Einquartierun>i: verschont blieb, weil der Pastor TÖuuies für eine ander- 
^^^B Weitige Unterbringung der bereits für die Kirche bestimmten Pferde 
^^H in Privatlokaien zu sorgen wussle. — Dass sich die H^imburger über die 



104 



In ^eni Kapitel der >Kontribuliunen und Kequisitioneni 
bebandelt Ahondroth zugleich die Frage dc^ Tafelgelder der , 
Offiziere. In dem •Arrett'" von Rotliuiiburg, 29. April (Äbend- 
rotli ^. 45), hatte der Marschall boetinimt, daas, mit Rücksicht \ 
auf den lielatfprnngBZUBtanil und die imrogelniäHsige äoldzah- I 
liiii^' den Offizieren der 32. .Militardiviaion nicht zugemutet 1 
werden kiintie, auf ihre Kosten zu leben ; rlieselhen sollten , 
daher „«nivant l'iisnge 2tabli en Allenm^ne", von den Ein- 
wohnern nnterimiten werden, \ie/.vi. sollten die in grossen 
Städten einquartierten an Htelle der Naturailieferungon eine 
nicht iiberinäflsige Entschädigung in barem Oelde erhalten. 
Dieselbe betrug monatlich für einen DiviBtonsgeneral 1500, einen I 
Itrigadegeneral 8ÜÜ, einen (Jolonol-Clommandant 3Ü0, einen , 
Major-t 'enniiandant 2U0, einen Chef de Bataillon 1 50 und für jeden i 
der ßbrigen Offiziere 100 Franken. Dieite KntschSdigung wurdA ' 
denn auch für Ilaniliurg verlangt,*) Wenn es den Mamhurgem J 
iiueh heschwerlieb wurde, diese verschiedenen Aiigiibon alle zu . 
zahlen, (in den 'llelegen oder Aktenstücken- finden sich wenig- 
stens verschiedene Vermahnungon von selten dos Maire in betreff J 
rückständiger Tafelgelder), so ninss dofh auch hier zur Steuer der 
Wahrheit hervorgehoben werden, dasB der Senator Abendroth dem 
Marschall Unrecht thut, indem er diese Itoatimmung als einen Akt ^ 
der Willkür hinzustellen versueht.**) Dieselbe war im Gegenteile ■ 

Wegnahme der '((Tentlicheii Gebäude beklagten, beneii'hnet Grur LAwen- 
dal, der diese Angelegenlieit auf S. 174—176 seines Buches bespricht, 
mil acliarfem Ausdrucke als den iSupurlaliv aller Ungereimtheiten«, , 
wir dOrfen saiten, nicht gHuz mil Uurechl, da ohne die Beschlagnahme 
der orfentlichen Bauten eine weil grüasere Zahl von Privatgebäa- 
den halle in Anspruch genamroeu werden müssen, was für die Bürger 
beKreiflichei weise viel drückender gewesen wäre. ' 

*) Sie wurde von den Bürgern in Gestalt einer Steuer beige- 
trieben. Der dieselbe verordnende Erlass des Maire Rüder isl vom 
1. Oktober. (»Belege oder Aktenstücke!, No. 52). In den ersten Mo- 
naten war sie aus der Requisiliunskasse gezahlt worden, vom Deaeraher J 
an wurde sie aus der Kasse des Gouvernements bestritten. (VergL . 
Soltan, .Ueber meine Verwaltung als Adjunkt-Maire.. S. ß3-54}. 

••) Wie sehr auch hier wiederunj Halsstarrigkeit und böser ; 
Wille van seilen der Hamburger Bevölkerung gezeigt wurde, beweist 



1 

1 



in wörtlicher UebereiTiBtiiiiiniui^ mit der kaiserlichen Veron!- 
nung von Dreadeü, 17. Juni (»Mem. flu M?J Davout-, An!, 
14), wo es Art. 1 lieisst: „Die Ausgaben des Krieges und 
der KriegaadminiBtration in dor 32. Militärdivision sollen sämt- 
lich durch diese Divisinn getragen werden, den Sold auage- 
DÖmnien, der fortwährend aus dem kaiserlichen Schatze be- 
zahlt wird." Zum Solde gehörten aber jene Tafolgelder 
gamicht, wie ja schon aus ihrer Bestimmung horvorgoht, als Er- 
satz für von den Einwohnern gelieferte Nahrungsmittel 
au dienen. Im übrigen trägt auch diese Bestimmung den 
Stempel des Grundsatzes, das Heer durch den Krieg ernähren 
au lassen, — und für dieses Prinzip {s. oben!) kann füglich 
nicht der Einzelne verantwortlich gemacht werden, welcher 
pflichtgemäss nach demselben verfahren niuss. 

Gleichzeitig hatten die Offiziere auch Anspruch auf 
Feuerung und Beleuchtung, llas betreffende Reglement lau- 
tete folgen dermas 8 en : 

„Der Division Bgeneral hat das Recht, sich für seine Per- 
son täglich 3 Zimmer einheizen zu lassen, ferner soll ihm 
für die Küche so viel Feuerung geliefert werden, als zur 
Heizung von 2 Zimmern erfordert wird, auch kann er auf 
4 "Wachs- und 2 Talglichter Anspruch macheu. Der Brigade- 
general hat das Recht, sich für seine Person täglich 2 Zimmer 
heizen zu lassen, und soll ihm für die Küche so viel Feuerung 
j;eliefert werden, als zur Heizung von 2 Zimmern erfordert 
wird, auch kann er auf 4 "Wachslichter und 2 Talglichter 
Anspruch machen. Der Colonol hat ebenfalls das Recht, für 
Jsnch 2 Zimmer heizen zu lassen, und soll ihm für die Küche 

folgender Vorfall: Der Adjunkt-Maire Soltau hatte sich im December 
1813 alle Mühe gegeben, dem Fräfekten zu beweisen, dass die Ham- 
burger Borger keine Tafelgelder mehr geben könnten und daran die 
Bitte geknüpft, dieselben zu erlassen, Anstatt einer Antwort auf den 
Brief Soltaus erliess der Baron de Breleuil ein drohendes Mandat — 
und siehe da! in 2 bis 3 Tagen gingen 30000 Franken ein, wäJireud 
in den vorhergegangenen 8 Tagen nur ungefähr SOOü Franken einge- 
gangen waren! (Siehe C. W. Soltau, a. a. 0., S. U). 



— 106 — 

80 viel Feuerung geliefert werden, als zur Heizung von 2 
Zimmern erfordert wird; ferner 2 AVachs- und 2 Talglichter. 
Dem Major, welcher ein liegiment kommandiert, soll ebenso 
wie dem (Johmel geheizt und erleuchtet werden. Der Major 
kann auf 2 geheizte Zimmer, ein Wachs- und ein Talglicht 
Anspruch machen. Der 13ataillonschef hat das Recht zu 
einem geheizton Zimmer und 2 Talglichtern. Die Kin wohner 
sollen gehalten sein, die Ileiznng und Beleuclitung, diesem 
lieglement zufolge, zu lief(»rn. Wenn aber der Eigentümer 
das Haus nicht bewohnt, oder die Municipalität erklärt, dass 
der Eigentümer, welcher sein Haus bewohnt, nicht vermögend 
ist, diese Jjieferung zu hMst<'ii, so soll dies(U' dem Zahlmeister 
der 82sten Division einen monatlichen Zuschuss zu den auf 
dieselbe Weise bezahlten Taf(dg(ddern, nach d(?m hier unten 
stehenden Tarife, welcher sich nur auf die Feuerung l)ezieht, 
geben, nämlich: Für den Divisionsgeneral monatlich 75 Mk. 
(hamb.), für den Brigadegeneral 00 Mk., Oolonel 45 Mk., 
Major 80 M., iktaillonschef 22 Mk. Die Ijieferung der Wachs- 
und Talglichter soll alsdann in Natura durch die Municipali- 
tät, nach dem Verhältnisse, wie es den (iraden nach in dem 
Isteu Tarif bestimmt ist, besorgt werden. Die (Japitains, 
liieutenants, Interlieutenants und anden; Fmjdoyes, die einem 
ähnlichen Militärgrade gleichgestellt sind, die Unteroffiziere, 
Holdaten und alle Individuen, welche mittelst (^uartierbillets 
bei liürgern logieren, sollen Feuerung und Licht von ihren 
AVirten erhalten'*. 

Haupt(|uartier zu Katzeburg. 
Marschall, Herzog von Auerstädt, Prinz von Fckmühl. 
Der Adjutant-('Ommandant, de Fernig. 

(»lUdege oder Aktenstücke«, No. 65). 

Wohl schwerlich wird es, ausser den Hamburger Schrei- 
bern,*) jemand übertrieben finden, wenn ein Bataillonskom- 
mandeur 22 Mk. Fiuierungsgeld für den Monat erhält, oder 



♦j Vergl. »Erzählung der Begebenheiten in dem unglückliclien 
Harnburg«, S. 21. 



— 107 — 

ein General auf täglich 4 Wachs- und 2 Talglichter An- 
spruch erheben darf. 

Weit drückender hingegen waren die Ausschreitungen, 
welche sich einzelne Militärpersonen erlaubten. Von solchen 
entwirft uns Carsten Wilhelm Soltau in seiner bereits mehr- 
fach erwähnten Verteidigungsschrift eine lebendige Schilderung. 
Bald haben Chasseurs vom 28. Regiment ein Haus ruiniert, 
welches sie in der Gröningerstrasse bewohnten (Soltau, 
S. 99 — 100), dann wieder haben Douaniers „an den Hütten^ 
Bretterzäune abgebrochen, um damit zu heizen (ib., 104 — 105) — 
freilich, sie froren, die armen Teufel! — da hat man (ib., 
S. 132) statt der Reconvalescenten Kranke bei den Bürgern 
einquartiert; ein anderes Mal hat sich der Kommandant 
de Fernig widerrechtlich ein Klavier aneignen wollen, und 
der biedere Maire-adjoint muss ihm begreiflich machen, dass 
er es für unangemessen hält, wenn der Herr Kommandant in 
dieser Weise seinen musikalischen Neigungen nachgeht; wieder 
ein anderes Mal hat sich Soltau bei dem Grafen Hogendorp 
darüber zu beklagen, dass ein General (Jouffroy) seiner Wirtin, 
mit welcher er persönliche Differenzen gehabt, eigenmächtig 
Garnisonäre ins Quartier gelegt habe (ib., S. 102). Auch hat 
der Maire Rüder einmal eine grosse Verwirrung angerichtet, 
indem er 200 für die Kasernen requirierte Betteinrichtungen 
für die Hospitäler genommen hat, infolge dessen nun die 
erstgenannte Requisition wieder completiert werden muss 
(ib. 121 — 122). 

Derartige Vorfälle ereignen sich in ähnlicher Lage 
überall, und gerade diese Unordnungen und Uebertretungen 
sind es, welche die Betroffenen weit härter drücken als 
selbst strenge gesetzmässige Erlasse, wenn dieselben eingehalten 
werden. Solche Uebertretungen sind es auch, welche die Be- 
völkerung am tiefsten erbittern; so ist es auch in Hamburg 
gewesen ; aber welche Thorheit, wenn nicht Böswilligkeit, den 
Höchstkommandierenden einer Armee für jede Ausschreitung 
eines Subalternoffiziers oder Gemeinen, ja, eines Zollwächters 
oder Trossknechtes verantwortlich machen zu wollen! 



4. Kapitel. 

Die Beschlagnahme der Hamburger 

Bank;» 

In seiner Jieichstagurede vom 14. Mai 1890 »prach der 
verewigte Feldiiiarßchall (iraf Moltko die Worte: ^8ahen wir 
doch im Jahre 181H, als er sch<m im vollen Abzüge war, wie 
in Hamburg — damals eine franzöuis(^h(; Stadt - ein fran- 
zösischer Marschall zum Abschied die Hamburger Bank in 
die Tasche steckte." Kaum waren diese Worte verhallt, als 
die Frau Marquise de Blocqueville, di(^ nach dem Tode der 
Gräfin (Jamberes allein noch lebende» Tochter Davouts, unter 
dem Titel »Le Marechal Davout h Jiambourg« das Memoire 
des Marschalls, sowie die Relation seines (ieneralstabschefs 
(.V»sar de Laville wiederherausgab und dem (irafen Moltke 
ein Exemplar der Verteidigungsschrift ihres Vaters übersandte. 
Zugleich richtete die geistvolle Schriftstellerin, am 81. Mai,**) 



*t Ueber die Beschlagnahme der Hamburger Bank bitte ich, die 
in des Einleitung genannte Spccialschrift des ehemaligen Bankdirektors 
C. N. Pehmöller nachzulesen, welche ich nach der deutschen Aus- 
gabe citiere. Man vergl. dazu das 2. Kapitel des französischen Werkes 
von J. Far^, >Un Fonctionnaire d'autrefois: P. F. Lafaurie«, Paris 1883. 
Lafaurie war französischer Finanzbeamter in Hamburg und bei der 
Bankangelegenhcit unmittelbar beteiligt. 

**) Seltsame Analogie der Daten! Am 31. Mai 1813 war der 
Marschall Davout als Sieger in Hambur}»: eingezogen ; genau e i n Jahr 
später, in der Morgenfrühe des 31. Mai 1814, verliessen die letzten 
seiner Truppen die Stadt; nach 77 Jahren eröffnete, an demselben 
Tage, das letzte Kind des grossen Kriegers ihren kurzen, aber ruhm- 
reichen literarischen Feldzug, zur Verteidigung ihres Vaters, gegen den 
grössten Soldaten Deutschlands. Man hat sie mit recht die »Tochter 
des Löwen« genannt, die Marquise de Blocqueville. 



— 109 — 

oineu Brief an doii greisen Feldmarachall, in welchem siu das 
Andenken ilires Vaters gegen Moltkes — wie dor unbefangen« 
Ijeser /Mgehen wird — leicht mUszudeutende Aeuaaerung in 
SchutK nahm. Der alte Moltke säumte uiriht, dem Andenken 
des grusBeii Davout gerecht ku werden.*) In einem von Cudowa, 
9. Juni, an die Marquise geriehteteii Antwiirtschreiben heisst 
es folge n denntissen : 

,,Dans nion discuurs au Keichätag, j'ai mentiiiuut' la saisie 
de la Banque de Hambourg, ce qui eet un t'ait hiatorique; il 
est ÖTident que le gt'ineral frau^ais, en cotte oceasion, n'a pu 
agir que sur un ordre du gouyernement auquel il fallait obeir. 
Si neanmoins TexpreaBion dont jo lue suis servi 
a pu Ptre interpr(>tee conime si le niareehal Davout 
eilt agi dans son inti''ret personnel, jv regrette do 
l'avoir mal ehoisie. 

le vuus dois cette oxplicatioii, madame la marquise, et 
■ j'aimo k rfroiro que vcius voudrez bieu l'accueillir graoieueement. 
Quant 11 l'ouvrage que vous avez eu la bont<5 de ni'en- 
[ voyer, je l'etudie avee le plus grand inti^ret." 

loh glaube, auch ohne die in dem Schlussaatze ausge- 
f sprochene Versicherung, darf man einem Manne vom Schlage 
iMoltkes genügende Urteilsfähigkeit und hinreichende Hach- 
Vkeuntnis zutrauen, um seine Worte ala ein schwerwiegendes 
I Zeugnis für die selbstlose Handlungsweise des Marschalls 
L' aufzufassen. Wenn die Marquise de Blocqueville ihres Vaters 
I l'neigennützigkeit rühmt, so kann man mir bei der geistvollen 
[. Sehriftstellerin die Tochter, wenn es die Montegut undMazado 
[ thun, beiden namhaften Oelehrten <lie Franzosen eutgegon- 

'') Gerechligkeit gegeuiiber dem Feinde war bekanntermasaen 
I eine der achönsten Eigenschafleii des berühmten Strategen, an welche 
l die Tochter DavQUts nicht vergeblich appellierte; es wird unver- 
;es8en bleiben, dass der »grosse Schweiger« Worte fand, um ijeinen 
inglückliclien Gegner, den bei Königgrälz geschlagenen ßenedek, in 
verteidigen. Auch der kurze, zwischen dem tirafen MoUke und der 
französischen Marquise geführte Briefwechsel gereicht diesen beiden 
sublimen Geistern gleicher massen !;ur Khre. 



- HO — 

halten.*) Wenn es aber ein Moltke thut? Und wenn obendrein 
dessen Urteil von gewichtigen deutschen Schriftstellern und 
Kritikern unterstützt wird? In der That ist dieses der Fall. 
So sagt der mit den besprochenen Verhältnissen aus eigener 
Anschauung sehr genau bekannte Recensent der »Hall Allgem. 
Litoraturzeitg.« (Jahrg. 1816, Ergänzungsblätter, No. 26, S. 211): 
„Der Marschall Davout hat von diesem (nämlich dem in der 
Bank befindlichen) (lelde keinen Thal er genommen**, und 
selbst ein dem Marschall so wenig gewogener Schriftsteller 
wie J. G. (lallois kann demselben das Prädikat „uneigennützig** 
nicht versagen (vergl. die Einleitung). Auch hatte schon 
Abendroth im .lahre 1815 über die Bankangelegenheit ge- 
schrieben : „Jeder, wer nur die Administration des Herrn 
Marschalls in der Nähe gesehen hat, wird überzeugt sein, 
dass sein persönliches Interesse keinen Einfluss bei 
der Verwendung der Bankgelder gehabt hat, wie er 
dies auch selbst pag. 24 (seines Memoire) bezeugt, und ist 
also, wenn er das daselbst gebrauclite Wort moralite in diesem 
engern, sonst nicht gewöhnlichen Sinn (nämlich Uneigennützig- 
keit) nimmt, das dort gesagte ganz der AValirheit gemäss**. 
(S. der A.schen Broschüre). 

Was kann es diesen gewichtigen Zeugen und Kritikern 
gegenüber bedeuten, wenn die royalistischen und hamburgischen 
Gegner den grossen Marschall in niedriger Weise zu ver- 
dächtigen suchten, wenn beispielsweise unter den letzteren ein 
Köstliii zu schreiben wagt: „natürlich bedachte sich Davout 
zuerst** (»Nemesis*, 4, 375), oder wenn ein Geselle wie 
der Verfasser des »Lebens und der Thaten des Tyrannen 
Davout« (S. 36) die Wegnahme der Bank als einen „Spitz- 
bubenstreich** bezeichnet, „der nicht seines gleichen habe*'! 
lieber diesen Punkt hat die historische Kritik, so denke ich, 
ihr Urteil ein- für allemal abgeschlossen ; auch habe ich ihn 
nur aus dem Grunde noch einmal eingehender erörtert, um 



♦) Man wolle übrigens auch das bereits oben angeführte Urteil 
Rists (aus dessen »Lebenserinnerungen«, II, 101—112) vergleichen! 



— 111 — 

zu zeigen, in wie unritterlicher Weise die »marchands de 
Sucre« den fleckenlosen Schild der Soldatenehre ihres grossen 
Gegners zu besudeln gesucht haben.*) 

Doch nun zu der zweiten und nicht minder wichtigen 
Frage: War der Marschall Davout durch zwingende Not- 
wendigkeit in die Lage versetzt', die Hamburger Bank 
beschlagnahmen lassen zu müssen, oder hat er durch diese 
Wegnahme einen Akt der Tyrannei begangen oder hierin doch 
vorschnell gehandelt und ehe alle andern ihm zu Gebote 
stehenden Mittel erschöpft waren? Auch diese Fragen sind 
ausserordentlich wichtige ; denn die Wegnahme der Bank war 
eine gefährliche und für den Hamburger Handel höchst be- 
denkliche Operation, und ein Marschall von Frankreich 
musste, falls dies überhaupt möglich war, auf diesen Punkt 
um so mehr Rücksicht nehmen, als Hamburg zu jener Zeit 
noch immer als eine französische Stadt anzusehen war. 

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die damalige 
Lage ! Davout stand noch in Ratzeburg. Noch war die Schlacht 
bei Leipzig nicht geschlagen. Aber schon nach Oudinots 
Unfall bei Grossbeeren und der Niederlage Neys bei Dennewitz 
musste es dem Marschall klar geworden sein, dass er in der 
nächsten Zeit in militärischer und finanzieller Hinsicht mut- 
masslich auf seine eigenen (d. h. des 32. Militärbezirks) Hilfs- 
quellen angewiesen sein werde. Wie aber waren diese be- 
schaffen ? Die zweite Rate der grossen Kontribution war voraus- 
sichtlich nicht einzutreiben, geschweige denn mehr — denn die 
reicheren Hamburger konnten teilweise, teils wollten sie nicht 



♦) In besonders hämischer Weise hat dies Senator Westphalen 
in der Schrift >Hamburgs tiefste Erniedrigung in den letziverflossenen 
Jahren« (S. 37) gethan. Wer schimpft, der schimpft sich selbst, sagt 
ein gutes, altes deutsches Sprichwort — und es bedarf wohl kaum 
der Hindeutung, dass der in unendlichen Variationen dem Marschall 
Davout von den Hamburgern gemachte Vorwurf der Veruntreuung 
den Redlichkeitssinn der Ankläger in einem recht bedenklichen Lichte 
erscheinen lässt. 



-- 112 — 

mehr bezahlen,*) und alle Mittel, Bitten und Drohungen, Zwangs- 
exekutionen und Einlegen von Garnisonärs wollten nicht 
fruchten — die bisher eingebrachten Summen aber waren an 
die grosse Armee abgeliefert worden, desgleichen, auf Befehl 
des Ministers des Schatzes, die bei den Einnehmern eingelaufenen 
Fonds der ordentlichen Auflagen nach Wesel (>Mem. du M^ 
Davout«, p. 25 der neuen Ausgabe). Am 8. September hatte der 
Marschall dem Grafen Chaban, seinem Generalintendanten, in 
einem vertraulichen Briefe (Corr.,ed.Maz., 4,275ff.) Instruktionen 
in betreff einer Verproviantierung Hamburgs für ein ganzes 
Armeekorps zugehen lassen.**) In seiner Antwort vom 10. (M6m. 
Anl. 25) wies der Graf in einem längeren Expose bereits auf die 
finanziellen Schwierigkeiten hin, die sich der Verproviantierung 
entgegenstellten, ja, sich schon fühlbar genug machten, wenn 
man nur den laufenden Dienst aufrecht erhalten wollte. Am 
15. September sandte der Graf abermals einen Bericht an den 
Marschall (Mem., Anl. 26), dem er eine Aufstellung seines Budgets 
beifügte. Diese wies eine Einnahme von höchstens 6 Millionen 
Franken an Kriegscentimen auf, bei 9441296 Franken Aus- 
gaben, so dass, nach Chabans Rechnung, bereits damals ein 
sicheres Deficit von 3441 296 Franken vorhanden war. Der Graf 
beschwor den Marschall, ein Mittel ausfindig zu machen, um die 
Ausgaben des laufenden Trimesters sowie des ersten Trimesters 
von 1814 herbeizuschaffen. .;,Ich rechne darauf", heisst es in 
dem angezogenen Briefe, „dass Ihrem Dienst bis zum Monat 
Oktober nichts mangele; aber von dieser Zeit an garan- 



*) Auch wurden die von den Bürgern zu tragenden Lasten noch 
dadurch schwerer und schwerer, dass immer mehr Begüterte 
auswanderten, so dass die Zahl der Tragenden immer kleiner wurde. 
Vergl. Soltau, »lieber meine Verwaltung u. s. w.<, S. 14. 

**) Man sieht daraus, nebenbei bemerkt, dass Davout, der scharf- 
sinnige Beobachter, die Lage der Franzosen in einem durchaus pessi- 
mistischen Lichte betrachtete und, was nicht alle französischen Feld- 
herrn thaten, ja, was selbst der geniale Kaiser häufig genug versäumt 
hat, für den Fall eines Rückzuges vorsorglich die erforderlichen Mass- 
regeln traf. 



— 113 — 

I 

tiere ich nichts mehr. Ich muss Ihnen erklären, dass 
ich für Lebensmittel, Artillerie und Genie keine 
Fonds mehr haben werde. Es ist notwendig, dass 
Se. Majestät Befehle erteile und Massregeln nehme." 
Ja, der Kaiser war fern, und seit Mitte August jede Ver- 
bindung mit dem Hauptquartier der grossen Armee unter- 
brochen, üavout musste sich also selbst helfen.*) 
Auf eine weitere Eintreibung der grossen Kontribution war, wie 
gesagt, nicht zu rechnen ; er versuchte es also noch einmal mit 
additionellen Centimen, die er, von der kaiserlichen Vollmacht 
Gebrauch machend, für die drei Departements der 32. Militär- 
division verordnete. Umsonst, es war nicht möglich, das 
Deficit einzubringen. Diesen Stand der Dinge meldete Chaban 
dem Marschall am 16. Oktober (Mem., Anl. 27): „Er wisse 
nicht mehr, wie er die Ausgaben decken solle; schon habe 
er die Kasse des Zahlmeisters der grossen Armee angegriffen, 
aber auch diese Hilfsquelle sei ziemlich erschöpft, da 
nur 300,000 Franken in derselben geblieben wären ; die 
Hospitäler, die Gefängnisse bitten, man käme nur noch auf 
eine künstliche Weise und durch eine Art von 
Zauberei fort, aber das könne nicht lange dauern. 
Nun frage ich einen jeden Militär: Konnte ein Heerführer, 
konnte ein Festungskommaudant, dem von seinem Kriegsherrn 

**) Zwei von den Hamburger Gegnern Davouts, der Verfasser 
der »Missethaten« und derjenige des Aufsatzes »Einige Worte über 
die Rechtfertigungsschrift des Marschalls Davoust« haben naiver Weise 
gemeint, der Marschall hätte, anstatt die Bank zu nehmen, lieber den 
Truppen ihren Sold vorentlialten sollen. In der That eine sonderbare 
Zumutung an einen Müitär — ich will garnicht einmal sagen, an 
einen Davout! Und was wäre — ganz abgesehen davon, dass das 
Bankgeld keineswegs allein zur Bezahlung des Soldes not- 
wendig war — also, was wäre wohl die Folge davon gewesen, wenn 
der Marschall wirklich seinen Leuten den Sold vorenthalten hätte? 
Würde nicht der bei dem harten Dienste darbende Soldat noch weit 
grössere Excesse gegen die Bürger begangen haben, als ohnehin vor- 
gekommen sind, Excesse, die jedenfalls auf der ärmeren Klasse der 
Hamburger Bevölkerung ungleich schwerer gelastet hätten, als die 
Beschlagnahme der Bank? 

8 



— 114 — 

aufgegeben war, den ihm anvertrauten Platz bis auf das 
äusserste zu halten, konnte ein solcher diese Zustände dulden, 
konnte er sich den Arm der Verteidigung lähmen lassen, 
wenn es noch ein Mittel gab, um demselben die weitere 
Führung der Waffe zu ermöglichen? Ich will hier garnicht 
anführen, was Davout in seinem »Memoire« (p. 27 der neuen 
Ausg.) betont, dass der Kaiser in einem Briefe von Dresden, 
16. Juli (>Corr. du M^ Davout, 6d. Maz., 4, 230 Anm. 1«) 
angeordnet hatte, 20 Millionen der Kontribution sollten in 
monatlich zahlbaren Tratten auf die Hamburger Bank gezahlt 
werden, und dass der Marschall zur Not*) diese Tratten als 



*) Ich sage ausdrücklich zur Not d. h. indem er sich einfach 
nach des Kaisers Gedanken richtete, die für ihn als Soldaten nicht 
diskutabel waren. Dass Napoleon in diesem Punkte eine falsche An- 
sicht hatte, ist einleuchtend; denn mit recht bemerkt Amsinck 
(»Materialien«, S. 36 — 37, vergl. ib., S. 59—50): „Hierüber hinaus stiess 
sich die Unmöglichkeit der Ausführung des Kaiserlichen Plans vor- 
züglich an den vorgeschriebenen 20 Millionen in Wechseln auf die 
Bank von Hamburg, welche nicht existieren konnten, da bekanntlich 
die Bank, als ein Depot Einzelner zu deren eigenen Disposition, keine 
Geschäfte auf ihren Namen machen und keine Wechsel acceptieren 
kann.« Es sei mir bei dieser Gelegenheit verspättet, eine weitere Ab- 
schweifung in die Amsincksche Schrift zu machen. Wir haben es hier 
— ich wiederhole es — keineswegs mit dem Machwerke eines der ordinären 
Hamburger Schreier, sondern mit dem Buche eines nicht allein ernsten 
und verständigen, sondern auch hochbedeutenden Mannes zu thun, 
welches genaue Beachtung verdient. A.s »Materialien« sind geschrieben, 
um den Anspruch Hamburgs auf einen Ersatz des Bankfonds zu be- 
gründen, ein Anspruch, dessen Rechtmässigkeit ein Billigdenkender 
nicht leugnen wird. Hamburgs Forderungen sind ja auch im Pariser 
Frieden anerkannt und von Frankreich (s. unten) erfüllt worden. Nun 
hat Amsinck ganz recht, wenn er (auf S. 67) bemerkt, dass auch 
Chaban und Hogendorp diese Ansprüche anerkannt haben — warum 
setzte er aber nicht hinzu, dass auch Davout dieses selber gethan hat, 
wie solches die genauen Verbalprocesse bei der Beschlagnahme und 
die Empfangscheine bei jeder Entnahme, sowie die von dem Mar- 
schall darüber selbst publicierte Zusammenstellung beweisen ? Weiter- 
hin führt Amsinck (auf S. 53 ff.) aus, dass nach seiner Ansicht kein 
dringendes Bedürfnis für die Wegnahme der Bank vorhanden gewesen 
sei und sucht dies durch daselbst aufgestellte Berechnungen zu er- 



— 115 — 

Anweisungen auf die Bank betrachten konnte. Das ausschlag- 
gebende Motiv in der Bankangelegenheit — zugleich das 
einzige, welches die Wegnahme derselben rechtfertigen kann, 
sie aber auch wirklich rechtfertigt — war die eiserne 
Notwendigkeit, und, um [diese schwarz auf weiss vor sich 
zu haben, forderte der Marschall, ehe er zum äussersten 
schritt, den Grafen auf, ihm eine Uebersicht der Ausgaben 
und Bedürfnisse vorzulegen. Hierauf sandte Chaban am 2. 
November (Mem., Anl. 3i) nochmals einen genauen Bericht 



weisen, welche genau zu kontrollieren und auf ihre Richtigkeit hin zu 
untersuchen, heutzutage sehr schwer sein dürfte. Aber schlägt sich 
der sonst so ernste und gewissenhafte Rechner nicht selbst, wenn er 
(S. 56) als Gegenargument anführt, es seien bei dem Abtreten Davouts vom 
Kommando noch beinahe 2 Millionen Franken in dem Bankschatze übrig 
gewesen ? Waren denn etwa 2 Millionen nicht eine für die Verhält- 
nisse ganz geringfügige Summe? Wie nun, wenn Davout, was er doch 
als Möglichkeit, vielleicht als Wahrscheinlichkeit ins Auge fassen 
musste, gezwungen gewesen wäre, Hamburg noch längere Zeit, etwa 
den ganzen Sommer 1814 hindurch, zu verleidigen? Und ob das von 
Amsinck (ebenfalls S. 56) vorgeschlagene Verfahren, anstatt die Bank 
zu beschlagnahmen, lieber bei Privatpersonen Zwangsanleihen 
vorzunehmen, erspriesslicher, ob es vor allem milder und mensch- 
licher gewesen wäre? Der Verfasser glaubt, befürchten zu müssen, 
dass er in diesem Falle die wenig erfreuliche Aufgabe gehabt haben 
würde, neben den verschiedenen Dutzenden von Hamburger Pamphleten 
mindestens noch ein weiteres über >die Zwangsauleihen des Tyrannen 
Davout« u. dergl. lesen zu müssen. Schrieen ja doch die Hamburger schon» 
wenn sie ein paar Pfund alter Nägel für die Marine, etwas Holz zu 
Krücken für die Verwundeten oder ein bischen Potasche für die 
Pulverbereitung hergeben mussten! Was endlich die von Amsinck 
betonte Heilijrkeit und Unverletzlichkeit des Bankinstituts anbelangt, 
80 steht der Verfasser, wie man aus seiner im Texte gegebenen Dar- 
stellung ersehen wird, hierin für seine Person durchaus auf dem 
Boden der Auffassung des Hamburger Schriftstellers; aber ebenso 
sehr ist er anderseits von der traurigen Notwendigkeit gewisser Massregeln 
im Kriege überzeugt, welche allen, auch den heiligsten Verbind- 
lichkeiten des Friedens vorangehen, ganz abgesehen davon, dass 
man bei einem — wenn auch noch so tüchtigen — Militär wie Davout 
ein Verständnis für die von Amsinck vorgebrachten juridischen und 
handelspolitischen Subtilitäten wohl kaum wird voraussetzen dürfen. 

8* 



116 — 

ein, welcher ergab, dass die zu deekenden Aust^abeii seit 
dem I. Juli und diejenigen, \vel(^he für den Dezember zu 
machen waren, sich auf 12 542(164 Franken 80 ( ^ent. beliefen. 
Allerdings hatte der ( i raf bei verschiedenen ivassen, besonders 
bei derjenigen des Zahlmeisters der grossen Armee, Anleihen 
im Hintrage von 4 Millionen gemacht; ab(M' auch so noch gab 
es ein IxMlcjutendes l)(^fizit zu decken, und, was das schlinnnste 
war, es herrschte nacjliOhabans Angabe, (MU grosser Mangel an 
barem (il i»lde.*) „ir(^ut(»sind alle Kassen (»rschöpff*, schreibt der 
lnt(uidant, „alle llülfs(|uell(»n versiegeln; g(»st(»rn blieben nur 
45 000 Franken in jillen Kassen; ich habe» für die Arbeiten 40 000 
FrankcMi bezahhMi lassen, (»s l)leiben nur noch 5000 Franken 
und ki»in(» Hoffnung, Fonds eintn^ben zu können/ „Ich muss 
Ihnen erklären, Monseigneur*^, hc^isst es in (l(»ms(dben Briefe 
etwas s[)iit(M', „dass das einzigem Mittel, wcdches ich k(Mine, um 
Fonds zu (»rhalten, dnrin besteht, dass man sich der in der 
Hank befindlichcMi Harnui l)emächtige, und zu erklären, dass 
diese Harren sollen (Mng(*sclnnolzen und zum l)i(Mist der 
Armei^ als Abtrag der ausserord(»ntlichen Kontribution in Münz(i 
umgeprägt werden, weini anders nicht das KonuncMv/ium oder 
di(^ Stadt llan)l)urg die zu allen Diensten notwendigen Fonds 
herb(»is(5haifen wolle/**) \)(\r Marschall unterliess nicht, 



*) Allerdings spricht tl^r (fraf Cliaban wio Amsink, S. öo Amn. 
hervorgohoboi) hat, in doin oben angezogenen Briefe vou 4 Millionen 
Kriegseenliinon, diti er noch nicht angerührt habe. Aus dem Briefe 
geht nun gleichzeiltg liorvor, dass er vvenigstcius einen Teil derselben 
zur Deckung der aus der Kasse der jrrosscMi Armee genommenen 
Golder pilic-htmässig liätU; verwenden müssen. Dieser Verpllichtung 
wäre nun freilich finderseits der üraf durch die Not der Umstände 
wohl üborhob(Mi, das Geld also disponibel gewesen; aber die Summe 
- und diiis ist ausschlaggebend — rtMchte ja nicht im entferntesten 
hin, um die ungeheuren Ausgaben zu decken, deren Begleichung den 
Marschall also immerhin zur Beschlagnalime der Bank zwingen musste. 
**) Als Beitrag zur komischen Litteratur des neunzehnten Jahr- 
hunderls möge erwähnt werden, dass Abendroth (S. 8 seiner Broschüre) 
allen Krnstes behauplel, jene oben citierten, von Chaban an Davout 
gerichteten Briefe seien „nach gehöriger Verabredung so geschrieben, 
um dadurch die Wegnahme der Bank zu präparieren." 



— In- 
der in den letzterwähnten Worten gegebenen Andeutung zu 
folgen, er liess dem Kommerzium durch die mit der Regelung 
der Bankangelegenheit eingesetzte Kommission mitteilen, dass 
er von der äussersten Massregel, der Beschlagnahme der Bank, 
absehen werde, falls die Kommerzkammer sich verpflichten 
wolle, den Rest der beiden ersten Sechstel der grossen Kontri- 
bution (6 — 7 Millionen Franken) zu erlegen und monatlich 
eine Million zur Bestreitung der Unterhaltungskosten der 
Armee aufzubringen. Zugleich befahl er (in dem Beschlüsse 
vom 2. November, Mem., Anl. 33), dass die Bank durch die 
von ihm ernannte Kommission in Gegenwart des Bankdirektors 
(Pehmöllet) und zweier Mitglieder der Kommerzkammer ver- 
siegelt werden sollte. Dieses geschah, und der Graf über- 
sandte dem Marschall am 6. (M6m., Anl. 35) die Antwort 
des Kommerziums, dessen Mitglieder sich entschieden ge- 
weigert hatten, eine Verpflichtung in dem oben angegebenen 
Sinne zu übernehmen. Wohl würde die HerbeischafFung des 
Geldes unter den damaligen Verhältnissen grosse Schwierig- 
keiten verursacht haben, wohl mögen sich auch die Ham- 
burger Kaufherren von der Erwägung haben leiten lassen, 
dass, bei der drohenden Lage und der Unmöglichkeit für die 
Franzosen, sich in der nächsten Zeit anderweitige Hülfsquellen 
zu eröffnen, die Bank doch noch einmal gefährdet werden 
könnte, und dass es daher ratsamer sei, die noch in ihrem 
Besitze befindlichen Gelder zurückzuhalten. (Vergl. Pehmöller 
S. 12 — 13, Amsinck, 1. c, 52 — 53). Immerhin mag aber erwähnt 
werden, dass dieses Benehmen der Hamburger auf Fremde 
einen üblen Eindruck gemacht hat, und z. B. ein Mann wie 
Löwendal (a. a. 0., S. 190 — 193) sehr bitter darüber urteilt. 
Wie dem auch sei, es war nunmehr das letzte Mittel 
versucht, und der Marschall sah sich, wenn er anders die 
Sache des Kaisers noch halten wollte, in die traurige Notwendig- 
keit versetzt, die Bank von Hamburg anzugreifen. Die Ent- 
siegelung des Bankinstituts erfolgte in der Nacht vom 8. auf 
den 9. November (Pehmöller, S. 30— 31, Fare, »Lafaurie» , S. 
38 - 39). Zwei Tage vorher hatte der Marschall an seinen 



— 118 — 

Kaiser einen Bericht über die Notwendigkeit der Wegnahme 
der Bank abgehen lafisen. ^Sans (jette niesure**, sagt er darin, 
„80U8 huit jours d'ici, tous les traveaux de Tartillerie et du 
genie seraient suspendus faute de fonds." (I)av. an NapoL, 
Katzeburg, (J. Nov. 1813, bei Mazade 4, 288). 

Die Einzelheiten der Hesclilagnahnie gehören nicht in 
den 1 lahmen dieser Untersuchung; denn es dürfte für die Be- 
urteilung Davouts ziendich gleichgiltig sein, wenn einer oder 
der andere seiner rnterge])enen bei dieser (hdegenheit die 
Hamburger llandelsliern;n (^twas weniger glimpflich behandelt 
hat, als die Höflichkeit gebietet, zunuil diese ihre Halsstarrig- 
keit durch rcnchliches Protestieren in völlig aussichtsloser 
Hache kräftig bekundetcMi. 

Von entsclujidender Bedeutung dagegen ist die weitere 
Frage, in welcher Weise Davout die Bankfonds v(»rwaltet 
und verwertet, und wie er die Hesitz(»r der in d(»r Hank 
niedergelegten (i eider, hinsichtlich ihrer Kntschädiginig, sicher- 
zustellen versucht hat. Ist man luin in dieser Heziehung von 
vornh(M*ein g(»neigt, die ThätigkcMt einer Fimmzverwaltung 
nicht ungünstig zu l)eurteilen, in welcluT Männer wie (^haban 
und ljafauri(i arbeiteten, so bestätig(Mi auch di(; Thatsachen 
eine s(df^he Vermutung durchaus. Zudem sind auch die 
ernsteren JIamburg(>r Schriftsteller in dieser Heziehung der 
Thätigkeit d(»r französischen Finanzverwaltung voUkonunen ge- 
recht geworden, und es ist zwischen ihnen und den französi- 
schen Angaben nirgends ein m(?rk lieber Widerspruch. (Jhabau 
Hess nach und nach aus (l(»r Hank 1 r>Oi)\K)i) Mark 4 Schill. 
Banko herausnclnnen (I*(»lnnöller, S. 110, vergl. Mönckeberg, 
>(ie8chichte« , S. 4;{{)), aber jedesmal wurde die Notwendigkeit 
zuerst durch ein besonchMU^s Dekrtit des Marschalls festgestellt 
(Pare, >Lafauri(5« , p. 40); bei der Beschlagnahme der Bank 
war ein genaucir proces v(U'l)al aufgenomnujii*), welchen der 
(iraf Ohaban ausdrücklich gefordert hatte (Ohaban an Davout, 



'*) Pehinöller, S. 81, vergl. Mönckeberg, »Hamburg unter dem 
Drucke der Frauzosen«, S. 211. 



— 119 — 

6. Nov. 1813, Mem., Anl. 35), und ebenso wurden bei jeder 
Entnahme von Werten vollkommen legalisierte Empfangscheine 
der französischen Regierung mit dem Versprechen des Ersatzes 
in die Bank hineingelegt (Mönckeberg, a. a. 0.); der Mar- 
schall selbst hat in seinem »Memoire« eine Uebersicht der Er- 
hebungen aus der Bank veröfFentUcht, und über die Verwen- 
dung der entnommenen Summen sind sehr genaue Bücher ge- 
halten worden, wie der E-ecensent in der „Hall. AUgm. 
Literaturztg.'^, der sie selber eingesehen, rühmend hervorhebt 
(a. a. 0., Jahrg. 1816.,Ergänzungsbl., No. 27, S. 211). Natür- 
lich wurden zuerst die gemünzten Grelder in AngriflP genom- 
men, aus denen, nebenbei bemerkt, ein dem Könige von 
Dänemark gehöriges Depot diesem zurückgezahlt wurde. 
Alsdann kamen die in den Kellern der Bank aufbewahrten 
Silberbarren an die Reihe, welche der erfinderische Chaban 
in einer ad hoc eingerichteten Münze prägen Hess, woher 
die feinen »Chabans» stammen, Zweimarkstücke mit 
besonders kleiner Scheibe, die wegen ihres hohen Silber- 
gehaltes bald beliebt wurden, heutzutage eine Seltenheit 
und ein Zeichen der Erinnerung an eine grosse, vielbewegte 
Zeit.*) — So wurde das Bankvermögen mit strengster 

*) Die ersten »Chabans« erschienen am 13. Dezember 1813 im 
Publikum. Geprägt waren sie von dem ehemaligen Hamburger Münz- 
meister Knoph und dem französischen Münzmeisler Ginquembre. Jeder 
von diesen hat auf den von ihm geprägten Stücken seine Initialen 
(H. S. K. und C. A. J. G.) unter das auf die Münze gedruckte Ham- 
burger Wappen gesetzt. Hieran sind die »Chabans« kenntlich; im übrigen 
gleichen sie den Hamburger Doppelmarken mit der Chiffre 1809. Die 
zur Prägung der Stücke von 1809 verwendeten Maschinen wurden 
nämlich von dem französischen Gouvernement zur Anfertigung der 
neuen Münzen verwendet, da Davout Bedenken trug, mit dem Bilde 
des Kaisers oder dem des Königs von Dänemark prägen zu lassen, 
neue Prägestöcke herzustellen aber mit zu grossen Schwierigkeiten 
verknüpft gewesen wäre. — In dem Münzkabinet der Hamburger Bank 
wird übrigens noch ein besonders interessantes Stück aufbewahrt: ein 
französisches Fünffrankenstück mit dem Stempel eines sogen. Chaban, das 
Davout unter den Prägestock geworfen haben soll, als er die Werk- 
statt besuchte, um sich vom Anfange der Arbeit zu überzeugen. 



— 120 

Hechtlichkoit vorwaltet, und dicso Praxis urfiilir koinc^ AcmhIc?- 
run^, als nach dem Tod(? des edlen (Jrafen (-ha hau eine von 
dem Marschall ein^^esetzte Koniniission die CJesehäfte fortführte. 
Die aus der Hank entnonnnenon Fonds wurden ausschliesslieh 
zum l)i(in8te der Hospitäler, für die Ver|)H(^<»;un^ und Hesoldung 
der Trupi)en und der ()ivil- und Militärvc^rwaltun^en, sowie 
zur Bezahlung der Artillerie und des (leniewesens verwendet, 
und mit Stolz konnte Davout in seinc^m Memoire darauf hin- 
W(^isen, dass o.r durch dies(» Arbeiten, mitttdbar also durch 
die Verwendung d(M* Bankfonds, seinem Vaterlande 2;") 000 
Mann erhaltcMi habe. Den bei d(Mn Abtreten des Marschalls 
vom Oberkommando noch vorhandcMien Kest der Hank^cdder 
nahm der von dem (Jrafen Artois an seintM* St(dle ernannte 
()}(»neral (lerard in d(TS(dben Weise für dic^ VerpHe<;un^ der 
l^rupjx^n in Anspruch, wie dies vor ihm d(»r Marschall ^ethan 
liatte ; im OkhJxM* ISKJ, also nach dem zweiten Pariser 
Frieden, (erhielt di(^ Hank für d(Hi (Jesannntverlust von 11} 77)1971 
Frank(Mi (»ine halbe Million Franken an Renten, d. h. 10 
Millionen zurück, eim», w(Min man die Zeitläufte bedenkt, 
sehr ann(^hmbare Kntschädi^un^. 

ich könnte di(?ses Kapitel kaum b(»sser beschliessen, als 
ind(Mn ich eine Sttdle aus den *hemerkun«^(ui über das M(;- 
moire des ll(»rrn Marschalls Davout etc.*, S. 21 J hi(»r wieder- 
<;(d)(». „Die \V(^«»;nahme der Hank*', heisst (»s dort, „kann 
unter der Ansiclit, wie sowohl der Prinz, als Ihjrr PehmöUer 
sie darstellt, alsdann ^erc^chtferti^t werden,*) wenn der Prinz 
dafür 8or<;t, dass das (Henommc^ne ersetzt wird." Soweit c^s 
an ihm la<^, hat der Prinz (d. i. der Marschall Davout) 
dies ^ethan. 



Napoleons (iesicht ist unverletzt, abor sein Schädel ausgeqiK^tscht und 
nüi den Hamburger Thürmen trostompelt. Uebcr die >Chabans« vergl. 
des näheren: 0. C. Gjedechens, »Ilarnburgische Münzen und Medaillen«. 
1. Abteil., Hamburg 1850, S. 161 -1(52. 

*) Auch Mrtnckeberg, »üeschicbte«, S. 4-3') räumt ein, dass die 
Wegnahme der Bank für das französische Gouvernement eine Not- 
wendigkeit gewesen sei. 



5^ Kapitel. 

Die Niederlegung der Vorstädte und 
die Austreibung der Einwohner. 

In brennenden Farben haben nns die Gegner Davouts 
geschildert, wie gar oft an den dunkeln Winterabenden des 
Jahres 1818 — 1814 eine unheimliche Brandfackel die Strassen 
und Gassen der Hamburger Vorstädte durchzuckte, Häuser 
und Höfe einäschernd ; wie an den kalten Wintertagen rohe 
Soldaten kamen, um die Wohnhäuser zu zerstören, Balken, 
Sparren , und anderes Holzwerk mit sich fortführend und 
selbst der beweglichen Habe der Einwohner nicht immer 
schonend, welche letzteren, nach der Zerstörung ihrer Häuser 
obdachlos dem Hunger und der Kälte überantwortet wurden. 
Bei dem Lesen dieser im blühendsten Stile und in den über- 
schwenglichsten Ausdrücken gehaltenen Schilderungen wird 
manch' weiches Herz, während der letzten 75 Jahre, gebebt, 
und mancher wird, ohne weiteres Nachdenken, den «Tyranilen* 
Davout verwünscht und verflucht haben, der — so sagen ja 
die entrüsteten Erzähler — in frevelhafter AYillkür all dieses 
Elend über die unglückliche Stadt verhängt hatte. Wer mit 
kritischem Auge die Berichte der Erzähler mit einander ver- 
gleicht und zugleich die Gesamtlage der Dinge bedächtig 
überschaut, wird dieses Urteil nicht unterschreiben können. 
Wohl wird ja auch sein Herz von der menschlichen Empfindung 
des Mitleids nicht unberührt bleiben, aber er kann doch nicht 
schonungslos den Stab über einen Mann brechen, den der 
Gehorsam gegen seinen Kaiser und mehr noch die Not einer 
ganz ausserge wohnlichen Lage zwangen, eine Keihe von 



— 122 — 

Massregolii zu treffen, die er seihst auf das lebhafteste be- 
dauerte, und welche er, hätte er es auch nicht aus Mitleid 
mit fremdem Feiende «^ethan, schon um seiner selbst willen 
bedauern inusste, da er sich doch schwerlich der Einsicht 
verschliessen konnte, dass sie seinen Neidern und Feinden 
eine nur allzu wohlfeile (lele^^enheit zu Verketzerun^en und 
Yerläumduu^en (hirboten. Ich müsste den enggespannten 
Rahmen dieser Hkizze unverhältniRmilssig erweitern, wenn ich 
die Niederlegung der llainl)urger Vorstädte in ihren Kinzel- 
heiten besprechen wollte ; auch wünh) es nicht gut ohne die 
kostspielige lU^gabe von Karten und IMänen möglich seirf 
und dennoch im (i runde an dem (Jesamtbilde nuMuer l)ar- 
stcdlung wenig ändern. Nur in (hjn (Jrundzügen sollen daher 
die nun folgenden Ereignisse l)ehandelt wc^rden ; doch hoffe 
ich auch ho, das Auditorium der vorurttMlsfreien Leser für die 
Sache nun'nes grossen Klienten zu gewinnen. 

Zum'lchst die allgenuMnci Bemerkung, dass die ham- 
l)urgiHchen Berichterstatter in ihren Schihh'rungen sich der 
niassloKesten Uel)ertreil)ungen schuldig gemacht haben, wie 
es l*art(uz(M*tungen zu thun pHegen, wenn sie von Vorfällen 
l)erichten, bei (hmen nach ihrer Ansicht einem (Jesinnungs- 
genoss(jn von fn^nder, feindlichcjr Seite (»in llnnicht zug(»fügt 
worden ist. 

A.ll(^rdings ist (^s {)\iw unbestreitbare Thatsac-he, dass von 
dem französischen (Jouvernement in (Um* umfassendsten Weise 
NicMlerlegungen von Häunum, Hecken, Mauern und (lebäuden 
auf den (ilacis, in d(;n Vororten und auf den Elbinseln vor- 
genommen worden sind. Einige der bedeutsamsten und am 
meist .^n genannten will ich hier kurz besprechiMi : Die ersten 
Massregeln dieser Art fallen l)ereits in den Monat Juni, kurze 
Zeit nach der VViedennnnahme von Hamburg und dem Er- 
scheinen der (»rsten I)(^kret(^ des Kaisers. Zunächst wurden 
die Wälle und (ilacis rasi(M*t, und die schönen, altciii Bäume 
auf denselben, wie di(^ Alleen vor den Thoren Ifamburgs, fi(den 
den Befestigungsarbeiten zum Opfer. Jjaut einem am 29. Juni 
von /Jon) fjlen(^ralstal)sch(^f Davouts, (ieneral de Lavilh^, aus- 



— 123 — 

gefertigten Befehle (Abendroth, Anl. R) wurden die Bäume, 
Hecken und Mauern zwischen dem rechten Alsterufer und 
dem sogenannten Hornwerk, 250 Toisen von den Gräben, und 
ebenso die gleichen Gegenstände um die Vorstadt St. Georg, 
ebenfalls bis zu 250 Toisen Entfernung von den vorgeschobenen 
Werken, entfernt. 

In einer am 31. Juli ausgefertigten und am 1. August 
durch Anschlag veröffentlichten Verfügung wurde diese Be- 
stimmung auf alle in der genannten Entfernung um die Stadt 
herum liegenden Häuser ausgedehnt. Den Besitzern und Be- 
wohnern war eine Käumungsfrist von drei Wochen, bis zum 
20. August, gegeben (vergl. >Erzählung der Begebenheiten in 
dem unglücklichen Hamburg u. s. w.«, S. 10, »Belege oder 
Aktenstücke«, No. 28). Am 20. musste der Befehl der Räu- 
mung wiederholt werden; in dem diesbezüglichen Erlasse des 
Maire-adjoint Soltau wurde nun der 22. als äusserster Termin 
angegeben (ib., S. 12, »Belege od. Aktenstücke*, No. 38). Zu- 
gleich wurde den Säumigen gedroht, dass sie bei weiterem 
Zögern die zugehörigen Baumaterialien verlieren würden. 

Man beachte in diesen Verfügungen die Ziffer 250; es 
war in der Zeit, wo man sich, laut den kaiserlichen Erlassen, 
zunächst nur darauf vorbereitete, Hamburg gegen einen »coup 
de main» zu sichern; später, als Davout in der umfangreichen 
Stadt eine ganze Armee seinem Kaiser erhalten musste, als 
es zu einer Cernieruug kam, und der Marschall sich statt 
einiger Wochen viele Monate lang in der neu geschaffenen 
Festung verteidigte — da wurden begreiflicherweise auch seine 
Sicherheits- und Verteidigungs-Massregeln energischer und 
schärfer. 

So erliess der General de Laville am 30. November an 
den Grafen Hogendorp ein Schreiben (Abendroth, Anl. T) 
des Inhalts, dass in der Linie von Hamm alle Häuser »qui se 
trouvent ä 100 toises et sous la petite portee de fusil de cette 
ligne* innerhalb vier Tagen geräumt und abgetragen sein 
müssten, und in der That wurde in der Zeit von Anfang De- 
zember bis Mitte Januar die ganze Gegend von Hamm, mit 



— 124 — 

AusimhiiH» der dortigen Kirche, demolitjrt.*) Auch auf einer 
andern Seite Jlaniburgs, vor dem Damnithor, wurden die IJäume 
und J läuser in einem Umkreise von 4000 Fuss niedergelegt; 
die an der Alster, in Pöseldorf, am Kothenbaum, am Grindel 



*) lieber die Zerstörung von Hamm berichten (vergl. Einleitjr.) 
zwei besondere Quellen: »Hamms Verwüstung in den Jahren 1813 und 
ISl^, von K. G. Zimmermann, Pastor zu Hamm und Hörn«, Hamburg, 
o. J., und ein in dem »Hansealischen Kourier« No. 19 — 21, 11., 14-. 
und 18. Aug. 1814 von dem ehemaligen Mairo Hanks veröfTentlichter 
Aufsatz. Der erste im Text wiodergegebene Befehl de Lavilles in be- 
treff der Abbrennung von Hamm datiert, wie gesagt, vom 30. Novem- 
ber. Schon früher hatte man in Hamm davon roden hören (vergl. 
Zimmermann, S. 17), dass dieser Ort niedergebrannt werden sollte, aber 
CS hatte niemand rocht daran t;lauben wollen, ja, die Hewohner Hamms 
verharrten sonderbarerweise auch dann noch in dios(?m Unglauben, 
als am 7. Dezember das erste; (iebäudo, das Haus einer gewissen Frau 
Hurrowes, angezündet wurde. Hei dem ersten Brandbefehle ist nach 
Banks (Nr. 19) eine dreitägige Frist gegeben worden; später wurden, 
wie die beiden Quellen übereinstimmend antoben, die Fristen auf 48 
Stunden herabgesetzt. Beide Quollen wissen auch davon zu erzählen, 
(l.iSH die Fristen nicht immer eingehalten wurden, dass man 80, ja, 
sogar () Stunden nach erfolgtem Befehle, die Brandfackel an die Häuser 
h'i^te. Ks kann nicht im gering;sten zweifelhaft sein, dass derartige 
olTonhare Ueberschreitungen nicht der obersten Heeresleitung, sondern 
den mittleren und unteren (Chargen zur Last gelogt werden müssen, 
wie denn auch das Verhalten der ei^izelnon (Jeneräle und Offiziere 
ein, nach ihrem Charakter, bogreiOicherwoiso verschiedenes war; in 
beiden Quellen wird z. B. der General Dolcambre wegen seiner Milde 
gerühmt, während andere Oftiziere heftig getadelt werden. Das 
Brennen dauerte in Hamm von Anfang Dczenihop bis zum 16. 
.Januar, wurde also sehr allmähliff vollzogen. Von den mit der- 
artigen Begebnissen unzertrennlichen Vorfällen, der Flucht und dem 
Klende der Kinwohner, der Zerslörungssucht und den Räubereien der 
Soldaten entwerfen die Quellensohriftsteller --- beide waren Augen- 
zeugen — recht anschauliche Bilder, welche freilich für meinen Ge- 
schmack durch Zimmermanns Predi'^'crton und die Ausbrüche eines 
masslosen politischen Hasses bei dem Maire Bank manches von dem 
naturfrischen Reize verlieren, den die Schilderungen unmittelbarer 
Augenzeugen zu haben pflegen. Wenn übrigens von den Soldaten die 
auf der Landstrasse stehenden Schränke und Kommoden geöffnet und 
entleert werden, wenn sich dieselben bei der Räumung der Häuser 



— 125 — 

liegenden Gebäude wurden abgebrannt. Unter dem Datum des 
20. Dezember findet man eine Ordre des Präfekten de Breteuil,*) 
dahin lautend, dass die sämtlichen Häuser des Hamburger- 
berges, desgleichen alle weniger als 600 Toisen von der 
Sternschanze gelegenen Baulichkeiten, ebenfalls innerhalb 4 
Tagen, zum Zwecke der Niederlegung, geräumt werden sollen,, 
und am 27. ergeht ein ähnlicher Befehl von dem General 
de Laville an den Maire Rüder (bei Abendroth Anl. V). 
Dieser letztere war sehr dringend: cette nuit, „heute Abend", 
heisst es in demselben, „sollen die Häuser geleert werden'', 
in der That ein harter Befehl, der aber viel von seiner Härte 
verliert, wenii man ihn mit dem vorigen, bis auf die Räumungs- 
frist gleichlautenden zusammenstellt. Die Thatsache, dass der- 
selbe Befehl, acht Tage später, noch einmal wiederholt wer- 
den musste, deutet darauf hin, dass die betroflPenen Einwohner 
säumig in der Ausführung gewesen waren,**) und dass 

des Holzwerk^ und sogar der Möbel bemächtigten, um sie für einen 
Spottpreis zu verschleudern (verj,4. auch »Hamburgs ausserordenthche 
Begebenheiten und Schicksale«, S. 98—99), wenn sich auch ein Major 
vom 111. Regimente auf Vorposten den Cognak eines in Hamm woh- 
nenden Herrn Klockmann wohlschmecken liess, so sei es anderseits 
auch erlaubt, zu berichten, dass sich manches, was von dem Militär 
geraubt sein sollte, in den Häusern der guten Hammer Nachbarn 
wiederfand. »Es ward leider zum schändlichen Entschuldigungsworte«, 
sagt der brave Pastor Zimmermann (S. 29 seiner Schrift), »dass man 
dies oder jenes aus dem Feuer gerettet habe, und man i^laubte, es da- 
mit ohne Bedenken sich selbst zueignen zu können, statt es den 
rechtmässigen Eigentümern wieder zu bringen.« Will man also für 
die von den hungrigen Soldaten genommenen Lebensmittel und Effekten 
den Marschall Davout verantwortlich machen, so hätte nacli derselben 
Logik, wegen der von seinen Hammer Untergebenen gestohlenen 
Sachen, der Maire Banks vor das Forum citiert werden -müssen. 

*) Veröffentlicht in den »Affiches», No. 193, 22. Dezember 1813, 
mitget. bei Abendroth, Anl. U. 

**) In dem »Anhang zu den Belegen, welche zu der Erzählung 
jener Begebenheiten gehören, die sich im unglücklichen Hamburg .... 
ereignet haben«, S. 25. erzählt Menck (der übrigens nicht als unmittel- 
barer Zeuge redet), dass die Anschlagezettel, welche den Räumungs- 
befehl enthielten, erst am 21. Dezember Mittags um 2 Uhr den Be- 
wohnern und Eigentümern der Häuser des Hamburgerberges zuge- 



— 126 — 

« 

solches nicht nur in einzelnen Fällen, sondern allgemeiner vor= 
kam, wird nicht allein von Löwendal bekundet (a. a. 0., S. 158), 
sondern aucli von verschiedenen Hamburger Zeugen zugegeben. 
Wohl mag man es den Armen nicht verdenken, denen es 
schwer wurde, sich von dem heimischen Herde zu trennen, 
auch mochte es vielen gar zu unglaublich vorkommen, dass 
ihre Häuser, in denen sie ihr ganzes Leben zugebracht hatten, 
in allem Ernste den Flammen preisgegeben werden sollten, 
und man findet diesen Optimismus um so erklärlicher, da die 
Hamburger als liewohner einer bis dahin offenen Htadt an 
derartige Vorkommnisse garnicht gewöhnt waren. Das alles 
konnte aber doch auf der andern Seite den Marschall Davout 
nicht abhalten, seine militärischen Pflichten zu erfüllen, welche 
die Vernichtung der (lebäude des Hamburgerberges um so 
dringender forderten, weil dieselben wegen der Nähe von 
Altena für die Belagerten besondere Gefahren bargen. 

FiK ist leider wahr, dass bei diesen Ikänden auch der 
Postliof, das infolge der verschiedenen Pestepidemien im Jahre 
1 606 erbaute Krankenhaus — zugleich eine Versorgungsanstalt 
für arme und alte Leute, sowie ein Asyl für Wahnsinnige — 
mit eingeäschert wurde. Die Kranken wurden nach Kppen- 
dorf gebracht, und es konnte nicht ausbleiben, dass infolge 
des Transportes bei dem kalten Januarwetter, manche starben; 
aber es ist ungerecht, hieraus Davout einen persönlichen Vor- 
wurf zu machen, der sich doch, wie wir weiter unten sehen 
werden, bei einer ähnlichen Gelegenheit, der Verlegung des 
Waisenhauses, so überaus menschenfreundlich gezeigt hat. 
Kein Verteidiger würde es gewagt haben, den an einer der 



gangen seien. Wenn dieses wahr ist, so liatten die Leute immerhin 
(vergl. den Wiederholungsbefehl 1) 6-7Ta<re Zeit zum Ausräumen der 
Häuser. Dass dage^^en, wie derselbe Autor ebendaselbst tadelnd her- 
vorhebt, die Beamten bei der Ausstellung der Pässe, deren man be- 
durfte, um aus der Stadt auf den ausserhalb der Thore gelegeneu 
Hamburgerberg zu gehen, sich Rücksichtslosigkeiten haben zu 
Schulden kommen lassen, mag ja sein; dergleichen ist auch schon 
zu andern Zeiten vorgekommen als während der Belagerung Hamburgs. 



— 127 — 

gefährlichsten Stellen des Pestungsrayons gelegenen Pesthof 
stehen zu lassen.*) Die ganze Vorstadt St. Pauli wurde nach 
und nach abgebrannt, auch, als bei einem Gefechte von dort 
aus auf die französischen Schanzen gefeuert worden war, das 
zu Altona gehörige dänische Schulterblatt den Flammen über- 



*) Ueber die Niederbrenuung des Pesthofes existiert (s. Einlei- 
tung) eine Spezialschrift von dem Senator J. H. Bartels: »Actenrnässige 
Darstellung des Verfahrens der Franzosen bei dem durch den Marschall 
Davout befohlenen Verbrennen des Krankenhofes zwischen Hamburg 
und Altona«, Hamburg 1815. Es sei mir verstattet, den Inhalt dieser 
kleinen Schrift in aller Kürze hier wiederzugeben; dieselbe enthält 
manche für die Beurteilung Davouts und seiner Untergebenen wert- 
volle Einzelheiten. Am 30. Dezember Mittags um 2 Uhr erhielt Bar- 
tels, als Vorstand der Kommission für die wohlthätigen Stiftungen, von 
dem Präfekten de Breteuil im Auftrage des Marschalls ein Schreiben, 
welches die Räumung des Krankenhofes bis zum folgenden Tage 
(also dem 31.) verlangte. Zur Unterkunft der Kranken war Bartels 
ermächtigt, alle ihm passend erscheinenden Häuser in Eppendorf zu 
requirieren, desgleichen für den Transport alle Wagen in den benach- 
barten Gemeinden. Hierauf wandle sich der Genannte an den Maire 
Rüder, um durch diesen einen Aufschub zu erwirken, welcher bei der 
grossen Zahl der Kranken und dem herrschenden Wagenmangel dringend 
notwendig erschien. Hüder wandte sich an Breteuil; dieser aber 
lehnte jede Vermittelung ab. Inzwischen schickte der Ober- 
präsident von Blücher eine Anzahl Wagen, welche indes für den 
Transport noch nicht ausreichten. Darauf schrieb Bartels an Bre- 
teuil, und dieser bat nun endlich (am 31.) den Marschall um Auf- 
schub. Sofort wurde die Bitte gewährt; am 1. Januar früh erhielt 
Bartels die Antwort des Präfekten ; vor dem Abende des Tages sollte 
die Abbrennung nicht beginnen. Aber am Neujahrstage wollte nie- 
mand die Kranken fahren — das in den Brunnen gefallene Kalb 
am Sabbalh herauszuholen, hatten die guten Hamburger offenbar noch 
nicht gelernt — und so musste sich Bartels nochmals an Breteuil 
wenden. Dieser verwarf die Bitte um abermaligen Aufschub, verwies 
aber den Bittsteller auf die Wagen des Gassenpächters Otten, zu deren 
Benutzung freilich die vorherige Erlaubnis des Ober-Platzkomman- 
danten de Fernig einzuholen war. Letzterer nun verweigerte, nach 
Bartels' Aussage in grober Weise, die nachgesuchte Erlaubnis. Wiederum 
eDte der Senator zum Präfekten, der ihm versprach, mit dem Marschall 
und dem Kommandanten über die Sache zu sprechen. Aber wieder 
unterliess es Breteuil (nach Bartels S. 38, Anm.), sich an den Marschall 



~ 128 — 

geben. lieber das Verhalten Davouts der Stadt Altena 
gegenüber werde ich noch weiter unten einige Worte zu 
Hagen haben, hier aber mit der Besprechung der Einzelheiten 
des Deniolierungsverfahrens abbrechen, um zur Kritik desselben 
überzugehen.*) 

zu wenden. Die Niederbreiinung des Krankenhauses erfolgte übrigens 
nicht vor dem 4. Januar. Dass trotz dieser Fristen bei der Ungunst 
des Wetters manche der Kranken umgekommen sind, (s. oben im 
Text), erscheint nach den übereinstimmenden Berichten als unzweifel- 
haft, wenn auch Bartels sicherlich stark übertrieben hat, indem er 
(S. 41) sagt: „Die Toten lagen umher wie auf einem Schlachtfelde." 
Wenigstens schreibt Marianne Prell, deren Vater als Mitglied der Ver- 
waltung des Zucht- und Armenhauses sowie des Krankenhofes der 
Ueberführung jener Kranken persönlich beiwohnte, auf S. 98 ihrer 
»Krinnerungen aus der Franzosenzeit«: „Es ist eine gänzhche Fabel, 
wenn mitunter erzählt wird, die Wahnsinnigen seien alle verbrannt 
worden; dies Gerede zeugt nur von der Aufregung, in welche damals 
so viele Gemüter versetzt waren. K^ sollen viele Kranke vor Angst 
und Erkältung in den folgenden Tagen gestorben sein; aber während 
d es Tra nsp r tes am 31. Dezember (es war dies der Tag des 
Haupttransportes!) ist niemand gestorben, und noch viel 
weniger ist jemand verbrannt.*' Dagegen waren, was ich doch 
nicht gern mit Stillschweigen übergehen möchte, die Hamburger 
Wärter und Wärterinnen gewissenlos genug, am Abende jenes Tages 
die in einer Scheune untergebrachten Wahnsinnigen in derselben 
hungern zu lassen, während sie sich selbst um einen grossen Tisch 
gesetzt hatten und gehörig schmausten, bis der wackere Prell da- 
zwischenfuhr. (»Erinnerungen«, S. i)9). 

Immerhin dürften die ^geschilderten Vorgänge lehren, dass, wie 
man noch öfter sehen wird, des Marschalls Befehle und deren Aus- 
führung durch seine Untergebenen nicht selten in einem recht schroffen 
Gegensatze zu einander standen. 

Wie das Krankonhaus wurden übrigens auch das Zuchthaus 
und das Armenhaus geleert. Wenn die darin belindlichen Armen und 
Verbrecher — sowie eine grosse Anzahl venerisch kranker Frauen- 
zimmer — aus der Stadt entfernt wurden, so sind auch das Mass- 
nahmen, welche uns heutzutage hart erscheinen mögen. Aber, muss 
sich der besonnene Kritiker fragen, hätte man in einer Zeit wie der 
geschilderten, wo Hunger und Not zu erwarten waren, diese Be- 
völkerungsklassen in der Stadt lassen können? 

*j Eine kurze Zusammenstellung aller demolierten Ortschaften 




— 129 — 

Der Verteidiger eiiier Festung hat nicht allein das Hecht, 
L er hat auch die militäriaohe Pflicht, in und um dieselbe alle 
diejenigen Bäume, Heckeu, Zäune, llauern und Oeliäude 
niederlegen zu lassen, welche einerseits die Aufklärung hindern 

Iund die eigenen Geschütze maskieren, anderseits aber dem 
Angreifer zur Deckung dienen und dessen Annäherung an die 
'Festung erleichtern können. Dies ist ein allgemein feststehen- 
der militärischer Grundsatz, und Davout konnte sich speziell 
auf den Artikel 95 des kaiserliehen Dekretes vom 24. Dezem- 
ber 1811 in betrert' der Einrii'htung und des Dienstes der 
etats-uiajors der festen Plätze (»Mtim.., Aul. 18) berufen, woriji 
ea wörtlich heifist: ,Di'r Gouverneur oder Kommandant ist 
mit der notwendigen Obergewalt bekleidet, um durch die Be- 
satzung oder die Nationalgarde alles zerstören zu lassen, was 
im Innern des Plat/.es die freie Bewegung der Artillerie und 
der Truppen bindern kann, sowie ausaerballi desselben alles, 
was dem feinde eine Deckung darbieten und seine Approcben- 
arbeiten abkürzen kann."*) Hierdurch ist der Marschall 
generaliter gerechtfertigt,**) und es Jtann sich bei seinen Mass- 
nabmen und deren Ausführung nur nocli um das , Wieviel" 
und das „Wie" handeln. 
Was die erste Frage angeht, so ist von vornherein klar, 
dass die Niederiegungen, wenn sie überhaupt einen Zweck 
haben sollten, in grossartigem Masestabe ausgeführt werden 
liest man bei Abendroth S. 
zerstörten Orte biefet u, a, 

t Hamburg 1814. 
') Uebrigeua hatte ja der Kaiser (vergl, oben) vetsprofiben, aicb 
de» Wert der abgetragenen Häuser auf die grosse Kontribution anrech- 
nen zu lassen (Nap, an Dav., Iß, Juli 1813, bei Mazade i, 230, Anm. 1, 
•Le M"J Davout.. 3, 220, .Mömoire<, Anl. 30, vergl. ÄbeiidrothS 133). 
Auch wurden, wenigstens grossen teils, namentlich In den ersten Mo- 
naten, die niederzulegenden Gebäude taxiert (Amsinck. ^Materialien« , 
S. 41), Später scheint dieses aus verschiedenen Gründen nicht mehr 
allgemein durchführbar gewesen zu sein, 
**) In dem Schreiben aus Hunzlau vom 7, Juni (•Mfim,«, Anl, 8) 
halle Napoleon im besonderen die Abtragung sämtlicher Häuser auf 
den Glacis, den Wällen und der Citadelle befohlen. 



Eine eingehendere Schilderung der 
■lirift: »Davouts Denkmal u. s. w.«. 



— 130 — 

mussten. Der Grund hierfür liegt einmal darin, dass Hamburg 
zu einer wirklichen Festung im modernen Sinne erst um- 
geschaffcn worden musste, noch dazu in einem Zeiträume von 
wenigen Monaten, anderseits liegt er in der ungeheuren 
Ausdehnung des gewaltigen, Harburg und die Elbinseln mit 
umfassenden Festungssystems. Wie vieles musste da fallen, 
um die Aufklärung zu sichern, die Geschütze zu demaskieren 
und die Anlegung feindlicher Approchen zu verhindern! 
Abendroth (8. 29 ff.) beklagt sich darüber, dass man die 
Domolierungen erst auf 250 Toisen angesetzt, dann auf 600, 
ja, stellenweise auf über 2000 vorgerückt habe. Sollte dieses 
aus Willkür geschehen sein, so würde daraus freilich ein 
schwerer Vorwurf gegen den Marschall erhoben werden können, 
aber dieses ist meines Wissens nirgends bewiesen, und 
das Urteil einiger feindlichen Offiziere, welches der genannte 
Verfasser, ohne Namen zu nennen, anführt, ist doch, einem 
Militär wie l)av(mt gegenüber, eine gar zu schwache Stütze 
der Abendrothschen Behauptung. Ausserdem habe ich schon 
wiederholentlich auf die, während des Herbstfeldzuges von 
1813, eingetretene gänzliche Veränderung der Lage aufmerk- 
sam gemacht, welche aus einer Stadt, die ursprünglich nur 
gegen einen Handstreich geschützt werden sollte, einen Waffen - 
platz für ein Armeekorps machte, welcher eine langwierige 
Belagerung aushalten sollte.*) Mit der veränderten Aufgabe 
mussten naturgemäss auch die zur Lösung angewendeten 
Mittel andere werden. 

Dass bei dem Rasieren der Wälle und Glacis auch einige 
Kirchhöfe demoliert wurden, ist eine Thatsache, welche für das 
private Pietätsgefühl etwas recht Jieleidigendes haben mag, ich 

*j Ein abschliessendes Urteil über Davouts Befestigungsarbeiten 
und die mit ihnen zusammenhängenden Zerstörungen von Gebäuden 
u. 8. w. wird man erst dann gewinnen, wenn gewiegte Fortifikations- 
ofTiziere (die natürlich auch eine genügende historische Bildung be- 
sitzen müssen) sich über diese Angelegenheit geäussert haben. Das 
Urteil solcher ist meines Wissens noch nicht eingeholt worden, am 
wenigsten von den hamburgischen Gegnern des Marschalls. Bis dahin halte 
ich meine im Texte entwickelten Ansichten in vollem Umfange aufrecht. 




f'feonute ttber zahlreiche Beispiele dafür anführüii, dnss noch heut- 
zutage und iii deutscheo Staaten auf die Erhaltung von Friedhöfen 
innerhalb des Festungsrayons nicht die geringste Rücksicht ge- 
nommen wird, was doch von selten der franniiaischen Mihtärvor- 
I waltung in Hamburg thatsächlieh geschehen ist; denn diese 
ilatte fvopgl. den Brief de Lavilles anHogendorp vom 97. Juni, 
Abendroth, Anl. R. und den Erlass Ruders vom 31. Juli, .Belege 
od. Aktenst,., No. 28) ausdrücklich die Erhaltung der Fried- 
höfe angeordnet, welche also, wie auch Abendroth, S. 29, Anm. 1 1 , 
einräumt, nur in Folge eines offenbaren MissverständnisseB 
verstört worden sein können. Auch erliess der Präfekt de Breteuil 
am 19. Juli ein Dekret (Abendrotb, Anlage S), welches die 
"Wiederheratollang der Friedhof sau lagen, mit begreiflicher- 
weise Ausnahme der hohen Pflanzungen, anordnete.*) 
Wenn ferner einige von den angeführten Schriftstellern**) 
darauf aufmerksam machen, dass die Zerstörung der nieder- 
g;elegten Gebäude oft keine vollständige gewesen sei, dass 
man z. B. auf dem Hamburgerberge und vor dem Dammthore 
*) Um so unerhörter ist es, wenn in dem Flugblatte: »Befulalion 
du Memoire justilicalif du Marichal Davoust etc.< (franz. und deutsch). 
S. Aufl., Hamburg 1814, S. ö, behauptet wird, dass Davout hei der 
DemoUerung der Kirchhöfe „die Särge mit dem, was sie euthielten, 
habe herausholen lassen, um mit tauseaden (siel] derselben ausser- 
halb der Kirchhöfe angelegte Verachanzungen zu erhöben." Dass die 
■ rohen Soldaten bei dem Niederlegen der Fi'iedhofsmonumeute, wie 
auch bei dem Ausräumen der in Magazine verwandelten Kirchen, 
allerlei Frevel begangen, will ich gerne glauben; aber das gab den 
Hamburgern immerhin noch kein Recht, derartige offenbare Lügen 
' über den Marschall Davout zu verbreiten, deren gemeiner Cha- 

rakter auf ihre Erfinder vollwichtig zurückfäUt. Es verdient übrigens 
hervorgehoben zu werden, dass sich diese nichtswürdigste aller Ham- 
^^H^ burger Erdichlungen — meines Wissens wenigstens — nur in dieser 
^^^B einen Flugschrift vorfindet. 

^^H **) U, a. thuQ dies Abendroth, S. 29, Lüntzmann, 'Memoire gegen 

^^^1 tlie VertheidigungsBchrift des Herrn Marschalls Davoust', S. lä, Jacobaen, 
^^H »Beilrag zur Geschichte von Altona u. s. w.<, S. öl, der Verfasser der 
^^^H »Bemerkungen zu dem Memoire des Herrn Marschalls Davouat<, S. 16, 
^^^V «owie derjenige der 'Refutation du Memoire justificatif du Marächal 
^^H Davoast etc,<, S, 6. (Das Flugblatt ist übrigens nicht paginiert.) 



- 132 



vielfach die Untergosohoaao habe stehen lassen, wflnhp ■ 
von den Gegnern im Falle eines Angriffs zur Deckung hiittcii 
biinutzt werden kJinnon, ho lüant sich diese Thatsaohe au« ; 
den natürlichen Sohwiorigkeiten der Zerstörung jener Tiitor- 
biiuten, noch mehr aber aus der Eile erklären, mit welcher ' 
diese Arbeiten vorgenommen werden ninsstcn, Hindernisae, zu i 
denen noch ein fühlbarer Mangel an Arbeitskräften, wenigsten» 
brauchbaren Arbeitfikräften, hinzutrat. Inmicrhin war für die 
Zwecke der Verteidigung schon viel damit gewonnen, dass 
durch den Abbruch der Gebilnde das um die Festungswerke 
liegende Terrain geklärt, und hierdurch die flefahr einer | 
heimlichen Annäherung auBserordentHoh vermindert wordfln 
war. Aiifih wer iu militärischen Dingen vullständig Laie ist, - 
wird dii.'ses leicht begreifen, und wir können die diesbezüg- 
lichen (lUissen der Hamburger HchriftatoUer füglich übergeben. 

Was die weiteren Einzelheiten des Verfalirens hei dem 
Abbrennen und Abbrechen angeht, so hebt Löwendal (a. a. 0,, 
S. 157) lobend hervor, dass man dasselbe möglichst allmrthlich 
ins "Werk gesetzt habe, wodurch den Einwohnern die Mög- 
lichkeit gegeben worden sei, eine Menge Halkeu, Sparren, 
Zink und Kupfer zu retten. Auch Abendroth erkennt an, dass 
im allgemeinen lange Fristen zum Ausräumen der lIüuHor ge- 
währt wurden (S. 3SJ) ; zwar beklagt er, dasa diese nicht 
immer eingehalten wurden, doch acheint er geneigt, die zum 
Schaden der Kinwuhnor vorgekommenen (JnregelmRseigkeitdii 
vor allem der Uubehiltliohkeit des Mttire Itüder zuzuschreiben. 
(lewisB war auch manches auf die Rechnung einzelner Offiziere 
(vergl. oben) und Gendarmen zu schreiben. U ehr ige na will ich nicht 
leugnen, doas die Länge der Fristen eine sehr versohiedene war. 
häutig, wie die Geschichte der Nicderlegung von Hamm beweist, 
eine kaum ausreichende; freilieh wurden die VerhiiltnisBe immer 
zwingender und mit ihnen die Fristen immer kürzer und kürzer, 
wie ja aus den Hammer Ereignifiaen unzweifelhaft hervorgeht. ^ 

Ausgeführt wurden die Zerstörungsarbeiton von hierau'l 
kommandierten Soldaten, zum teil auch von Arbeitern, welche'] 
duH (louverncment bezahlte, l'nter den ersteren befanden sich | 



Franzosen, Ueutsehe, Italiener, Holländer mid Polen. Daas 
I von dieser bunt zu b am menge würfelten Menge bei den Deino- 
litionen Ausschreitungen aller Art begangen worden, wer 
I möchte es leugnen P Dass, namentlich in der harten Winter- 
zeit, nicht allein Balken und Dachsparren, sondern auch Haus- 
rat und Möbel von den ausgehungerten und halb erfrorenen 
Holdaten als Brennholz angesehen sein mögen ; dass anderaeita 
I Yon Militär und Gendarmen vieles auch ohne Not geraubt, 
tohlen und unrechtmäasiger Weise verkauft worden ist, wer 
; wird ea, wenn er Zeit und Umstände wohl erwägt, nicht 
ligstens begreiflieh finden? Dass einzelne Einwohner von 
I mehr oder minder untergeordneten Organen der Beamtenschaft 
I -oder des Militärs sich auf unlautern Wegen die Erlaubnis zu 
verschaffen wussten, ihre Häuser stehen zu lassen, dass aber 
die solcher ni aasen erkauften Versprechungen nicht immer ge- 
halten werden konnten, auch dieses ist nur allzu natürlich, um 
nicht vorgekommen zu sein. Welcher Vernünftige würde ob 
wohl heutzutage wagen, aus derartigen Sünden seiner Unter- 
gebenen eine Anklage gegen den Marschall Davout zu 
schmieden, der, so oft er sich auch vervielfältigte, doch nicht 
immer überall sein konnte? Daas er, wo es nur anging, selbst 
die Niederlegungs arbeiten überwachte, beweisen historische 
Thatsachen : auf dem llamburgerberge entging er einea Abends 
nur mit knapper Not der Gefahr, von einem brennenden Balken 
erschlagen zu werden {Abendroth, S, 33) ; kaum hatte er erfahren, 
dass in St. Georg das Militär bei der Nioderlegung der Gebäude 
sich hatte Willkürlichkeiten zu Schulden koramon lassen, als er 
(Abendroth, Anl. W) seinen Soldaten dieses Geschäft abnahm, 
um es bezahlten Hamburger Arbeitern zu übertragen.*) 

*) Nach dem Verfasser der Schrift; »Davouls Missethaten u a, 
w,', S. 6i — 55 siod auch innerlialb der Stadt Häuser abgebrochen 
worden, nur um den Soldaten Brennmataria! zu verschaEfeu. Dies 
wird vou verschiedenen Seiten besläligt ^vergl. %. B. »Orient oder 
Hamburg. MorEenblatt«, So. 17, 11. Aug. 1813, S. 135;. Dass in derThat 
Urosser Mangel an Feuerungsmaterial berrschle, zeigt neben vielen 
andern schon die oben erwähnte, von Soltau milgeleille Thalsache, 
dass die Douaniers Brellerzäune einrissen, um damit zu heizen. 



— 134 — 

Ich finde diesen Ort passend, um ein gegebenes Ver- 
sprechen einzulösen, nämlich über das Verhältnis des Marschallw 
zu Altena einige Worte einzuflechten. Die grosse Nähe 
Hamburgs brachte diese Stadt in Cfefahr, das Loos der 
Schwesterstadt zu teilen. Dieses Schicksal aber blieb, in der 
Hauptsache wenigstens, den Altonaern erspart. Eine Art 
inoffizieller, aber thatsächlich wirksamer Neutralitiit wurde der 
Stadt gegenüber von französischer wie ruHsischer Seite zu- 
erkannt. Dieses ist zum teil ein Verdienst des ausserordentlich 

von (lern erstj^enaniiten Verfasser geäusserte Idee, man hätte, um Heiz- 
material zu beschaffen, die bei den ausserhalb der Festung 
vorgenommenen Demolitionen umgehauenen Baumstämme von 
den F e Id e r n holen sollen, ist für die Auffassungsweise des Autors doch 
allzu bezeichnend, um übergangen zu werden. Derselbe ISchriftsteller 
hat, nebenbei gesagt, auch die Naivetäi besessen, von dem Marschall 
allen Ernstes zu verlangen, er hätte über den Beschluss des Kaisers, 
Hamburg zu bestrafen, ,.laut seinen Abscheu zu erkennen geben sollen," 
— anstatt seinem Kriegsherrn zu gehorchen. Und ein solcher Mensch 
wap:t es iS. 26 fi*.)., Davouts militärische Lcistunjren einer abfälligen 
Kritik zu unterziehen und in seiner 102 JSeiten langen Schrift den 
Sieger von Auerstädt und Kggmühl mehr als zwanzigmal, der — Feig- 
heit zu zeihen ! Sapienti sat. 

Hei dieser Gelegenheit sei noch einer andern, innerhalb der 
Stadt vorgenommenen Niederlegung von Gebäuden kurz gedacht! Der 
Einganf,^ zum Opernhofe (am Gänsemarkle) war durch eine Menge 
kleiner Wohnhäuser verstopft, welche den Hamburgern selbst seit 
langem ein Greuel gewesen waren. Davout Hess diese, nebenbei be- 
merkt, höchst feuergefährlichen, alten Boutiken wegreissen, wahr- 
scheinlich, weil dieselben, wie die hamburgischen Schreiber selber 
zugeben, ihrer Lage und Bauart zufolge, im Falle eines innerhalb der 
Stadt ausbrechenden Aufruhrs leicht hätten unangenehm werden 
können (»Hamburgs ausserordentl. Begebenheiten u. Schicksale«, S. 172). 

Wie viel Lärm ist um diese paar elenden Baracken geschlagen 
worden! Als wenn so etwas im Kriege nicht alle Tage vorfiele! Um 
nur ein Beispiel zu erwähnen, so kam es, während der Invasion des 
Jahres Ißl^, im Marnethale vor, dass ,. ganze Dörfer, verschwanden, um 
als Brennstoff für die Bivouaks (der Verbündeten) zu dienen," eine 
Nachricht, die ich nicht etwa im Thiers, sondern bei dem Durchblättern 
des IV. Bandes von Häussers »Deutscher Geschichte« (S. 509 der 3. Aufl.) 
«gefunden habe. Wer erregt sich darüber? C'est la guerre! . . . . 
I bien, ä Hambourg, ce fut la guerre aussi. 



— 135 — 

rührigen Altonaer Oberpräsidenten von Blücher, eines Ver- 
wandten des preussischen Feldmarschalls, zum teil ein Verdienst 
Bennigsens, des russischen Oberbefehlshabers, zum teil aber 
auch ein Verdienst Davouts, ohne dessen Zustimmung Blüchers 
Bemühungen völlig erfolglos gewesen wären. Davout durfte 
Altena schonen; denn, wenn man auch gesagt hat,*) um zu 
erhärten, dass eine ernsthafte Verteidigung Hamburgs nicht wohl 
möglich gewesen wäre, ohne die Stadt Altena entweder mit in den 
Bereich der Festung einzuschliessen oder aber zu zerstören, so 
war dem Marschall das erstere wegen des zur Zeit der Ein- 
schliessung noch bestehenden Verhältnisses zu Dänemark nicht 
Wühl möglich, das zweite hingegen hätten im Notfalle die Batterien 
der Sternschanze und des Hamburgerberges innerhalb weniger 
Stunden vermocht. Man hat ferner behauptet, Davout habe Altena 
nicht aus Humanitätsgründen, sondern lediglich aus Rücksichten 
gegen Dänemark geschont, eine elpenfalls sehr oberflächliche Be- 
hauptung; denn Dänemark, welches bereits im Dezember 1813 mit 
den Verbündeten einen Waffenstillstand einging, trat am 14. Jan. 
1814, im Kieler Frieden, auf deren Seite.**) Man ist daher 



*) Dem Marschall, welchem man bekanntlich aus allem u nd j e- 
d e m einen Vorwurf gemacht hat, wurde auch dieSchonungAltonas 
vorgeworfen. Dass dies Hamburger thun, finde ich allenfalls begreiflich, 
weniger, dass auch dänische Unterthanen, wie Jacobsen, mit den Nach- 
barn in dasselbe Hörn stiessen ; nicht ohne Grund hat ihn deshalb 
V. Jahn (Anm. zu S. 144 des Löwendalschen Werkes) zurechtgewiesen. 

**-) Die von mir im Texte ausgesprochene Auffassung wird durch 
die bereits öfter genannte »Denkschrift« des dänischen Obersten und 
Kammerherrn J. Aubert bestätigt, der uns (auf S. 57 ders.) mitteilt, 
dass französische Offiziere sich dahin geäussert hätten, man sei (nach 
dem Kieler Frieden) Altona keine Schonung mehr schuldig, da Däne- 
mark nicht allein Hülfstruppen gegen Frankreich hergegeben, sondern 
auch den in Glückstadt und Friedrichsort stehenden Artilleriepark den 
Russen für die Belagerung von Hamburg zur Verfügung gestellt habe. 

Aehnliche Aeusserungen wie oben werden von Hamburger und 
Altonaer Quellen speziell dem Divisionsgeneral Loison zugeschrieben. 
Graf Loison war ein tapferer, in den napoleonischen Kriegen, in denen 
er einen Arm verloren, ergrauter Offizier, der bei dem Marschall in 



- 136 

wohl zu der Annahme berechtigt, dass Hunianitäts^ründe 
hei dorn Marschall den Ausschlag gegeben haben, wenn 
auch die Rücksicht auf dio Dänen und auf die mancherlei 
Zufuhr, welche die Belagerten von Altona aus erhielten, 
immerhin mitgewirkt haben mag. Zudem gemessen die 
Belagerer diese Vorteile in weit ausgedehnterem Masse, 
wie uns das Buch des Altonaer ()bergerichtsa<lvt)katen Fr» 
.1. Jacobsen, »Beitrag zur (lesehichte von Altcma, während 
der Kinschliessung von llami)urg u. k. w.-, S. 28 ft*. be- 
weist. Jacobsens Werk gicbt uns ein lebhaftes Bild von dem 
Leben und Treiben der Altonaer, und aus dieser sowie aus 
andern (Quellen ersieht man , tlass die Bewt)hner der mit 
Hamburg durch tausend Fä(h»n verknüpften iS'achbarstadt 
wirklich alles thaten, um des Marsehalls (leduld auf die l*robe 
zu stellen. Sd waren zu verschiedenen Malen französische 
Militärs in Altona misshandelt worden (Jacobson, a. a. <)., 
S. 15); bei den Ausfalls- und Angriffsgefechten gaben <lie 
Altonaer (»affer laute Kritiken ab, welche, ihrer Stimmung 
und (lesinnung entsprechend, regelmässig zu Ungunsten der 
Franzosen ausfielen (.lacobsen, S. 02 ff.) und den Marschall 
begreiflicherweist» heftig erbitterten; eines Tages wurden 40 
nach Hamburg bestimmte Tönnchen Butter von den Alt(maern 
weggeniunnicn (Jacobsen, 58 — 5J)); ein andtaes Mal ward der Koch 
des Fürsten von Kckmühl, zusannnen mit einem andern Fran- 
zosen, von in Altona sich aufhaltenden Hamburgern ergriff'en, 
misshandelt und an die russischen Vorposten ausgeliefert 
(ib., S. 71 j. Diesmal schien Da vout, der bereits öfters gedroht hatte, 
Ernst machen zu wollen; wenn bis Abends 6 Uhr der Koch nicht 
zurückgeschafft wäre, lies er hinaussagen, so „sollte die ganze 
Stadt die Frevelthat der Hamburger büssen. Alle Kanonen und 
Mr>rser Hamburgs wären schon auf Altona gerichtet." Das Mittel 



hohem Ansehen stand: aber gegen derartige Stimmungen und Wünsche 
ist Davout immer fest geblieben, obwohl (vergl. den Text) von alto- 
naischer Seite ^ar mancherlei geschah, um ihn zu reizen und zu 
Repressalien herauszufordern. (Ueber diesen letzten Punkt bitte ich 
ebenfalls auch Auberts »Denkschrift«, S. 63— 6d nachzulesen). 




Ueli 



137 



irktc; um 3 Uhr Such mittags war iler Koch wietbr zur 
Itelle. (Jacobsen, S. 72). Nicht minder unangenehm, ja Ijo- 
iklich miisate ea dem Verteidiger Hamburgs sein, dass viin - 
Itona auB fortwährend Verauehe gemacht wurden, seine Sol- 
en, namentlich die Deutschen und Holländer, zur Desertion 
verleiten, und dass der •Altonaer Mercur* eine Sprnnhe 
,rte, die nur allzu deutlieh vorriet, dass der Götterbote in 
Kampfe mu Ilion nicht auf Seiten der Trojaner sei. 
S. 43). Trotz alledem bewies der Marschall grosse 
Lsaigung. Er schimpfte zwar einige Male gehörig, drohte 
ein paar mal fürchterlich, that aber im übrigen <ier 
iten Nachbarstadt nicht viel zu Leide. Nur die fünfzig 
.uaor des dänischen Schulter hlatts liess er abbrennen (s. oben, 
vergl. Jacobsen, S, 47), aber erst, nachdem hei einem der 
Belagerungsgef echte hinter diesen Häusern Gewehrfener 
kaf die französischen Schanzen abgegeben worden war, wie dies, 
laer zahlreichen anderen Zeugen, der wahrlich nichts weniger 
A& franzosen- oder davoiitfre und liehe Jacobsen (ib.) angiebt. 
Allerdinge sprach der Marschall nunmehr die Absicht 
auch die in der Nähe liegende Bleichor- und grosse 
■firtuerstrasse niederlegen lassen zn wollen, da deren Gebäude, 
nach seiner durchaus richtigen Angabe, den Spielraum der 
auf dieser Seite postierton Geschütze beengten (vergl. Jacob- 
sen, S. 48 u. 5ß, V, Jahns Anm, zu Löwendal, S. 144), Er 
sich jedoch auch von diesem Vorhaben, wie von der 
-usföhrung so mancher anderer Drohung, auf Bitten des 
'Oberprä aide Ute 11 von Blüoher abbringen. In diesem Falle 
Hiat sich Davout unzweifelhaft allein durch Humani- 
ttätsrücksichten bestimmen lassen; denn die von Blücher 
■achten Gegengründe (Jacobsen S, 48, 57 — 58) waren, 
ilitäriach betrachtet, gleich Null, wie dieses auch v. Jahu 
e.) sehr richtig hervorgehoben hat. Entscheidend dagegen 
[dürfte auf das Verhalten des Marschalls gewirkt haben, 
iass ßennigsen die Erklärung abgab, Altena bis auf 
■eitercs nicht besetzen zu wollen. So sehen wir Da- 
out, vom ersten Tage der Belagerung bis zum letzten, 



— 138 — 

auf die Stadt Altona Rücksichten nehmen, welche er in dieser 
Weise auf Hamburg begreiflicherweise nicht nehmen konnt(i. 
War es ihm doch ohnehin schwer genug, diese Rücksichten 
mit seinen militärischen Pflichten in Einklang zu bringen! 

Ich verlasse hier den besprochenen (legenstand, um auf 
den zweiten der in der Kapitelüberschrift genannten l^unkte, 
die Entfernung verschiedenem* tausende v(m Einwohnern aus 
der belagerten Festung, überzugehen. Man schlage einen be- 
liebigen der diese Zeit l)ehandelnden autores hamburgenses auf 
— den bediichtigcni Ai)endroth oder das letzte Werk des 
gewissenhaften Möiicki^InTg alb^iifnlls ausgenommen — und 
man wird mii (;in(M* bc^sthnmuii Stelb» ein wahrhaft grausiges 
Hild lind(Mi : tausende von Einwohnern, darurtt(»r schwangere 
Weil)er und kh^ine Kinder, hilflose Kranke und altersschwache 
Oreise werden aus IhnMi Häusern gerissen und bei strenger 
Winterkältc? und entsetzlichem Tnwetter von rohen Sol- 
daten unter Kollienstössen vor die Thore g(»trieben. Mühsam, 
vor Hunger und Kälte zitternd, schleppen sich diese Un- 
glücklichen dahin, um das befreundete Altona oder andere 
gastliche Orte der rmgegend zu erreichen; aber viele er- 
li(»gen der Not, d(»r Kälte und dem Ifunger, und das Elend 
ist so gross, dass l)ei den russischen Vorposten selbst die 
„Söhne dcjr Wildnis"*, die Baschkiren, von Mitleid ergriffen, 
ihnj Mäntel öffnen, um die weinenden Kinder zu erwärmen 
(vergl. Mönckeberg, »Ifauiburg unter dem Drucke der Fran- 
zosen*, S. 219), und dass die Altonaer den IIalbei*starrten 
Privat- und öffentliche (lebäude einräumen, ohne <les Schmutzes 
und der ansteck(;nden Krankheiten zu achten, welche die 
notieideiuie Menge in ihren Kleidern mit sich bringt. Tnd 
(law alles hat denn wieder Davout angerichtet — - , „der 
Tyrann'*, „der Bösewicht*', ,,der Jakobiner'* — — — — 
„Alba der Zweite!"*) 

Man gestatte mir zu (mtgegnen, dass in den soeben 
charakterisierten Schilderungen ein Teil wahr, vieles übor- 



*) Die obeiistehenden epitheta ornanlia sind wörlliche Citatel 



— 139 — 

trieben*), manches geradezu erdichtet und erfabelt ist; zu der 
• letztern Kategorie zählen, wie ich sogleich beweisen werde, 
so gut wie sämtliche Beschuldigungen gegen den franzö- 
sischen Oberfeldherrn. Ich -kann unmöglich auf die Einzel- 
scenen eingehen, die sich bei jener Austreibung abgespielt 
haben ; statt (Jessen werde ich an der Hand nüchterner 
Dokumente zeigen, was hier eigentlich und aus welchen 
'Ursachen es ^geschehen, vor allem aber, ob der Mar- 
schall Davout der freventliche Urheber unnötiger Greuel- 
scenen gewesen ist. Wenn das der Fall wäre — das 
kann ich dem geneigten Leser schon jetzt versichern — 
so hätte ich dieses Werkchen nicht geschrieben, und auch 
ich würde, wie so mancher Hamburger Schriftsteller, in der 
Rüstkammer meiner historischen Kenntnisse das Bild „Albas H" 
neben „Alba I" gehängt haben!**) 

„Es ist nicht nur PHicht eines in einer belagerten Stadt 
kommandierenden Generals", schreibt Abendroth, S. 83 seiner 
Broschüre, „es ist auch menschlich, diejenige Klasse der 
Einwohner wegzuschaffen, die nur vom täglichen Erwerbe 
lebt, die höchstens in der einen Woche das verdient, was sie 
in der andern verzehrt ; es ist wirklich Unbarmherzigkeit, 
hier den Wünschen der Leute, die ihr Bestes selbst nicht 
einsehen, zu sehr nachzugeben", und in dem bereits ange- 



*) Dieses hat schon im Jahre 1815 Abendroth hervorgehoben: 
„Die Liebhaber von Uebertreibungen haben bei den ersten Aus- 
treibungen Leute in Schnee versinken und umkommen lassen, da doch 
am 24 Dezember 1813 noch kein Schnee gefallen war, sondern erst 
im Anfang Januar der erste fiel.*' (Anm. 16, S. 35 der Abendrothschen 
Broschüre). Eine sich durch ihre Leidenschaftslosigkeit auszeichnende 
Schilderung der Austreibung findet sich dagegen, wie ich nur kurz 
erwähnen will, in Marianne Prelis »Erinnerungen«, S. 90 ff. 

**) Der obige, unsinnige Vergleich des Marschalls mit dem Herzog 
Alba findet sich u. a. in dem Machwerk »Leben und Thaten des 
Tyrannen Davout<. In der Schrift: »Davout's Denkmalu. s. w.« 
wird der Marschall mit Herostratus, Omar und Nero verglichen. Es 
fehlt wahrhaftig nur noch der berühmte Räuberhauptmann Schinder- 
hannes ! 



— 140 - 

zojjeiien Artikel 05 de« kiiisorlichoii Dokrcts vom 24. Doz. 
1811, Absatz 1 hüisHt es: „In jodoin J*latze, der sich im 
Iiola^oriiii<»;ßzußtun(le bofiiulot, wenn der Minister oder dor 
(Jeneral der Armee dazu Befehl ^iebt, oder wenn feindliche 
Trupj)en sich wenigstens auf drei Ta<j^oniärsche dem Platze 
nähern, ist der ()louv(^rneur oder Konnnandant unverzüglich 
und ohne den nela<^erung8zuHtand zu erwarten, mit der not- 
wendi<(en ()ber<»;ewalt bekleidet, um (li(^ unnützen Mäuler, die 
bVemden und die von der Civil- oder Militiirpolizcu notierten 
Leute zu entfernen", ein (jlrundsatz, d(T mutatis mutandis 
- meines WissenH noch jetzt allgemein giltig ist. 

Nach diesen Maximen war also Davout unzweifelhaft 
l)ereehtigt, in d(Mi W(M'hna(ditstagen ISIIJ und in den ersten 
Monaten des .hihres 1814 eine Anzahl garnicht oder doch 
nicht genügend vc^rproviantiertcM' Minwohner Hamburgs aus 
der Stadt zu entfernen. Denn 1) war Hamburg seit dorn 
fluni \H\;\ in Belagerungszustand erkliirt, 2) durfte er sich, 
seitde?n die Verbindung mit dem Kais(»r unterbrochen war, 
als völlig sell)ständigen und allein vi^rantwortlichen (Jenoral 
en chef seines Heeres betrachten, Mj stand<Mi auss(»rdem, seit 
Anfang Dezember, feindliche Truj)pen in unmittelbarster Nähe 
dor Stadt. Doss der Marschall zu <lies(T Handlung aber 
gleichzeitig verpflichtet war, beweist vor allem die hohe 
Zahl nichtverj)roviantiert(M' Personen jedenfalls betrug 

dieselbe Zehntausende welche, bei <lem Vc^rbleiben dieser 
Leuten in der Stadt einers(»its die Voraussicht eines namenlosen 
Klends, anderseits eine nicht zu untorschätzende (üefahr für 
die Armee in sich geborgen haben würde.*) 

Ks handelt sich also wiederum nur nocdi um das „Wie** 
der von dem aMarschall getroffenen Massregeln, und in dieser 
Beziehung würden vor allem zwei Fragen zu erörtern sein: 
1) Hat der Marschall Davout die Einwohner Jlaujburgs frühzeitig 
genug aufgefordert, sich zu verproviantieren, und hat or den 
Nichtverproviantierton ausreichende Kriston gewährt, um sich, 

♦) Da» letztere deutet Löwendal, a. a. ü., S. 167 an. 



— 141 — 



I unter Bfi'guuf^ ihrer Habseligkeiten, 7.11 entfernen':' 2) Hat er 

üü Befehle zm- EntferiiuTig der Njchtverijruviaritierteu in eiuer 

Form erteilt, welche Jer Meiiachlichkeit entsprach, und war 

■ vielleicht, wo dieses anscheinend nicht geschah, duri^h ilie 

ot der Lage zu seiner Handlungsweise gezwangen? Hieniber 

'11 die nachfolgende Llntersuchung, an der Hand vorUegendur 

Dukuniente, Aut'sohluss geben. 

Bereits am 2. .luli hatte, auf Befehl des l'räfekten, die 

I.KommerKkaminer die Bürger aulgefordert, ihre Vorräte an 

heizen und Koggen an7;ugeben. (»Erzählung der Begeben- 

iten in dem unglücklichen Hamburg', 8. 8, »Belege oder 

Aktenstücke«, No. 16). Am Ifi. Oktober ISlIi aber — ich 

I zu beachten, am Iti. Oktubor — ersucht der Marschall 

inem Briefe aus Uatzeburg den tfeneral Hogondorp, mit 

Pr3fekten de Bretenil und dem Grafen (_'haban die 

;en Vorkehrungen zu treffen, um die Einwohner dor 

»kanntlich längst in Belagern n^azustand erklärten Stadt zum 

•proviantieren zu veranlassen. Man solle ihnen zu verstehen 

reben, „daas alle diejenigen, welche nicht mit Proviant ver- 

wäron, sich der (iefahr aussetzen würden, aus der 

Festung fortgeschickt zu werden." Der erste Befehl in dieser 

Richtung, den ich zu meinem Bedauern nicht vor mir habe. 

nach Mönckeberg ('Oeschichte-, S. 437) am 20. Oktober 

die Bürger ergangen;*) dass es noch im Oktober war, 

»ezeugt auch Lowendal (a. a. 0., 8. ltJ7), Am 9. November aber 

reht ein zweiter die Verproviantierung betreffender Befehl 

t selten des Marschalls an den ßrafen Hngendorp, welcher 



*j 1q welcher Form dieses geschehen ist, verinag ich tiotz 
jrgtältiger Recherchen nicht anzugeben. Es ist wahr, was der Ver- 
fasser der »Bemerkungen über das Memoire«, S. 20 sagt, dass der 
Fürst eine öfTentliche Bekanntmachung damals für bedenklich gehalten 
und darum vorgesclilagen habe, den Einwohnern nur andeutungsweise 
die Verpi'oviantierung nahezulegeu, wohl um vorzeitige Bestürzung zu 
vermeiden. Im •Journal officiel du Departement des Bouches de l'Elbe- 
Hndet sich eine bezügliche Bekannlmacliung ebenso wenig wie in den 
_»Ätfiches, Annünces et Avis divers de Hambourg.. 



— 142 — 

in den unzwcidcuti^Bten Ausdrücken gehalten ist. „Sie werden 
bekannt machen^, heisst es in demselben, „dass diejenigen, 
welche im Laufe des Monats November diese Verproviantierung 
nicht zustande gebracht haben, sich der Gefahr aussetzen, aus 
der Stadt fortgeschickt zu werden**. (Die beiden Briefe findet 
man in dem Memoire des Marschalls, Anl. 20 u. 21, beide fehlen 
!)ei Mazade). Dieser Befehl*) wurde am 16. November von 
dem Grafen Hogendorp in Hamburg publiziert und zwar 
durchaus mit der nötigen Deutlichkeit; die V^erproviantierung 
wurde ausdrücklich „bis zur nächsten Ernte, nämlich bis zum 
Monat Juli 1814" vorlangt. 

Was thaten nun die Hamburger? Die Nachrichten von 
der grossen Leipziger Schlacht und der Niederlage des fran- 
zösischen Heeres waren nach dem Norden gedrungen, so sehr 
auch Davout ihre Verbreitung zu verhindern suchte; wie im 
Frühjahre, gab man sich einer verfrühten Siegosfreude und 
einer vorzeitigen Hoffnung auf Befreiung hin, und in dieser 
Stimmung vernachlässigte man das Nächstliegende und auf 
jeden Fall durch die Vorsicht Gebotene: die Verproviantierung.**) 



*) Veröffentlicht wurde derselbe in den »Aftiches, Annonces etc.« 
No. 172, vom Dienstag, 16. Nov. 1813. Mitgeteilt ist er in den »Be- 
legen oder Aktenstücken«, No. 70. 

♦*) Dies bezeugen viele von den Hamburger Quellenschriftstellern, 
u. a. Menck, der Verfasser der »Erzählung der Begebenheiten in dem 
ungl. Hamburg«, S. 2i— 25, und Elise Campe in »Hamburgs ausser- 
ordentlichen Begebenheilen und Schicksalen«, S .85, 91, 93; selbst ein 
so sinnlos leidenschaftlicher Feind Davouts wie Köstlin muss es 
zugeben. (»Nemesis«, 4, 381; vergl. auch Löwendal, S. 167, Gallois, 
»Geschichte«, 1867, S. 552, Mönckeberg, »Geschichte«, S. 437) Auch 
der Recensent in der »Hall. allg. Lit. Zeitg.«, 1816, Ergänzungsbl., No. 
25, S. 98 hatte sich in dem obigen Sinne ausgesprochen. Am offensten wird 
übrigens die Widersetzlichkeit der Hamburger Bevölkerung von dem 
erstgenannten Schriftsteller zugegeben. Dieser bespricht (1. c.) den im 
Texte (weiter unten) erwähnten Verproviantierungsbefehl des Generals 
Thi^ibault. Bei dieser Gelegenheit, erzählt er, hätten die Polizeikom- 
missare Zettel verteilt, um zu ermitteln, was jeder Bürger gesammelt habe. 
Dann fährt er wörtlich fort: „Die Ein wohner Hamburgs nahmen 




— 143 - ^^^^^^^ 

ärmere lüasae war übrigens grusae »teils wuhl , auch kaum 
1 der Lage, den bezüglichen Befehlen nachzukommen ; aber 
i diesem Falle hfitten die Leute sicherlich besser daran 
Fgethau, bei Zeiten die Stadt zu verlassen, waa vielen unter 
ihnen garnicht urniöglich gewesen aein kann, zumal bei den 
mannigfaltigen und engen Beziehungen zwischen Hamburg 
nnd Holstein, Viele mochten auch dieses nicht können; es 
j^^L ist ja leider eine traurige Thatsachc, dass die Armen, wie in 
^^P tausend andern Lagen, so auch im Falle einer Belagerung 
^^K^m schwersten zu leiden haben! Aber hören wir weiter, um 
^^BÖas Benehmen DaToiits im rechten Lichte betrachten zu können ! 
^^K I'm denjenigen, welche daran nicht recht glauben mochten, 

^^Bden Ernst der Lage gehörig vorzustellen nnd zugleich über 
^^V'die Einzelheiten der Verproviantiorung keinen Zweifel zu 
^^1 lassen, orliesa im Auftrage des Marschalls, der Divisionsgeneral 
Thiebauit am 22. November eine detaillierte A'erfngung, in 
welcher den Einwohnern noch einmal der Befehl erteilt ward, 
sich unverzüglich zu verproviantieren. ,Mjt diesem Ver- 
proviantieren", heisat es im Art. 3 des genannten Dekrets, ,mus8 
morgen der Anfang gemacht werden, und ea muss per Achtel 
geschehen, wie es bereits befohlen worden ist", und in Art. 8 war 
auegesprochen, dass die Polizeikommisaare mit ihren Gehülfen 
Haussuchungen anzustellen hätten, um sich davon zu über- 

» diese angeordnete Verpro viatilieruug auf die leichte 
Schulter. Sie konnten sich nicht eiDbilden, dass es damit 
ernstlich gemeint sei, sie hofften, in kurzer Zeit frei zu 
werden Sie sctirieben daher teils auf den Zetle! nur 

mehrerea anschaffen würden; teils machten sie allerlei 
witzige Änmerkuneen auf denselben. Einige schrieben, 

Btohlenes) Bankgeld wieder erstattet würde. Ändere: 
sorget nicht für den andflrn Morgen. Noch andere witzel- 
ten über das Sammeln, erklärend, dass sie nichts zu 
sammeln wü ästen, als Holz und Späne oder alte Lumpen, und 
nicht Eeaammelt, sondern alles für bares Geld eingekauft 
hätten. Welches indess alles nachher sehr traurige Folgen 



— 144 — 

zeugen, (la8s die Angaben der Einwohner in betreff ihrer 
Vorräte richtig seien.*) 

Nachdem in solcher Weise die Verproviantierung wiedor- 
holentlich eingeschärft, und zugleich die IJewohner Hamburgs 
auf die eniHten Kolgen hingewiesen waren, welche die Nicht- 
l)efolgung der gegebenen Jiefehle nach sich ziehen würde, 
richtete der Marschall am 18. Dezember den ersten JMass 
gegen die Nicht verproviantierten.**) Ich halte es für 
angezeigt, denselben in extenso mitzuteilen : 

,,Nach den BefehhMi Hr. Durchl. des Herrn Marschalls, 
Tiinzen von Eckmühl, teilt der (hmverneur, Graf von llogen- 
(lorp, dem Publikum folgend(»s Arrete mit, welches auf das pünkt- 
lichste vollzogen werden soll. Der Herr Marschall, Prinz 
von Eckmühl, erwägend, dass es den Einwohnern von Ham- 
burg schon mehrere Male bekannt gemacht worden, dass 
sie sich bis zum Monat Juli verproviantieren müssen ; dass 
der letzte Termin auf den 1. Dezember festgesetzt ist, und 
dass man zugleicli angezeigt hat, dass, sobald sich der Feind 
nJibern würd(\ alle diejenigen, die nicht die Pflichten erfüllt 
hätten, die ihnen durch die Bekanntmachung aufgelegt wor- 
den, die Stadt verlassen müssten; erwägend, dass die Nähe 
(li»8 Feindes nicht erlaubt, den Einwohnern längern Aufschub 
zu geben, dass seine Proklamationen Aufruhr predigen und 



♦) Diese (dritte) Verproviantierungs-Verfügung wurde in deutscher 
und französischer Sprache in der Form von Maueranschlägen verbrei- 
tet. Der Verfasser hat selbst ein Exemplar der interessanten Urkunde, 
gesehen. Auch wurde diese Verfügung in den »AfTiches. Annonces etc.< 
No. 180, 30. Nov. 1818, abgedruckt; mitget. ist dieselbe in den »Belegen 
oder Aktenstückenc, No. 77. 

*♦) VeröfTentlicht in den »Afllches«, No. 192, 21. Dezember 1813, 
mitgeteilt in den »Belegen oder Aktenstücken«, No. 92. Auch von 
diesem Arr6t6 hat der Verfasser eine Veröffentlichung in Gestalt eines 
zum Maueranschlage bestimmten Folioblattes gesehen. 

Diese erfolgte am 19. Dezember (vergl »M6moires du G6n6ral Dirk 
van Hogendorp etc.«, p. 395, »Belege oder Aktenstücke«, No. 94); dass 
die Befehle so spät in der Zeitung erschienen, lag daran, dass die 
»Afüches« nicht täglich herauskamen. 



den Weg zeigen, den wir zu gehen haben, iini seim- 
Pläne zu vereiteln und strenge Beispiele zu vermeiden, die 
auf Unschuldige fallen könnten , beschlieest folgende Ver- 
fügungen, die dureh diesen Ungehorsam notwendig und 
tdurch die Gesetze des Krieges vorgeschrieben sind; 
Art. 1. Von morgen dem 19. Dezember an sollen alle Thore 
der Stadt Hamburg, wie auch die Häfen, geachlosaen 
sein, und alle Kommunikation mit den Feinden ist 
untersagt. 
2. Es soll durch Proklamationen und Anzeigen nur 
Wissenschaft der Einwohner gebracht werden, daas 
alle diejenigen, welche nicht auf 6 Monate 
verproviantiert sind, gehalten worden sollen, 
die Stadt in den ersten 48 Stunden nach Be- 
kanntmachung dieses Beschlusses zu verlassen. 
Zu diesem Behuf sollen die Thore am 20. und 
21. Dez. von 10 Uhr Morgens bis 2 Uhr Nach- 
mittags geöffnet werden. 
fArt. 3. Die Einwohner, welche in der l^age sein werden, 
die Stadt verlassen zu müssen, können ihr Eigentum 
denjenigen anvertrauen, die verproviantiert sind und 
in der Stadt bleiben können. Dieses Eigentum steht 
unter dem Schutze der Civil- und Militäradministration. 
l Art- 4. Es sind gehalten, die Stadt in 24 Stunden zu verlassen, 
d. h. den 20. zwischen 12 und 2 Uhr, alle Einwohner, 
welche ausser den Mauern von Hamburg geboren 
sind, nämlich : 1) alle Fremden von beiden Geschlechtern, 
die nicht in der Stadt ihren gewöhnlichen Wohnsitz 
haben und keine direkte Steuer seit dem 1, Januar 
1813 bezahlen. 2) Alle ausser Hamburg geborenen 
Studenten. 3) Alle Handlungsdiener, Handwerks- 
gesellen und Lehrlinge, die ausser Hamburg geboren 
und nicht in den Listen des 5. Artikels benannt sind. 
Art. 5. Es sind aber von dieser Mass rege 1 ausgenommen: die 
Arbeiter, welche bei den Festungswerken oder andei 
öffentlichen Arbeiten angestellt sind , als bei dem 



- 146 — 

Genie, bei der Artillerie, bei den Brücken und 
Chausseen und bei den Civil- und Militär- Autoritäten, 
nach den namentlichen Listen, die der Herr General 
Jouffroy, der Oberst Ponthon, der Oberingenieur 
Jousselin, der Ordonnateur Thomas und der Präfekt 
einschicken werden. Einem jeden dieser Individuen 
soll eine Sicherheitskarte überliefert werden von der 
Kommission, von welcher hierunten geredet werden 
wird, und vermittelst der Waffen- und Dienstes- 
Vorgesetzton, an welche zu diesem Behufe jene Karten 
von der Kommission werden adressiert werden. 

Art. 6. Sichorkeitskarten werden durch die nämliche Kom- 
missicm den approviantierten Einwohnern überliefert 
werden, die in der Stadt bleiben werden. 

Art. 7. Es ist eine Kommission zur Vollstreckung dieser 
Massregeln ernannt, sie besteht aus den Herren: 
Charlot, Obrist der Gendarmerie, als Präsidenten, 
Schindler, Bataillcmschef und Adjutant des Hrn. 
Gouverneurs, Pinel, Gendarmeriecapitän, Beauvert, 
Assessor beim Prevotalhofe, und Menestrier, Kaiserl. 
Prokurator beim Douanentribunal zu Lüneburg. 

Art. 8. Es soll allen denjenigen, welche diesen Anordnungen 
gemäss, die Stadt verlassen müssen, bedeutet werden, 
dass, wenn sie wiederum hereinkommen, sie als Spione 
werden behandelt werden. 

Art. 9. Es soll allen denjenigen, welche vermittelst der 
gegenwärtigen Bekanntmachung die Stadt zu räumen 
haben, erlaubt sein, ihre Sachen mitzunehmen, 
es sollen deshalb die nötigen Befehle an die Militär- 
kommandanten gegeben werden. 

Art. 10. Der Hr. Divisionsgeneral, Graf Hogendorp, Gouverneur 
der Stadt Hamburg, ist beauftragt, der Kommission 
seine Instruktionen zu geben und über die Vollziehung 
der gegenwärtigen Anordnungen zu wachen." 
Der Marschall, Herzog von Aucrstädt, 
Prinz von Eckmühl. 



Für gleichliiutende Abschrift: 

Der Divisionagenoral, Adjutant des Kaisers, 
Gouverneur vou Hamburg, 
Der Graf von Hogeudorp. 
Man wolle beachter, dass dieser anscheinetid so strenge 
I Erlass sich aussohlieaalich gegen die Leute richtete, welche 
t den 1 — 2 Monate zuvor veröffentlichten Befohlen des Marschalls 
nicht nachgekommen waren, ausser diesen aber nur die Fremden 
und die heimatlosen Einwohner, die sogenannten .gens sana 
aveu', betraf, alles Bevölkerungsk lassen, welche aus einer 
Festung zu entfernen, nach militärischen Begriffen als durch- 
aus loyal angesehen wird. Die Mitnahme ihrer Effekten 
war ihnen bis hierher ausdrücklich erlaubt, dem zurück- 
gelassenen Eigentume aber Schutz zugestanden worden.*) 

Um die Säumigen zu grösserer Eile anzutreiben, erliess 



*) Allerdings wird voD hamburgischer Seite darüber geklagt, 
dass viele der Ausgewanderten bei ihrer endlichen Rückkehr die zu- 
rückgelassenen Sachen nicht oder nur unvollsläadig wieder vorraaden. 
Ist es unter den obwaltenden Veihältnissen schon an und für sich leicht 
erklärlich, dass auch in dieser Beziehung allerlei Unregelmässigkeiten, 
Diebstähle und Unordnungen vorkamen, so liegt ein besonderer Grund 
allerdings in einer Massregel der Behörden, welche diese im Verlaufe 
der Belagerung zu treffen gezwungen waren. Trotz verschiedener 
umfangreicher Requisitionen herrschte nämlich ein grosser Mangel an 
Betten für die Hospitäler, so dass man auch die natürlich völlig un- 
benutzt stehenden Betten der Ausgewanderten mit heranziehen musstc. 
Es wurden nun Haussuchungen vorgenommen; viele der Abwesenden 
hatten Hausrat und Betten verschlossen; die Schlösser mussten er- 
brochen werden; man begreift, dass dabei vieles fortgekommen ist. 
Elise Campe giebt uns (S. 125) eine detaillierte Schilderung dieser 
Vorgänge, wie uns ja diese — freilich durchaus nicht immer zuver- 
lässige — Schrift st eil erin mit manchen interessanten Einzelheiten der 
Belagerungszeit bekannt gemacht hat. Natürlich unterlässt sie als gute 
Hamburgerin nicht, auch bei dieser Gelegenheit wieder den Marschall 
Davout im Munde zu führen. Ob wohl der Reichs marsch all, Fürst 
von Eckmühl, dabei gewesen sein mag, wenn Soldaten oder Gendarmen 
sieb Gegenstände aus den Hamburger Haushaltungen angeeignet haben? 
Man verzeihe dem Verfasser derartige Bemerkungen; aber ähnliches 
Gewäsche wie das der Campe ist von den Hamburgern so oft wieder- 

10» 




148 



iler Maire Hilibr am 1!). und 20. drei weitere Veri'üwuiigen*), in 
ilencti er den Nichtvprprovinntierten und Fremden nochmuls ein- 
Hchärfte, deu Dofohlen des Mari^challs naohzukommen und die Zeit 
der offenen Thore zu benutzen. T)iesinal war die Dnihiuij^ hinzu- 
gefügt, dass die später in der Btadt ÄngetrofTenon einh der Gefahr 
aussetzen würden, von der Oendnrmerie unverzüglich auBge- 
wieaeii zu werden, nbne ihre Effekten mitnehmen zu können. 



holt worden, dass es leider traditionell geworden und — unglaublich, 
aber nur zu wabr — auf die historiaclie Auffassung der Persön- 
lichkeit und des t'.haiakters jenes grossen Feldherrn uiolit gaoz ohne 
l'^inftuss geblieben ist. 

*) Ich linde die erste derselben in Hogendorps •Memoirem 
(S. BS5), in denen überhaupt die gegen die Nichtverproviantierten 
(lekretierlen F.rlasse vom 19.-26. Dezember {auf S. 395— i03) abgedruckt 
sind. Hogendorp lehnt seinerseits .jede Verantwortung für jene Erlaase 
ab, da Uavoul sich um ulbs persönlich gekümmert und alles selbst 
besorgt habe. Der General will sich gerade wegen der gegen die 
Nichtverproviantierten erlassenen Bestimmungen mit dem Marschall 
iiberworfen haben und behauptet, nachdem dieser .^chon am 13, Oe- 
^.ernber den bisherigen adjudant-commandant de Fernig zum Ober- 
Plalskommandnnten ernannt hatte, jedenfalls vom 19. Dezember ab, 
keinen Dienst mehr gethan ;tu haben (1. c, 389— 3W)). Nun findet sich 
allerdings noch eine Ordre Hogendorps (vergl. Kapitel 6) vom SQ. 
Dezember; im übrigen aber mögen die Angaben des Generals immerhin 
ihre Richtigkeit haben: der Marschall Davout kann die Verantwortung 
für Jene Erlasse (vergl. meine im Texte gegebene aktenmäasige Dar- 
stellung des Sacliverbatls!) auch sehr gut allein tragenl Eines jedoch 
vermag ich nicht recht einzusehen, nämlich wie Graf Hogendorp 
■ta der Aeusserung hat kommen können il. c, 889), schon ajjs den 
Daten der von den verschiedenen Behörden erlassenen Verftigungen 
gegen die Auszuweisenden ergebe sich die „Zusammenhangslosigkeit* 
(l'incohirence) des gesamten Verfahrens. Im Gegenteile glaube ich im 
Texte dargethan za haben, dass sich die einzelnen Verfijgutigen sehr 
folgerichtig zu eiuander verhalten. 

Die beiden oben genannten Erlasse Rüders vom 20. stehen 
ausser bei Hogendorp (3i)5— 96) unter den iBelegen od. Aktenstücken«, 
No. 94 u. 98; die No. 94 habe ich auch in den .Affiches-, No. 193, 
32. Dez. IS13 gefunden; auf die beiden andern Verfügungen kann ich 
diese Zeitung nicht nachsehen, da ich sie gegenwärtig nicht mehr vor 
mir habe; auch diJrfte die Sache im Grunde wohl kaum von erheb- 
licher Bedeutung sein. 



149 



Aber noch immer zögerten tausende, sieh in ilas IJn- 
I verraeidliche zu schicken. Da erschien am 23. ein neues 
Publikandum (veröffentl. in den 'Affiches«, No. 194, 24. Dez. 
1813, initg. in den »Belegen od. Aktenstücken«, No. 99, bei 
Hogendorp 1. c, 8. 399), am vorhergehenden Tage (22. Dez.) 
von dem Gendarmerieoberaten Charlot, dem Prg.aidenten der 
Ton dem Marschall eingesetzten Sicherheitskoramisaion, aus- 
. gefertigt und unterzeichnet, welches die Säumigen mit Arre- 
tierung und Stockechlägen bedrohte. Wer geneigt ist, traurige, 
aber unabänderlich notwendige Maaaregeln als Grausamkeiten 
zu verschreien, wird nicht wenig überrascht sein, zu erfahren, 
I dasB der Marschall inzwischen — bittenden Vorstellungen ein 
geneigtes Ohr leihend — durch den Maire Rüder hatte be- 
kannt machen lassen, dasa er den Wichtverproviantierten noch 
einmal eine Verlängerung der Friat um zwei Tage, bis 
zum 24. Dezember, gestatte (veröffentl. zuerst durch Mauer- 
anachlag schon am Morgen des 22. Dez., dann zwei Tage 
später in derselben No. der »Affiehes" wie der vorhergehende 
Befehl, in den »Bei. od. Aktenat.*, No. 100, bei Hogendorp 
(S. 397 — 98). Dieser Tag wurde als der alleräusserate Termin 
(terme de rigueur) bezeichnet, und den genannten Personen noch 
einmal im ernstesten Tone angedroht, dass, nach Ablauf dieser letz- 
ten Frist, das Gouvernement die noch immer Säumenden mit Ge- 
walt (de vivo force) entfernen lassen und die Verantwortung für 
ihre Fjffekten und Lebensmittel von da an ablehnen werde. 

■Ich glaube, der Leser wird nach obiger Auseinander- 
setzung mit mir übereinstimmen, wenn ich sage: Die Ver- 
pro via ntierun gabefehle waren frülie genug erteilt, der Fristen 
waren viele gegeben, und die Androhungen der 8trafe waren 
zahlreich und deutlieh gewesen. Und wie sah es mit dem 
Gehorsam der Hamburger gegen des Maraehalla Befehle ausP 
Es ist wahr, einige tausende waren seit dem Herbste ausge- 
wandert (Löwendal S. 168, Galloia, .Geschichte«, 1867, S. 532, 
Mönckeberg, 'Geschichte*, 8. 437), aber noch waren tausonde 
und aber tansende von Nichtverproviantierten und Fremden 
in Hamburgs Mauern; n^*^^ Stadt war noch immer", sagt 



— 150 — 

Graf Löwondal (a. a. 0.), n^it armom Pöbel angefüllt, sogar 
Bettler und Freudenmädchen trieben ihr Handwerk nach wie 
vor, obgleich sie doch wohl am allerersten zur Auswanderung 
genötigt waren. Das Betragen dieser Volksklassen dient zum 
Beweise, wie wenig Gehorsam die Menge gegen die gegebenen 
Befehle bewies, und man kann aus ihm leicht abstrahieren, 
wie klein die Anzahl aus den andern Klassen war, die auf 
eine Auswanderung dachte. ** 

So waren die Weihnachtstage des Jahres 1813 gekommen. 
In rührH(»ligcMn Tone wissen die Hamburger Chronisten zu 
schildern, wi(^ der schändliehe Davout den armen Kindlein 
dort in der Stadt die Lichter verlöschte, die der heilige Christ 
ihnen zum Weihnachtsabende angezündet hatte. Der Ver- 
fasser, der ebensowenig wie jene Hamburger ein Freund von 
Hoheit und (^Irausamkeit ist, erlaubt sich die nüchterne, aber 
wohl nicht ganz unzutreffende Bemerkung, dass unter sothanen 
Umständen, auch ohne die verfügte Austreibung, das 
heilige (>hristfest nicht allzu freudig in Hamburg ausgefallen 
«ein dürfte, namentlich unter derjenigen Klasse der Bevölker- 
ung, welche von den Massregeln des Marschalls betroffen 
wurd(^ Eine raffinierte Grausamkeit in dem Datum suchen 
zu wollen, ist, wie schon Löwendal (S. 169) treffend bemerkt 
hat, eine einfache Verkennung der Thatsachen. Der 24. De- 
zember war der Termin des Erlöschens einer lleihe auf Bitten 
und Vorstellungen hin gewährter Fristen, und mit Hecht sagt 
der dänische Offizier: „Unter so wichtigen und gebietenden 
Umständen ist der eine Tag dem andern gleich, und dürfen 
keine kindischen Einwendungen berücksichtigt werden." 

Um nun über die Austreibung selbst einige Worte zu 
sagen, so ist es wahr, dass in der Nacht vom 24. auf den 
25. Dezember eine grosse Anzahl nichtverproviantierter, mittel- 
loser und fremder Einwohner von der Gendarmerie, mit Hülfe 
der Distrikts- und l\)lizeikommissare sowie der Armenpfieger, 
in ihren Wohnungen aufgegrift'en, in die Betrikirche gesperrt 
und am folgenden Morgen per Schub aus den Thoron trans- 
portiert worden sind; es ist wahr, dass in der folgenden Zeit 




151 



l noch nine lleihe ähnlicher Exekutionen stattgofunden hat; ea 
[ ist auch wahr, dasB infolge der strengen Wintorkälte und der 
l Hilflosigkeit dieser Leute, eowie der, trotz dea besten "Willens, 
[ immerhin mangelhaften Yerpflegung, welche ihnen ausserhalb 
I Hamburgs geboten wurde viele der Ausgetriebenen umkamen.*) 
I Ich bin ferner selbstverständlich gern bereit (selbst wenn es 
f nicht so allgemein bezeugt wäre!) zuzugeben, dase bei diesen 
[ Austreibungen sich entsetzliche Szenen abgespielt haben müssen, 
I welche überall da vorfallen, wo eine rohe und obendrein vielfach 
I gereizte Soldateska zur Ausführung von Zwangsmassregeln 
■gegen Civilporsonen benutzt wird. Auch will ich gerne glau- 
I ben, dass neben den Soldaten selbst einzelne Offiziere und 
l.böhere Beamte durch die Rohheit ihres Benehmens aufgefallen 
I aind. Die Hamburger, unter ihnen auch Abendroth, beldagen 
I sich besonders über den Oendnrmerieobersten Charlot ; der 
! Verfasser schreibt keine Kechtfertiguug dieses Mannes und 
[ will es gelten lassen, dass der Oberst nicht gerade zartfühlend 
L gewesen ist — auch sind ohne Frage in dem Dunkel der 
[ Nacht allerlei Verwirrungen, Irrtümer und souatigo Ungehörig- 
[ keiten vorgefallen. Alles dieses ist sii uatürlich, so unzer- 
L trenn lieh von derartigen Ereignissen, dass dieselben niemals 
in der Weltgeschichte ohne solche Ausschreitungen vor- 
l'gekommen sind. Aber es ist eine Lächerlichkeit,- für jeden 
Fluch eines Unteroffiziers, jeden Kolbenstoss eines gemeinen 
Soldaten gleich allemal den General en ehef vor das Forum 
eitleren zu wollen ! Die Massregeln Davouts waren — das 
glaube ich oben bewiesen zu haben ^ notwendig sie waren 
L auch mit Menschlichkeit angeordnet — das beweisen die 
I wiederholten Stundungen.**) Man halte mir nicht etwa den 
I *) Die von den Hamburgern früher ins Fabelhafte übertriebene 

r Ziffer ist nach neueren Berechnungen auf etwa ISOü reduziert worden, 
I ••) Auch noch nach dem 24. Dezember wurden neue Tage für 

I den freien Abzug der Nichtverproviantierten angeselzL und neue Frislea 
I gegeben, Sa erhalten die noch in der Sladl> Befindlichen nach dem 
von dem Platzkommandanten de Fernig UDterzekhnelen Erlasse vom 
l 25, Dezemher abermals 24 Stunden Aufschub >Belege oder Aktenstücke', 
[ Ho, 102); am 28, Dezember aber werden ihnen, auf Befehl des Mar- 



— 152 — 

Umstand entgegen, dass die Austreibungen teilweise zur 
Nachtzeit erfolgten! Denn auch dieses war aus yielen 
Gründen notwendig! Viele der zu Exilierenden verliessen 
bei Tage ihre Wohnungen, um den doch einmal unvermeid- 
lichen Haussuchungen zu entgehen, z. t. auch wohl, um, wie 
Löwendal (S. 107) schreibt, in den verlassenen Häusern und 
(ifärten zu stehlen — und kehrten Abends mit der gemachten 
iJeute wieder heim. Um diese Leute zusanunen finden zu 
können, musste man also schon zur Nachtzeit kommen. Zu- 
dem wurden die Armen keineswegs alle bei Nacht entfernt; 
viele wurden auch während des Tages aufgegriffen und vor 
die Thore gebracht (vergl. u. a. Klise Campes Schilderungen 
auf S. 108 — 109 ihrer Schrift). Aber dieses im Grunde nicht 
viel menschlicher auHsehende V(M"fahr(;n würde bei allzu häu- 
figer Anwendung leicht zu Aufruhr und Zusammenrottungen 
haben führen können, welche dann erst hätten blutig unter- 
drückt werden müssen. Nicht mit Unrecht auch hat Davout 
in seinem Memoire (S. 23 der neuen Ausg.) daraufhingewiesen, 
dass bei den Ausweisungsmassregeln die grosse Nähe von 
Altena als ein wesentliches Moment der [jinderung betrachtet 
werden darf! Wohl war auch Altena nach den Hamburger 
Austreibungen mit Khmdeii, Hungernden und Kranken über- 
füllt, und Jacobsen (S. 29 ff. seiner Broschüre) entwirft uns 
ein hinreichend grelles und farbengesättigtes Hild von dem 
Zustande der dort Beherbergten! Aber ob sie es nicht doch 
noch besser gehabt hatten, als die Zurückgebliebenem, welche 
unter den wachsenden Schrecknissen der Hungersnot die 
Knochen getöteter oder gefallener Pferde benagten, eine 
Hatte oder gar eine Katze aber als unerhörte Gourmandise be- 
trachteten? Mussten doch noch hn Monat März 1400 Anne 



Schalls, sogar noch 4 Tage Frist gewährt. (»Belege oder Aktenstücke«, 
No. 105). Auch wurde zu Anfang Januar den ausgewiesenen Armen 
ein massiges Reisegeld gewährt. (»Erzählg. der Begebenh. in dem 
ungl. Hamburg«, S. 34-). Die beiden erstgenannten Erlasse wurden in 
den »Affiches« (No. 195, 28. Dez. 1813 und No. 197, 31. Dez. 1813 
veröffentlicht. 



— 153 — 

aus der Stadt gelassen werden, weil sie nicht das geringste 
mehr zu verzehren hatten!*) 

So erscheinen auch diese Massregeln, welche begreif- 
licherweise bei der kritiklosen Menge das grösste Odium auf 
den Sieger von Eggmühl warfen, bei leidenschaftsloser und 
prüfender Betrachtung, in einem ganz andern Lichte! 

Es sei mir verstattet, hier eine Sache nachzutragen, die 
ich schon früher hätte erwähnen können, da sie der Zeit nach 
etwas früher föUt als die zuletzt erwähnten Ereignisse. Ihre 
Besprechung würde freilich anderseits schwerlich einen passen- 
deren Ort finden als diesen : ich meine die Uebersiedlung der 
Hamburger Waisenkinder nach Eppendorf. Davout brauchte 
das Gebäude des Waisenhauses wie auch das des Zuchthauses 
für seine Kranken. Man hätte die Kinder anderweitig in der 
Stadt unterbringen können, aber der Marschall hielt es für 
unmenschlich, dieselben den Schrecknissen einer Belagerung 
auszusetzen; nachdem er an Lübeck und Holstein gedacht. 



*) Selbstverständlich konnten die Auswanderer auf die Dauer nicht 
allein Altena bleiben ; man schafTte sie weiter nach Bremen, Lübeck und 
ins Holsteinische, wo sie eine durchweg gute Aufnahme fanden. — Ich 
benutze diesen Ort, um hier noch einen gegen den Marschall erhobenen 
Vorwurf zurückzuweisen, da der Gegenstand mit den hamburgischen Aus- 
treibungen zusammenhängt. Die Altonaer Obrigkeit Hess, durch Ver- 
mittelung des Grafen Löwendal, an den Marschall die Bitte 
richten, ihr zur Ernährung der Vertriebenen eine der in Hamburg be- 
findlichen Rumfordschen Kochanstalten zu überlassen. Das Gesuch 
wurde sofort genehmigt, und ausser der verlangten Einrichtung 
noch ein Mann bewilligt, welcher die dazu gehörigen Oefen zu setzen 
verstände. Die Altonaer Behörde sollte Wagen nach Hamburg 
schicken, um die Maschine abzuholen, unterliess dieses aber, 
wohl weil man sich anderweitig eingerichtet hatte. Hamburgischer- 
seits wurde nalüilicli die Schuld wieder dem Marschall zugeschrieben; 
aber Graf Löwendal hat diesen Vorwurf in längerer Ausführung gründ- 
lich widerlegt (S. 143—144 seines Werkes), und der Graf war, wie 
an so manchen andern die Hamburger Verhältnisse betreffenden An- 
gelegenheiten, auch an dieser als unmittelbarster Zeuge beteiligt, da 
er das Altonaer Gesuch persönlich dem Marschall vorgetragen, auch 
das Antwortschreiben an den Oberpräsidenten von Blücher selbst 
verfasst hat. 



— 154 — 

Hess er sie schliesslich nach Eppendorf schaffen, welches er 
der Waisen wegen fortan nach Möglichkeit zu schonen suchte 
(vergl. Abendroth S. 84, Anin. 15). Es dürfte meine Leser 
interessieren, eine die Waisenkinder betreffende Entscheidung 
Davouts vom 26. November (mitgeteilt bei Abendroth, Anl. X) 
nach dem Originale zu lesen ; sie lautet: „L'humanite s'oppose 
a ce quo Ton conserve dans une ville assiegee un ötablisse- 
ment d'orpholins. II faut que Mr. le Comte de (Jhaban 
nogocie avec Tadministration de l'hopital des enfants trouvös 
la translation des enfants et umph)yes qui s'y trouvent. On 
|)()urrait les envoyer dans le Holstein. Peut-etre serait-il pre- 
ferable de les placer ä Lübeck. On leur assignerait des locaux 
convenables; il conserveraient leurs revenus, et il leur serait 
donne les socours necessaires. S'ils avaient ici des approvision- 
nements, on les leur acheterait pour qu'ils pusseut les rem- 
])lacer.'' Welche anima Candida spricht aus den Worten des 
grossen Mannes! Und auch solche Entscheidungen des 
„Mordbrenner-Marschalls'' wurden von den geschichtsschrei- 
benden Hamburger Zeitgenossen als Äusserungen der Tyrannei 
verschrieen. Xicht hoch genug kann man es Abendroths 
Ehrlichkeit anrechm^n , dass sie diesem schönen Zuge des 
Marschalls ihre Anerkennung nicht versagte!*) 



♦) Abendrolh, S. M im Text und Anm. 14 u. 15. Andere haben 
dagegen die Sache im Tone des Vorwurfs besprochen, u. a. Bartels 
(»Aktenmässige Darstellung u. s. w.«, S. 10', verji^l. auch »Hamburgs 
ausserordentl. Begebenheiten und Schicksale«, S. 101—102). Die Ueber- 
führung der Kinder nach Eppendorf fand am 15. Dezember statt. Sie 
wurden auf 70 von dem Maire requirierten Wagen mit ihren Sachen 
hinaustraiisporliert und in Häusern, die auf Davouts Anordnung für sie 
geräumt waren, untergebracht. Es verdient Erwähnung, dass den Kindern, 
deren Proviantvorräte die B'ranzosen an sich genommen hatten, durch 
den Marschall ein Silberbarren aus der Bank überwiesen wurde. ,,Sie 
waren in Eppendorf gut versorgt, so dass bis zum 22. Juli 1814?, wo 
sie wieder in die Stadt kamen, nur drei starben." (Vergl. Mönckeberg, 
»Hamburg unter dem Drucke der Franzosen«, S. 202—203). 



6. Kapitel. 

Die Verteidigung der Festung. 

Im 3. Kapitel haben wir Davout als Befestiger Ham- 
burgs kennen gelernt; wir haben mit einander eine Menge 
für die Einwohner lästiger und beschwerlicher, aber für den 
Schöpfer des Waffenplatzes Hamburg durchaus unumgänglicher 
Dekrete durchblättert. Die beiden letzten Abschnitte werden 
uns nun den Festungskommandanten im engeren Sinne zeigen, 
sein Auftreten gegen den Feind, sein Verhalten gegen die 
Uebertretungen der Festungsreglements, gegen Desertion und 
Spionage, seine hochherzige Ungläubigkeit gegen die Gerüchte 
von der Abdankung des Kaisers, endlich den Schluss der 
Belagerung, die Öffnung der Thore und die Niederlegung 
des Kommandos. Meinem Vorsatze treu bleibend, werde ich 
auch hier fast ausschliesslich diejenigen Vorgänge eingehender 
behandeln, welche geeignet sind, das Verhalten Davouts gegen- 
über den Hamburgern zu charakterisieren; doch wird an 
geeigneter Stelle ein Streiflicht auf die grossen Ereignisse des 
Krieges und der Belagerung fallen können. 

Der Marschall hatte sich, wie oben besprochen, zu Anfang 
Dezember nach Hamburg zurückgezogen. Gegen Ende des- 
selben Monats war Graf Bennigsen vor der neuen Festung 
angekommen*), der Befehlshaber der russisch-polnischen Armee, 



*) Bernadotte war schon im November nach der Niederelbe 
aufgebrochen; aber, anstatt Ernsthaftes zu Hamburgs Befreiung zu 
unternehmen, hatte er sich gegen Lübeck und Holstein gewendet; 
ihm lag nichts an den deutschen Angelegenheiten; er wollte Norwegen 
haben und verfolgte deshalb die Dänen, welche sich auf dem Rück- 
zuge von dem Marschall hatten trennen müssen. 



— 156 — 

welcher aber nur auf dem rechten Eibufer kommandierte, 
während die auf dem gegenüberliegenden Ufer stehenden 
russischen Truppen nicht unmittelbar unter seinem Befehle 
standen. ;Ein wesentlicher Faktor in dem Verteidigungs- 
systeme Davouts war natürlich das Wasser der zahlreichen 
Elbarme^ und der umliegenden Niederungen, und der Marschall 
wusste die Wirksamkeit dieses Mittels in geschickter Weise 
durch künstliche Ueberschwemmungen zu erhöhen. Der An- 
griffsplan seiner Feinde dagegen richtete sich naturgemäss in 
erster Linie auf eine Durchbrechung des Festungssystems 
zwischen Hamburg und Haöjburg. Es gelang den Russen, 
gegen Ende Januar die Eibinseln Moorwärder und Moorfleth 
zu nehmen.*) Inzwischen war strenge Kälte eingetreten. Das 
Wasser der Kanäle und der überschwemmten Wiesen, ja, 
selbst das Wasser der Elbe war zugefroren. Des Marschalls 
Lage war äusserst kritisch. „Ne sentez-vous pas", fragte er 
im Mai 1814 den Grafen Löwendal, „que j'ai ete sur les 
opines taut que l'Elbe a et6 gelee?" Am 9. Februar ver- 
suchte Bennigsen, die ausserordentlich wichtige Verbindungs- 
linie zwischen Hamburg und Harburg durch Wegnahme der 
Wilhelmsburg zu zerstören. Er selbst rückte zur Nachtzeit 
von Blankenese her die gefrorene Elbe hinauf, während 
gleichzeitig von zwei andern Seiten Angriffe auf die Eibinsel 



*) Bei einem der Januargefechte war auch ein Angriff von der 
Altonaer Seite gemacht worden, auf welcher die Franzosen ebenfalls 
zurückgedrängt wurden. Bei dieser Gelegenheit war es, wo aus den 
Häusern des dänischen Schulterblattes auf die französischen Stellungen 
f:efeuert wurde, weshalb Davout jene Häuser niederlegen Hess, Die 
Gefahr, welche ihm von dieser Seite drohte, und die begreifliche Auf- 
regung des Marschalls erklären und entschuldigen zur Genüge, dass 
er einen Augenblick daran dachte, gegen Altona ernste Massregeln zu 
ergreifen, und von diesem Vorhaben erst abging, als Bennigsen die 
Erklärung abgegeben hatte, Altona bis auf weiteres nicht besetzen zu 
wollen. (^Vergl. »Feldzug der Kaiserl. russischen Armee von Polen 
in den Jahren 1813 und 1814?. Von einem Augenzeugen,« Hamburg, 
1843, S. 96-98. 



fntemommen werden sollten. Aber das Zuapatkommen des 
"einen russischen Korps und das persönliche Erscheinen Davouts 
auf der "Wilhelms bürg vereitelten den Plan. Bei einem 
späteren Angriffe auf die JonaaelinBche Verbindungsb rücke 
gelang es allerdings den Iluasen, sechs Joche derselben zu 
zeratören, aber dieselben wurden mit grosser Schnelligkeit 
wiederhergestellt, und das eintretende Thauwetter manbte 
weitere Yerauche dieaer Art unmöglich. Dagegen unternahm 
Davout gegen das Frühjahr hin einige bedeutende Atislalle, 
nicht um, wie Beuuigsen einen Augenblick geglaubt haben 
soll, sich durchzuschlagen — wozu es viel zu spät gewesen 
wäre — sondern um sich frische Nahrungsmittel für Meuscheu 
und Vieh zu erkämpfen, welche beide in Hamburg, bei stei- 
gendem Mangel und fast aussehliesslicbera Gebrauch von 
Konserven, entsetzlich litten. Es wurden bei diesen Ausfällen 
mehrere Dörfer auf der Harburger Seite in Brand gesteckt, 
Vorkommnisse, welche in der Umgegend einer belagerten 
Festung nicht eben zu den Seltenheiten gehören und den 
hamburgische rseits wiederum gegen den Marchall erhobenen 
Vorwurf der „Mordlireunerei" schwerlich rechtfertigen dürften.*) 
Denn um einen derartigen Vorwurf zu begründen. 
mÜBste man doch erst nachweisen, dass jene Ortschaften nicht 
aus militärischen lUieksichten abgebrannt werden mussten; 
auch hierüber könnte ein endgültiges Urteil nur von conipc- 
tenter militärischer Seite gefallt werden. Bis dahin bleibe 
ich auch in diesem Punkte bei meiner Ansicht. Auch der 
Verfasser des Artikels »Eckmühl' in Ersch und Orubers 
Encyclopaedie {Sect. I, Teil 31, S. 10) spricht davon, dass 
jene Dörfer den Belagerern als Schutzmittel der Annäherung 

*) Den Bewuhaem des unfern Harburg gelegenen, bei einem 
Ausfalle niedergebrannten Dorfes Marmsturf liess der Marschall 60 
LouLsdor auszahlen. Vergl den Aufsalz des Generalsuperiudenlen 
Hoppensledt «Lieber die Drangsale der Sladt Harburg und der näcbsl 
umlegenen Gegend« in den iHamburgischen Address (sie!) Comtoir- 
Nachrichten«, Jahrg. 41, St, 8, 28. Juli 1814, S, 58. (Der Aufsatz ist 
ein Abdruck aus den »Hannoverischen Anzeigeu<). 



— 158 — 

hätten dienen können, l'nbestritten ist ferner die That- 
«ache, dass in einem derselben hannoverische Jäger über- 
rasr^ht worden waren, mithin dieser Ort für die Feinde von 
einer gewissen Bedeutung sein musste. 

Jedenfalls aber zeugte es von Davouts grossartiger Auf- 
fassungsweise, dass er ausgespnx'henermassen die Idee hatte, 
diese Ausfalle im Frühling planmässi^ zu wiederholen, mittels 
derselben den engen Festungsring etwas zu lockern, und durch 
immer weitere Ausfalle in die fruchtbare l'mgegend, unter 
gleichzeitigem Anbau des ungeheuren, ihm innerhalb seines 
Festungssystems zur Verfügung stehenden Areals sich nach 
Möglichkeit wieder frisch zu verproviantieren. 

Neben diesen Gedanken an Unternehmungen und Kämpfe 
*oxtra pomoerium* fiel dem Festungskonimandanten Davout auch 
die Aufgabe zu, durch geeignete Massregoln innerhalb der Stadt 
iiuhe und C)rdnung aufrecht zu erhalten, besonders aber auch 
alle schädlichen pjinfiüsse zu beseitigen, die eine der Sache des 
Kaisers im höchsten Cfrade feindliche Bevölkerung namentlich 
auf diejenigen Elemente seines Heeres ausüben konnte, welche, 
wie die Deutschen und Holländer, ohnehin unsicher waren 
und den Hamburgern noch dazu durch Stammesverwandtschaft 
nahestanden. Erlasse in einer belagerten Festung tragen 
immer den Stempel notwendiger militärischer Strenge an sich; 
zwischen dieser und unnützer Grausamkeit aber ist ein 
himmelweiter Unterschied, der auch dem Laien sofort ein- 
hnichtet. 

Schon am S. November hatte (jfraf Hogendorp ein 
l*ublikandum erlassen (»Journ. du Dop. d. B. de l'E.*, No. 179, 
Dienstag, 9. Nov. 1818, »Bei. od. Aktenstücke«, No. 69), 
das d(^n Hamburgern die Ordre vom 81. Mai wegen der 
Ablieferung aller Waffen nochmals ins (Gedächtnis zurückrief und 
alle diejenigen, welche nach dem 18. November noch im Besitze 
von WafFcjn oder Kriegsvorräten gefunden würden, mit der 
To(l(^sfitrafe bedrohte. Diese Ordre entspricht auf das 
giinauesto dem Belagorungszustandsbefehle des Kaisers vom 




ma 

i 



.8. Juni ('Memoire«, Aul. 19, nicht in der .Corr. de Nap.« ent- 
alten), wo es wörtlich heisst: 

Art. 3. 
.Teder, der überwieaen wird, im Besitz von Waffen zn 
sein, oder Kenntnis von Orten zu haben, wo "Waffen verborgen 
sein möchten, und nicht binnen 15 Tagen nach Bekannt- 
machung- des gegenwärtigen Dekrete eine Meldung gemacht 
lat, wird vor eine Militärkommission gestellt und zum Tode 
irurteilt".*) 

Den während einea BelagerungazuatandeB herrschenden 
'eanoen gleichfalls durchaus entsprechend war auch jenea 
idore Dekret vom 18. Dezember (»Affiches*, No. 194, 24. 
'Dez. 1813, 'Belege od. Aktenstücke No. 93), welches alle 
Versammlungen, mit Ausnahme der gottesdienstlichen und der 
in das Municipalitätsgebäudo gesetzlich einberufenen, sowie 
das Zusammenstehen von mehr als sechs Personen auf Strassen 
und öffentlichen Plätzen verbot. Dieser Erlaag war garnicht so 



*) Die Waffen waren üi einem — später von Hamburg fort 
verlegten — Depot untergebracht uiid sorgfältig numeriert worden, 
um, nach AuF^iebuiig des Belagerungszustandes, den Eiuwohueru wie- 
der zuReatellt zu werden. (LÖwendal, S.210). Daas man die strengen 
Vorscliriften des obigen Dekrets keineswegs mit rücksichtsloser Härte 
anstührle, zeigt u. a. die hübsehe Geschichte, welche der dänische 
Offizier am gleichen Orte erzählt. Bei einem Schuster wurden im 
Januar ein altes Gewehr und einige scharfe Patronen vorgefunden. 
Der Schuster, ein als ehrlicher uud ruhiger Bürger bekannter Mann, 
beteuerte, von dem Vorbandeusein der Waffen keine Ahnung gehabt 
zu haben. Ein vor kurzem weggejagter Geselle, gab er an, müsse 
aus Rache das Gewehr und die Patronen bei ihm eingeschmuggelt 
haben. Da er aber einen Beweis für die Wahrheit seiner Aussage 
nicht zu erbringen vermochte, so mussle ihn das P re vo talger i cht (über 
dieses s. weiter unten!) zum Tode verurteilen. Das Urteil ging an 
den Marschall zur Bestätigung, DerSchuaier aber fand einen warmen 
Verteidiger — in Cbarlol, jenem von den Hamburgern so viel ge- 
schmähten Gendarm erieobersten, der einst das Kommando zur Auf- 
bebung des Herzogs von Enghien geführt batle! Mit Vergnügen unter- 
schrieb Davoüt die erbetene Begnadigung, Dieser Aktus ging in u n- 
_mittelbarer Gegenwart des Erzählers, Grafen Löwendal, vor 

(S. dessen oft erwähntes Werk, S, 210-212). 



— 160 — 

übermässig strenge gehalten, da er I^lle und Schauspiele 
ausdrücklich gestattete und deren Abhaltung nur an die 
schriftliche Erlaubnis des Oberkommandanten knüpfte.*) 

Es sei mir verstattet, an dieser Stelle auch einige AVorte 
über ilas vielbesprochene Dekret Hogendorps vom 20. De- 
zember (»Affiches* No. 194, 24. Dez. 1813, »Belege oder 
Aktenstücke*, Xo. 95) und die auf ein Schreiben des Ober- 
kommandanten Le Couturier hin erfolgte Publikation des Maire 
Uüder vom IT. Januar 1814 zu sagen (»Belege oder Akten- 
stücke*, No. 123, >Affiche8», No. 10, 18. Januar 1814). Der 
erste dieser Erlasse befahl den Einwohnern, sich beim ersten 
Kanonenschuss oder, sobald Generalmarsch geschlagen, in 
ihre Wohnung bezw. in das nächstliegende Haus zu be- 
geben,**) und wiederholte das bereits am 15. August ausge- 



*) Wie leicht es die Hamburger mit diesen Verordnuagen nahmen, 
geht aus einer Stelle in der »Erzählung der Begebenheiten in dem 
ungl. Hamburg», S. 28 hervor, wo es heisst : .^Ungeachtet dieser strengen 
Massregel wurden doch viel mehrere i^sic!) Zusammenkünfte und Clubs im 
Verborgenen gehalten« wie jemals vorhin, und man hielt dennoch 
nicht allein Zusammenkünfte, sondern man hatte auch sogar verschie- 
dene fremde Zeitungen und Proklamationen.'' 

**) Es ist wahr, dass diese Bestimmung mit Strenge gehandhabt 
wurde. Während auf den Wällen und vor den Thoren das Geschütz- 
feuer tobte, durchzogen Patrouillen die Stadt, um diejenigen, welclie 
sie auf den Strassen fanden, zu arretieren, wenn sie sich nicht 
schleunigst entfernten. Die hier gezeigte Strenge war aber bei der 
Haltung der Hamburger Bevölkerung durchaus geboten; denn diese 
unterliess es nicht, bei jeder Gelegenheit ihre feindselige Gesinnung 
?egen die kaiserlichen Truppen zu dokumentieren. So entwirft uns 
Elise Campe eine lebhafte Schilderung von der Keckheit, mit welcher 
die Hamburger, während des Gefechtes am 9. Februar, die Franzosen 
verspotteten. „In vielen Haushaltungen**, heisst es da auf S. 143, 
„waren schon Vorbereitungen zum Empfange der Befreier (d. h. der 
Russen) gemacht**, und dieselbe Schriftstellerin, die sich doch so bitter 
über die argwöhnische Strenge der Franzosen beklagt, erklärt firischweg, 
dass, wenn die Alliierten an jenem Tage Sieger geblieben wären, „die 
Mehrzahl der Bürger, obgleich der rüstigen Jugend beraubt, in den 
entscheidenden Augenblicken, des Erfolges gewiss, noch einmal ihr * 
Leben gewagt hätten, das fremde Joch abzuschütteln**. 



i 

I 
I 

I 



16 

Hprocheiie Verlmt des BetreteiiB der Wnlle uud FestiiiigH- 
werke. Der zweite richtete sich gegen das Befiehen des 
Eiaea auf der Alster, der Elbe, den Gräben und unter Wasser 
gesetzten Landstrecken durch die Einwohner oder unbefugt« 
MilitärperBonen. Dass den Delinqueuteii mit Prügeln ge- 
ilruht wurde und diese Strafe auch Anwendung fand, darf 
bei dem damals in dieser Richtung mich herrschenden 
Urauche ebonsowenij;; anffalJen, wie dasa in dem zuletzt 
erwähnten Erlasoe ein l'nterschied in der Bestrafung ge- 
mftcht wurde, je nachdem der Delinquent dem Militär- oder 
Civilstande angohCrte. Soldaten dee Kaisers durften nicht 
geschlagen werden, eine Bestimmung, welche auf die Ham- 
burger Einwohner keine Anwendung fand. Wer sich wie 
Abendroth (S. 18) u, a. über dergleichen verwundert oder 
giir entrüstet, dem erlaube ich mir, mit der nüchternen Frage 
ifznwarten : ,Wa8 in aller Welt hatten denn die vorwitzigen 
Hamburger in den Festungswerken, auf den Wällen oder 
dem Alstereise zu thun ?" Das letztgenannte Dekret war 
iftlirigens, um auch das noch zu sagen, in der Zeit abgefasst, 
■wo sich der Marschall, infolge des eingetretenen Frost wetters:, 
in einer höchst bedrohlichen Lage befand und es für seine 
militärische l'fünht ansehen musste, sich durch alle erdenk- 
lichen Vorsichtsmassregeln gegen die Gefahr eines Angritt's 
oder einer Ueberrunipelung zu sichern. 

Um die schwereren, gegen die mititärische Disciplin unii 
die Sicherheit der Stadt gerichteten Verbrechen — insbeson- 
dere Desertion, Aufruhr und Spionage — aburteilen zu lassen, 
hatte der Marschall eine aus drei Mitgliedern bestehende Pre- 
Totalkommission eingesetzt. Unter Prevotalgerichten versteht 
man im franzosischen Rechtawesen eine Art ausserordentlicher 
Kriminalgerichte (in diesem Falle war es natürlich ein mili- 
tärisches), welche gegen Vagabundage, Schmuggelei und an- 
dere Vorgehen, namentlich ötfentliche HuhcBtörung, sunmiu- 
riache Justiz übten, eine Einrichtung, welche durch die 
Hevolutiou beseitigt worden war, 1810 wiederhergestellt wurdf, 
1S19 aber wiederum aufgehoben worden ist. 

11 



- 102 — 

](}h halte es für an<^ozoi<jt, den die Einsetzung der 
PrevotalkoniniiHsion ])etreffenden Erlass in extenso niitzu- 
toilon,*) um sodann in eine kritische F^esprechun^* dieses flegiin- 
standes einzutreten. 

T age sh e \'o h 1. 
Im llaui)t(|uartier zu ITamburg, den 27. Dezember 1818. 

„Der Feind reizt durch seine I Proklamationen den Sol- 
daten dazu, seine Pflichten zu vergessen und unsern Souverän 
zu vorraten. Der Feind fordert durch seine Ränke, seine 
Proklamationen und seine Agenten die Einwohner zum Aufruhr 
auf. Dieses Fk»tragen zeigt uns den Weg an, weh^hen wir 
einzuschlagen haben ; dasselbe hat schon die Vertreibung eines 
grossen Teihm der EinwM)hner Hamburgs aus der Stadt ver- 
anlasst und gebietet zugleich folgende Massn^geln: 

Art. 1. Eine Prevotalkonnnission soll in Hamburg ernannt 
werden, welche aus dnu Mitgliedern bestechen soll, 
wovon der J^räsident (ilrand-l^nWot sein soll. 

Art. 2. Es sind zu Mitgli(Ml(»rn di(»ser Kommission ernannt: 
1) der Herr Obrist der (lendarmerie (^harlot, Präsi- 
dent; 2) d(ir Herr Kapitiin »louffin ; vi) d(»r Herr 
Kapitän Pinel. 

Art. 8. Gerichtet werden sollen durch diese Konnnission : 
alle Individuen, die sich nachstehende Verbrechen 
zu Schulden konunen lassen, nämlich: Jede Desertion 
und Teilnahme an dersellnm: Anleitung zum Deser- 
tieren und falsches Werben; alles Spionierem; j(ider 
Aufruhr oder aufrührerische Versannnlung; jedes mit 
Vorbeda(»Jit angelegte Feuer: alles Plündern; jcmIo 
Insubordination nn't Drohungen oder (lewaltthätig- 
keiton begleitet; jede Empörung oder Rede, die zum 
Zweck hat, die Soldaten gegen ihre (^hefs oder die 
Einwohner gegen die gesetzmässige Gewalt oder gegen 
die Truppen aufzuwiegeln; jeder Diebstahl, der in 



*) Ders. findet sich in den »Belegen od. Aktenstücken«, No. lOi. 
Veröffentlicht wurde er in den »Affiches*, No. 196, 29. Dez. 1813. 



- 163 — 

den Magazinen des Staates verübt werden könnte ; 
jeder Ankauf oder Verkauf von Lebensmitteln oder 
Militäreffekten, die aus den Magazinen des Staates 
herrühren; und endlich jeder Meuchelmord oder vor- 
sätzliche Absicht dazu, gegen einen französischen 
Soldaten oder Alliierten. 

Art. 4. Alle diese Verbrechen ziehen die Todesstrafe nach 
sich; jedoch kann die Prevotalkommission bei mil- 
dernden Umständen jene Strafe für die Einwohner 
in körperliche Züchtigung und Vertreibung aus der 
Stadt und für das französische Militär und Employierte 
bei der Armee in Ausstellung auf der Parade und 
Gefängnis verwandeln. 

Art. 5. Die Prevotalkommission ist beauftragt, die durch die 
letzten Arretes gegen diejenigen Einwohner von 
Hamburg, welche wieder nach der Stadt kommen 
würden, nachdem sie daraus vertrieben worden sind, 
anerkannten Strafen anwendbar zu machen. 

Art. 6. Die für die Urteile der Militärkommissionen vorge- 
schriebenen Formen sollen auch bei dem gerichtlichen 
Verfahren der Prevotalkommission befolgt werden. 

Art. 7. Gegen die Urteile der Prevotalkommission kann nicht 
appelliert werden, und sie sollen in 24 Stunden voll- 
zogen werden. 

Art. 8. Der gegenwärtige Beschluss soll den Truppen durch 
einen Tagesbefehl und den Einwohnern durch öffent- 
liche Bekanntmachung in beiden Sprachen, auf Ver- 
anstaltung des Chefs des Generalstabes der Armee, 
mitgeteilt werden.*' 

Der Marschall, Herzog von Auerstädt, 

Prinz V. Eckmühl. 

Für gleichlautende Abschrift: 

Der General, Chef des Generalstabes des 13. Korps, 

Cesar de Laville. 
Was hier Davout über die Proklamationen Bennigsens 

anführt, um die Einsetzung der Prevotalkommission zu moti- 

11* 



— 164 — 

vieren, beruhte vollständig auf Wahrheit; die Aufrufe des 
russischen Oberfeldherrn und die Wirkungen, welche sie auf 
die Haltung der Kinwohner Hamburgs sowie auf die Disciplin 
eines Teiles der kaiserlichen Truppen ausübten, waren der- 
artig, dass sie die (iegenniassregeln des Marschalls und das 
Verhalten der l'revotalkonnnission geradezu herausforderten. 
Hennigsen wän» ein Th(n* gewesen , wenn er sich die 
den Franzosen durdiaus ungünstige Stinnnung in Hamburg 
und Altona und die wankende Treue namentlich der hol- 
h'indischen Truppen nicht zu Nutze gemacht hätte. Er 
that es in ausgiebigster Weise, und seine Vroklamationen, 
welche in flamm(»nden Worten den wildesten Hass gegen den 
Feind predigten, auch, nach Art sol(;her Manöver, begreiflicher- 
weise mit der Wahrheit nicht allzu subtil umgingen, waren 
wohl g(;eign(»i, in Hamburg Aufruhr und Abfall zu stiften, 
wenn nicht (?ine starke Hand alle derartigen Versuche kräftig 
niedergehalten hätte. In einem dieser Aufrufe (Meni., Anl. 22)*) 
verspricht der (fraf den vertriebenen nam])urgern, dass sie 
inseimnn Haupt(|uartier Waffen finden würden, um „triumphie- 
rend, das Kacheschwc^rt erhoben, mit ihm in ihre Vater- 
stadt wiedf^r einzuziehen.'' In einem andern (Mem., Anl. 
23) haranguiert er die unter Davouts Oberbefehl stehen- 
den holländischen Soldaten. „Orange bowen!" heisst es in 
dieser l*roklamation, „hört, Holländer, den Freudenruf eurer 
glücklichen Landsb^ute! Die alte Zeit ist wiedergekommen und 
Holland wird glänzen wie vormals, denn seine tapferen Höhne 
fechten schon in den Reihen der Weltbefreier auf feindlichem 
Hoden. Ihr rnglücklichen in Hamburg seid noch die ein- 
zigen vom Stannne der freien Niederländer in französischer 
Knechts(;haft. Kilet, euch in unsere geöffneten Arme zu wer- 



*) Die im Texte besprochenen drei Proklamationen Bennigsens 
sind auch abgedruckt in dem (im nächsten Kapitel noch öfter zu er- 
wähnenden) Buche »Feldzug der Kaiserlich Russischen Armee von 
Polen in den Jahren 1813 und 1815. Von einem Augenzeugen be- 
schrieben«, Hamburg 184f3, S. 76—78. Nach dem dort veröfTentlichlen 
Wortlaute habe ich dieselben citiert. 



— 165 — 

fen, ehe das schreckliche Strafgericht ergeht über die letzten 
Franzosen in Deutschland, die nach Hamburg flüchteten. 
Denn leicht würde sonst auch der unschuldige Holländer mit 
dem strafbaren Franzosen von den stürmenden Russen im 
Siegestaumel verwechselt werden. 

Ich rufe euch nochmals zu, Holländer, eilet, kommt oder 
lasst mich wissen, wie ich euch retten kann; euer Vaterland 
ruft euch durch mich." 

„Das sinkende Schiff verlassen die Ratten", pflegt man 
im deutschen Sprichworte zu sagen, und so veranlassten diese 
Proklamationen und die Nachrichten, welche die Russen bei 
den französischen Vorposten über die Fortschritte der Ver- 
bündeten in Deutschland und Frankreich verbreiteten, die 
Desertion einer beträchtlichen Anzahl holländischer Soldaten. 
„Neun Offiziere dieser Nation verliessen," so erzählt Davout 
in seinem Memoire (S. 33 der neuen Ausgabe) „an einem Tage 
und zusammen ihre Fahnen." „Je prescrivis alors," fügt er 
hinzu, „ä tous les commandants des ouvrages avances de se 
tenir en garde contre les ruses de Fennemi, et je donnai 
l'ordre de tirer ä l'avenir sur tous ceux qui depasseraient la 
ligne des avant-postes, sous quelque pretexte que ce füt, ä 
moins qu' ils ne se presentassent avec les formes usitees pour 
les parlementaires." Konnte er anders handeln? 

In ähnlicher Weise wendete sich Bennigsen auch an die 
in der Stadt eingeschlossenen Hamburger, denen er von sei- 
ner aus „sieggekrönten" Russen, Schweden, Preussen und 
Sachsen zusammengesetzten Armee erzählt, welche aus mehr 
als 100000 Mann bestehe. ,,Die Rachestunde ist gekommen", 
ruft er ihnen zu, und er fordert „alle, die Mut im Herzen 
tragen", auf, „das schimpfliche Joch abzuschütteln". Der 
Marschall Davout wird in dem Schriftstücke natürlich wieder 
durch das ehrende Beiwort des „Tyrannen" ausgezeichnet. 
Und eine derartige Proklamation Bennigsens wagten die 
Hamburger — kaum ist es glaublich — '■ auf dem grossen 



— 166 — 

Neumarkto, eiiioni der frequoiite8t(3n I Mätze der Stadt, anzu- 
S(!hla<^en*), von wo sie natürlich bald wieder verschwand. 

"^Waren solche Veranstaltungen begreiHichcrweiso nicht 
gerade geeignet, den Marschall gegen Hamburg und dessen Be- 
wohner zu bcHonderer Milde zu stinnnen**), so stellten überdies 
die Ifaniburger ihrerseits durch den Vorschub, den sie der Deser- 
tion und Spionage leisteten, die (ieduld des französischen Feld- 
herrn auf manche harte Probe. Trotz alledem wird es dem 
sorgfältigsten Forscher schwerlich gelingen, den Nachweis zu 
führen, dass Djivout bei der lU^strafung dieser - militiirisch 
betrachtet und di(^ l)(»sonderen Umstände nntgerechnet - so 
ausserordentlich sidiweren Vcu'gehen irgendwie nach Willkür 
oder mit besondenu' Härte v(»rfahrrn sei. [<ls beweisen dies 
die llrteih^ der l^revotalkommission Ixjzw. deren Vollstreckung; 
denn vor der Exekution lagt'ii dieselben dem Marschall zur 
Hestätigung vor. Zwar wird in dem die Einsetzung jener 
Kommission bestimmen(hui Krlass(», sowie in einer Reihe anderer 
den Belagerungszustand betreffender Dekrciti^ und Verordnungen, 
V(m der Todesstrafe fast in j(Mlem Satze geredet, aber, wenn 

*) So berichtet Klise Campe auf S. 120 ihrer bekannten Schrift. 
**) Ohne Frage haben die drei Bennigsenschen Aufrufe einen 
Einüuss auf die Kinsotzung der Prevotalkomniission in Hamburg 
gehabt, zum mindesten haben sie die Veröffentlichung des betreffenden 
Erlasses beschleunigt. Ja, der letzlere erscheint, wenn man die beider- 
seitijcen Daten vergleicht, geradezu als eine Antwort auf Bennigsens 
Proklamationen. Diese waren vom 13. Dezember alten, d. i. 25. De- 
zember neuen Stils; Davouts Erlass trägt dai^^egen das Datum des 27. 
und erschien, wie gesagt, in der Zeitung vom 21). desselben Monats. 
Zur Charakteristik der beiden mit Feder und Schwert einander gegen- 
überstehenden Feldherrn möge auf ihr beiderseitiges Verhältnis zu 
ihren Souveränen hingewiesen werden: Davout stand mit unerschütter- 
licher Treue zu Napoleon noch nach dessen Sturze, Bennigsen 
war einer der Mörder Kaiser Pauls 1. 

Uebrigens hatte sich, um dieses nebenbei zu erwähnen, auch 

• 

Tettenborn, während des ilerbstfeldzuges, das billige Vergnügen ge- 
stattet, in seiner »Zeitung aus dem Feldlager« gegen Davout und 
Hogendorp eine mit wenij^ Geist und Witz geführte literarische Cam- 
pagne zu eröffnen (vergl. Zander, a. a. 0., S. 237, Hogendorps Memoiren, 
S. 374 u. 383, Mönckeberg, »Geschichte*, S. 434). 



— 167 — 

man sich nach der Anwendung dieses Schreckmittels umsieht, 
so wird man bald zu der Ueberzeugung gelangen, dass es 
damit nicht ganz so gefahrlich aussah, wie manche Hamburger 
Schreier uns weismachen möchten, nach deren Berichten man 
glauben sollte, dass der „Hamburger Robespierre" — auch 
dieser Ehrentitel wurde Davout von selten seiner Gegner zu 
teil — mindestens zehnmal soviel Menschen habe umbringen 
lassen als der Pariser Revolutionsmann. Dass in einer längere 
Zeit hindurch belagerten Festung einige Erschiessungen wegen 
Desertion, Spionage und ähnlicher Verbrechen, sowie der 
Beihilfe oder Verleitung zu solchen, vorkommen, ist ein 
geradezu unvermeidliches Uebel. Der Marschall selbst giebt 
in seinem Memoire (neue Ausgabe, S. 20) die Zahl dieser 
Delinquenten (mit Ausschluss des ungetreuen Hospitalverwalters 
Martinet) auf 1 1 an, welche sämtlich Falsch werber (embaucheurs) 
oder Spione gewesen seien. Der kritiklose Schwätzer Köstlin 
bringt (»Nemesis«, 4,396) die Buiiinio von „dreissi"- niid eini- 
gen Einwohnern" heraus, wird aber mit seiner Behauptung 
von dem Recensenten der »Hall. AUgem. Lit.-Zeitung« (1816, 
Ergänzungsblätter, Nr. 27, S. 211) energisch abgeführt. „Aus 
dem öffentlich bekannt gewordenen Verzeichnis dieser Un- 
glücklichen erhellet", so heisst es an der betreffenden Stelle 
des Literaturblattes, „dass es, ein paar Arbeitsleute abgerech- 
net, französisclie Beamten und Soldaten gewesen, zum teil 
wirklich loses Gesindel." Lüntzmann (S. 41—42 seines 
>Memoire«) führt ausser den von dem Marschall selbst ange- 
gebenen Delinquenten noch drei weitere Individuen an, welche 
auf Davouts Befehl erschossen seien; bei den beiden ersteren 
waren, .nach Lüntzmanns eigener Angabe, verbotene Waff*en 
(vergl. oben) gefunden; das Vergehen des dritten ist dem 
Verfasser jenes Memoire unbekannt geblieben.*) Abendroth — 



*) Die obigen Zeilen waren bereits geschrieben, als ich in der 
mir etwas später zugänglichen Quelle: »Davousls Missethaten. Eine 
aktenmässige, gründliche Widerlegung des Memoires dieses Marschalls 
an Ludwig XVIII« ein genaueres Verzeichnis der militärgerichtlich 
erschossenen Personen vorfand. Dieses ergiebt, dass sich die oben 



— 108 

oin 8ohr hüiiiorkoimwertor rinstand — schweift tibor dio 
Exokutionon ^ünzlich; (la^e<^oii hat der Auo^enzeugo Graf 
Löwondal diesen (ilo<;en8tand etwas oinji^ehender behandelt. 
Kr verschweigt nicht, (hiss der Marschall, seiner bereits er- 
wähnten A])8chreckun;!^stheorie geniÜHs, eini<i^e wenige Exompel 
habe statuieren hissen (S. 200) ; (hx'h verdient auch hierbei 
hervorgehoben zu werden, dass (»inor der von Löweiidal ge- 
nannten I)elin(iuenten, (Uir Hannoveraner Feldtniaiin, ein de- 
serti er ter französischer Douanier war, weh^heni gegenüber der 
Marschall begreiflicherweise keine (Jnade walten lassen wollte. 
ZugkMch l)etont (ilrnf Löwen(bil wiederholentlich, dass Davout 
die Franzosen mit dersellx'n unparteilichen Strenge behandelt 
habe wie di(» IFainburger, welche letztcM'en dies ja durchaus 
nicht zugeluMi wollten : drei oder vier französische Kriogs- 
koninüssare sassen, unredlicher Handlungen verdächtig, in 
langwieriger Untersuchungshaft und wurden erst freigelassen. 



gomachtcn Ani;ab(»n bis auf die offcMibar unrichtige von den Kinvvohncru 
bei Kösilin siimtlicli mit einander vereinigen lassen; nur würde slatt der 
von dem Marschall genannten 11 die Zahl 12 herauskommen. Die Sache 
verhält sich folgendermassen: Davout spricht von ('. i v il j)ersüuen, aus 
Hamburg und dessen llmf^ebung, welche er erschiessen liess; dies 
waren 12, von denen 9 wegen Heihülfe zur Desertion, erschossen 
wurden, 2 weil man verbotene Waffen bei ihnen fand, der letzte endlich 
(wahrscheinlich derjenige, dessen Vergehen Lüntzmann nicht kannt(0. 
weil er zwischen Moorwerder und Altona auf dem verbotenen Elbeiso 
angetroffen wurde und aus diesem (und wahrscheiidich noch aus 
anderen, den Hamburger Schriftstellern unbekannt gebliebenen Gründen) 
als Spion behandelt wurde. Im ganzen wurden in Hamburg, während 
der Zeit vom 16. August 1813 bis zum 28. April 1814 82 Personen 
erschossen, die übrigen waren nämlich Soldaten der Garnison oder 
Hospitalwärter. Wenn man das Verzeichnis dieser Unglücklichen und 
ihrer Vergehen genau durchgeht, so darf man sa^en, — so sonderbar 
es auch klingen mag — dass diese Liste der auf seinen Uefehl er- 
schossenen Personen den Marschall glänzender rechtfertigt, als es die 
gelungenste Verteidigungsschrift thun könnte. Die Gerichteten waren 
nämlich (wie sehr auch der Hamburger Berichterstatter die Vergehen 
namentlich seiner Landsleute zu bescbönigcn versucht) sämtlich grober 
Verbrechen überführt, die ich im einzelnen hier aufführen will: Andreas 
Wülsky war der Brandstiftung in Ritze bütte 1 schuldig, Victorin 



— 169 — 

als sich die Unmöglichkeit herausstellte, sie der A'eruntreuung 
zu überführen. (Löwendal, a. a. Ü., S. 196.) 

Der dänische Offizier weist uns aber auch an einem 
lehrreichen Beispiele nach, in welcher schamlosen Weise die 
Hamburger die (hito des Marschalls missbrauchten, um nach- 
her, wenn sich dieselbe, infolge ihrer eigenen Handlungs- 
weise, in Strenge verwandelt hatte, über die letztere zu kla- 
gen und zu zotern. Als im Dezember die Thore geschlossen 
waren, wurden in Hamburg noch eine Zeitlang l^ässe orteilt, 
um in Geschäften nach Altena gehen zu können. Bald jedoch 
erfuhr der Marschall, dass auf diesem Wege Zeitungen und 
politische Nachrichten eingeschmuggelt wurden, und die Nach- 
giebigkeit hörte auf. Einem Hamburger^ mit Namen Jones 
oder Jonas, aber gelang es, durch Bitten und Vorstellungen, 
von dem Marschall persönlich die Erlaubnis zu erwirken, aus- 
nahmsweise noch nach Altena gehen zu dürfen, um eine 
Geldsumme erheben, die, seinem Vorgeben nach, sonst ver- 
fallen würde. In Gegenwart einer grösseren Anzahl von Offi- 
zieren erhielt nun Jones von dem Marschall einen Pass, nach- 
dem er sich auf das heiligste verpflichtet hatte, weder Briefe 
noch Zeitungen noch sonstige, nicht zu seinen Geschäften ge- 

Vaillant hatte einen Felddiebstahl begangen ; Lekalusk, vom 7. polnischen 
Lanciersregiment. wurde erschossen, weil er einem Hamburger 
Bürger die Laterne ausgeschlagen und Geld von ihm er- 
presst hatte, Jacob Ebel, weil er einem im Lazareth liegenden Sol- 
daten Geld abgenommen und wahrscheinlich erdrückt hatte. Der bereits 
genannte Martinet oder Martina und ein Hospitalwärter Leonhard erlitten 
den Tod wegen grober Unterschleife zum Schaden der Kranken, der 
Wachtmeister ßrasotowsky wegen Meuchelmordes; alle übrigen waren 
Deserteure (von zweien werden die Vergehen nicht genannt). 

Was zeigt denn nun diese Liste? Dass die Erschossenen sich 
der schwersten Verbrechen, und nicht allein militärischer, schuldig 
gemacht hatten; dass im Gegenteile wahre Ungeheuer unter ihnen 
waren; mehr noch, sie beweist uns, was ich schon öfters ausge- 
sprochen, dass der Marschall ein Mann strenger Gerechtigkeit war, 
welcher den Soldaten, der sich gegen die Einwohner ver- 
gangen, gerade so bestrafte wie die Civilpersonen, welche gegen die 
Bestimmungen des Belagerungszustandes gefehlt hatten. 



_ 170 — 

liörif^c Sachon aus Hainl)iir«i^ initzunehmün oder von Altena 
zurückzubrin^tMi. Dem Marsehall aber inusste die Sache, trotz 
der heili*i;en Versicherungen dc^s hieden^n Hanihuri^ers, nicht 
HO rocht geheuer vor^ekonniieii s(»in ; kurz inid iru!, er liess ' 
ihn am Thore visitieren — und sieh(» da! der Klirenmaun 
Jones hatte ein Dutzend I^ri(jfe mitgenommen, um sie in 
Altena abzuliefern. Man be^^ndft den Zorn des Marschalls 
und dass Jonc^K, anstatt nach Altena, ins Wachtlokal wanderte, 
in welchem er in Hangen und Ban^tMi eini^i^e Ta^^e zubrachte. 
\V(^ni^er leicht wird ein autorit;itsi;"l!iubi;^(M' l/csrr dcv llam- 
burüf(!r S('haurr^(»schichten versOdioii, dus^ der brnvc .lones, 
d(M' na(di den l\ rie;4's^e'^etz(Mi eine Ku<»(5l, zum mindesten aber 
eine lan^e ()}(»nin«^niHhaft erwarten durfte, auf Bitten seiner 
Familie mit einem Verweise davonkam (ver^l. Löwcm- 
dal, a. a. ()., S. 202 — 2()H.) So «geschehen zu llambur^i^im Dezem- 
l)er 181 ;{ unter der Herrschaft Davouts, des „Tyrannen*'. 

Härttu* dürft(i uns aller(iin<;s die v(»rsucht(» Aufludmu^ 
eiiKvs Mannes in Altomi durch (Jendarnnui erscheinen, jedoch 
darf nicht vt^rschwic^^en wenhui, (hiss auch di(»H<'s Individuum 
(l(»r Verleitun<j^ zum I)eserti(»ren drin^(;nd verdächti;;!; war 
(liöwendal, a. a. ()., S. 107 und 200). 

Wird man es ül)ri^ens dem Marscduill v(»rdenk(MJ, dass 
er bei den o(».schild(nten Verhältnissen von den Bürgern ver- 
langte, sie sollten stets mit einer so^. Sicherlieitskarte (carte 
du surete) versehen s(un, wenn sie sich nicht selbst der (3e- 
fahr aussetzen wolltcui, von Posten und Patrouillen angehalten 
zu werden und in allerhii l'n^i^tde^enheiten zu geraten?*) 



*) Derartige Karten (vcrgl. oben Art. fJ des Dekrets vom 18. 
Dez., »Helege oder Aktenstücke«, No. 92) t;rliielten auch die Arbeiter 
an den Festungswerken, welche bekaimtlich von den Ausweisungs- 
bestimmungen ausgenommen waren. Der Verfasser hat eine solche 
Sicherheitskarte eines zu den »Travaux du Genie militaire« komman- 
dierlen Mannes gesehen. Es ist eine kleine blaue Karte, mit dem 
Namen des Inhabers und der Bemerkung, dass derselbe als Teilnehmer 
an den Festungsarbeiten (travaux militaires) in Hamburg verbleibeu 
darf. Unterzeichnet ist die Karte von dem Kommandanten des Kantons, 
in welchem der Inhaber wohnte. Auf der (weissen) Kückseite des 



— 171 — 

Ich will zum Schlüsse dieses Kapitels, der Vollständigkeit 
halber, noch die Bestrafung eines Mannes anführen, der nach 
seinem Charakter und seiner Persönlichkeit zwar kaum eine 
besondere Beachtung verdient, dessen ich aber aus dem Grunde 
Erwähnung thue, weil er sich, von dem Motive niederer Rach- 
gier geleitet, in einer besonderen Schrift : »Stein ä Davoust, 
ou R6plique au Prince d' Eckmühl, par une de ses victimes«, 
Paris 1814, gegen den Marschall gewendet hat. 

Dieser Stein, ein geborener Lübecker, war nach seiner 
eigenen Angabe, ein leidenschaftlicher Gegner der französischen 
Revolution und des Kaisertums. S. 6 behauptet er (ein 
Deutscher!), sein ansehnliches Vermögen im Interesse des 
französischen Royalismus verwendet zu haben. 1798 in Paris 
sich >. aufhaltend, wurde er einer Verschwörung gegen das 
Direktorium angeklagt und sass lange im Tcmple ; 1807 rettete 
er angeblich einen General vor den Verfolgungen des fran- 
zösischen Ministers Bourienne; 1808 sass er wieder einige 
Zeit gefangen, da er in den Verdacht einer Verschwörung 
gegen den Kaiser Napoleon gekommen war. Seine Ver- 
gangenheit hinderte Stein jedoch nicht, sich später als Ueber- 
setzer bei der französischen Polizei in Hamburg anstellen zu 
lassen (S. 9). In dieser Stellung will er durch sein Auf- 
treten für verschiedene Hamburger mehrfach den Zorn Davouts 
gegen sich herausgefordert haben. Wie dem auch sei, am 
8. Dezember 1813 verliess er plötzlich die Stadt, kehrte 
zurück, wurde arretiert, und Graf Hogendorp liess ihm 50 
Hiebe aufzählen. Stein behauptet, ganz unschuldig zu dieser 
Strafe gekommen zu sein; da andere Quellen fehlen oder mir 
wenigstens nicht bekannt geworden sind, so vermag ich zwar 
nicht, das Gegenteil hiervon zu erweisen; doch darf man wohl 
so viel sagen, dass das ganze Gebahren des widerlichen Ge- 
sellen in seinem Buche den Eindruck macht, als habe er 

interessanten kleinen Dokumentes befindet sich das Signalement des 
letzteren und seine eigenhändige Unterschrift. Die für Bürger be- 
stimmten Sicherheitskarten waren auf beiden Seiten weiss und trugen 
den Vermerk: »Bourgeois de Hambourg.« 



— 172 — 

<^ewerbsinäs8i<fo Vorrätcrei und Spionage ^etriobon. Aus 
Hamburg', nach Empfang seiner Hiebe, deportirt, fiel er bald 
darauf in Altena unter die ('Osaken. Wieder in Freiheit 
«i^esetzt, machte er im russischen Hauptquartier den Zug der 
Verbündeten nach Frankreich mit und veröffentlichte in Paris, 
zu der Zeit, als der Marschall von der königlichen Regierung 
zur Verantwortung gezogen war, die erwähnte Brochüre. Stein, 
der nach Ton und fnhalt seines Machwerks als einer jener 
Menschen erscheint, die in bewegten Zeiten allen Parteien 
dienen, muss in Paris in schlechte Verhältnisse geraton sein 
und ist bei Abfassung seiner Schrift, (neben dem oben ange- 
gebenen Motive der llachsuclit) allem Ansciheine nach durch 
das Bestreben geleitet gewesen, sich geltend zu machen und 
seine materielle fjage zu verbessern. 




t 



7. Kapitel. 

Das Ende der Belagerung. 

Während nun, wie im vorigen Kapitel geschildert wurdo, 
der Russe bestrebt war, durch Aufrufe und Proklamationen 
unter den kaiBerlichen Truppen die keimenden Saaten des 
Aufruhrs zu fördern und durch falsche oder stark über- 
triebene Nachrichten und Bulletins in der Civilbevölkerunj^ 
Hamburgs eine Stimmung wachzuhalten, die, ganz wie im 
Frühjahr 1813, manchen Unvorsichtigen in Gefahr und Ver- 
derben lockte ; während aDderseita der Marschall sich die 
gröaate Mühe gab, alle für den Kaiser ungünstigen Berichte 
vor den Hamburgern, ja, selbst vor seinen eigenen Offizieren 
geheimzuhalten,*) da hatten, fern in Frankreich die Ereignisse 
einen Verlauf genommen, welcher der Verteidigung von Ham- 
burg, freilich in anderer Weise als durch eine von den 
Rusfien erhoflfte Kapitulation ein Ende machen mussteii. 
Prilhlingswetter war eingetreten und hatte das Eis der Elhe 
geschmolzen. Es war der letzte Frühling der napoleonischen 
Herrschaft. Noch einmal war in den Februar- und Mäi'z- 
tagen des Jahres 1814 das Genie des gewaltigen C'orsen auf- 
.geblitzt, wie in den besten Tagen seiner beginnenden Peld- 
lerrnl aufbahn. Man hat die brillante Kampagne von 1814 
mit dem italienischen Feldzuge des jugendlichen Bonaparti' 

') Ueber diesus, seinen militärischeu Grundsätzen entsprecbeude 
Verhallen üavDuts spricht sich Lüwßiidal an verschiedenen Stelleu 

Werkes ans (S, 92—93; 196 (T,) Dieser einsichtsvolle Orizier 
bemerkt, dass es Tiir Männer von Bildung oft schmerzlich ge- 
wesen sei, m sukher Weise über die allgemeine Lage in Unkenntnis 
gefaalteD zu werden; aber als Militär kann er der Idugeii Praxis 
des Marschalls, welcher manchen Ausbruch des K^leinmuls, der Ver- 
zagtheit oder einer unzeitgemäscn Leidenschaft durch dieses Mittel 
unterdrückt habe, seine Anerkennung nicht versagen. (Vergl. auch 
Hogendorps Memoiren. S. 390). 



— 174 — 

im Jahre 1796 verglichen. Kurze Zeit hindurch hatte auch 
das Glück auf den Schlachtfeldern von Montmirail, Vauchamps, 
Etoges und Montereau seinem verwöhnten Lieblinge wieder 
die alte Treue gezeigt, dann aber hatte es ihn verlassen, um 
ihm nur noch einmal in seinem Leben, am Tage von Ligny, 
flüchtig zu lächeln. Der auf Blüchers Betreiben ins Werk 
gesetzte Zug der Verbündeten auf Paris und die Einnahme 
der Stadt hatten dem Peldzuge eine entscheidende Wendung 
gegeben. Am 2. April hatte der französische Senat die 
Absetzung Napoleons ausgesprochen und am 11. hatte der 
Kaiser, nachdem ihn auch ein Teil seiner Marschälle und 
Generäle verlassen, in einem Zimmer des Schlosses zu Fon- 
tainebleau dem Throne Frankreichs für sich und seine Nach- 
kommen entsagt und damit das Land und die Armee von dem 
Eide der Treue entbunden. Aber bei dem damaligen Zu- 
stande der Verkehrsmittel dauerte es immerhin einige Zeit, 
ehe authentische Nachrichten aus der Mitte Frankreichs 
nach dem entfernten Kriegsschauplatze an der Niederelbe ge- 
langten; noch länger dauerte es — zu seiner Ehre sei es 
gesagt! — ehe ein Soldat vom Schlage Davouts sich über- 
zeugen liess, dass die Nachrichten vom Falle seines Kaisers 
wirklich auf Wahrheit beruhten, und dass der Augen- 
blick gekommen sei, wo, wie er sich selbst, auf S. 30 der 
neuen Ausgabe seines »Memoire«, ausdrückt, die Vergiessung 
eines einzigen Tropfens französischen Blutes ein Verbrechen 
gewesen wäre, dessen blosser Gedanke schon ihn empöre. 

Ueber die nun folgende Zeit der Verhandlungen zwischen 
dem französischen und russischen Hauptquartier fliessen die 
Quellen, wenigstens lautere Quellen nicht sehr reichlich. Zwar 
haben einige der mehrfach kritisierten Hamburger Schriftsteller 
frischweg behauptet, dass Davout sich besserer Einsicht ver- 
schliessend, dadurch die Belagerung der Stadt ungebührlich in 
die Länge gezogen habe. Aber es ist von vornherein zu sagen, dass 
gerade in diesem Punkte keiner der angeführten Schriftsteller 
einen Anspruch darauf erheben kann, als unmittelbare Quelle 
zu gelten: dafür standen sie alle den militärischen Ereignissen, 



— 175 — 

wenigstens den Geheimnissen der zwischen den Russen und 
Franzosen geführten Verhandlungen, viel zu fern.*) 

Als nächste Quelle dagegen kommt, soweit es sich wenig- 
stens um veröffentlichtes Material handelt**), ausser dem 
Memoire Davouts in erster Linie die bereits öfters von mir 
erwähnte »Denkschrift* des dänischen Obersten Aubert in 
Betracht ; denn deren Verfasser hat die Mittlerrolle — die also 
wiederum den Dänen zufiel — zwischen Davout und Bennigsen 
gespielt. Von den Gegnern der Franzosen besitzen wir eine 
Darstellung in dem gleichfalls schon genannten Werke »Feld- 
zug der Kaiserl. Russ. Armee von Polen in den Jahren 1813 
und 1814. Von einem Augenzeugen beschrieben.« Hamburg 
1843. Dagegen sind Bennigsens handschriftlich hinterlassene 
Memoiren meines Wissens niemals im Druck erschienen. Es 



*) Vorwürfe der genannten Art haben u. a. gegen den Marschall 
erhoben: Haupt, »Hambourg et le Mar^chal Davout«, p. 91 — 92, 
Köstlin, >Neniesis«, 4, 403—404, Elise Campe, 1. c, S. 199. Auch der 
Verfasser von »Davouts Missethaten« spricht sich im gleichen Sinne 
aus ; desgl. Lüntzmann, a. a. 0., S. 19 u. 36. Der letztgenannte Schrift- 
steller, welcher S. 19—39 die zwischen dem russischen und fran- 
zösischen Feldherrn geführten Verhandlungen eingehender behandelt, 
war, wegen seiner Beziehungen zum Grafen Bennigsen, von den 
Hamburger Schriftstellern ohne Zweifel noch der bestunterrichtete 
und ist daher von dem über dieselben oben gefällten Urteile in etwa 
auszunehmen. Uebrigens weicht, wie schon in der Einleitung geltend 
gemacht wurde, seine Darstellung des Sachverhaltes, ausser in der 
Tendenz, von den im Texte namhaft gemachten Quellen, nur 
unwesentlich ab, ein paar Daten abgerechnet, deren falsche Angabe 
er dem Marschall aufmutzt. Einige Abweichungen in den Daten 
lassen sich auch in den übrigen Quellen nachweisen; doch sind 
dieselben, wenigstens für meine Zwecke, von geringem Belang; in 
zweifelhaften Fällen bin ich durchweg Aubert gefolgt, der mir am 
genauesten zu sein scheint. 

**) Leider ist es mir, wie bereits in der Einleitung gesagt 
worden, verschiedener Umstände halber, nicht möglich gewesen, 
archivalische Untersuchungen anzustellen, die vielleicht gerade in 
diesem Punkte noch einiges Neue hätten zu Tage fördern können. Auch 
das Werk von C. Bardenfleth, >M6moire ä l'Arm^e Danoise et au 13® 
Corps Fran^ais«, Paris 1825, ist mir unzugänglich geblieben. 



— 176 — 

braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass von den ge- 
nannten (Quellen für den Historiker Aubert am wichtigstiMi 
erscheint, wegen der durch die Verhältnisse gegebenen Un- 
parteilichkeit des zwischen den beiden Feinden vermittelnden 
Verfassers. Sehr erhebliche Abweichungen lassen sich übrigens 
in den genainiten (Quellen nicht finden. 

Der Oberst Aubert war nach <lein Kieler Vertrage als Koni- 
nn'ssar der <länischen Regierung in <las russische Hauptquartier 
gekonnnen. Dort legte ihm Bennigsen nahe, zwischen ihm und 
Davout als Vermittler aufzutreten und mit letzterem lJnterhan<I- 
lungen wegen der eventuellen Uebergabe von Hamburg einzuleiten. 

Der erste Versuch in dieser Richtung war bereits lange 
vor <lem Abschlüsse des Kieler Friedens, ja, mehrere Wochen, 
b(wor Hamburg überhau))t eingeschlossen worden war, von 
Hernadotte gemacht worden. Dieser hatte in einem am 18. 
November*) abgefassten Kapitulationsvorsohlage dem Marschall 
gegen die Tebergabe der Stadt freien Abzug nach Frankreich 
angeboten. Im einzelnen erhielt der Vorschlag noch die 
Bedingungen, die deutschen und holländischen Truppen zu 
entlassen und die Bankgelder sowie das Hamburger Privat- 
eigentum unangetastet zurü(fkzugeben. Diese Bedingungen 
wurden dem Marschall durch eine Mittelsperson**) unter der 
Hand angeboten. Davimt soll wütend geworden sein und 
gedroht haben, den IJeberbringor zu hängen. Kr habe er- 
klärt, „er werde ein solches Anerbieten erst nach einer 
achtzehnmonatlichen Belagerung in Hamburg anhören 
(der Marschall war damals erst eben von liatzeburg hinter 



*) Nach »Feldzug der Kaiserl. Russischen Armee von Polen in 
den Jahren 1813 und 1814«, S. 62. Der Verfasser erzählt auf dieser 
und der folgenden Seite den Vorgang mit allen Details. Auch Zander 
(a. a. 0., S. 265—266), bespricht die Sache, im wesentlichen mit der 
genannten Quelle übereinstimmend. Vergl. ferner A. von Weingarten, 
»Geschichte des Armeecorps unter den Befeiilen des Generallieutenants 
Grafen von Wallmoden-Gimborn etc.«, Oesterr. milit. Zeitschr., Bnd. Hl, 
Heft 8 (Wien 1828), S. 127- 129. 

**) Unter Vermittlung eines Altonaer Handelshauses wurde der 
Generaleinnehmer Meyer an Davout abgesandt. (Zander S. 266). 



177 



[die Stecknitz zurückgegangen!) und dann imiiier noch «oicho 

L-Bedingungen erhalten können." In der That war ja dns 

fVürlangen, die Deutschen und Holländer zu entlassen, für 

iDaTout ebenso unangenehm, um niuht zu sagen, demütigend, 

K'wie es von Rernadottes Seite natürlieh und berechtigt war; 

I über die ßückgabe der freilich bereits angegritfenen Bank- 

F gelder wiü-de man sieh nun wohl leichter haben einigen künnen ; 

äHcfalaggebend wird aber für (!en Marschall gewesen sein, 

dasB ein Eingehen auf den Vorschlag seines Gegners für sein 

soldatisches Ehrgefühl verletzend und den ihm von dem Kaiser 

LTtöilten lustruktiouen zuwider gewesen wäre. Bernadotte 

soll Davout gegenüber auf seine Abneigung, französisches Blut 

zu vergiesseu, dann aher auch auf die Vorteile hingewiesen 

haben, welche Frankreich in seiner daiualigen Lage aus dem 

Vortrage gezogen haben würde (Zander, a. a. 0.). Es ist 

[ nicht meine Aufgabe, die Motive des schwediaehen Kronprinzen 

I näher zu untersuchen ; auch bin ich garnicht abgeneigt, mit 

\ Zander an die Aufrichtigkeit Bernadottes in diesem Punkte 

\ zu glauben — hat er ja doch wieder holentlich wührend des 

[ Krieges mit Napoleon unterhandelt — was aber Davout an- 

l belangt, so kann ihm schTjerlich ein Vorwurf daraus gemacht 

L werden, daas er, anstatt auf die Vorschläge eines Bernadotte 

[ einzugehen, sich strenge an die ihm gegebene Instruktion 

[ hielt. Jedenfalls ist sein Betragen mannhaft und eines tapfern 

f Generals würdig, auch wenn er die furchtbar klingende 

I Drohung wirkUch gesprochen hat, „dass er sich lieher unter 

' den rauchenden Trümmern Hamburgs begraben, als auf 

einen Vorschlag der Art eingehen wolle". („Feldzug der Kaiserl. 

russischen Armee von Polen", S. 63, Zander, a. a. (.)., S. 266). 

l AVohl mag er auch in soldatischer Treue die ihm von Wedell 

I zugeschriebenen Worte hinzugefügt haben: , Ludwig XVI. hat 

le Märtyrer gehabt, die für ihn in den Tod gingen, der 

llevolution mangelten sie nicht, aber auch Napoleon soll deren 

' finden, darunter mich!" 

Wie dem auch sei, die Hamburger haben jedenfalls 
keine Veranlassung, sich darüber zu empören, dass Davout s mili- 



— 178 — 

tärißches Ehrgefühl das Anerbieten des schwedischen Kron- 
prinzen verworfen hat. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass 
— so sonderbar es auch klingen mag — der Marschall Davout 
auf diese Weise mittelbar der Retter der „Freiheit" und 
„Selbstilndigkeit** ihres kleinen Staates geworden ist, auf deren 
Kihaltung sie ja von jeher so eifrig bedacht waren. Es war 
«lanials, wie gesagt, der Kieler Vertrag noch nicht abge- 
8ohloösen, und es kann daher kaum zweifelhaft sein, dass 
hornadotto, einmal im Besitze der für ihn wertlosen Stadt 
Hamburg, um rascher und leichter zu dem Frieden mit den 
Dänen zu gelangen, diese und die andern Hansestädte in 
Kopenhagen als Kompensationsobjekte für Norwegen ange- 
boten hätte, was die Dänen, im weiteren Verlaufe des Peld- 
zuges gänzlich auf sich selber angewiesen, zweifellos acceptiert 
haben würden. (Vergl. Gallois, ,, Geschichte*', 1867, S. 531). 
Wie doui Leser aus dem 1. Kapitel erinnerlich sein wird, 
wartMi ja ähnliche Vorschläge in betreflf der Hansestädte bereits 
im Frühjahr 1818 von russischer Seite gemacht worden. 

Tm nun auf die zwischen Bennigsen und Davout ge- 
führten Tuterhandlungen zurückzukommen, so stellte der 
rusiiisohe Befehlshaber von voifnherein Bedingungen, die 
von solcher Art waren, dass Aubert „sie nicht einmal dem 
Marschall füglioherweise vorlegen konnte."* (»Denkschrift ^, 
S. 84V Daher war der Oberst froh, als der Köi ig von Däne- 
mark sieh Wreit erklärte, die Garantie für die von Aubert 
ireleiteteu rnterhandlunii^Mi zu üWrnehmen. (»Denksohr.«, S. 3»>>. 
Hierauf erklärte der Marsohall dem Kammerherm Aubert, 
das* er bertnt sei, den Inhalt der ihm von jenem gemachten 
Yorstelluuiren dem Kaiser Napoleon vorzutragen. taUs iler 
iiraf Bennii^?eu seine Ein will iiruni^: dazu vräbe, dass ein mir 
dieser Seudunir beauttraicter französischer Oftizier die nissisohea 
l\v?ten jVÄSsiere. l>iest* Erklärung wurde am 25. März abLT- 
ijreK^n: der en>te Aim^iherungsversueh Aubert* harre bereits 
am :?0. Februar srattirefunden. Aber Benm'jr^ii v^rlan^rte. 
der erste Artikel einer etwaigen l'ebereinkuarfc müsi?e «idüiiii- 
buceu, dassj die fnmzC^ische Ganiisoa von ilambür:r kri»e;rs- 



- 179 — 

gefangen in den Landen ausserhalb Frankreichs bleibe. (»Denk- 
schrift*, S. 44, »Feldzug der Kaiserl. Russischen Armee von 
Polen*, S. 133). Es war dies, wenn man den Stand der 
beiderseitigen Armeen mit einander vergleicht — Bennigsen 
hatte noch nicht einmal das nötige Belagerungsgeschütz, sollte 
dieses vielmehr erst von Dänemark erhalten — eine geradezu 
lächerliche Forderung, und Aubert hätte sich meines Erachtens 
die Mühe ersparen können, in längerem Exkurse den Marschall 
wegen der Ablehnung derselben zu verteidigen (S. 45 —47). 
In betreff der Entsendung des französischen Offiziers aber 
forderte der russische Oberfeldherr, dass derselbe seinen Weg 
durch das kaiserlich russische Hauptquartier nehmen und bei 
dem Kaiser Alexander erst die Erlaubnis einholen solle, sich 
an den Ort seiner Bestimmung begeben zu dürfen. Auch 
hierauf wollte Davout nicht eingehen, sondern verlangte viel- 
mehr, dass jener Offizier auf dem direktesten Wege, über 
Bremen und Wesel, nach Frankreich gehen und zugleich mit 
einem Passe versehen sein müsse, der von allen Korps der 
Alliierten respektiert werde. Darüber endlose Verhandlungen 
— es wurde russischerseits die Entsendung eines dänischen 
Offiziers vorgeschlagen — als durch das Eintreffen der über- 
raschenden Nachricht von der Einnahme von Paris und der 
Absetzung des Kaisers durch den französischen Senat die 
Dinge eine andere Wendung erhielten. Am 14. April — am 
9. war die bedeutsame Kunde nach Altena gekommen*) — 
Hess der Oberst Aubert dem Marschall Davout mitteilen, dass 
er einen Brief des russischen Führers zu übergeben habe, 
und dass er nunmehr im Besitze ausgedehnter Vollmachten 
sei, um. einen Waffenstillstand abzuschliessen. Der Marschall 
nahm den Brief an. Nach seinem eigenen Geständnisse be- 

*) Jacobsen, a. a. 0., S. 76. Die Nachricht von dem Einzüge 
der Verbündeten in Paris hatte zuerst die Bremer Zeitung vom 
8. April gebracht. S. Gallois, »Geschichte«, 1867, S. 536, Mönckeberg, 
»Geschichte«, S. 440. — Am 10. kam sie nach Hamburg. S. die Be- 
merkung des Recensenten der »Hall, allgm. Literaturztg«, 1816, 
Ergänzungsbl. No. 25, S. 199. 

12* 



— 180 — 

wog ihn hierzu vor allem die in dem Schreiben des Dänen 
enthaltene Bemerkung, dass Graf Bennigsen „sich nicht mehr 
im Kriege mit der französischen Nation begriffen betrachte/ Diese 
Andeutung musste dem Marschall zu denken geben, um so mehr, 
als ihm aus den feindlichen Nachrichten der letzten Zeit klar 
geworden sein mussto, dass es — alle Uebertreibungen und 
Entstellungen abgerechnet — um des Kaisers Sache nicht 
sonderlich stehen könne. War wirklich Friede geschlossen, 
oder sollte einer geschlossen werden? Der Marschall berief 
die Divisionsgenerale und Oeneralstabsoffiziere, um mit ihnen 
über das heikle Verhältnis, in welches man, allem Anscheine 
nach, zu treten im Begriffe stand, zu beraten. Da aber der liusse, 
wie Davout (B. M der neuen Ausg. seines Memoire) ausführt und 
Aubert (S. 60 der Denkschrift) bestätigt, zur Unterstützung seiner 
Behauptungen keinerlei offizielle Beweisstücke, sondern nur 
Bulletins und Zeitungsblätter beibrachte, da ferner in seinem 
Schreiben von einer Abdankung des Kaisers noch keine Rede 
war, auch keine Rede sein konnte — empfing doch der russische 
Oeneral die erste Nachricht von diesem hochwichtigen Ereignisse 
nicht vor dem 1 7. April*) — so blieb dem Marschall Davout nichts 
anderes übrig, als zu erwidern, dass die beigebrachten Papiere 
dos Stempels der Authenticität entbehrten, und dass er dem 
Grafen Bennigsen erklären müsse, ein Mann von Ehre könne 
sich seines Treueides nicht lediglich aus dem (jirunde für 
entbunden halten, weil seinen Souverän Unfälle betroffen 
hätten. Nach dieser ritterlichen Antwort entsandte Davout, 
der sich bei seiner anfänglichen Ungläubigkeit keineswegs in 
hartnäckigem Trotze gegen besseres Wissen verschloss, den 
ältesten Divisionsgeneral Grafen Loison und seinen General- 
stabschef (Jesar de Laville zu einer von dem Obersten Aubert 
nachgesuchten Zusammenkunft. Bei dieser war davon die 
Rede, sich durch einen, in Begleitung eines russischen nach 
Frankreich geschickten französischen Offizier, von dem dortigen 
Stande der Dinge zu unterrichten. Davout Hess — wie er 



^) Jacobseil, a. a. 0., S. 76, vergl. Aubert, S. 61. 







— 181 — 

'enigstens in semein Memoire, S. 35 der neuen Ausg., an- 
hiebt — schon damals dureh dio Generäle Tersprechen, dasa 
Falle eines auf gesetzlicher Basis vorgegangenen Re- 
gierungswechsels das neue System anerkennen und durch 
inen zu diesem Zwecke abgesandten Offizier die Befehle der 
leuen Regierung einholen wolle. 

So standen die Sachen, ata Benoigsen durch einen aus 
Paris eingetroffenen Kourier eine für den Marschall bestimmte 
Depesche der provisorischen französisehon Regierung (M6m,, 
Anl. 43) erhielt, mit welcher er (Aubert, S. 66 — 68) zwei 
liner Adjutanten nach Altona sandte, um sia vcn dcit aus dem 
arschall zu überbringen. Dieser aber liess den beiden Abge- 
sandten kurz und bündig erklären, der Kaiser Napoleon habe nicht 
die Gewohnheit, mit seinen Generälen durch Vermittlung des 
Feindes zu vorkehren (Mem , Anl. 44). Um jenem Einwände nun 
zu begegnen, liess derOberstAubert einen Brief in des Marschalls 
Hände gelangen (Miini., Anl. 45), in welchem der General- 
adjutant des ruaaiaehen Kaisers, Graf Wolchonsky, dem 
General Bonnigaen die Kunde von der Abdankung des Kaisers 
Napolaon übermittelt hatte. Hierauf willigte Davout ein, das 
Sehreiben der französischen Regierung entgegenzunehmen. 
Dasselbe enthielt eine Aufforderung von selten der provisori- 
achen Regierung an den Marsehall, diese anzuerkennen. In 
den sehnieiehelhaf testen Ausdrücken wurde der Fürst von Eck- 
mühl ersucht, dem Beispiele der Marniont, Serrurier, Keller- 
mann und Nansouty zu folgen. Unterzeichnet war das Schrift- 
stück von sämtlichen Mitgliedern der provisorischen Regierung; 
in der Spitze stand der Name des Fürsten von Benevent. 
echte nun, was sehr erklärlich, ein Mann wie Davout den 
Machinationen Talleyrands nicht trauen, des verlogenen, schlauen 
Diplomaten, oder Marmouts, des Verräters au Kaiser und 
Heer, oder mochte es ihm allzu unglaublich erscheinen, dass 
eine französische Regierung irgendwelcher Art ihm nicht nur 
durch andere und sicherere Mittel von den geschehenen, hoch- 
wichtigen Veränderungen Nachricht gegeben haben würde, 
nem Schreiben vom 22. A 



— 182 — 

dem General Bonnigsen mit, dass er sich als Mann von Ehre 
durch die ihm übersandten Schriftstücke noch nicht bestimmen 
lassen könne, zumal ihm die einzige Pi^ce, welche die Ab- 
dankung seines Souveräns melde (das Schreiben des Fürsten 
Wolchonsky), durch feindliche Offiziere zukomme. 

Die Feindseligkeiten waren während der Unterhand- 
lungen nicht — oder nur vorübergehend — eingestellt worden, 
und noch am 26. fand ein ziemlich lobhaftes Gefocht auf der 
Elbe statt (»Feldzug«, 8. 142, die Relation dos Generals 
de Laville, S. 120 der neuen Ausg., giebt den 27. an). In- 
zwischen hatte Bennigsen bei den russischen Vorposten weisse 
Fahnen aufziehen lassen, angeblich, um die französischen 
Soldaten auf diese Weise davon zu überzeugen, dass Frank- 
reich sich von der dreifarbigen Revolutionsfahne zu dem recht- 
mässigen Panier der Bourbonen bekehrt habe — im Grunde 
eine kindische Demonstration, auf welche der Marschall, nach 
vorheriger fruchtloser Drohung", mit Kanonenschüssen ant- 
wortete. Hierüber haben bekanntlich weniger seine ham- 
burgischen Gegner als die französischen Royalisten ein wildes 
Geschrei erhoben. Wir können diesen Punkt mit Still- 
schweigen übergehen, da er für unsere Geschichtsauffassung 
ziemlich gleichgültig ist, und wohl heutzutage niemand einem 
napoloonischcn Marschall einen Vorwurf daraus machen dürfte, 
hätte derselbe auch zwanzigmal auf das Lilienbanner König 
Ludwigs feuern lassen, den er ja noch garnicht anerkannt, 
und an dessen königlicher Existenz zu zweifeln er sehr triftige 
Gründe hatte oder doch zu haben glaubte! 

In seiner letzten Antwort an den Grafen Bennigsen 
(Mem., Anl. 47) hatte der Marschall sich damit einverstanden 
erklärt, den, nun auch von selten seines Gegners gemachten 
Vorschlag anzunehmen, dass einer seiner Offiziere mit russischen 
Pässen an den Kaiser Napoleon oder im Falle von dessen 
Abdankung — „ein Ereignis an das er (Davout) nicht glauben 
könne" — an die rechtmässig eingesetzte Regierung geschickt 
werden sollte. Kann man treuer, loyaler und zugleich be- 
sonnener, gemässigter, dem Feinde und den Verhältnissen — 



— 183 — 

soweit es mit den Grundsätzen militärischer Pflicht und Ehre 
vereinbar ist — entgegenkommender handeln? Und konnte 
sich nicht Davout bei seiner Weigerung, den russischen An- 
gaben ohne weiteres Glauben zu schenken, mit Fug und Recht 
auf das kaiserliche Dekret vom 24. Dezember 1811, betreffend 
die Organisation und den Dienst der etatsmajors der festen Plätze, 
berufen, wo es Tit. III, Kap. 4, Art. 110 ausdrücklich heisst: 
„Demzufolge soll er (der Gouverneur oder Kommandant) taub 
sein gegen alle vom Feinde verbreiteten Gerüchte, oder gegen 
alle unmittelbar oder mittelbar ihm zukommenden Nachrichten, 
selbst dann, wenn man ihn überreden wollte, unsere Armeen 
seien geschlagen und Frankreich überfallen ?"*) 

Auf sein letztes Schreiben erhielt der Marschall durch 
den Obersten Aubert die Antwort, dass der General Bennigsen 
die Pässe für den nach Frankreich zu entsendenden Offizier 
nur in dem Falle ausfertigen wollte, wenn vorher nochmals 
eine Unterredung zwischen russischen und französischen Offi- 
zieren stattgefunden, und der Marschall sich bereit erklärt 
haben würde, die in Hamburg detonierten russischen und 
preussischen Kriegsgefangenen auszuliefern. (Brief Auberts 
an Davout, 24. April 1814, „Denkschrift", S. 79-80; Mem., 
Anl. 48). Die gewünschte Unterredung fand am 26. April 
statt; die Passangelegenheit wurde geregelt; der Marschall 
hatte den General Delcambre für die Sendung nach Paris 
bestimmt und machte in einem Tagesbefehle (Mem., Anl. 50) 
die Armee mit dem Zwecke dieser Mission bekannt. 

In der Unterredung vom 26. wurde ausser der Ab- 
sendun^ jenes Offiziers stipuliert, dass während dessen Ab- 
wesenheit, die Feindseligkeiten, sowie alle weiteren Schanz- 
arbeiten, auf beiden Seiten eingestellt, und die französischen 
Hospitäler in Hamburg täglich mit einer ansehnlichen Quantität 
frischen Fleisches versorgt werden sollten. Im übrigen sollte 



*) D. konnte dies mit um so grösserem Rechte thun, als er 
„schon im Winter mit falschen, im russischen Lager fabricierten 
Zeitungen überschwemmt war**. (Mönckeberg, >Hamburg etc.«, S. 278). 



— 184 — 

einstweilen der Status quo aufrecht erhalten bleiben. (M6m., 
Anl. 52, Denkschrift, 8. 83). 

Noch an demselben Tage sandte der General de Laville 
eine Note an den russischen Generalstabschef Opperinann, in 
welcher von der Wahl des Generals Delcambre für die be- 
besprochene Sendung Mitteilung gemacht und gleichzeitig der 
Wunsch ausgesprochen wurde, die Punkte, über welche man 
am Morgen übereingekommen war, um allen Miss Verständ- 
nissen vorzubeugen, schriftlich zu fixieren. Nun aber stellte 
Bennigsen Bedingungen, die, nach der übereinstimmenden 
Darstellung bei Davout und Aubert, in jener Unterredung 
keineswegs festgesetzt waren. Denn der Russe wiederholte 
nicht allein das bereits früher (s. oben) ausgesprochene 
Verlangen nach einer Rückgabe der von den Franzosen ge- 
machten Kriegsgefangenen, sondern er stellte auch die For- 
derung, dass die noch vorhandenen Bankgelder nicht weiter 
angegriff'en, Altena aber von den Russen besetzt werden sollte. 
Die zweite dieser Forderungen war für den Marschall aus 
demselben Grunde unerfüllbar, aus welchem (vergl. oben) die 
Wegnahme der Bank für ihn eine Notwendigkeit gewesen 
war.*) Von den beiden andorn aber musste wenigstens die 
letzte den französischen Feldherrn empörjon; denn ihre An- 
nahme wäre erniedrigend für eine Armee gewesen, die sich 
so lange und so tapfer in Hamburg verteidigt hatte, und die 
sich, trotz aller in der Stadt herrschenden Not, immerhin in 
der Lage befand, die Festung noch geraume Zeit hindurch 
zu halten.**) Es kann uns daher nicht wundern, dass Davout 



♦) Denn die finanziellen Kalamitäten, welche die Beschlagnahme 
des Bankinstituts veranlasst hatten, dauerten ja nicht allein fort, 
sondern sie hatten sich begreiflicherweise noch erheblich gesteigert. 
Daher war auch Graf G6rard, Davouts Nachfolger im Kommando, 
(s. unten) gezwungen, den noch vorhandenen Rest der Bankgelder 
für die Besoldung seiner Truppen zu verwenden und die Hamburger 
mit ihren Gegenvorstellungen (vergl. Pehmöller a. a. 0., S. 106—109; 
auf den von Frankreich in Ausnicht stehenden Ersatz des Bankfonds 
zu vertrösten. 

**) Vergl. Auberts Denkschrift, S. 89. 




I auf die russischen Bedingungoii nicht oingehen wnllto, sondern 
in einer ßegenantwort auf den Rapport der l'ranzösisclien 
(Jeneräle über die zwischen ihnen und den russischen Offi- 
zieren stattgehabte Unterredung verwies. Der Marschall stellte 
sich auf den Standpunkt der in jener Unterredung getroffenen 
"\'ereinbarungen und willigte ausserdem in die von den Russen noch 
geRtellte Forderung, dasa keine ausserordentliche Kontribution 
mehr in Hamburg erhoben werden solle. Auch auf die Aus- 

r lieferung der russischen und preussischen Kriegsgefangenen 
wollte er eingehen, für den Fall, dass dafür die gleiche An- 
zahl gefangener Franzosen, Mann für Mann und Grad um 
Grad, zurückgegeben werde. Dagegen bestand er auf der 

, Neutralität Altenas und verwarf dessen Besetzung durch die 
:aen. Zugleich eröffnete der Marschall dem Grafen Ben- 

[ nigaen, dass er auch im Falle der Nichtannahme seiner Gegen- 

L vorschlage dabei beharren niiissG, für den General Deleambre 

[ Pässe zu fordern. 

Die verzwickte Lage erfuhr eine völlige Aenderung durch 

I die Ankunft des französischen Staatsrats Davout, eines Ver- 
mdten des Marschalls, aus Paris, welcher Briefe von der 
Marschallin, Zeitungen und mündliche Nachrichten von dort 
mitbrachte. Diese Gelegenheit und die begreifliche Ungeduld 
des Fürsten von Eekmflhl, seinen Verwandton sehen und 
sprechen zu können, benutzte Benuigsen, um sich für den 
Durchlass des Staatsrats Davout die Verlegung seinas Haupt- 
quartiers von Pinneberg nach der Palmailie in Altona zu 
handeln.*) Da der Marschall aus den ihm übersandten Briefen 
den völligen Ümachwung der Dinge in Frankreich erfuhr, und 
Bennigsen die Verlegung seines Hauptquartiers als einen Akt 
der Gefälligkeit von aeiten des Marschalls beanspruchte, da er 



*) Zur Charakteristik Beniiigsens möge noch bemerkt werden, 
die voll dem Staatsrate D. milgebracliten Schreiben in seiaem 

i Hauptquartiere „zart geöffuet" und — sogar die von seiner Gemahlin 
audern Personen an. den Marschall gerichteten Privatbriefe 
on verschiedenen Offizieren gelesen wurden {Mönckeberg, .Ham- 

1 biirg eic, S. 28äJ, 



— 186 — 

sich „zu Pinneberg ziemlich beengt befinde** (vergl. den Brief 
Auberts an de Laville vom 28. April 1814, Denkschrift, S. 91), 
ausserdem aber versprach, nicht mehr als ein Bataillon in die 
Stadt hineinzulegen, so gab Davout nunmehr nach, indem er 
erklärte, „dass er sich, nur militärisch betrachtet, der Besetzung 
von Altona widersetzt habe , dass er dagegen , sobald die 
Rede von einem (^Gegenstände der Bequemlichkeit des Herrn 
(Jenerals (trafen Bennigsen sei, sich ein Vergnügen daraus 
mache, seine Hand dazu zu bieten**. (Denkschr., S. 93). 

So waren denn alle Schwierigkeiten beseitigt. In der 
Nacht vom 28. auf den 29. April traf der Staatsrat Davout 
in Hamburg ein , und , obwohl auch seine Sendung nicht 
offizieller Natur war, so musste sich doch der Marschall aus 
den mündlichen Berichten seines Verwandten wie aus den 
mitgebrachten Briefen und den Nummern des »Moniteur« und 
des »Journal des Debats« davon überzeugen, dass thatsächlich 
König Ludwig XVni. auf den Thron seiner Väter zurück- 
gekehrt sei. Kr liess daher am 29. April auf dem Michaelis- 
turme zu Hamburg die weisse Fahne der Bourbonen aufziehen; 
an demselben Tage schwur die Armee, durch Napoleons Ab- 
dankung ihres Eides gegen den Kaiser entbunden, dem Könige 
Ludwig den Treueid und nahm die weisse Kokarde. Noch 
aber war zwischen den Mächten keine Vereinbarung wegen 
der Räumung von Hamburg getroff'en worden; es war daher 
völlig correct, wenn Davout im Artikel 4 seines Tagesbefehls 
am 29. anordnete, dass vom genannten Tage ab die Städte 
Hamburg und Harburg im Namen Sr. Majestät Ludwigs XVHL 
bewacht und verteidigt werden sollten. 

Mit dem Tagesbefehle des 29. April war die kriegerische 
Thätigkeit Davouts auf deutschem Boden eigentlich zu Ende. 
Mit den Russen trat er noch in Verhandlungen wegen eines 
Waffenstillstandes und einer zwischen den beiden Heeren 
festzusetzenden Demarkationslinie. 

Mehreres blieb noch in administrativer Beziehung für 
den Marschall zu thun. Es ist eine auch dem Laien sofort 
einleuchtende Thatsache, dass nach dem 29. April nicht mit 



— 187 — 

einem Male alles französische Wesen in Hamburg aufhören 
konnte, auch ganz abgesehen davon, dass, wie soeben gesagt, 
die Meldung von einer Konvention der Mächte wegen Räu- 
mung der Stadt noch garnicht eingetroffen war. Es ist daher 
nur wiederum ein neues Zeichen der bereits sattsam bekannten 
KritiklosigkeitderHamburgerQuellenschriftstellerundChronisten, 
wenn dieselben, oder wenigstens einige unter ihnen*), im Tone 
des Vorwurfs davon reden, dass auch nach dem 29. April 
die „Tyrannenherrschaft" noch nicht gänzlich aufgehört habe. 
Noch stand in Hamburg ein bedeutendes französisches 
Heer, welches verpflegt werden musste, noch lagen tausende 
von verwundeten und kranken Soldaten in den Hospitälern, 
die finanziellen Kalamitäten dauerten fort — es ist daher ganz 
natürlich, dass man u. a. noch zu einer Lederrequisition schreiten 
musste, um die Soldaten für den Rückmarsch mit Schuhwerk 
zu versehen, an dem ein solcher Mangel war, dass — wenn 
wir Elise Campes Berichte Glauben schenken wollen — viele 
bei dem bitterkalten Winterwetter und dem harten Dienste 
hatten barfuss gehen müssen.**) Auch wäre es unmöglich 
gewesen, den Rest des Bankgeldes, wie die Hamburger wünsch- 
ten, sogleich herauszugeben — denn wovon die laufenden 
Ausgaben bestreiten? (Vergl. Pehmöller, a. a. 0., S. 106 ff.). 
Eine in diesem Sinne lautende Antwort wurde auch den Bank- 
administratoren zuteil, doch erhielten sie dieselbe nicht mehr von 
Davout, sondern von dem General Grafen G6rard, welchem, 
an Stelle des Marschalls — eine unverdiente Kränkung des 
grossen Mannes — von der königlichen Regierung das 
Kommando des 13. Armeekorps übertragen worden war.***) 

*) S. u. a. >Hamburgs ausserodentliche Begebenheiten und 
Schicksale« S. 210, MichaeUs, a. a. 0., S. 179—180. 

**) >Hamburgs ausserordentl. Begebenheiten u. s w.<, S. 189. 
***) Graf G^rard bedeutete dem Bankvorstande, dass er, laut 
einer aus Paris erhaltenen Ordre, das Armeekorps bis zum 1. Juni 
zu besolden habe, und ihm kein anderes Geld als das noch in dem 
Bankfonds befindliche zur Verfügung stehe. Im übrijren verwies er 
auf die von Frankreich zu erwartende Entschädigung, welche ja aucli 
später geleistet wurde. (Vergl. oben!) 



— 188 — 

Graf Oörard traf am 11. Mai zur Uebernahme seines 
neuen Postens in Hamburg ein — inzwischen hatte Davout 
bereits die Einwohner von den drückendsten Bestimmungen 
der IJelagerungszeit befreit. Laut einer am 4. erlassenen Be- 
kanntmachung («Belege od. Aktenstücke, No. 145«) ward der 
FFandel in Hamburg gänzlich frei gegeben, wobei der Octroi 
fortan nur noch zum besten der Stadt erhoben werden sollte. 
An demselben Tage (dem 5. Mai) wurde auf dem Hamburger- 
berge ein öffentlicher Markt errichtet, den jeder, gegen Vor- 
zeigung eines von seinem Kantonskommandanten unterzeich- 
neten Passes, besuchen konnte, um Einkäufe zu machen — 
„um sich zu verproviantieren", hatte Davout in seiner militä- 
rischen Sprache geschrieben, und auch darüber wurde von 
den Hamburgern natürlich wieder Lärm geschlagen. 

Am 5. Mai machte der Marschall auch durch einen 
Tagesbefehl bekannt, dass des Königs Bruder, Oraf Artois, 
mit den verbündeten Mächten eine Konvention wegen der 
Räumung Frankreichs abgeschlossen habe; gemäss derselben 
sollten auch Hamburg und Harburg im Laufe des Monats 
geräumt werden. Zu diesem Zwecke war als Kommissar Lud- 
wigs XVI Ü. der Divisionsgeneral Fouchö in Hamburg ange- 
kommen. 

Sobald die Räumungsordro eingetroffen war, wurden die 
letzten Beschränkungen aus der Zeit der Belagerung aufge- 
hoben, und die französischen Einrichtungen sanken eine nach 
der andern dahin; „unsere Ketten wurden gelöst", schreiben 
die Hamburger. Nun erteilte der Maire an jeden, der sie 
verlangte, Pässe nach Altena; vom 8. an wurde die Regie 
nicht mehr erhoben, der auf die Weine gelegte Sequester 
ward aufgehoben; der Handel von Tabak und Spielkarten 
freigegeben. («Belege od. Aktenstücke«, No. 148). Diese 
Erlasse gehören der kurzen Zeit an, in welcher noch der 
Marschall, nach der Anerkennung der königlichen Regierung, 
das Gouvernement innehatte. A:n 13. Mai übergab derselbe 
das Kommando an seinen Nachfolger, nachdem er noch in 
einem Tagesbefehle den Offizieren und Soldaten seines Korps 



189 



für ihre Tapferkeit uiiil den guten Geist, vim dem sie innnei' 
beseelt geweseii wären, sein an Dauk abgeatttttet hatte. Er 
verliess daa Regierungahotol und zog zu seinem Schwager, 
dem General Leclerc, welcher in der Vorstadt St. Georg (im 
heutigen Tivoli) wohnte. 

Noch hatten sich einige Vorfälle ereignet, welche, obwohl 
nicht von grossem Belang, doch unter den Hamburger Schreiern 
und Schreibern solchen Aufruhr erregt haben, dass es nicht 
ganz überflüssig sein mag, einige Worte darüber zu sagen. 
Es war natürlich, dass die französischen Soldaten und Offiziere 
die Proklamierung Sr. Majestät König Ludwigs grösstenteils 
mit Kälte und Abneigung, viele sogar mit Widerwillen und 
Abscheu entgegennahmen. Das Auftreten Hogendorpa — der 
auch im Jahre 1815 sogleich wieder unter die kaiserlichen 
Kähnen eilte — ist ja bekannt genug, um hier nur kurz 
erwähnt zu werden. Es war daher der 29. April sicherlich 
ein Tag, an dem es höchst gefährlich sein muaate, die poli- 
tischen und persönlichen Gefühle dieser Leute zu reizen, von 
denen mancher 20 Jahre lang unter dem Kaiser gedient hatte. 
Nun wurde an jenem Tage der Proklamation König Ludwigs 
neben der weissen Kokarde in den Hamburger Lädeu das 
Hanseatenkreuz ausgestellt, also ein Zeichen, welches den 
napoleonj sehen Kriegern so recht lebhaft vor die Augen führte, 
dass der liourbone den Bajonetten der Feinde den Thron 
Frankreichs verdankte. Männer steckten das Kreuz an 
ihre Hüte, Frauen hängten es um den Hals und durch- 
zogen unter lauten Äusserungen der Freude die Strassen.*) 
(Je wies, die Freude über das Ende der entbehrungsreichen 
Belagerungszeit wird den Hamburgern niemand verdenken ; 
aber ^ muss man sich doch auf der andern Seite auch fragen 
— durfte die französische Gendarmerie, schon mit Rücksieht 
auf die Haltung der eigenen Truppen, jene stürmischen 
Äusserungen derselben dulden? AVar es ein Wunder, wenn 

*J •Hamburgs ausserordcnll. Begebenheiten und Schicksale«, 
S. 101—102, -Erzähluiig der Begebenheiten ia dem ungl. Hamburg", 
S, 45, Köslin, .Nemesis« i, «6-407, Michaelis, a. a. 0., 173. 



— 190 — 

die Kreuze aus den Läden entfernt und den Tumultuanten 
auf den Strassen abgenommen wurden? Was würden wohl 
die Hamburger erst gesagt haben, wenn dieses nicht geschehen, 
und es zwischen den gereizten Soldaten und den Demon- 
stranten zu namhafteren Excessen gekommen wäre, Excessen, 
bei denen die unbewaffnete Civilbovölkerung doch zweifels- 
ohne den kürzeren gezogen haben würde? 

Ein Vorfall ähnlicher Art ereignete sich am 1. Mai. 
Hierüber schreibt Elise Campe (»Hamburgs ausserordentliche 
Begebenheiten und Schicksale«, S. 207): „Am 1. Mai kam ein 
russischer Offizier, von einem Kosaken begleitet, als Parlementär 
zum Marschall; das Volk brach bei dem Anblicke des 
Kosaken in ein lautes Jubelgeschrei aus; man musste, 
als der Lärm beim Hotel dos Marschalls zu gross ward, den 
edlen Repräsentanten der Freiheit (es ist die Kode von 
dem Kosaken!) den Augen der Menge entziehen; als aber die 
Mission seines Herrn geendet war, wurden beide von einer 
zahlreichen Schar, unter lauten Hurrahrufen, zum Thore be- 
gleitet; kaum war dieses aber hinter ihnen geschlossen, als 
die wachthabenden (Jendarmes mit unmässiger Wut über die 
Haufen herfielen, mit dem blanken Säbel auf die Monge ein- 
hauten, unbekümmert, ob es Schuldige oder Schuldlose traf." 

Die Sache hat im grossen und ganzen ihre Richtigkeit; 
nur hat die Verfasserin, nach ihrer Gewohnheit, die Farben 
etwas stark aufgetragen. Wenigstens erzählt uns Marianne 
Prell, deren Vater Augenzeuge jener Scene war, dass 
die durch das IJenehmen des Hamburger Volkes gereizten 
Gendarmen nur mit der flachen Klinge auf die schreiende 
Menge eingehauen hätten, die dann auch gleich die Flucht 
ergriffen und nach allen Seiten auseinandergestoben wäre.*) 

Aehnliche Vorfalle ereigneten sich noch öfter; franzc)- 
sische Offiziere wurden von der Strassenjugend verhöhnt (»Er- 
innerungen aus der Franzosenzeit», S. 128); in den letzten 



*) »Erinnerungen aus der Franzosenzeit«, S. 125—126, verrf. 
Michaelis, a. a. 0., S. 180, Mönckeberg, »Hamburg unter dem Drucke 
der Franzosen«, S. 289—290. 



— 191 — 

Tagen der französischen Besatzung — am 31. Mai, des 
Morgens um 5 Uhr, rückte das letzte Regiment und die 
Gendarmerie ab — hatten die Soldaten ihre Gewehre laden 
müssen; denn in feiger Rachgier hatte sich der Hamburger 
Pöbel auf französische Bürger gestürzt, die bei dem Militär 
ihre Rettung suchten.*) 

Diese letzten Ausbrüche eines fanatischen Hasses erlebte 
der Marschall in Hamburg nicht mehr. Einige Zeit vor dem 
Abzüge der letzten Truppen hatte er mit einer zu seiner 
Armee gehörigen Kolonne die Stadt verlassen. Er hat seine 



*) S. »Erzählung der Begebenheiten in dem unglücklichen Ham- 
burg«, S. 49—50, wo geschüdert wird, wie der Hamburger Pöbel gegen 
einen französischen Wirt, Namens la Rose, auf dem grossen Neumarkt, 
excedierte. Der Mensch „sei von jeher verachtet gewesen," sagt der 
Verfasser (Menck) von jenem Wirte, und das mag ja seine Richtigkeit 
haben; immerhin bleibt es mir aber unerfindlich, wie der genannte 
Autor hat schreiben können, dem la Rose seien „seine Pferde und 
viele seiner übrigen Sachen durch den Pöbel rechtmässig (!) 
entrissen worden.** 

Was der Pöbel thut, lässt man ja nun allenfalls dem Pöbel 
hingehen; weit weniger verzeihlich ist es dagegen, wenn nach dem 
Abzüge der Franzosen die Menck und Consorten in wutschnaubenden 
Broschüren über die ehemaligen französischen Beamten deutscher 
Nationalität, vom Maire - Adjoint bis zum Gendarmen, herfielen, 
desgleichen über alle diejenigen, welche den französischen Be- 
hörden in irgend einer Eigenschaft, als Quartier meister, Taxatoren u. 
dergl., hatten dienen müssen. Man muss den >Anhang zu den Be- 
legen, welche zur Erzählung jener Begebenheiten gehören, die sich im 
unglückl. Hamburg .... ereignet haben« (Hamburg 1814) und »das 
Recht der Wiedervergeltung oder die erlaubte Rache gegen die Deutsch- 
Franzosen in Hamburg« (Bremen 18U) gelesen haben, um ermessen 
zu können, bis wohin der politische Hass jener Zeit in Hamburg ge- 
führt hat. Bei vielen w.ir es freilich nicht so sehr die politische Stim- 
mung als vielmehr die weniger edle Sucht nach Rache wegen der persön- 
lich erlittenen materiellen Schäden, welche sich mit Ungestüm Luft 
zu machen suchte. Gegen derartige Angriffe schrieben die Rust und 
Soltau (vergl. die Einleitung!) ihre Broschüren, und der erstere erzählt 
uns (in der »Lichtvollen Aufklärung«, S. 21), wie er — recht bezeich- 
nend! — von einem angesehenen Kaufmanne sogar öffentlich auf das 
gröbste beleidigt und u. a. mit dem Schimpfworte „Spitzbube" traktiert 



— 192 — 

alten Soldaten bis auf den französischen Boden, nach Valen- 
ciennos, begleitet und ist dann nach seinem Landgute Savary 



wurde — weil er, als französischer Taxator, unter einige Requisitions- 
dokumente gezwungenermassen seinen Namen gesetzt hatte! 

Und wie war es im Grunde genommen um den Patriotismus in 
Hamburg bestellt, unter dessen Deckmantel derartij^e Handlungen ver- 
üDt wurden ? Wäre es nicht die heiligste Pflicht der Hansestadt ge- 
wesen, diejenigen ihrer Söhne, welche in der Bürgergarde und der 
hanseatischen Legion zum Kampfe nicht allein für das hamburgische, 
sondern auch für das deutsche Vaterland ausgezogen waren, würdig 
zu belohnen? Nun regnete es freilich an den Einzugslagen des 31. Mai 
und 30. Juni wieder die üblichen Blumen und Kränze; auch die jungen 
Mädchen in den obligaten weissen Kleidern fehlten nicht — darunter 
ehemalige Mätressen der französischen Offiziere (s. >Briefe eines han- 
seatischen Bürgergardisten«, 1. Heft, o. 0, 1814. S. 32) — aber damit 
(und mit einigen Schmausereien) war die Sache auch abgethan, und 
im übrigen geschah für die doch unzweifelhaft besten Söhne des 
Hamburger Vaterlandes von Staatswegen — so gut wie nichts. 

Und wie wurden sie erst von Privaten behandelt! Wie zeigte 
sich da der Hamburger Krämer in seinem brutalen Hochmute und in 
seiner scheusslichsten Filzigkeit! Junge Kaufleute rümpften, so erzählt 
uns der Bürgergardist in den erwähnten »Briefen«, spöttisch die Nase, 
als ein Fourier jenes Korps — ein Herr, der in Göttingen studiert 
hatte — in Uniform in den Alsterpavillon trat, um sich dort zu er- 
quicken. Er selbst, der Schreiber jener Briefe, wollte zu dem Prinzi- 
pal zurückkehren, in dessen Kontor er früher gearbeitet hatte ; aber 
dieser „konnte ihn nun nicht gebrauchen ;*' auch hielt er sich als ge- 
wissenhafter Geschäftsmann dazu verpflichtet, dem jungen Manne ,,für 
die sechs Wochen, da er während der Belagerung als Bürgergardist 
Wachtdienste thun musste, eine verhältnismässige Summe am 
Salär abzuziehen!'' (S. 37). Der Bürgergardist geht zu einem 
andern Prinzipal, welcher eine offene Stelle zu besetzen hat. Schon 
ist alles abgemacht, da lässt der Arme unbesonnener Weise die 
Bemerkung fallen, dass er „als Patriot seine Pflicht gethan habe." 
Dasselbe Lied: „Ja, wenn Sie Soldat gewesen sind, kann 
ich Sie nicht gebrauchen!" —und so geht es fort, bis der red- 
liche Vaterlandsverteidiger sich wieder der Kompagnie anschliesst, bei 
der er als Lieutenant gestanden, und von welcher, wie man mit 
Schmerzen liest, die meisten, „als Märtyrer ihres patriotischen Eifers^ 
ihre Vaterstadt verlassen müssen, um in fremde (wie aus dem 
Zusammenhange hervorgeht, holländische) Dienste zu treten. „Von 
dort aus", setzt der Schreiber bitter hinzu, „werde er alsdann vielleicht 



198 — 

gegangen. Wie sein grosser Freund Suchet zog er aus dem 
fremden Lande unbesiegt. 

schreiben, wie die besiegten französischen Truppen von 
ihren Landsleuten aufgenommen sind.** 

Noch einmal sind die Hanseaten gegen Napoleon und Davout 
ins Feld gezogen, im Jahre 1815, aber sie haben ^in Frankreich einen 
üblen Nachruhm hinter sich gelassen durch ihr Benehmen gegen die 
Besiegten- (Gallois, »Geschichte«, 1867, S. 542). 



Schlusswort. 

So bin ich zum Schlüsse gelangt meiner kleinen, wie- 
wohl nicht mühelosen Arbeit. Ihre Mängel im einzelnen 
werden dadurch noch erheblicher geworden sein, dass ich, 
durch besondere Umstände gedrängt, dieses Büchlein eiliger 
zum Abschlüsse bringen musste, als ich wünschte und ohne 
den Zwang der Verhältnisse gothan haben würde. Kein Werk 
des Genius habe ich geschaffen; auch nicht die schöne Auf- 
gabe erfüllen können, in leuchtenden Zügen das Gesamtbild 
eines Heldenlebens meinen Lesern vorzuführen. Das Bild 
dcFsen, über den ich geschrieben, haben seine burgundischen 
Landsleute in Auxerre an der Yonne aufgerichtet: Dort steht 
er, aus Bronze gegossen, der grosse Davout, die Brust mit 
dem Sterne der Ehrenlegion geschmückt, auf den Säbelknauf 
sejne Linke gestützt, in der Rechten das Fernrohr, das Auge 
mit sinnendem Blicke in die Weite gerichtet, als wolle er die 
Schlacht überschauen, die bald gewonnen sein wird. 

Erhaben wie jenes ist auch das Denkmal, welches dem 
Marschall von der Geschichte errichtet worden. Kein Teil 
habe ich an der Meisterschaft dieses grossartigen Bildes; denn, 
wie der Leser weiss, die lohnende Arbeit des Biographen ist 
mir versagt geblieben. Nur einige Flecken, mit denen rach- 
süchtige Krämer das Standbild des grossen Kriegers verun- 
glimpft — habe ich von demselben entfernen wollen. Sollte 
es mir gelungen sein, so bin ich für meine Mühe reichlich 
entschädigt. 



Nachtrag. 



Bei einer nochmaligen Durchsicht meines Aufsatzes bin 
ich zu der Überzeugung gelangt, dass ich meine Behauptungen 
in einem Punkte noch schärfer hätte motivieren können; ich 
beeile mich daher, hierüber nachträglich einiges anzufügen. 
Es betrifft die Notwendigkeit der Bankwegnahme. 

Man darf wohl sagen, dass die finanzielle Lage des Da- 
Toutschen Korps schwerlich so drückend geworden wäre, wenn 
die andern französischen Behörden auf die abnormen Ver- 
hältnisse in der 32. Division etwas mehr Rücksicht genommen 
hätten. Die grosse Kontribution war nach Dresden abgeliefert, 
der Minister des Schatzes (Graf MoUien) zog, trotz Davouts 
Einsprache, fortwährend die regulären Einkünfte der dor- 
tigen Gregend in seine Kassen (>Mem.«, Anl. 27 u. 28); er 
durfte wohl kaum anders handeln; aber es bleibt bei alledem 
Thatsache, dass, wäre hierin weniger nach dem Buchstaben 
des Gesetzes verfahren worden, der Marschall weit mehr 
flüssige Gelder in seinem Distrikte behalten hätte, deren er 
sich im Notfalle hätte bemächtigen können ! Bekanntlich war 
schon gegen Ende September die Geldnot derartig gestiegen, 
dass Davout am 2. Oktober alle öffentlichen Kassen in 
Hamburg wegnehmen musste. 

Die ohnehin schon sehr missliche Lage ward aber noch 
kritischer, als im weiteren Verlaufe des Peldzuges die meisten 
Gebietsteile der 32. Division nach und nach von den Feinden 
besetzt wurden (vcrgl. »M6m.«, Anl. 28), wodurch begreiflicher- 
weise die Einnahmen gänzlich wegfielen, so dass der Marschall 
mehr und mehr auf Hamburg beschränkt wurde, welches 
zuletzt seine einzige Hilfsquelle blieb. 

Den von Amsinck (»Materialien*, S. 56 vergl. meine 



- 19(1 

Anm. zu S. 114) geäusserten Gedanken, üavout hätte, anstatt 
die Bank zu beschlagnahmen, lieber von Privatpersonen 
zwangsweise Gelder eintreiben sollen, hat dieser selbst ernst- 
lieh erwogen; in seinem Briefe aus Ratzeburg vom 18. Ok- 
tober (»M6m.€, Anl. 28) äussert er sich darüber tblgender- 
massen: „llva resulter de sa mesure (dem W»rFahren 
Molliens!) que tout manquera h Ifambourg, et (| u e 
je seral dans la n6cessit6 de faire des actes de 
vioience, des arrestations, d'enlever rarg(»nt chez 
les particuliers, ete/' Kann man es ihm wohl im Ernste 
verübeln, dass er hiervon selber abgin«^? 

Zweimal auch (»Mem.*, Anl. 28 u. H2) betont Davout 
dem Grafen Chaban gegenüber, dass man versuchen müsse, 
das Deficit aus den ordentlichen und ausserordentlichen Kin- 
nahmen des H2. Militärbezirks zu decken ; es ist unmöglich ; 
er macht noch den Versuch bei der Kommerzkammer; als 
auch diese versagt, nimmt er endlich die Bank; es war 
das letzte, nicht leichtfertig herbeigeholte, sondern nach 
langem Zögern endlich ergriffene Mittel, zu dessen Benutzung 
selbst der äusserst vorsichtige und gewissenhafte Chaban 
geraten hatte, — buchstäblich die ultima ratio. 

Noch einen l*unkt möchte ich hier berühren. Es handelt 
sich wieder um Amsinck, den genauen Rechner und spitz- 
findigen Juristen. S. 57 hält derselbe dem Marschall vor, 
dass er auch den Sold aus dem Bankvermögen habe bezahlen 
lassen, während doch derselbe nach Napoleons Schreiben aus 
Dresden vom 17. Juni (»Memoire«, Anl. 13 und 14, Art. 1) 
aus dem kaiserlichen Schatze hätte beglichen werden sollen, 
und zur anderweitigen Zahlung des Kaisers ausdrücklicher 
Befehl erforderlich gewesen wäre. Dem Wortlaute nach ganz 
richtig; aber Davouts arlne Soldaten hätten, während der 
Belagerung, lange warten können, bevor sie den in völlig 
legaler Form ausgezahlton Sold bekommen hätten. — Fiat 
justitia, pereat mundüs ! 




Seite 

Vorwort 3 

EinleituDg 8 

Erstes Kapitel: Hamburgs Erhebung 35 

Zweites Kapitel: Des Kaisers Rache 52 

Drittes Kapitel: Die Befestiguog und Verproviantierung von Ham- 
burg und Harburg. Kontributionen und Requisitionen . 77 
Viertes Kapitel: Die Beschlagnahme der Hamburger Bank . . 108 
Fünftes Kapitel: Die Niederlegung der Vorstädte und die Aus- 
treibung der Einwohner 121 

Sechstes Kapitel: Die Verteidigung der Festung .... 155 

Siebentes Kapitel: Das Ende der Belagerung .... 173 

Schlnsswort 194; 

Nachtrag 195 



( 



i i 



Berichtigungen. 



. statt Milit&rscbrinstetler— HitltärschrlftsteUer. 
. aiatt einer richtigen Wordigung— einer richtigeren 



S. 28 Anm. Z. 4 v 

S. 99 Anm. Z. 4 v 
Tflrdigong. 

S. 30 Anm. Z, 1 v. o. statt Savary— SaTigny. 

S. 40 Aiim, Z. 10 V. u, statt F. Georg Buik-F. fiecrg Buefc. 

S. i5 Anm, 2 Z, 5 v. o. statt g, 32,1-S. 32. 

S. 46 Z. 17 V. 0. statt Häaser - Hänsser. 

S. 58 Anm. Z. 3 v, o. statt de rarui*« qui mange— de Varmee oft l'on 
mange. 

S. 61 Z. 7 V. o. statt teurs bien— leurs biens. 

S. 62 Z. 15 V. o. alatt rexecntion-i'execatlon. 

S, 64 Anm- 1 Z, 1 v, o. statt .Kachricblen' No 87— -Nachrichten' No 85. 

S. 68 Z. 7 V. o. statt eaconseqaence— en consequence- 

S. 79 Z. 10 V. o. statt okkupiert werden soUten— okkupiert werden sollen. 

S. 81 Z. 15 V. o. statt Belege der Aktenstflcke— Belege oder Aktenstücke. 

S, 83 Z. 6 V. u. statt Drobung— eine Drohong. 

S 89 Anm. Z. 4 v u statt Catfamaohereihe -Caffamacherreihe. 

S, 94 Z. 1 V. o. statt verordneter Massregeln— verordnete Massregeln. 

S. 109 Z. 17 y, o. statt eroire-croire. 

S. 113 Z. 5 V. u. statt 4ie Gefängnisse bitten- die Gelängnisse litten. 

S. 1^9 Z. 14 V. 0, statt oder die Nationalgarde -und die Nationalgarde. 

S. l.?J Z. la— 14 V. o. statt mit begreiflicherweise Ansnabme- begreif- 
licherweise mit Aasuahme 

S. 136 Anm. Z. 1 v^ u. statt ebenfalls ancb— ebenfalls, nach. 

S. 143 Anm. 2 Z, 7-8 v, u. statt No. 25, S. 9B-8o. 25, S. 198. 

S. 156 Z. II V. o. statt Hamburg nnd Hamburg— Hamburg und Harburg. 

S. 164 Anm. Z. 3 v. u. statt 1S13 und 1815—1813 Qud 1814. 

S. 168 Anm, z. 8 v. o, die Worte wahrscheinlich derjenige, dessen Ver- 
gehen LQntzmann nicht kannte zu streiciien. 

S. 169 Anm. Z. 6 v, o. statt leonhard— Leonhardt. 

S. 170 Z, 3 V. u, statt du sftrete— de sftrete. 

S. 171 Z. 4 V. o. statt aas dem Grnnde-auch aus dem Grunde. 

S. 173 Anm. Z. 3 v. u. statt nuzeitgemäsen -unzejtgemässen. 

S. 176 Anm. 1 Z. 2 v. o. hinter deu Worten Der Verfasser einzuschal- 
ten: der damalige Major nnd spätere General C. von Wedell. 

S. I&4 ÄTim. I Z. 4 V. o. statt Gerard— Gerard. 

S. 186 Z. 4 V. u. statt handeln-erhandeln. 

S. 189 Anm. Z. 1 v. ii. statt Köslin- Küstliu. 



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S. 192 Z. 2 V 



. statt Savarj— Savigny. 



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